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Mehr als nur der „kleine Feiertag“

Ausgabe 288

Foto: Designed by Freepik

(iz). Am Ende des Ramadans steht das ‘Id-Al-Fitr, das Fest des Fastenbrechens, vor der Tür. Es ist neben dem ‘Id Al-Adha, dem Opferfest, das zweite große Fest im Islam. Türkische Muslime kennen das ‘Id Al-Fitr auch als Ramazan Bayrami (Ramadanfest) oder Seker Bayrami (Zuckerfest), während im Arabischen das ‘Id Al-Adha auch als ‘Id Al-Kabir (das große Fest) und das ‘Id Al-Fitr als ‘Id As-Saghir (das kleinere Fest) bekannt ist.

Die Muslime begehen diesen Tag als ein Familienfest, und nehmen sich an diesem Tag möglichst frei. Auch Schulkinder bekommen hierzulande mittlerweile meistens nach Absprache an den ‘Id-Tagen problemlos schulfrei. Zum morgendlichen ‘Id-Gebet sind die Moscheen an beiden großen Festen so voll wie sonst nie, sodass bei vielen der Platz kaum ausreicht. Auch viele Muslime, die sonst kaum in die Moschee gehen oder den Islam nicht konsequent praktizieren, gehen an diesem Tag in die Moscheen.

Nach dem Gebet trifft man sich dann zu einem festlichen Frühstück, denn das ‘Id Al-Fitr ist der erste Tag nach dem Fastenmonat, an dem man wieder normal essen und trinken kann. Es ist ein ganz besonderes Gefühl, zum ersten Mal nach vier Wochen wieder tagsüber etwas zu sich zu nehmen. Die Kinder bekommen kleine Geschenke, und auch unter den Älteren hat es sich teilweise verbreitet, sich zu beschenken. Manche Familien machen auch Ausflüge oder Spaziergänge. Wie auch der Ramadan mit dem gemeinsamen Fasten, den vielen gemeinsamen Iftar-Essen und gemeinsamen abendlichen Tarawih-Gebeten in den Moscheen, ist auch das ‘Id vom Geist der Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft geprägt.

Was das ‘Id Al-Fitr betrifft, ist es nicht so, wie man aus nichtmuslimischer Sicht meinen könnte, dass die Freude an diesem Tag vor allem daher rührt, dass man nun nicht mehr fasten muss und quasi den Ramadan hinter sich gebracht hat. Viele vermissen sogar den nun vergangenen Ramadan und freuen sich schon auf den nächsten. Anlass zur Freude bietet vielmehr ein Ausspruch des Gesandten Allahs, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, in dem es heißt: „Wer im Ramadan in festem Glauben und in der Hoffnung auf Belohnung fastet, dem werden seine vergangenen Sünden vergeben.”

Vielen Nichtmuslimen sind leider diese schönen Seiten der islamischen Lebenspraxis, die ja auch durchaus Ähnlichkeiten damit haben, wie sie selbst ihre Feste begehen, gar nicht bekannt. Das ist schade, da dies ganz andere Bilder und Eindrücke vom Islam bieten kann, als die sehr geringen und verzerrenden, die man durch die medialen Debatten bekommt.

Nach dem Morgengebet nimmt man entsprechend der prophetischen Sunna eine Kleinigkeit zu sich, allerdings noch kein Frühstück. Dies gilt für das ‘Id Al-Fitr; beim ‘Id Al-Adha isst man erst nach dem Gebet etwas. Es ist außerdem empfohlen, einen Ghusl (rituelle Ganzkörperwaschung) vorzunehmen und sich zu parfümieren. Dann macht man sich relativ früh zum Festgebet auf, denn die Moschee wird sehr voll sein. Das ‘Id-Gebet findet etwa eine dreiviertel Stunde bis eine Stunde nach dem Sonnenaufgang statt. Je nach Moschee wird die Uhrzeit unterschiedlich festgelegt und kurz vor dem ‘Id bekannt gegeben, wie auch der Tag des ‘Ids selbst, der wie der Anfang des Fastenmonats entsprechend der Neumondsichtung kurzfristig bestimmt wird, sofern man nicht, wie einige Verbände, vorausberechneten Kalendern folgt. Sollte der Neumond nicht gesichtet werden können, wird der Ramadan nach dreißig Tagen beendet. Der ‘Id-Tag ist in jedem Fall der erste Tag des Monats Schawwal, welcher dem Monat Ramadan folgt.

