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„Ihr müsst kein Kopftuch tragen“: eine kritische Rezension

Foto: motortion, Adobe Stock

„Ihr müsst kein Kopftuch tragen: Aufklären statt Verschleiern“, lautet der zunächst vielversprechende Titel der 2018 im Claudius-Verlag erschienenen Streitschrift von Abdel-Hakim Ourghi, der seit 2011 den Fachbereich „Islamische Theologie und Religionspädagogik“ an der Pädagogischen Hochschule Freiburg leitet und dem interessierten Laienpublikum möglicherweise vom medienwirksamen Anbringen seiner „40 Thesen zur Islamreform“ an einer Berliner Moscheetür im Herbst 2017 bekannt ist. Von Karoline Roscher

(iz). Der Fokus von Abdel-Hakim Ourghis Debattenbuch, welches sich in die unzähligen Beiträge zur Kopftuchdiskussion einreiht, liegt vor allem auf seiner Analyse patriarchaler Strukturen innerhalb der muslimischen Gemeinden im Westen. Ourghis erklärtes Ziel ist es, die Annahme, das muslimische Kopftuch sei koranisches, religiöses Gebot, zu widerlegen und das Tuch als „politisch-kulturelles Symbol“ und historisches Konstrukt zur Disziplinierung von Frauen und Mädchen zu zeigen (S.92). Wie der Autor ausführt, dient das Kopftuch nämlich ausschließlich zum Machterhalt der „männlichen Herrschaft“ (S. 26), zu deren Legitimation sich die männlichen Mitglieder der muslimischen Gemeinden, vor allem die „Importimame“ und Vertreter der islamischen Dachverbände (in denen der Autor die Manifestierung des „politischen Islam“ sieht) auf die kanonischen, islamischen Quellen stützten (vergl. S. 38).

Laut dem Autor verhindert diese männliche Obrigkeit mit einer „schwarz-weißen Pädagogik“ und einem Strafkatalog aus „Gut und Böse – Halal und Haram“ jede individuelle Entwicklung und Selbstverwirklichung besonders der muslimischen Mädchen. Das Kopftuch sei Mittel der Reglementierung und Sexualisierung der Mädchen- und Frauenkörper in einem komplexen und wirkungsvollen System aus Abgrenzung nach Außen, Überwachung, Scham- und Schuldgefühlen, Erpressung und schließlich Sanktionen, wie Isolation innerhalb der Familie, öffentliche Denunziation und als letztes Mittel, das Verbringen des Mädchens, welches das Kopftuch immer noch verweigert, in das Heimatland der Eltern.

Da diese „symbolische Gewalt“ von den Betroffenen nicht als Gewalt aufgefasst würde und den Frauen lebenslanges „seelisches Leid“ zufüge (vergl. S. 80), kann für den Autor ausgeschlossen werden, dass das Kopftuch freiwillig getragen wird, auch wenn aus Angst von Musliminnen das Gegenteil beteuert würde.

Den Weg aus der von ihm unterstellten Unvereinbarkeit des „konservativen“ Islams mit einem rationalen Denken sieht er in der Befreiung der muslimischen Frauen aus der selbstgewählten Unterdrückung (vergl. S. 136) – in der „Sorge um sich selbst“ als individuelle Reflektion der eigenen Person im Verhältnis zu ihrer Umwelt (vergl. „6. Die Sorge um sich selbst“, S. 112 und folgende), die im islamischen Diskurs bisher keine Beachtung gefunden hätte und laut Ourghi im Widerspruch zum Tragen eines Kopftuches stehe.

Der Autor fordert die muslimischen Frauen zur Rebellion gegen die männliche Herrschaft auf und sieht in einem freien, selbstbestimmten Leben, das für ihn nur zum Ablegen des Kopftuches führen kann, eine „ethische Verantwortung“, der sich die Musliminnen nicht entziehen dürften (S. 135 u. 136). Damit belädt der Autor selbst das Kopftuch beziehungsweise das unverhüllte Frauenhaar mit einer politischen und moralischen Verantwortung auf; eine Zuschreibung, die er zuvor bei den muslimischen Gemeinschaften zurecht kritisiert.

