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Eine Heimat der Menschen

Ausgabe 261

Foto: NoRud | Lizenz: CC BY-SA 4.0

(iz). Viele jugendliche Muslime kennen es nur allzu gut. Stets betonen unsere Älteren in den Gemeinden, wie wichtig es sei, unsere Muttersprache zu erhalten, sie zu lernen und zu beherrschen.
Keine Frage, dem ist nicht zu widersprechen, denn die (Mutter-)Sprache ist nicht bloß Sprache, sie ist nicht bloß das verbale Wiedergeben des Wortes. Sie ist Kultur, sie ist Geborgenheit, sie ist Teil der Persönlichkeit und auch der Religion. Sie ist gefüllt mit Emotionen, Erinnerungen, Weisheiten, Wissen und Traditionen und noch so vielem mehr. Sprache ist ein unbeschreibliches Wunder, eine unbeschreibliche Gnade unseres Herrn, mit welcher Er uns Menschen segnete.
Doch rechtfertigt die Liebe zur Muttersprache die Ablehnung einer, die nicht die eigene ist? Ist dieser Umstand dazu nutzbar, um Vorträge, Predigten, Seminare und Unterrichtsreihen lediglich in der jeweiligen Muttersprache anbieten zu wollen? Was ist mit all jenen Muslimen und den Nicht-Muslimen, die am Unterricht und Wissenserwerb teilhaben möchten? Dürfen wir diese ausschließen, mit der Begründung, dass wir den Jugendlichen – die ihre Muttersprache nur noch gebrochen sprechen können – die Kenntnis hierüber wieder beibringen möchten, aufgrund der oben benannten Elemente? Gelten die Eigenschaften und die Wichtigkeit, die wir – zu Recht – unserer Muttersprache beimessen, denn nicht auch für die deutsche Sprache? Ich wage sogar, zu fragen: Ist die deutsche Sprache für die hier lebenden Muslime nicht von größerer Bedeutung?
In Deutschland, unserer Heimat, leben Muslime verschiedenster Nationalitäten. Türken, Afghanen, Araber, aber auch Franzosen, Spanier und Norweger. Ich könnte jede weitere Nation aufzählen, denn die Zugehörigkeit zum Islam kennt keine nationale Grenze. Ethnie und Sprache mögen zwar Erkennungsmerkmale für Muslime darstellen, doch sind sie keineswegs Kriterien für ihr Muslim-Sein.
Sollte unter Berücksichtigung des Umstandes, dass einige islamische Gemeinden sich allein nach Ethnie und Sprache identifizieren, nicht das oberste Gebot sein, all die Muslime verschiedenster Nationalitäten dazu anzuhalten, miteinander zu kommunizieren, zu sprechen, einander kennenzulernen und das Gespräch miteinander zu suchen?
Es ist Tatsache, dass uns dies nur gelingen kann, wenn wir, neben unserer Religionszugehörigkeit und unseren gemeinsamen Grundwerten, weitere Eigenschaften erlangen – und insbesondere hiervon auch Gebrauch machen –, die uns alle, Muslime als auch Nichtmuslime, einen und zusammenführen. Was außer der deutschen Sprache könnte dies denn für uns sein? Sie ist jene Sprache, die insbesondere die Jugendlichen unserer Gemeinden sprechen und zu gebrauchen verstehen. Sie ist jene Sprache, die das Potenzial und die Fähigkeit in sich birgt, die Muslime in Deutschland zu einen oder sie zumindest innermuslimisch als auch gesamtgesellschaftlich einander näher zu bringen. Jene Sprache, die Verbundenheit und Kommunikation zwischen den hier lebenden Muslimen jedweder Nationalität ermöglicht.