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Was ist ­Muttersprache? Dr. Claudia Azizah Seise über ihre Erfahrungen

Ausgabe 310

Foto: Art_Photo, Adobe Stock

(iz). Das Thema Spracherziehung ist ein immer wiederkehrendes, emotional aufgeladenes und umstrittenes Thema in der deutschen ­Gesellschaft. Obwohl von Wissenschaftlern aus verschiedenen Disziplinen immer wieder betont, wie gut und vorteilhaft es ist mehrsprachig aufzuwachsen, wird Familien mit sogenannten Migrationshintergrund gerne vorgeworfen, sie würden zuhause mit ihren Kindern nicht Deutsch sprechen und das würde sich negativ auf die Integration der Kinder in Kinder­tagesstätten und Schulen auswirken.

Häufig wird auch das Erhalten der ursprünglichen Muttersprache im familiären Umfeld als Hinweis gesehen, dass Menschen nicht bereit sind sich zu integrieren. Dies führe dazu, dass sie in einer Parallelgesellschaft lebten. Die Liste der Argumentationspunkte für das Sprechen der deutschen Sprache ist lang. Ohne eine Wertung zu dieser unendlich scheinenden Diskussion zu geben, möchte ich an dieser Stelle meine persönliche Erfahrung als „Auf-Zeit-Migrantin“ teilen und dabei einen Fokus auf den Kampf um die Erhaltung meiner Muttersprache, Deutsch, in dem Bewusstsein und der alltäglichen Praxis meiner Kinder setzen. Ich verneine dabei nicht, dass das Er­lernen der Landessprache, hier Deutsch, für Kinder und Eltern eine Selbstverständlichkeit sein sollte.

Wir sind eine mehrsprachige Familie. Ich spreche Deutsch mit meinen Kindern, die eine andere Vatersprache haben. Ihr Vater spricht mit ihnen seine Sprache, Indonesisch. Das bedeutet, dass meine Kinder zweisprachig aufwachsen. Wir haben uns von Anfang an entschieden, unsere Kinder zweisprachig zu erziehen, egal in welchem Land wir wohnen. Die Kinder sollten sich mit allen ihren ­Verwandten unterhalten können, egal ob auf Deutsch oder Indonesisch. Das war und ist uns sehr wichtig.

Als wir jedoch für mehrere Jahre erst nach Malaysia und dann nach Indonesien gezogen waren, sprachen meine Kinder immer weniger Deutsch. In der Schule wurde Malaiisch beziehungsweise Indonesisch gesprochen. Mein Mann sprach weiterhin in seiner Muttersprache mit den Kindern. Unsere Verwandten und Freunde sprachen entweder Indonesisch oder Englisch.

Ich war die einzige, die mit den Kindern Deutsch sprach. Und obwohl ich mir große Mühe gab, Kinderbücher vorlas, Videoanrufe mit den Großeltern vereinbarte, Hörbücher vorspielte, sprachen meine Kinder immer weniger Deutsch. Sie konnten sich an Worte nicht erinnern, mischten Deutsch mit Indonesisch, ­sprachen Deutsch mit indonesischem Satzbau. Irgendwann wollte der Große nicht mehr wirklich mit seinen Großeltern telefonieren, weil ihm die deutschen Worte nicht einfielen.

Das langsame Verschwinden meiner Muttersprache aus unserem alltäglichen Leben betrübte mich sehr. Und ich ­erinnerte mich an eine deutsche Freundin, deren drei Kinder die Muttersprache ihrer Mutter nicht sprachen. Sie sprach nur Englisch mit den Kindern. Nun hatte sie den Vorteil, dass sie sehr gut Englisch sprach, doch die Feinheiten, die tiefen emotionalen Verbindungen von Wörtern, kindliche Liebkoseworte, spezifische ­Dialektworte, heimatlich verwurzelnde Sprichwörter, Wortspiele, und vieles mehr, konnte sie mit ihren Kindern nicht teilen.

Eine tiefe emotionale Verbundenheit, die nur über Muttersprache entstehen kann, fehlt ihr. Diese Leere kann durch nichts anderes gefüllt werden. Ich hatte Angst, dass das schwindende Deutsch aus unserem Familienalltag auch meine emotionale Verbindung zu meinen Kindern stören würde. Und tief in meinem Herzen spürte ich, wie mit jedem vergessenen Wort, sich meine Kindern von mir entfremdeten.

Durch diese existentielle Erfahrung verstand ich auf einer ganz anderen Ebene und mit einer viel gewichtigeren Emotionalität, warum Menschen mit einem sogenannten Migrationshintergrund die Weitergabe ihrer eigenen Muttersprache so wichtig ist. Deutsch lernen die Kinder so oder so irgendwann. Das Lernen der Muttersprache der Eltern jedoch kann auf dieser emotional-verbindenden Ebene, dass Kinder mit Eltern verbindet und ein Leben lang fortwährt, nie nachgeholt werden.

Hätte in Indonesien oder Malaysia ­jemand von mir erwartet, mit meinen Kindern nur noch Indonesisch zu sprechen (und mein Indonesisch ist fast auf Muttersprachlerniveau) und auf meinen Anspruch auf eine tiefe emotionale Verbindung durch Sprache mit meinen ­Kindern zu verzichten, damit diese noch besser Indonesisch lernten und sich besser integrierten, ich hätte ihn für verrückt erklärt. Ich hätte diese sprachliche Verbindung nie aufgeben wollen. Es wäre für mich unvorstellbar gewesen, die Sprache aufzugeben, die mich geprägt hatte, in der ich Zählen gelernt hatte, in der ich meinen ersten Brief und mein erstes ­Gedicht geschrieben hatte, die Sprache meiner Vorfahren, die Sprache meiner Mutter.

Warum sollten Menschen mit einer anderen Muttersprache als Deutsch anders fühlen? Warum sollten sie die emotionale Verbindung, die Kommunikation in der eigenen Muttersprache aufgeben? Das Bewahren der Muttersprache steht nicht im Gegensatz zu Integration. Und manchmal ist die Muttersprache das ­einzige, was einem Menschen noch mit seiner ursprünglichen Heimat verbindet. Das sollte man sich einmal bewusst machen. Die eigene Perspektive zu wechseln kann dabei hilfreich sein.

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