Bis spätestens unmittelbar vor dem Festgebet müssen die Muslime für jede Person der Familie eine Pflichtabgabe, Zakat Al-Fitr, in Höhe eines täglichen Grundnahrungsmittelbedarfs an die Bedürftigen leisten, sodass auch diese sich auf das Fest freuen und vorbereiten können. Dies ist eine Bedingung für die Gültigkeit des Fastens. Der Sunna des Propheten gemäß wird diese Spende in Form von haltbaren Nahrungsmitteln, zum Beispiel Datteln oder Getreide, gegeben; heute wird zumindest in Deutschland oft ein entsprechender Geldbetrag gegeben. Viele Muslime geben auch ihre jährliche Pflichtabgabe, die Zakat, im Ramadan.

Das Festgebet besteht aus zwei Gebetseinheiten und einer Ansprache, ähnlich wie das Freitagsgebet. Im Unterschied dazu wird allerdings zuerst das Gebet verrichtet, und dann folgt die Ansprache (Khutba). Eine Besonderheit der ‘Id-Gebete ist es auch, dass sie eine zusätzliche Zahl von Takbirat (Aussprüche von „Allahu akbar”, „Allah ist größer”) enthalten, deren Zahl und Position in den Gebetseinheiten je nach Rechtsschule unterschiedlich ist. Nach der Schule von Imam Malik sind es sieben Takbire in der ersten Rak’a (Gebetseinheit) vor der Qur’an-Rezitation, einschließlich des das Gebet eröffnenden Takbirs, und sechs in der zweiten, einschließlich des Takbirs, mit dem man aus der Niederwerfung aufsteht. Nach der Schule von Imam Asch-Schafi’i ist dies genauso, nur sind es in der ersten Rak’a acht statt sieben Takbire.

Im Fiqh der Schule von Imam Abu Hanifa ist es etwas anders, hier werden in der ersten Rak’a nach dem eröffnenden Takbir noch drei Takbire gesprochen, und in der zweiten nochmals drei, allerdings erst nach der Rezitation. Auch werden nach Schafi’i- und Hanafi-Fiqh bei jedem Takbir die Hände erhoben wie beim eröffnenden Takbir, nach dem malikitischen Fiqh jedoch nicht. Das ‘Id-Gebet ist keine Pflicht, aber eine starke Sunna. Nach Asch-Schafi’i soll es sogar von Reisenden verrichtet werden, nach Imam Abu Hanifa hingegen nur von in Städten und Orten Ansässigen, für die auch das Freitagsgebet Pflicht ist.

Vor dem Gebet werden in vielen Moscheen von den Anwesenden beständig und laut Takbirat gesprochen und Dhikr gemacht, wobei es auch hier verschiedene Formen gibt. Auch auf dem Weg zur Moschee soll man schon Takbire sprechen. Man sollte gemäß der Sunna auf dem Rückweg vom Gebet einen anderen Weg nehmen als auf dem Hinweg.

Bei vielen türkischen Muslimen hat es sich eingebürgert, dass Frauen nicht zu den ‘Id-Gebeten gehen, so wie auch nicht zu den Freitagsgebeten. Bei vielen arabischstämmigen und Muslimen anderer Herkunft findet man hingegen bei den ‘Id-Gebeten auch Frauen und Mädchen in großer Zahl.

