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Vertreter von Politik und Kirchen sehen „Desaster für den Westen“

Foto: Arabsalam, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC0 Public Domain

Berlin (KNA). Die Ereignisse in Afghanistan erfordern nach Meinung von Politikern und Kirchenvertretern eine kritische Bilanz des 20-jährigen Engagements am Hindukusch. Sie riefen am Dienstag zugleich zu schneller Hilfe für die Menschen im Land und besonders für Ortskräfte auf, die wegen ihres Engagements für Demokratie und Menschenrechte gefährdet sind, darunter vor allem Frauen. Europa müsse sich zudem auf eine neue Flüchtlingswelle einstellen. Es sei deswegen notwendig, auch die Nachbarstaaten Afghanistans zu unterstützen.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nannte die Bilder aus Kabul „beschämend für den politischen Westen“. Das Scheitern der jahrelangen Anstrengungen, ein stabiles und tragfähiges Gemeinwesen aufzubauen, werfe grundlegende Fragen zum außenpolitischen und militärischen Engagement Deutschlands auf.

Nach Ansicht der Deutschen Bischofskonferenz stellt die Machtübernahme der Taliban „eine desaströse Niederlage“ der USA und anderer westlicher Staaten dar. „Die jetzt eingetretene Lage zehrt das politische Vertrauenskapital der westlichen Länder auf und wird von vielen in aller Welt als moralischer Bankrott verstanden“, sagte der Konferenzvorsitzende, Bischof Georg Bätzing.

Das abrupte Ende eines solchen Einsatzes sei kaum zu begründen, weil die katastrophalen Folgen absehbar gewesen seien, fügte der Limburger Bischof hinzu. „Man gibt kein Land an eine erwiesenermaßen brutale archaisch-radikalislamistische Bewegung preis, wenn man die Zivilbevölkerung zuvor jahrelang angespornt hat, einem entgegengesetzten zivilisatorischen Kurs zu folgen.“ Nun sei eine Renaissance des „islamistischen“ Terrorismus nicht unwahrscheinlich.

Auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) forderte eine Debatte über Deutschlands Rolle. ZdK-Vizepräsidentin Karin Kortmann unterstrich, dass das Konzept des „nation building“ gescheitert sei. Der Westen habe die zivilen, friedensfördernden Kräfte nicht ausreichend gestützt.

Der Deutsche Caritasverband sprach von einem massiven politischen Versagen auch der Bundesregierung. Oliver Müller, Leiter von Caritas international, forderte eine umgehende Evakuierung von Mitarbeitenden von Nichtregierungsorganisationen, die sich für Freiheit und Menschenrechte eingesetzt haben. Notwendig sei ein schnelles humanitäres Aufnahmeprogramm für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge in den Nachbarstaaten, unterstrich die Caritas. Zudem brauche es unbürokratische Lösungen, um den Zugang zu deutschen Auslandsvertretungen für Afghanen weiterhin zu ermöglichen.

Diakonie, Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe forderten eine unbürokratische Aufnahme besonders gefährdeter Personen. Anrainerstaaten wie die Türkei, Pakistan und der Iran brauchten Unterstützung, um diese Menschen aufzunehmen. „Perspektivisch müssen Resettlement-Programme zur Aufnahme in der gesamten EU und natürlich auch in Deutschland entstehen.“

Tuisa Hilft - Kurban

Unterdessen rief die Welthungerhilfe dazu auf, die Zivilbevölkerung in Afghanistan trotz der Taliban nicht im Stich zu lassen. Rund 18,4 Millionen Afghanen hätten nicht genügend zu essen. Schon jetzt seien die Hilfsprogramme unterfinanziert, sagte Generalsekretär Mathias Mogge der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).