Problem der Sprache: Wer islamische Inhalte nur in den Vokabeln von Moral, Pflicht und Regel wiedergibt, sagt oft zu wenig. Warum es sich lohnt, nach einer reicheren Fülle der Worte für das geistige Erbe des Islam zu suchen.
(iz). Als Johann Wolfgang von Goethe im Jahr 1815 seinen West-östlichen Divan ankündigt, geschieht etwas, das bis heute zu wenig beachtet wird. Goethe eröffnet sein Projekt nicht im luftleeren Raum und auch nicht bloß aus romantischer Schwärmerei für den Orient.
Er stellt sich vielmehr bewusst in eine geistige Nachbarschaft zu den großen Stimmen der persisch-islamischen Dichtung und Gelehrsamkeit. Schon auf dem Titelblatt zollt er mehreren Werken und ihren Autoren seine Verehrung. Neben Firdusi, Rumi, Feriduddin Attar, den Moallakat und dem „staunenswerten Koran des Paradieses“ findet sich dort auch Molla Dschami mit seinem Werk „Tohfat ahra“.
Dieses Werk bezeichnet Goethe als „edelsinnig“. Dieses Wort ist kein beiläufiges Lob und kein dekorativer Zusatz. Es ist ein sehr genau gewählter Begriff. Goethe erkennt in Molla Dschami etwas, das er mit einem seiner höchsten deutschen Wertwörter benennt: eine innere Vornehmheit des Geistes und des Herzens.

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Sprache und Begriffe repräsentieren Kulturen
Gerade dieses Wort verdient heute unsere Aufmerksamkeit. Denn „edelsinnig“ ist im heutigen Deutsch fast ausgelöscht. Wenn es überhaupt noch verstanden wird, dann oft nur im Sinne von „gut“, „anständig“ oder „moralisch“. Doch das ist für Goethe zu wenig.
Wer sich mit seinem Sprachgebrauch beschäftigt, erkennt schnell, dass Edelsinn für ihn weit mehr bedeutet als bloß korrektes Verhalten. Gemeint ist eine veredelte innere Gesinnung, eine Haltung, in der Würde, Großmut, Selbstüberwindung, Freiheit vom Niedrigen und menschliche Reife zusammenkommen.
Ein edelsinniger Mensch handelt nicht nur gut, sondern er ist innerlich so geformt, dass aus ihm das Gute hervorgeht. Goethe meint damit also nicht bloß Tugend im äußeren Sinn, sondern eine Art Adel der Seele.
Damit wird auch verständlich, warum er ausgerechnet Molla Dschamis „Tohfat ahra“ so bezeichnet. Dieses Werk ist kein Roman, keine bloße Erbauungsschrift und auch keine Sammlung isolierter Moralregeln. Es ist vielmehr ein geistiges Lehrgedicht, eine Schule der inneren Formung.
Molla Dschami behandelt Grundthemen des menschlichen und geistigen Lebens: die Vergänglichkeit der Welt, die Gefahr des Hochmuts, den Wert von Demut und Genügsamkeit, die Läuterung des Nafs, die Bedeutung von Aufrichtigkeit, Geduld, Dankbarkeit, Liebe, Reue und Gottesnähe.
Das Ziel all dieser Kapitel ist nicht einfach, den Menschen zu einem „braven“ Menschen zu machen. Molla Dschami will den Menschen verwandeln. Er will ihn aus dem Zustand innerer Zerstreuung, Eitelkeit und Selbstbezogenheit herausführen und zu einem Wesen formen, das wahrhaft, geläutert, frei und gottbezogen lebt.
Genau darin liegt die Nähe zu Goethes Begriff des Edelsinns. Denn auch Goethe denkt den Menschen nicht als bloßes Regelwesen. Ihn interessiert nicht nur, ob ein Mensch Vorschriften einhält, sondern welchen innere Geist ein Mensch besitzt. Edelsinn meint bei ihm eine Seele, die sich über das Niedrige erhebt, ohne künstlich zu werden.
Es ist eine Haltung, in der sich ethische Höhe und menschliche Schönheit verbinden. Wer edelsinnig ist, ist nicht kleinlich, nicht roh, nicht eitel und nicht von bloßem Nutzen bestimmt.
Er ist innerlich frei genug, um sich am Höheren auszurichten. „Ahrar“ ist der Plural des Wortes „hurr“, was frei bedeutet. Wenn Goethe also Molla Dschamis Werk „edelsinnig“ nennt, dann erkennt er darin genau diesen Zug: eine Literatur, die den Menschen nicht nur belehrt, sondern ihn innerlich veredeln will.