Anschließend gratulieren sich die Betenden und wünschen einander ein gesegnetes Fest. „‘Id mubarak!”, „‘Id mubarak sa’id!” oder „Kul aam wa antum bi khair!” hört man auf Arabisch oder in der türkischen Form „Bayram mübarek olsun”, oder in welcher Sprache auch immer. Es herrscht freudige und feierliche Atmosphäre. In manchen Moscheen, vor allem unter türkischen Muslimen, gibt es eine traditionelle Methode, sich gegenseitig zu gratulieren: Man beginnt mit dem Imam, und jeder, der ihm gratuliert hat, nimmt an seiner Rechten Platz und bildet somit allmählich einen Kreis, der von den nachfolgenden Gratulanten abgeschritten wird, ehe sie sich selbst am Ende des Kreises einreihen, sodass jeder jedem gratuliert und die Hand gegeben hat.

Oft kauft man vor dem ‘Id auch neue Kleidung und Schuhe, nicht nur zum Verschenken, sondern auch um festlich angezogen den Tag begehen zu können. Den Tag begeht man nicht nur in der Familie, sondern auch in der weiteren Gemeinschaft zum Beispiel mit Verwandten, die eingeladen oder besucht werden. Es gibt natürlich je nach Land oder Region auch regionale Sitten und Bräuche zum ‘Id, die teilweise auch hierzulande unter den Muslimen verschiedener Herkunft fortleben. In jedem Volk gibt es andere typische Speisen, meist Süßes und Gebäck, die am ‘Id gegessen werden. Im Grunde ist der Ablauf des Festes unter den Muslimen verschiedener Völker und Ethnien aber sehr ähnlich und unterscheidet sich eher nur in Details.

In muslimischen Ländern gibt es am Bayram-Tag oft auch öffentliche Feste, so zum Beispiel in der Türkei so genannte Fuar, mit kostenlosen Konzerten, Essen und Trinken, Karussells oder Verkaufsständen, zu denen man gerne geht. Man freut sich besonders auf diese Konzerte, die keinen Eintritt kosten, um allen den Eintritt möglich zu machen. Sowohl das ‘Id Al-Adha als auch das ‘Id Al-Fitr umfassen hier drei Tage. Nach anderen Rechtsschulen hat das ‘Id Al-Fitr lediglich einen Tag. Bei den Türken ist das Küssen der Hand der Älteren durch die Jüngeren sehr wichtig; anschließend berühren sie die Hand der Älteren mit ihrer Stirn. Die Älteren wiederum küssen den Jüngeren die Wangen. Die Kinder bekommen Geschenke. Üblicherweise beschenken die Älteren die Kinder; dass auch Kinder ihre Eltern und älteren Familienmitglieder beschenken oder die Ehepartner einander, sei eher eine neuere Entwicklung, erklärt Aisha Ugurlu. Die Kinder ziehen dann, zumindest in der Türkei, durch die Straßen, klingeln bei den Verwandten und Bekannten an der Tür und wünschen ihnen ein gesegnetes Fest. Daraufhin erhalten sie dort kleine Geschenke, zum Beispiel Bonbons, manchmal auch Geld. Diese Tradition erinnert ein wenig an den hiesigen, christlichen St.-Martins-Tag. Womöglich kommt daher auch der türkische Name „Seker Bayrami”, wobei Seker eben nicht nur Zucker heißt, sondern für Bonbons und ähnliche kleine Süßigkeiten steht. Dieser Name ist aber eher unter säkulareren Türken verbreitet, bei den praktizierenden Muslimen herrscht die Bezeichnung „Ramazan Bayrami” vor. In Deutschland veranstalten viele Moscheen anlässlich der beiden ‘Ids Kinderfeste mit Spiel und Spaß.

Die ‘Id-Tage sind Tage der Einheit und Gemeinschaft der Muslime. Es ist auch eine Sitte, an den Tagen des ‘Id die Friedhöfe zu besuchen und für die Verstorbenen zu beten und Qur’an zu rezitieren. So werden auch sie an diesem Tag einbezogen und nicht vergessen.

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