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Berliner trotzen der Gewalt

Ausgabe 259

Foto: Amir Raczak

(iz). Den Angehörigen der Opfer des feigen Anschlags von Berlin gehört unser Mitgefühl. Die alteingesessene muslimische Gemeinschaft in Berlin steht wie alle BerlinerInnen noch immer unter Schock. Man könnte den oder die Täter persönlich würgen. Aber, Gott sei Dank, ist in Deutschland die Strafverfolgung Aufgabe der Justizbehörden. Die letzten Tage mit ihren vorschnellen Verdächtigungen bestätigen alle Stimmen, die zur Besonnenheit raten und lückenlose Aufklärung verlangen.
Es wäre dennoch naiv zu glauben, dass ein Terroranschlag inmitten unserer Hauptstadt nicht zu harten politischen Kontroversen führen wird. Natürlich ist auch eine Debatte über Ursachen, Wirkung und Realität der Flüchtlingsströme legitim. Das Kalkül der Ideologen dabei ist allerdings klar: Ihr Ziel ist es, den Charakter der Muslime aus dem Extrem- und Ausnahmefall heraus zu bestimmen.
Wir müssen die Herausforderung der Logik und der Auseinandersetzung um die Begriffs- und Deutungshoheit aktiv annehmen. „Stellt man Muslime unter Generalverdacht“, schreibt Jürgen Kaube von der FAZ, „reduziert man sie zu Merkmalsträgern“.
Es schadet durchaus nicht, wenn wir Muslime uns erinnern, welche Sprache wir selbst sprechen. Wäre das Internet der alleinige Maßstab, gäbe es durchaus Grund zur Sorge. Hier wird die Sprache schnell maßlos, fehlerhaft und ideologisch eingesetzt. Es sind die kleinen Elemente des Fehlverhaltens, die im virtuellen Teilchenbeschleuniger auf Dauer ihre reale Wirkungen entfalten. Überhaupt sind heute die sozialen Medien zum Fenster geworden, aus dem wir in die Welt blicken. Besorgniserregend ist die Internationalisierung des Blicks, der Emotionen und der Gefühle. Sie lassen uns vergessen, dass wir weder auf der existentiellen, noch auf der psychologischen Ebene an unzähligen Orten gleichzeitig leben können. Natürlich trifft uns der Tod des Vaters, des Freundes oder unseres Berliner Nachbarn anders. Hier, im Unmittelbaren, blicken wir seit jeher auch in unsere eigene Sterblichkeit.
Die muslimische Community hat eine Verantwortung: Die Politisierung aller Erkenntnis, des normalsten Mitgefühls, sowie die Produktion phantasievoller Kausalketten bergen auch für uns die Gefahr radikaler Abstumpfung; am Ende auch gegenüber dem Geschehen vor der eigenen Haustür. Die Tragödie in Berlin verpflichtet uns alle zur Überprüfung unserer Prioritäten und Sprache. Nur aus dieser Achtsamkeit heraus können wir die Ideologie der Anderen entlarven.

3 Kommentare zu “Berliner trotzen der Gewalt

  1. Vielleicht hat Terrorismus tatsächlich keine Religion. Aber Terroristen haben sehr wohl eine Religion. Und das ist im Moment eindeutig der Islam.

  2. „Die Tragödie in Berlin verpflichtet uns zur Überprüfung unserer Prioritäten und Sprache. Nur aus dieser Achtsamkeit heraus können wir die Ideologie der Anderen entlarven.“
    Sehr schön geschrieben. Das gilt für alle Menschen. Auch für mich als konfessionslose Christin. Danke dafür.

  3. Abu Bakr Rieger schreibt: „Die Tragödie in Berlin verpflichtet uns zur Überprüfung unserer Prioritäten und Sprache.“ – Richtig! Aber so lange Muslime Menschen wie mich als „Ungläubigen“ bezeichnen und mich damit als Mensch herabstufen, so lange ist die Chance auf Frieden und Ausgleich extrem gering. Die Aufteilung der Welt in gut (die Welt der Muslime) und schlecht (die Welt der Nicht-Muslime) ist auch eine Quelle, die Hass erzeugt.

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