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Hölderlins Leiden im Lichte des Ramadan

Ausgabe 311

Foto: Zeno.org, via Wikimedia Commons | Lizenz: public domain

(iz). Jeder Mensch fühlt sich durch andere Verhaltensweisen verletzt. Aufgrund der eigenen Kindheit und Vergangenheit empfindet jeder eine unterschiedliche als verletzend. Was letztlich immer dahinter steckt, ist das Gefühl mangelnder Wertschätzung. Wir leben im 21. Jahrhundert – einem Jahrhundert, das, was den europäischen Teil betrifft, nun allmählich beginnt, Verletzungen der Psyche als solche immer mehr in den Fokus zu rücken.

Abu Zayd Al-Balkhi schrieb im 9. Jahrhundert ein Werk über die Heilung der Psyche. Die gesamte Literatur der Sufi behandelt auf ihre eigene Art und Weise Themen rund um die Gesundheit des Herzens, des Gemüts.

In der deutschen Geschichte gibt es manchen Dichter, der dem Wahnsinn erlag und isoliert von anderen Menschen werden musste. Der Dichter Hölderlin ist einer von ihnen. Er verbrachte mehr als die Hälfte seines Lebens im nach ihm benannten Turm in Tübingen: dem Hölderlin-Turm. Sein einziger Roman, der „Hyperion“, behandelt auch das Thema des Unver­standenseins. Er fühlte sich zeit seines Lebens unverstanden: „So kam ich unter die Deutschen. Ich forderte nicht viel und war gefasst, noch weniger zu finden.“ Ein scharfes Urteil über die Menschen der Nation, der er selbst angehört. Warum fühlte er sich unverstanden und wieso kann ich mich so gut in ihn hineinversetzen?

Es gab viele Situationen, in denen ich anderen von der Größe Goethes und Schillers erzählte – sie fragten mich, was es nütze, über sie zu sprechen. Ich sprach über außergewöhnliche Leistungen der Osmanen und hörte: Waren sie keine Unmenschen? Ich erzählte von den Griechen, von Aristoteles und Platon, von griechischer Mythologie und hörte: Ist das alles nicht schon solange her? Ich sprach über die Abbasiden und wie sie die Werke der Griechen übersetzten, über Seneca und seine tiefgreifenden Weisheiten, Dante und Moliére, einem Italiener und Franzosen… ich sprach von Al-Andalus, doch oftmals hörte ich dasselbe: Du bist und bleibst ein Romantiker… was heißt es ein Romantiker zu sein? Wenn Romantik bedeutet, sich auf die Größe ­vergangener Zeit zu besinnen, sich ihrer zu erinnern und das Feuer im eigenen Herzen lodern zu lassen, dann ist es eine Sünde kein Romantiker zu sein.

All das habe ich mit Hölderlin gemein. Hölderlin schreibt im Hyperion: „Sprach ich einmal auch vom alten Griechenland ein warmes Wort, so gähnten sie, und meinten, man hätte doch auch zu leben in der jetzigen Zeit; und es wäre der gute Geschmack noch immer nicht verloren gegangen, fiel ein anderer bedeutend ein. Dies zeigte sich dann auch. Der eine witzelte, wie ein Bootsknecht, der andere blies die Backen auf und predigte Sentenzen.“ Mit Menschen zu leben, die keinen Sinn für menschliche Größe haben, ist eine Qual. Das Feuer der eigenen Seele so vom Sand angreifen zu lassen, ermordet die Freude am Dasein. Dazu sagt Hölderlin: „Ein Volk, wo Geist und Größe keinen Geist und Größe mehr erzeugt, hat nichts mehr gemein, mit andern, die noch Menschen sind, hat keine Rechte mehr…“ 

Hölderlin fühlte sich unverstanden. Binsenweisheiten ließen ihn abstumpfen. Das war sein Schicksal. Jeder Mensch, der um sich nicht zumindest einige wenige versammeln kann, und mit ihnen von vergangener Größe sprechen kann, wird durch solche Gesellschaft leiden. Menschen, die beständig mit Binsenweisheiten kommen – Klischeewissen, wie es Necip Fazil Kisakürek nennt – das sind, so Hölderlin, die Unheilbaren. Über diese Unheilbaren schrieb er das folgende Gedicht:

Eil, o zaudernde Zeit, sie ans Ungereimte zu führen,
Anders belehrest du sie nie, wie verständig sie sind.

Eile, verderbe sie ganz, und führ ans ­furchtbare Nichts sie,
Anders glauben sie dir nie, wie verdorben sie sind.

Diese Toren bekehren sich nie, wenn ihnen nicht schwindelt,
Diese… sich nie, wenn sie Verwesung nicht sehn.

