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Über die Illusion, den Ramadan planen und optimieren zu können

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(iz). Der beste Monat des Jahres naht und der ein oder andere ist fleißig in der Vorbereitung, Tools für die „perfekte“ Ramadan-Planung werden vorgestellt, Veranstaltungen werden organisiert und jede Menge Tipps und Tricks geteilt, es geht darum möglichst „viel“ zu schaffen, „Ordnung“ zu schaffen, was dann Ausdruck von „Erfolg“ sei.

Frage: Ist das der Sinn und Zweck dieses gesegneten Monats? Einfach quantitativ „viele“ Handlungen vollziehen, jeden Tag die „To-Do Liste“ schaffen?

Sinn und Zweck des Fasten ist „Taqwa“ zu erlangen bzw. „Taqwa-gemäß“ (Zaidan) zu handeln (2:183) ﺗَﺘّﻘُﻮن ْﻢ ُﻜ َﻌﻠّ ﻟَ. „Taqwa“ bedeutet einen Weg mit Achtsamkeit, Bewusstsein für Allāh und Bewusstsein für mögliche Gefahren, die mich von diesem Weg abbringen können, zu gehen. Das Fasten ist ein „Schutz“ ﺟﻨﱠﺔٌ اﻟﺼﯿَﺎم, wie der Prophet ﷺ sagte (Abū Huraira; Buḫārī), es schützt mich vor meinen inneren niederen Begierden (Ibn ʾAṯīr). Ziel ist es, meine Beziehung zu Allāh zu stärken und mir meiner Selbst wieder bewusster zu werden, mein Selbst genauer unter die Lupe zu nehmen اﻟﻨﻔﺲ ﻣﺮاﻗﺒﺔ und mich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

„Taqwa“ erlange ich nicht durch äußerlich verrichtete Handlungen, im Gegenteil: Das Materielle erreicht Allāh nicht, denn Er ﷻ sagt in Bezug auf das Schlachtopfer: „Weder ihr Fleisch noch ihr Blut erreicht Allāh, aber Ihn erreicht eure Taqwa (…)“ (22:37) Allāh ﷻ erreichen wir durch tadhakkur (ständiges Erinnern an Allāh & Erinnern lassen), taffakkur (Nachsinnen über die ʾāyāt in der Schöpfung), tadabbur (Nachsinnen über die ʾāyāt im Qurʾān), tasbīḥ (Allāh von jeder Unvollkommenheit und Unreinheit lossagen und mich dem Schöpfungsziel, der ʿIbāda, kontinuierlich widmen), durch taḥmīd (Allāh für Seine schönen Eigenschaften loben und Ihm für Seine Gnadengaben danken auf Basis von Liebe), durch tahlīl (zu Allāh flüchten und ihm keinen Partner zuschreiben) und durch takbīr (Allāh „groß sprechen“ und dadurch Bescheidenheit erlangen) erreiche ich Ihn ﷻ.

„Die Zielsetzungen sind die Seelen der Handlungen“, sagte Imām aš-Šāṭibī (al-Muwāfaqāt 2/344), d.h. unsere Handlungen ohne Intention, Ziel, Sinn & Zweck sind lediglich leblose Körper. Allāh bezeichnet im Qur’ān bestimmte „Handlungen“ als „al-bāqiyāt aṣ-ṣālihāt“ ((18:46) u. (19:76)): „Handlungen, deren Frucht ewig besteht“. Es sind die „Taten des Herzens“,  Imām Faȟr ad-Dīn ar-Rāzi und andere sagen u.a., es seien Folgende:
Subḥān Allāh, al-Ḥamdu li-llāh, Lā ilāha illā Allāh, Allāhu Akbar, lā Ḥawla wa lā Quwwata illā bi-llāh.

„Handlungen“, die in uns ein Bewusstsein wecken, das Kennen und Erkennen Allāhs stärken und unser Herz Früchte tragen lassen. In unserer religiösen Praxis werden auch wir Muslime oft sehr materiell, „schmücken“ uns mit „guten Taten“, möglichst viele, um dann zu sagen: „Hab ich viel geschafft“ oder „Ich habe nicht viel geschafft“, wobei das nicht das Entscheidende ist. Das Entscheidende, das was mich „an Reinheit wachsen lässt“ (Tazkijat an-nafs), mich erzieht und bildet (tarbiya), ist, wie sehr ich diese Handlungen mit einer „Seele“ belebe und als Folge das, was sich in meinem konkreten Handeln, in meiner Beziehung zur Umwelt positiv ausdrückt und einen Nutzen bringt.

„Taqwa“ muss mich zu „Iḥsān“ führen: (a) Iḥsān in meiner Beziehung zu Allāh, dass ich ʿIbāda vollziehe, als würde ich Allāh „sehen“, sollte ich Ihn nicht „sehen“, so sieht Er doch mich (Abū Huraira; Buḫārī u.a.) und (b) Iḥsān in meiner Beziehung zu den Menschen, dass ich gütig zu ihnen bin, nutzvoll und eine Wohltat für sie (s. Def. Imām ar-Raġib al-Aṣfahānī zu Iḥsān).

Das bedeutet nicht, dass wir jetzt all unsere „Pläne“ über Bord werfen sollen, sondern wir sollten uns einfach grundsätzlich fragen, in wie weit diese „Pläne“ mit wirklichem „Leben“ gefüllt sind. Wie viel verstehe ich von dem, verinnerliche ich und setze ich dann in meiner inneren Einstellung zur Welt und meiner täglichen Entwicklung und schrittweisen Veränderungen um? Vielleicht nutze ich dann die Zeit lieber mit der Erinnerung und dem Nachsinnen bei „wenigen“ Handlungen. Oft ist dann „weniger mehr“.

Ibn ʿAbbās sagte zu Abū Ǧamra, als dieser davon berichtete, dass er den Qurʾān schnell und eins bis zwei mal pro Nacht rezitiere: „(…) Eine einzige Sūra zu rezitieren ist mir lieber, als dass ich das tue, was du tust. Tust du es jedoch, so ist es unbedingt notwendig, deine Ohren die Rezitation hören zu lassen und dass dein Herz dabei achtsam ist.“ Und er ® sagte auch: „Die Sūrat al- Baqara in einer Nacht zu rezitieren und sie langsam und deutlich gleichmäßig vorzutragen ist mir lieber, als dass ich den gesamten Qurʾān sehr schnell (somit viel) rezitiere.“ (al-Baihaqī: sunan al-kubrā)

Ramadan ist der Monat des Qurʾān. Ziel der Hinabsendung des Qurʾān ist es, ihn zu rezitieren, sich zu erinnern, über seine ʾāyāt nachzudenken, mich dadurch innerlich zu reinigen, mein Bewusstsein zu schärfen und raḥma und iḥsān in meinem Charakter und meinen Handlungen zu erlangen:

„Und dies ist eine Schrift, die Wir hinabgesandt haben, eine Segensreiche. So folgt ihr und habt taqwa, auf dass ihr raḥma finden möget! (6:155)

„(Dies ist) ein gesegnete Schrift, die Wir zu dir hinabgesandt haben, damit sie über seine ʾāyāt nachsinnen (yatadabbarū) und damit diejenigen bedenken (yaḏḏakara), die Verstand besitzen.“ (38:29)

„ALR. Dies sind die ʾāyāt einer Schrift voll Weisheit, eine Rechtleitung (hudā) und Barmherzigkeit (raḥma) für die Gutes-Tuenden (muḥsinīn),“ (31:1-3)