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Die angemessenen Begriffe finden
Hier beginnt ein Punkt, der für Muslime im deutschsprachigen Raum von großer Bedeutung ist. Denn wenn islamische Begriffe und Texte ins Deutsche übertragen werden, geschieht häufig eine sprachliche Verarmung. Begriffe wie İhlâs, Adab, Tazkiya, Sabr oder Aşk werden oft in flache, rein funktionale oder moralische Formeln übersetzt.
Dann heißt es: Aufrichtigkeit, gutes Benehmen, Reinigung, Geduld, Liebe. Das ist nicht falsch, aber es bleibt oft unterhalb dessen, was diese Begriffe eigentlich tragen. Vor allem entsteht dadurch schnell der Eindruck, der Islam spreche vor allem über Regeln, Pflichten und Moral.
Doch das greift zu kurz. Die islamische Geistestradition spricht nicht nur über das richtige Handeln, sondern über die Veredelung des Menschen. Sie spricht über die Bildung des Herzens, über Läuterung, Charakteradel, Würde, Feinheit, innere Form und Gottesnähe.
Genau an dieser Stelle wird Goethes Wort Edelsinn fruchtbar. Es eröffnet im Deutschen einen Resonanzraum, in dem islamische Begriffe nicht flach und nicht fremd, sondern tief und anschlussfähig zur Sprache kommen können.
Wenn wir etwa sagen, dass das Ziel islamischer Ethik nicht nur „Moral“ ist, sondern Edelsinn, dann rückt plötzlich etwas in den Vordergrund, das der Tradition viel gerechter wird. Dann geht es nicht mehr bloß darum, was erlaubt oder verboten ist, sondern darum, welche Art Mensch aus der Beziehung zu Allahu ta‘ala hervorgehen soll.
Ein Mensch, der demütig ist, nicht weil er schwach ist, sondern weil er innerlich geordnet ist. Ein Mensch, der barmherzig ist, nicht aus sozialem Kalkül, sondern aus veredelter Seele. Ein Mensch, der wahrhaftig ist, weil sein Inneres nicht mehr von Eitelkeit und Schein zerrissen wird.

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Klassische Sprachgewandtheit macht Islam auf Deutsch erfahrbar
Deshalb reicht es eben nicht aus, islamische Theologie auf Deutsch nur als „moralisch“ zu bezeichnen. Das Wort „moralisch“ ist zu trocken und zu modern verwaltet. Es klingt schnell nach Regelwerk, Pflichtgefühl und normativer Kontrolle. Viele klassische islamische Texte zielen aber auf etwas Tieferes. Sie wollen nicht nur Verhalten regulieren, sondern den Menschen innerlich emporheben.
Dafür braucht das Deutsche stärkere, schönere und wahrere Begriffe. Edelsinnig ist ein solcher Begriff. Er ist nicht kitschig, nicht schwammig und nicht bloß literarisch dekorativ. Er trägt eine geistige Höhe in sich, die dem islamischen Menschenbild oft näherkommt als die meisten gängigen Vokabeln unserer Gegenwart.
Gerade deshalb sollten Muslime Goethes Sprache nicht nur bewundern, sondern fruchtbar machen. Das heißt nicht, dass man Goethe unkritisch übernehmen oder die islamische Tradition in deutsche Klassik auflösen sollte.
Es bedeutet vielmehr, dass man das Deutsche auf seiner eigenen Höhe sucht. Wer islamische Inhalte nur mit Verwaltungsdeutsch, Pädagogikdeutsch oder modernem Alltagsvokabular ausdrückt, wird ihnen oft nicht gerecht.
Unsere Aufgabe ist nicht nur, Begriffe zu übertragen, sondern einen sprachlichen Raum zu schaffen, in dem die Tiefe der islamischen Tradition im Deutschen wirklich atmen kann. Dazu gehört, alte deutsche Wörter neu ernst zu nehmen, wenn sie noch etwas von Seele, Würde und geistiger Form bewahren.
Dass Goethe ausgerechnet Molla Dschamis Tohfat al-Ahrar als „edelsinnig“ bezeichnet, ist deshalb mehr als eine literarische Randnotiz. Es ist ein Hinweis. Ein Hinweis darauf, dass zwischen der islamischen Weisheitsliteratur und der deutschen Sprachkultur eine tiefere Verbindung möglich ist als viele heute ahnen.
Goethe hat Molla Dschami nicht exotisch gelesen, sondern geistig ernst genommen. Und genau darin liegt eine Aufgabe für uns heute: nicht nur den Islam ins Deutsche zu übersetzen, sondern ihn in einer Sprache auszusprechen, die hoch genug ist, um ihn zu tragen.
Denn am Ende ist die Frage nicht nur, was wir sagen, wenn wir über islamische Theologie sprechen. Die entscheidende Frage ist auch, in welcher sprachlichen Höhe wir es sagen. Und vielleicht beginnt ein Teil dieser Antwort tatsächlich mit einem fast vergessenen Wort: Edelsinn.