Jenseits des Brexit – Eine aufstrebende Gemeinschaft

Ausgabe 264

Foto: Khalil Mitchell

(iz). Die Beziehung des Vereinigten Königreiches zum Islam ist eine faszinierende wie auch komplexe. Ihre Wurzeln reichen bis ins 8. Jahrhundert. Ein frühes Beispiel für den anglo-islamischen Kontakt ist die Entscheidung des angelsächsischen Königs Offa, Herrscher im Königreich Mercia, eine Goldmünze mit arabischer Inschrift zu prägen. Ein möglicher Grund dafür war die Förderung des Handels zwischen Mercia und dem wachsenden Kalifat von Cordoba. Es finden sich auch Bezüge zu bekannten Gelehrten wie Ar-Razi, Ibn Sina und Ibn Ruschd im Vorwort von Geoffrey Chaucers „Canterbury Tales“ (1386), einem wichtigen Werk der mittelalterlichen englischen Literatur.
Der erste dokumentierte Konvertit war John Nelson, der den Islam im 16. Jahrhundert annahm. Die Exkommunikation von Königin Elisabeth I. durch Papst Pius V. 157 erlaubte es ihr, außerhalb des päpstlichen Verbotes den Handel mit Muslimen zu erlauben. Die Königin schickte Diplomaten und Händler in verschiedene muslimische Gebiete; darunter das Osmanische Reich, die Dynastie der marokkanischen Saaditen sowie die persischen Gebiete.
Auch die Bildungsinstitutionen erfuhren allmählich einen  – zunächst linguistischen – Wandel. 1636 wurde an der Universität Oxford der Laudian-Lehrstuhl für Arabisch geschaffen. Seine Inhaber waren verpflichtet, während der vorlesungsfreien Stunden und der Fastenzeit Vorlesungen in arabischer Grammatik und Literatur zu halten. In dieser Zeit kam es auch zu einigen nennenswerten Übertritten in der englischen Oberschicht. Ein Beispiel dafür war Edward Montagu, Sohn des britischen Botschafters in der Türkei. 1649 vollendete der Schotte Alexander Ross seine Übersetzung der Bedeutungen des Qur’an, die erste ihrer Art in Englisch. Da er kein Arabisch sprach, verließ er sich auf Du Ryers „L’Alcoran de Mahomet“.
Das stetige Wachstum des britischen Imperiums führte  alsdann unausweichlich zur vermehrten Einwanderung von Muslimen. 1869 kam es zu einer nennenswerten Ansiedlungswelle nach Eröffnung des Suezkanals. Steigender Handel brachte jemenitische und somalische Seeleute und Arbeiter in die boomenden Häfen Cardiff, Liverpool und London.
Zu den bekanntesten einheimischen Muslimen dieser Zeit gehört William Henry Quilliam, der 1869 in Marokko Muslim wurde. Nach seiner Heimkehr lud er unter dem Namen Abdullah Quilliam zum Islam ein. Im Jahre 1889 gründete Quilliam das Liverpool Muslim Institute. Es war die erste Moschee des Landes und beinhaltete später ein Waisenhaus, eine Oberschule, Madrassa, Hotel, Museum und Bibliothek. Seinem Beispiel folgten mindestens 150 Zeitgenossen. 1894 wurde er vom osmanischen Sultan und Kalifen Abdulhamid II. zum ersten Scheikh Al-Islam der Britischen Inseln ernannt. Der erste und einzige Brite, der diesen Titel trug.
1889 wurde in Woking mit der Schah Jahan-Moschee das erste Gebäude seiner Art errichtet. Die erste in London, die Fazl-Moschee, wurde 1924 gebaut.
In den 1950er Jahren kamen viele Muslime aus dem indischen Subkontinent nach Großbritannien. Die meisten wurden durch den akuten Arbeitskräftemangel der Nachkriegszeit angezogen. Viele siedelten sich in Gebieten an, wo die Schwer- und Textilindustrie die Hauptquelle für Arbeit bot. Die größten Gemeinschaften entstanden in London, dem westlichen Mittelengland, dem Nordwesten sowie kleineren Gruppen in Schottland und Wales.
