Vorbereitung auf den Ramadan: Scha’ban ist ein leiser Monat. Er legt sich nicht mit der Kraft über den Alltag, und doch verändert er bereits den Klang der Tage.
(iz). Zwischen der Routine der vergangenen Zeit und der Wucht des Fastenmonats spannt sich in diesen Wochen ein feiner Übergang, fast unscheinbar. Wer hier wach wird, bereitet nicht nur einen Kalenderwechsel vor, sondern seine eigene innere Landschaft.
In Überlieferungen heißt es, dass der Ramadan seinen Schatten vorauswirft. Diese Metapher ist im Scha’ban besonders spürbar: Der große Monat ist noch nicht da, aber seine Kontur zeichnet sich ab – in Planungen, Gesprächen, ersten Veränderungen der Gewohnheiten.
In dieser Phase gelingt etwas, das unter dem Druck des Fastens oft zu kurz kommt: Man kann sich fragen, was dieser Ramadan im eigenen Leben überhaupt bewirken soll. Nicht „Was nehme ich mir vor?“, sondern „Wofür brauche ich diesen Monat?“
Scha’ban wirkt dann wie ein innerer Spiegel. Er zeigt, in welchem Maße der Alltag das Herz besetzt hält, wie stark der Griff von Müdigkeit, Bildschirmzeit, Nebensächlichkeiten geworden ist.
Ein Beispiel: Wer merkt, dass fünf Minuten Qur’an in diesen Wochen schon „zu viel“ sind, ahnt, welche Umstellung die Fastenzeit bringen wird. Genau deshalb ist jetzt der Moment, in kleinen Dosen das einzuführen, was später selbstverständlich werden soll.
Viele kennen die Szene: Der Ramadan beginnt, und man versucht, über Nacht alles umzustellen – Essensrhythmus, Schlaf, Gebet, Qur’an, Spenden. Der Körper stolpert, die Seele hechelt hinterher. Scha’ban bietet die Möglichkeit, diesen Schock abzufedern. Wer jetzt anfängt, den Tag bewusst zu strukturieren, schafft einen weichen Einstieg.
Dazu gehören einfache, aber konsequente Schritte: eine feste Zeit für Qur’an, vielleicht nur wenige Verse, die man liest und kurz reflektiert; ein zusätzliches Gebet in der Nacht, auch wenn es nur zwei Einheiten sind.
Einen regelmäßigen Dhikr, den man mit einem konkreten Moment verbindet – der Weg zur Arbeit, das Warten an der Kasse, die Minuten vor dem Schlafengehen. So wird die Erinnerung an Gott nicht als Zusatz wahrgenommen, sondern etwas, das den bestehenden Alltag durchdringt.
Scha’ban ist außerdem der Monat, in dem freiwillige Enthaltsamkeit eine besondere Rolle spielt. Es bereitet den Körper auf die kommenden Tage ohne Essen und Trinken vor und erinnert zugleich daran, dass Fasten mehr ist als ein medizinisches Intervall.

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Anhand weniger, bewusst gewählter Momente kann man spüren, wie sich das eigene Temperament verändert: Wie reagiere ich auf Stress, wenn ich hungrig bin? Wie redet man, sollte einem Energie fehlen?
Klassische Gelehrte betonen, dass dieses Fasten zwischen Diener und Schöpfer bleibt – ohne Schau und stille Konkurrenz um die „meisten“ Extradienste. Parfüm, ein freundliches Auftreten, kein Hinweis darauf, dass man fastet: All das schützt die Intimität dieser Praxis.
In der journalistischen Sprache könnte man sagen: Scha’ban ist die Probe, bei der noch niemand zuschaut, während Ramadan die Sendung zur Primetime ist. Wer zuerst ehrlich arbeitet, muss später nicht spielen.

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Die Wochen vor dem Fastenmonat eignen sich, um offene Rechnungen zu begleichen – sowohl mit anderen wie mit sich. Traditionell nutzten viele Muslime Scha’ban, um versäumte Fastentage des Vorjahres nachzuholen, damit sie nicht wie unbeglichene Schulden in den neuen Monat hineinragen.
Auch das gehört zur inneren Hygiene: Nicht nur Vorsätze formulieren, sondern alte Verpflichtungen ernst nehmen.
Auf einer tieferen Ebene geht es um Tauba, die bewusste Rückkehr zu Gott. Wer in diesen Wochen Konflikte anspricht, Missverständnisse klärt oder zumindest im Herzen beschließt, Groll loszulassen, schafft Raum für das, was der Ramadan bringen kann: Barmherzigkeit, Vergebung, ein neues Kapitel.
Es ist die vielleicht schwerste, aber ehrlichste Form der Vorbereitung – weil sie keine frommen Bilder produziert, sondern an die eigenen Wunden rührt.