„Ihr müsst kein Kopftuch tragen“ – eine wohlwollende Aufforderung, eine Ermutigung zu einem selbstbestimmten Leben und freier Kleiderwahl, könnte man meinen. Doch er möchte „aufklären statt verschleiern“ und setzt das Kopftuch auf die Anklagebank. Sein Urteil über die kopftuchtragenden Frauen fällt er, ohne sie gleichberechtigt anzuhören oder ihnen eine eigene Meinung zu zugestehen

Als „Liebeserklärung“ (S. 17) möchte er seine Kritik verstanden wissen. Und doch wirken seine Worte – entgegen seiner Beteuerung, es gehe nicht um „private Animositäten“ (S.17) – zuweilen eher wie eine Abrechnung. Wie eine Abrechnung mit den Islamverbänden in Deutschland zum Beispiel, denen er einen Islamisierungsauftrag (vgl. S. 13) im Namen ausländischer Regierungen unterstellt und zu dem Integrationshindernis der hierlebenden Muslime erklärt, mit den kopftuchtragenden Frauen, die er als Helferinnen im Unterdrückungssystem stigmatisiert und nicht zuletzt mit den „Linksliberalen“, Feminist*innen und Politiker*innen, die in ihrem Bedürfnis, kopftuchtragende Musliminnen und das Kopftuch als religiöse Selbstverständlichkeit in Schutz zu nehmen, jede Islamreform verhinderten (vgl. S. 101).

Abdel-Hakim Ourghi fordert zurecht eine Aufklärung verkrusteter, patriarchaler Strukturen, die für muslimische Mädchen und Frauen wenig Spielraum zur freien Entfaltung bieten. Nur durch selbstkritische Überprüfung und Reflektion von Glaubenssätzen und Rollenbildern können muslimische Frauen – und ich sage, auch muslimische Männer – zu einer individuellen, selbstbestimmten und von Obrigkeiten emanzipierten, religiösen und persönlichen Identität finden.

Nur durch sachliche und fundierte Untersuchung islamisch begründeter Machtstrukturen können Missstände und Unrecht aufgedeckt werden. Doch der Autor wird seinem eigenen Anspruch an eine sachliche, kritische Analyse, ohne „abwertende oder polemische Absichten“ (S. 20) zu verfolgen, wenig gerecht. Er erhebt die „wissenschaftliche und objektive Redlichkeit“ zum „höchsten Gut“ der „deutschen Kultur“ (vgl. S. 17) und bleibt selbst bei seiner Darstellung der Machtstrukturen in den muslimischen Gemeinden pauschalisierend und unkonkret. Statt seine Schlüsse argumentativ mit Fakten, beispielsweise mit empirischen, wissenschaftlichen Studien zu belegen, operiert er mit scheinbar willkürlich ausgewählten Fallbeispielen, die er passend zur Unterstützung seiner Annahmen anbringt, ohne Rahmen oder Umstände dieser Äußerungen von betroffenen Mädchen und Frauen für die Leser*innen transparent darzustellen.