Heute leitet sich die Mehrheit der muslimischen Gemeinschaft von diesen Einwanderern ab. Zwei Drittel aller britischen Muslime sind asiatischer Herkunft. Von den etwas weniger als drei Millionen, die gegenwärtig im Vereinigten Königreich leben, wurde ca. die Hälfte im Land geboren, 39 Prozent kamen in Asien und dem Nahen Osten zur Welt. Rund zwei Drittel betrachten sich selbst als „britisch“. Von denjenigen, die im Ausland geboren wurden, kommt die Mehrheit aus Pakistan.
Laut der letzten Volkszählung (2011) machen Muslime 4,8 Prozent der Bevölkerung in England und Wales aus. Zwischen 2001 und 2011 stieg sie von 1,55 Millionen Menschen auf 2,71 Millionen an. Es wird geschätzt, dass sich ihre Zahl bis zur nächsten Volkszählung 2021 verdoppeln soll. Die muslimische Bevölkerung ist vielfältig: Während 68 Prozent (1,83 Millionen) „Asiaten“ sind, also einen Hintergrund im indischen Subkontinent haben, sind acht Prozent „Weiße“. Die jüngste unter den einflussreichen muslimischen Gemeinschaften ist die der Somalier. Von ihnen leben derzeit 100.000 im Lande. Das macht sie zur größten Flüchtlingsgemeinschaft.
In demografischer Hinsicht sind die Muslime eine relative junge Gemeinschaft. 33 Prozent waren 2011 15 Jahre alt oder jünger. In der Gesamtbevölkerung waren dies nur 19 Prozent. Ihr Anteil an den Senioren macht nur ein Viertel der Vergleichsgruppe aus. 76 Prozent der Muslime leben in oder nahe der größten Ballungsgebiete – Groß-London, West Midlands, dem Nordwesten und Humberside. Rund 40 Prozent wohnen in der britischen Hauptstadt.
Die aktuellsten Forschungen legen den Schluss nahe, dass sich die Mehrheit der Muslime in der Gesellschaft integrieren will. Und das, obwohl sie durchschnittlich höhere Raten von Arbeitslosigkeit und mangelnde Bildungserfolge zu ­verzeichnen haben. Anzumerken ist hier, dass sie sozial keine homogene Gruppe sind. Ihre Leistungsniveaus weichen teils erheblich ab. So gehören Muslime mit indischer Herkunft zu den Erfolgreichsten im Bildungsbereich. Sie sind im Durchschnitt erfolgreicher als Bürger ­pakistanischer, bangladeschischer und englischer Herkunft. Auch zwischen den Geschlechtern bestehen Unterschiede: Heute sind die Frauen erfolgreicher als Männer in Sachen Bildungserfolg. 25 Prozent aller britischen Musliminnen zwischen 21-24 Jahren haben einen höheren Bildungsabschluss.
Seit Beginn der Anwesenheit von Muslimen auf den Britischen Inseln spielen die Moscheen eine wichtige Rolle. Allerdings bleiben die meisten dieser Einrichtungen bis heute auf die Länder fokussiert, aus denen ihre Gründungsgenerationen ausgewandert sind. Dazu gehören Bangladesch, Somalia, die Türkei etc. Trotz dieser Altlast bieten Moscheen, insbesondere in den städtischen Räumen, in zunehmendem Maße Platz für vielfältige Gemeinschaften. Häufig werden die Freitagsansprachen auf Englisch gehalten.
Derzeit gibt es eine geschätzte Zahl von 1.750 Moscheen im Vereinigten Königreich. Die Mehrzahl bietet ein Mindestmaß an Aktivitäten und Dienstleistungen. Dazu gehören: die Etablierung der täglichen Pflichtgebete, die Freitags- und Feiertagsgebete, Bestattungen und Totengebete, Religionsunterricht für Mitglieder und Besucher sowie Klassen für Kinder in den Fächern Qur’an, Fiqh, Aqida und Sprachen. In größeren Gemeinschaften werden auch noch weitere Angebote gemacht: Dienstleistungen für heiratswillige Muslime, Eheberatung sowie Beschneidung für männliche Säuglinge.
Auch in Großbritannien gibt es die Tendenz, dass Gemeinschaften männlich dominiert sind. Wenn überhaupt, gibt es nur begrenzten Raum für Frauen. Rund ein Viertel von ihnen bietet diesen überhaupt nicht an. Die Mehrheit der Moscheevorstände wird entweder mehrheitlich oder ganz von Männern dominiert. Kürzlich wurden im nördlichen Bradford, wo rund ein Viertel der Einwohner Muslime sind, Forderungen nach Frauen-Moscheen laut.

