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„Sich harmonisch einfügen“

Ausgabe 286

Foto: Sekretärin, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 3.0

(iz). Dr. ing. Mahmud Bodo Rasch jr., geb. 1943, gelernter Schreiner, Architekt, Mitarbeiter im Atelier Frei Ottos (dem Konstrukteur des Zeltdaches des Münchener Olympiastadions), Lehre und Forschung in Texas/ USA und in Saudi-Arabien in den Bereichen Leichtbau, Zeltstädte und Hadsch. Er entwarf, konstruierte und erstellte zahlreiche Leichtbauten, fahrbare Schattendächer, insbesondere für die heiligen Stätten, Mekka und Madina. In Mekka gestaltete er den Maqam und die neue, mobile Minbar aus handgeschnitztem weißen Marmor für die Dschumu’a-Gebete an der Kaaba. Schon zu Beginn der 80er Jahre schuf er Bergzelte für die Hadsch in Mina, sowie Sanitäreinheiten und die neuen Zeltstädte für die Hadschis. In Medina baute er für die Moschee des Propheten, Friede sei mit ihm, 27 bewegliche Kuppeln, und 12 große Schattenschirme für die großen Moscheehöfe.
Islamische Zeitung: Was hat den deutschen Architekten und Sohn eines Architekten der Bauhausschule am Islam fasziniert?
Mahmud Bodo Rasch: Als Sohn dieses Bauhausarchitekten und meiner Mutter, Lilo Rasch-Nägele, einer Kunstmalerin, bin ich sozusagen mit der modernen Kunst aufgewachsen, konnte aber nie allzu viel mit ihr anfangen, obwohl zu den Freunden meiner Eltern Baumeister, Schlemmer oder Otto Dix gehörten.
Ich wollte eigentlich nie Architekt werden und konnte zum Leidwesen meines Vaters auch mit dem Bauhausstil nicht viel anfangen. Eine einzige Ausnahme war da Frei Otto, bei dem ich 1966 in seinem Stuttgarter Institut für leichte Flächentragwerke aufgenommen wurde. Bei Frei Otto lernte ich eine wissenschaftliche Arbeitsweise kennen, die in ihren Ergebnissen überraschend und faszinierend war und der ich bis heute treu geblieben bin.
Einer der 99 Namen Gottes, die im Qur’an erwähnt sind, ist „die Wahrheit“ und darum ist eine wissenschaftliche Arbeitsweise auch nicht im Widerspruch zum Islam.
Islamische Zeitung: Ihr architektonisches Credo lautet „Gestalt finden, anstatt sie zu machen.“ Wie ist das zu verstehen?
Mahmud Bodo Rasch: Nur Gott schafft richtige Bilder, wir können keine machen, wir können sie nur finden. Wir können die Formen der Dinge suchen, und wenn wir Glück haben auch finden.
Der Gedanke des wissenschaftlichen Formfindungsprozesses in der Architektur stammt von meinem Lehrer Frei Otto. Notwendige Formen sind meistens auch schöne Formen. Nehmen Sie das Beispiel der Flugzeuge, die, wenn sie viel Unnötiges hätten, nicht mehr fliegen könnten. Sie sind schön, weil nichts Überflüssiges oder Willkürliches an ihnen ist. Das ist auch so beim Turm des Freiburger Münsters oder an Sinans großartigster Moschee in Edirne, wo wir ein Maximum an Licht bei einem Minimum an Stein haben.
Gott ist schön und er liebt die Schönheit, sagt ein oft zitierter Hadith. Da Gott alle Seelen aus nur einer gemacht hat, müssen wir nur aufrichtig versuchen, die Formen, die Er uns in Seiner Gnade finden lässt, ohne Willkür richtig zu bauen, dann werden sie mit Seiner Hilfe auch schön. Da ist eine echte Brücke zwischen Ethik und Ästhetik, wobei die daraus entstehende Arbeitsweise durchaus wissenschaftlich sein kann.
Islamische Zeitung: Ihr Rat an die Muslime Europas?
Mahmud Bodo Rasch: Alles muss von innen kommen. Wenn man von innen heraus arbeitet und man dabei aufrichtig Gottes Gefallen sucht, kommt sicher das Richtige dabei heraus. Wenn das nicht geht – zum Beispiel im Zusammenhang mit dem Broterwerb in einer nicht-islamischen Umwelt, soll man doch alle verfügbare Kraft auf die Verbesserung des eigenen Innenmenschen lenken – das ist der Große Heilige Krieg.
Dabei ist das Gebet von größter Wichtigkeit. Nur wenn die Arbeit eine Verlängerung des Gebets ist, kann das erwartet werden. Da sind wir wieder bei der Moschee, eine schöne Moschee hilft dabei, denn Schönheit unterstützt das Gottesgedenken. Dazu gehört auch die Sauberkeit.
Islamische Zeitung: Lieber Herr Rasch, Was halten Sie von den jüngeren Moscheeneubauten Europas, die in den letzten Jahren entstanden sind, zum Beispiel in Bosnien?
Mahmud Bodo Rasch: Ich halte weltweit keinen modernen Moscheeneubau für wirklich geglückt. Die besten sind noch die verhältnismäßig eklektischen Bauten El-Wakils.
Islamische Zeitung: Wenn es keine gelungenen Moscheebauten der Neuzeit gibt, wäre es nicht eine Herausforderung für Sie, eine solche Moschee in Deutschland zu bauen?
Mahmud Bodo Rasch: Allerdings, da hätte ich nichts dagegen. Sie müsste natürlich auch deutsch aussehen, zu diesem Land passen. Sie müsste sich harmonisch in diesen Kulturraum einfügen und doch Moschee sein. Wir brauchen keinen uns aufgepfropften Stil aus einem anderen Kulturraum. Der deutsche Islam müsste sozusagen seine eigen Form finden. Der Islam hat immer leicht die Färbung der Kultur und Gegend angenommen, in die er gekommen ist, und es wird ihm auch leicht fallen, eine deutsche Form zu finden.
Das Gespräch wurde in umfangreicherer Form für die IZ im Jahre 2003 geführt.

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