,

Der Firnis unserer ­Ordnung ist dünn

Ausgabe 307

Foto: Shutterstock

(iz). Zu den subtilsten Verwünschungen gehört der chinesische Fluch: „Mögest Du in interes­santen Zeiten leben.“ Und vom verstorbenen US-Präsidenten Ronald Reagan wurde dieses bekannte Zitat überliefert: „Freiheit ist nie mehr als eine Generation vom Aussterben ­bedroht. Sie wird nicht im Blutkreislauf ­unseren Kinder übertragen. Wir müssen sie erkämpfen, schützen und weitergeben, damit sie das Gleiche tun können.“

Wie die meisten Generationen – wohl als Folge unserer neurologischen „Verdrahtung“ – vertrauen wir, dass die Verhältnisse so bleiben, wie sie sind. Selbst wenn sie ungemütlich sind, haben wir die enorme Fähigkeit, uns in ihnen „einzurichten“. Einerseits ist das ein bewundernswerter Aspekt humaner Anpassungsfähigkeit. Andererseits ein Hindernis für das Erkennen von und den Umgang mit existenziellen Krisen.

Dabei haben wir selbst in unserer Lebenszeit erlebt, wie schnell Allah die Verhältnisse vom Kopf auf die Füße stellen kann. Angefangen vom plötzlichen Fall der Berliner Mauer, den Anschlägen vom 11. September 2001, der größten Finanzkrise der Geschichte oder der Covid-19-Pandemie, die das Jahr 2020 überschattete. Kaum einer von uns hat sie erwartet. Wem diese Beispiele zu abstrakt sind, der sollte BosniakInnen fragen, die das Jahr 1992 in ihrer Heimat miterlebt haben. Die gleichen Soldaten, die man zuvor als Symbol eines gemeinsamen Staates gesehen hat, begannen nun mit der Bombardierung und Ausradierung der eigenen Siedlungsgebiete.

„The Times They Are A Changin’“, sang Bob Dylan vor 56 Jahren. Das „Alles fließt“ der Vorsokratiker hatte für den Liedermacher und seine Generation den Geschmack von Hoffnung und Freiheit. Heute ist das anders. Nun klammern sich viele an den Wunsch, die vollkommen zu Recht als erstrebenswert wahrgenommenen Errungenschaften von Rechtsstaat, Partizipation und sozialen ­Netzen bleiben uns erhalten.

Immer noch hängt das bundesdeutsche Kommentariat dem verschwörungstheoretischen Mythos an, die größte Bedrohung dieser zivilisatorischen Leistung stellten die Muslime (upgedated als „legalistische Islamisten“) dar. Und das ungeachtet der fehlenden Empirie einer „Islamisierung“ der relevanten Bereiche und Strukturen der Republik. In seinem Handbuch über nationale Krisen und ihrer Bewältigung schreibt der US-Wissenschaftler Jared Diamond von Bedingungen, damit ­Gesellschaften plötzliche oder schleichende Krisen beherrschen können. Eine der unabdingbaren Voraussetzungen dafür sei ein ­illusionsloser Blick auf das Eigene.

Die Auslagerung der Gefahr auf den anderen, den Feind „da draußen“ verhindert, dass wir Widersprüche erkennen, die uns potenziell zu Fall bringen könnten. In einer Zeit, in der EU-Mitglieder, die zu den Visegrád-Staaten gehören, substanzielle Freiheitsrechte ­europäischer Bürger aufheben, in der Frankreichs Präsident die Republik mit Angriffen auf die Meinungsfreiheit „verteidigt und in der ein US-Präsident offen vom Ausnahmezustand redet, braucht es keine muslimischen „Dunkelmänner“. Diese Gefahr bringen wir selbst hervor.

Kommentar verfassen