Neben den Moscheen schaffen britische Muslime auch ihre eigenen sozialen Räume. Deren Ziel ist das Angebot von Arenen für Aktivitäten und Begegnung. Zu den Beispielen gehören kreative und künstlerische Räume wie „The Hubb“ in Birmingham sowie „Rumi’s Cave“ in London. Es herrscht eine steigende Nachfrage nach diesen neutralen Orten für junge Muslime. Diese sind eine Alternative zu Moscheen und Lokalitäten, in denen Alkohol serviert wird.
Im Gegensatz zum Kontinent ist in Großbritannien nicht nur die Moschee der Ort für Bildung. Derzeit besuchen im Vereinigten Königreich ca. 100.000 Kinder Madrassen. Sie bieten eine komplementäre Bildung zum allgemeinen Schulsystem. Darüber hinaus arbeiten momentan 28 muslimische Staatsschulen (von rund 6.800 staatlich unterhaltenen, religiösen Schulen). Die große Mehrheit der muslimischen Schulen sind aber privat betriebene Einrichtungen.
Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wurde die Wahrnehmung des Islam und der Muslime in Großbritannien zunehmend negativ. Nichtsdestotrotz bleiben die Meinungen über Muslime die höchsten in ganz Europa. Das ging aus der PEW-Studie 2016 über die globalen Einstellungen hervor. Nur 28 Prozent aller Befragten hatten eine durchgehend schlechte Meinung von Muslimen.
Es sind nicht nur üble Schlagzeilen, welche die Wahrnehmung der Muslime und des Islam im Vereinigten Königreich beschädigen. Es gibt auch die wachsende Tendenz, Muslime in Verbindung mit Kriminalität zu bringen. Darüber hinaus vervielfachen Sensationsmeldungen das vermeintliche Bedrohungspotenziel der Anhänger des Islam. Das führte nicht nur zu vermehrt negativen Einstellungen, sondern auch zu einem Anstieg anti-muslimischer Verbrechen. Nach Angaben der Metropolitan Police nahm die Rate der anti-muslimischen Hassverbrechen um 70 Prozent zu. Eine Rolle spielt hier auch der absolut unbefriedigende Anteil von Muslimen in den Medien. Obwohl sie rund fünf Prozent aller Briten ausmachen, stellen sie aber nur 0,5 Prozent aller Journalisten im Lande. Noch schlechter wird es, wenn man die Zahlen bei den einflussreichen Posten betrachtet. Es ist lebenswichtig, dass die britischen Muslime eine aktivere Rolle in den Medien spielen, um eine ausgeglichenere Berichterstattung zu ermöglichen.
Es gibt eine wachsende Anzahl von Briten, die den Islam angenommen haben. Hinzukommen ihre Nachkommen in der ersten oder zweiten Generation. Schätzungsweise 100.000 von ihnen leben derzeit in Großbritannien. Jährlich sollen ca. 5.000 dazu kommen.
Laut einer Erhebung der interreligiösen Forschungsgruppe Faith Matters waren bis vor Kurzem rund zwei Drittel der neuen Muslime Frauen, 70 Prozent von ihnen weiß und durchschnittlich 27 Jahre alt. Eine steigende Menge an britischen Gefängnisinsassen des Landes entscheidet sich für den Islam. Entgegen landläufiger Vorurteile entscheidet sich die Mehrheit der neuen Muslime nicht aus Gründen einer Heirat für den islamischen Glauben. Dafür gibt es wenig Hinweise.
Aufgrund einer sensationalistischen Berichterstattung werden die neuen Muslime gelegentlich als größere Gefahr für die innere Sicherheit betrachtet als andere. Im Gegensatz zu anderen haben sie mit gesonderten Herausforderungen zu kämpfen: Es mangelt ihnen an Hilfsnetzwerken, die sich um sie kümmern. Viele fühlen Zurückweisung durch und Isolation von gebürtigen Muslimen. In den Medien werden sie oft mit Negativfällen gleichgesetzt. Und manchmal erfahren sie auch Druck, den kulturellen Normen gebürtiger Muslime folgen zu müssen.
Die muslimische Gemeinschaft hat versucht, sich einiger dieser Sorgen anzunehmen. Zum Beispiel, indem sie Initiativen wie das New Muslim Project gründete. Bestehend seit 1993 bietet es Ausbildung, soziale Hilfe und Unterstützung für neue Muslime und jene, die am Islam interessiert sind. In den Moscheen gibt es entweder nur begrenzte Unterstützung oder gar keine Hilfe.
Die neuen britischen Konvertiten sind in der idealen Lage, in ihrem lokalen Umfeld als eine Brücke zwischen Muslimen und Nichtmuslimen zu wirken. Es ist wahrscheinlich, dass sie zukünftig eine zunehmend wichtige Rolle für die Integration dieser Gemeinschaften spielen werden.

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