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Religionsphilosoph Christoph Jäger: „Berlin insgesamt ist kulturell eine unglaublich vielfältige und pulsierende Metropole“

Foto: Thomas Guignard, via flickr | Lizenz: BY-NC-SA 2.0

Berlin (KNA) Der Innsbrucker Religionsphilosoph Christoph Jäger (56) tritt in große Fußstapfen. An der Berliner Humboldt-Universität hat er für zwei Jahre die renommierte Professur übernommen, die nach Romano Guardini (1885-1968) benannt ist. In einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) erklärte Jäger, wie er die Tradition des einflussreichen Theologen und Philosophen weiterführen will. Guardinis Lehrveranstaltungen zwischen den beiden Weltkriegen in Berlin wurden weit über die Kirchen hinaus beachtet.

Frage: Herr Jäger, als neuer Guardini-Professor sollen Sie das Themenspektrum am Institut für Katholische Theologie der Humboldt-Universität erweitern. Was kann ein Religionsphilosoph dazu beitragen?

Christoph Jäger: Genau genommen geht es bei der Professur, wie die Widmung lautet, um „Religionsphilosophie und Theologische Ideengeschichte“. Beides ist entscheidend, um das Phänomen Religion und Religiosität, in diesem Fall speziell mit Blick auf den christlichen Glauben, zu verstehen. Religiosität gehört fundamental zu dem, was das Menschsein ausmacht. Dies so gut wie möglich zu verstehen, ist ein Anliegen, das ich mit Romano Guardini teile, in dessen Lehrtradition diese Professur steht. Er kam mehr von der Theologie her, ich komme mehr von der Philosophie.

Frage: Früher hieß es bei der Professur „Katholische Weltanschauung“, jetzt „Theologische Ideengeschichte“. Was spricht für diesen neuen Namen?

Christoph Jäger: Auf diese Weise wird das Fach breiter aufgestellt. Zwar geht auch Religionsphilosophie meist von einer bestimmten Religion aus, der man angehört oder in der man sich heimisch fühlt. Aber man sollte auch über den Tellerrand schauen. Wenn man nach den Eigenheiten einer Religion oder Konfession fragt, werden sie im Vergleich mit anderen klarer, etwa bei der Frage des Verhältnisses von menschlicher Willensfreiheit und göttlicher Vorherbestimmung, einem der großen Themen von Reformation und Gegenreformation im 16. und 17. Jahrhundert.

Frage: Was ist in der Religionsphilosophie das Besondere an Guardinis Denken?

Christoph Jäger: Guardinis Werk ist inhaltlich nahezu unerschöpflich. Er hat sich mit vielen theologisch und religionsphilosophisch wichtigen Themen befasst. Zwar haben sich die Antworten und Modelle in den vergangenen Jahrzehnten deutlich weiterentwickelt. Bleibende Verdienste hat er indessen sicher in der Deutung der Liturgie und als Impulsgeber für das Zweite Vatikanische Konzil erworben, das von 1962 bis 1965 stattfand. Bedeutend sind weiterhin seine literaturtheoretischen Arbeiten, in denen er christliche oder religiöse Motive etwa bei Dante, Hölderlin, Dostojewski und anderen großen Gestalten der Literaturgeschichte interpretiert.

Frage: Und methodisch?

Christoph Jäger: Seine Texte sind von zwei wichtigen akademischen Tugenden durchdrungen. Zum einen ist es eine existenzielle Suche nach Erkenntnis, bei der er um die Wahrheit ringt statt ein vorgefertigtes theologisches oder politisches Programm zu bestätigen. Zum anderen bemüht er sich, seine Auseinandersetzung mit dem Christentum auch mit den gesellschaftlichen Realitäten seiner Zeit in Verbindung zu bringen und nicht als esoterische Disziplin zu betreiben. Er schätzte den Dialog mit anderen Geisteswissenschaften und vor allem auch mit der Kunst.

Frage: Welche Themen haben Sie sich für Ihre Gastprofessur vorgenommen?

Christoph Jäger: Ich kann hier anknüpfen an mein philosophisches Programm in den vergangenen Jahren. So habe ich viel über das bereits genannte Thema Willensfreiheit und Vorherbestimmung gearbeitet. Ein weiteres Thema ist die religionsphilosophische Grundfrage nach dem Verhältnis von Vernunft und Glauben. Die Erkenntnis, dass der Glaube mit Vernunft vereinbar ist, ist für viele Menschen ja durchaus nicht selbstverständlich, für einige ist sie gar überraschend.

Frage: Wie sehen Sie die Rolle der Guardini-Professur in der Berliner Wissenschaftslandschaft?

Christoph Jäger: Es gibt an keiner anderen Berliner Universität eine Professur für Religionsphilosophie. Ihre Veranstaltungen haben vielleicht auch deshalb einen großen Zulauf von Studierenden der Philosophie und Theologie, weil sie in einer besonders radikalen Weise die metaphysischen und erkenntnistheoretischen Fragen von Religion diskutieren.

Frage: Sie sprechen selbst von einer akademisch und kulturell sehr anregenden Umgebung in der Hauptstadt. Was inspiriert Sie hier?

Christoph Jäger: An der Humboldt-Universität sind dies zunächst neben dem neu gegründeten Zentralinstitut für Katholische Theologie auch die Angebote der evangelischen Theologischen Fakultät und des Instituts für Islamische Theologie, aber auch vom Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam erwarte ich viel. Berlin insgesamt ist kulturell eine unglaublich vielfältige und pulsierende Metropole. Gerade für die Art von Religionsphilosophie, wie Guardini sie betrieben hat, ist es der ideale Standort.

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