Fraglich bleibt auch, inwieweit die Verweise des Autors auf das Unrecht im Iran oder Saudi-Arabien für die freie Entscheidung für oder gegen ein Kopftuch in Deutschland Relevanz besitzt. Und ebenso bleibt es den Leser*innen selbst überlassen, eine Verbindung zwischen der aktuellen Situation in Deutschland und dem blutigen Bürgerkrieg der 1990er Jahre in Algerien herzustellen, dessen Gräueltaten der Autor eindrucksvoll schildert. Möchte er damit die Vertreter der muslimischen Gemeinden mit gewaltbereiten, mordenden Islamisten gleichsetzen? Vermutlich sollen mit der Beschreibung des tragischen Schicksals der ermordeten 17jährigen Algerierin Katia Bengana, die sich geweigert hat, das Kopftuch zu tragen und zum Symbol für Freiheit geworden ist (vgl. S. 31), eher Emotionen angesprochen und eine negative Konnotation mit dem Kopftuch geschaffen werden, zumal sich Ourghi auch nicht vor blumigen und wenig sachlichen Adjektiven und Beschreibungen scheut: Die zehnjährige Mariam aus seinem ersten Fallbeispiel wird beispielsweise als „bildhübsches Mädchen mit lockigem Haar und einem unschuldigen, kindlichen Lächeln“ (S. 7) geschildert und an anderer Stelle ist „die Macht des sozialen Drucks“ für den Autor „einfach unbeschreiblich“ (S.29). „Der politische Islam“ setze seine Interessen „skrupellos“ und „ohne Gewissen“ durch (S. 71). Subjektives Empfinden und Unterstellungen werden zu Fakten erhoben, lassen die Analysen des Autors emotional, statt sachlich objektiv wirken. Schlagworte wie „Scharia“, „konservativ“, „politischer Islam“ oder „männliche Macht“ werden nicht näher definiert, bleiben schwammige Konstrukte, die der Autor zur Abgrenzung seines „liberalen Reformislam“ vom „herkömmlichen“ Islam benutzt. Zusammen mit vielen wörtlichen Wiederholungen und Wiederaufnahmen derselben Argumente und Thesen in den verschiedenen Kapiteln und Abschnitten entsteht eher der Eindruck einer persönlichen Meinungsäußerung denn eines wissenschaftlichen, analytischen Textes.

So erhebt sich der Autor zum Fürsprecher, zum Retter der muslimischen Frauen, ganz wie er es doch den Vertretern der männlichen Herrschaft vorwirft. Er entmündigt kopftuchtragende Frauen, indem er sie als Opfer von Gehirnwäsche durch die muslimischen Vertreter und des eigenständigen Denkens nicht fähig präsentiert oder ihnen pauschal unterstellt, als Täterinnen in einem perfiden System der Unterdrückung bei der Unterwerfung und Qual der eigenen Töchter eine Hauptrolle zu spielen. Er pathologisiert sie, diagnostiziert ihnen in psychologischer Laienmanier ein „Stockholm-Syndrom“ (S. 107) oder – wie er sich vor allem in Bezug auf die Konvertitinnen sicher ist, die er kreativ als „Neomusliminnen“ bezeichnet, um ihre Sonderstellung unter den Musliminnen zu verdeutlichen – von der Angst getrieben zu sein, nur durch das Kopftuch Teil der Gemeinschaft und zu echten Musliminnen zu werden (vgl. S. 9 und 10). So können sie ja nur lügen, wenn sie vom Kopftuch als ihre freie Entscheidung sprechen – ein Totschlag-Argument, was jeden weiteren Dialog mit kopftuchtragenden Musliminnen überflüssig macht.

Für Abdel-Hakim Ourghi scheint es nur Schwarz-Weiß zu geben: entweder unterdrückt, unmündig, nicht im Reinen mit sich selbst und der Umgebung – mit Kopftuch, oder aber modern, frei, selbstbestimmt – ohne Kopftuch. Einen Mittelweg oder eine Realität abseits dieser zwei Gegensätze scheint der liberale Islam seiner Prägung nicht vorzusehen. Doch immerhin gesteht auch er ein, dass das Kopftuch auch „feministisches Zeichen“ (S. 105) sein kann, wenn die Möglichkeit gegeben ist, es frei und ohne die Gefahr der sozialen Ausgrenzung abzulegen. Doch so kann auch das Ablegen des Tuches im Umkehrschluss nur dann eine freie Entscheidung sein, wenn auch das Tragen eines Kopftuches unbewertet durch die nichtmuslimische Mehrheitsgesellschaft und ohne negative soziale und berufliche Konsequenzen bleibt.