Anders als durch Niederlagen, als durch Schicksalsschläge begreifen diese Menschen nicht, was Schönheit und Wahrheit bedeutet. Ihr Herz ist so abgestumpft, das nur  harte Schicksalsschläge es reanimieren können. So sprach auch der größte Poet der Weltgeschichte: Mewlana Dschelaleddin Rumi: „Härte reinigt die Niederträchtigen; wenn sie freundlich behandelt werden, werden sie hartherzig.“ ( Masnevi, Band 3, Vers 2983)

Es gibt Menschen, die hören von Geschichten des Propheten. Sie hören die Anekdoten der Gefährten, der Gelehrten sowie der Aulija (Freunde Allahs) und sie weinen. Warum? Weil ihre Herzen wach sind. Ihre Herzen sind gesund. Mit solchen Menschen zusammenzuleben, die ein solch achtsames Gemüt besitzen, das ist das größte Geschenk auf Erden. Abu Hanifa, der Vater der muslimischen Rechtswissenschaft, sagte: „Anekdoten, die von den Schönheiten der Gelehrten erzählen, sind mir lieber als die meisten Angelegenheiten des Rechts (arab. Fiqh), denn diese Anekdoten können uns den Anstand und Charakter der Gelehrten lehren.“ Folgenden Qur’anvers führte Abu Hanifa als Beweis an: „Das sind diejenigen, die Allah rechtgeleitet hat. So folge ihrem Weg und richte dich nach ihrem Vorbild!“ (Al-An’am, Sure 6, 90)

Wir befinden uns im Moat Ramadan. In einem Monat, in dem wir unter Beweis stellen, dass wir von der Wesensart her über den ­Tieren stehen. Während sie lediglich essen, schlafen, trinken und sexuell aktiv sind, ­besitzen wir die Fähigkeit, nein zu sagen. Nein zum Essen, nein zum Trinken, nein zur Sexualität. Wir stellen unter Beweis, dass etwas in uns ist, das erhaben ist über die irdischen Fesseln der Körperlichkeit. Gleichzeitig leben wir in einem Land, das uns in den letzten ­Jahren immer wieder als „krank“ bezeichnet hat, weil wir fasten. „Ja, auch auf Wasser verzichten wir.“

„Ich könnte das nicht“, kommt es überall in ganz Deutschland zurück. Ja, deshalb bist du halt kein Muslim, keine Muslimin. Wir ­werden als krank bezeichnet, weil wir die Menschlichkeit in uns ausbilden wollen, von einer Gesellschaft, die sich angeblich auf den Humanismus beruft.

Wie sagte Dante Alighieri: „Bedenke deine Herkunft: du wurdest nicht erschaffen, um wie Vieh zu leben, sondern um nach Tugend und nach Wissen zu streben.“ Und ähnlich sprach Shakespeare: „Was ist der Mensch, wenn seiner Zeit Gewinn, sein höchstes Gut nur Schlaf und Essen ist? Ein Vieh, nichts weiter.“

In diesem Monat bändigen wir das Animalische, den Egoismus in uns Menschen. Wir erklären dem Konsum den Krieg, um das Menschliche, das Humane in uns zur Geltung zu bringen. Und alle, die wir fasten, spüren es, dass wir feinfühliger und sensibler werden, mitfühlender werden. Plötzlich bewirken die Anekdoten und die Erzählungen von vergangener Größe etwas in uns. Unser Herz wird gerührt, wenn es nicht abgestumpft ist vom Konsum. In diesem Zustand miteinander zu sprechen und einander vom feinfühligen und herzlichen Verhalten der Menschen von früher zu erzählen, das ist gut. Ja, Hölderlin sagt es uns:

gut
Ist ein Gespräch und zu sagen
Des Herzens Meinung, zu hören viel
Von Tagen der Lieb,
Und Taten, welche geschehen.

Solch ein „Andenken“ ist ein erhebendes ­Andenken. Was nützt es beständig über die schrecklichen Geschehnisse dieser Zeit zu sprechen, wenn sie uns unberührt und kalt lassen, wenn sie uns nicht anspornen uns als Menschen auszubilden und herzlicher zu ­werden, ja sogar im Gegenteil: wenn sie uns vergessen machen, warum wir erschaffen ­wurden… 

In diesem Monat fühlen wir in Deutschland, was Hölderlin fühlte: „So kam ich unter die Deutschen. Ich forderte nicht viel und war gefasst, noch weniger zu finden.“ Wir werden uns anhören, dass es krank sei zu fasten, krank sei, bis zum Abend nichts zu trinken, doch wir werden es weniger hören, da wir aufgrund der Kontaktbeschränkungen weniger Kontakte sehen werden. Was wir nun auch sehen und hören werden, trösten wir uns damit, dass auch er darunter litt, nicht verstanden zu werden. Es hat sich seither, was das Verständnis des Befremdlichen angeht, in Deutschland nicht viel verändert. Hölderlin sprach aus, wer von der Mehrheitsgesellschaft geehrt wird und wer eben nicht:

Ach! Der Menge gefällt, was auf dem ­Marktplatz taugt,
Und es ehret der Knecht nur den ­Gewaltsamen;

An das Göttliche glauben
Die allein, die es selber sind.

Ihn hätte ich so gerne gekannt und mit ihm über vergangene Größe gesprochen, gesprochen über große, bedeutende Gegenstände, um die eigene Seele zu erheben und menschlicher zu werden. Er ist jemand, der mich und den ich, verstanden hätte. Sein Leiden fühle ich heute noch.

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