Mit seiner Feststellung „Ihr müsst kein Kopftuch tragen“ wendet er sich nur scheinbar an die kopftuchtragenden muslimischen Frauen, die sich in seinem Meinungsbuch wahrscheinlich eher angeprangert, bloßgestellt und bevormundet sehen, statt zu einem selbstbestimmten Leben ermutigt. Entgegen der angekündigten sachlichen Aufklärung stellt auch dieses Buch vor allem einen weiteren Beitrag zur leidigen Kopftuchdebatte dar, die ohne die betreffenden Frauen geführt wird, und dürfte eher jene Argumente liefern, die dem Kopftuch aufgrund persönlicher oder politischer Ressentiments ohnehin ablehnend entgegenstehen.

Ich stimme ihm insofern zu, dass muslimische Frauen durch Selbstreflektion und kritisches Hinterfragen neue, eigene, vom Männerdiktat befreite Zugänge zu ihrer Religion finden können und dafür ein freies Umfeld geschaffen werden muss. Dabei ist aber ohne Zweifel auch die nichtmuslimische Mehrheitsgesellschaft gefragt, indem sie die freie Teilhabe unabhängig von Äußerlichkeiten ermöglicht. Muslim*innen sind gefordert, ihre Lebensrealitäten und ihr eigenes Wirken zu überprüfen und an der auf Gleichberechtigung und rationales Denken bedachten Offenbarung und am Handeln Muhammads zu messen, was im historischen Kontext betrachtet durchaus als feministisch und fortschrittlich beschrieben werden kann.

Doch inwiefern ein Kopftuch per se an einem emanzipierten Leben hindert, kann der Autor nicht überzeugend darlegen, besonders mit Blick auf eine junge Generation muslimischer Frauen, die sich frei für das Kopftuch entscheiden und die im selbstgewählten Tuch keinen Widerspruch zu einer feministischen Haltung sehen.

Eine Befreiung kann nicht durch ein von außen diktiertes, „ethisches Programm“, wie Ourghi es sich vorstellen mag, erfolgen. Muslimische Frauen benötigen keine Anwält*innen und auch keine sogenannten Feminist*innen, die ihre feministische Daseinsberechtigung augenscheinlich aus ihrem persönlichen Kampf gegen das Kopftuch ziehen und dabei in Kauf nehmen, dass auch sie ihr eigens Frauenbild zur einzigen Wahrheit erheben.

Völlig außer Acht bleibt auch, dass die eindeutige Mehrheit der muslimischen Frauen in Deutschland (nämlich 72%) gar kein Kopftuch trägt, wie eine 2009 veröffentlichte Studie des BAMF zeigt. (Quelle: www.mediendienst-integration.de/gruppen/islam-und-muslime.html). Doch Zahlen spielen in seinem Buch überhaupt keine Rolle. Hier wird der Eindruck erzeugt, dass nahezu jedes muslimische Mädchen ein Kopftuch trage, und zwar ausschließlich unter Zwang – ein düsteres Bild, das wohl einer empirischen Überprüfung nicht standhält.

Ein Miteinander auf Augenhöhe funktioniert nur durch gleichberechtigten Dialog, bei dem Gegenüber eigene Perspektiven zugestanden werden. Wenn eine muslimische Frau in einem Prozess der Selbstreflexion für sich zu dem Schluss kommt, dass das Kopftuch ihrer Selbstbestimmung eben nicht im Wege steht, darf ihr das nicht schulmeisterlich abgesprochen werden.

Befreiung kann nicht aufoktroyiert werden, kopftuchtragende, muslimische Frauen sind keine Objekte für ein eigenes Reformprojekt, denen man ungefragt Expertisen über ihr Leben und ihre Kleiderwahl erstellen muss. Das Ablegen des Kopftuches bedeutet nicht automatisch ein Leben in Freiheit, patriarchale Strukturen hängen nicht an einem Stück Stoff oder einer Religion, wie der Blick in die Welt oder auch vor die eigene Haustür erkennen ließe, würden die selbsternannten Befreier*innen nicht auf dem Frauenhaar als Maßstab für Freiheit beharren.