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Es sieht nicht gerade rosig aus

Ausgabe 255

Foto: Maurice Flesier | Lizenz: CC BY-SA 4.0

„Beiden Seiten fehlt ­Empathie und ein Verständnis für die Sorgen und auch die Kritik der ­anderen Seite. Und während man all dies bei den Anderen bemängelt, nimmt man nicht wahr, dass es am eigenen Ufer nicht wirklich anders ­ausschaut.“
(iz). In diesen Tagen jährt sich das Anwerbeabkommen mit der Türkei zum 55. Mal. Mittlerweile leben Generationen von Deutsch-Türken in unserem Land, die hier in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Man glaubte, dass Deutschland auch zur Heimat für viele Türkeistämmige geworden sei.
Dieser Glaube wurde aber in den letzten Wochen und Monaten erschüttert. Politiker und auch einfache Bürger, sowohl Deutsche als auch Deutsch-Türken, stellen Fragen über das künftige Zusammenleben; manche stellen es sogar gänzlich in Frage.
Ist die Lage wirklich so schlimm, oder kochen die Emotionen aufgrund der Diskussionen über die politische Lage in der Türkei nur kurz hoch?
Die alt- oder biodeutsche oder deutsch-deutsche und die türkisch-deutsche – schon beim Vokabular fangen die Probleme ja an –, beide Seiten also sehen immer nur den Splitter im Auge des Anderen und nie den Balken im eigenen. Ein Bild übrigens, das sowohl in der Bibel vorkommt, als auch in einer Überlieferung des Propheten Muhammad.
Die deutsch-türkischen Debatten sind mittlerweile zu einer Art Obsession geworden. Es wird mehr übereinander als miteinander geredet.
Der Generalsekretär der CDU, Peter Tauber, stellt den Deutsch-Türken die Loyalitätsfrage oder der CSU-Politiker Scheuer empfiehlt sogar denjenigen, die hier in Deutschland demonstrieren wollen, die Ausreise. Auch grüne Politiker wie Cem Özdemir und Volker Beck schwadronieren von türkischen Moscheen als verlängertem Arm Erdogans in Deutschland, die den Religionsunterricht ideologisch unterwandern würden.
Eine Rhetorik, die an die 1970er und 1980er Jahre erinnert, an Franz-Josef Strauß und andere Politiker dieser Zeit, in der man immer noch dachte, der Türke sei ein Gastarbeiter, mit der Betonung auf Gast. Mit dieser Rhetorik, die nicht auf Tatsachen basiert, schürt man Ressentiments. Gleichzeitig umgeht man Probleme, die man in der Tat thematisieren müsste.
Aber auch auf der anderen Seite sieht es nicht gerade rosig aus. Deutsch-Türken beklagen sich vielleicht zu Recht über Verallgemeinerungen und Pauschalisierungen, die sie betreffen. Man selbst aber praktiziert eben das, wenn bundesdeutsche ­Medien oder Politiker die Entwicklungen in der Türkei kritisch begleiten, nach Rechtsstaatlichkeit fragen und die aktuellen Maßnahmen des türkischen Staates zumindest hinterfragen.
Bei allem Respekt: Nicht jede Kritik ist Türkenfeindlichkeit. Nicht jede Kritik ist ein Türkeibashing. Auf der einen Seite kritisiert man die Medienberichterstattung deutscher Medien. Man verurteilt Karikaturen und Satire, in denen der türkische Staatspräsident verhöhnt wird. Aber man schweigt zu den zahlreichen Titelseiten türkischer Tageszeitungen der letzten Zeit, in denen Bundeskanzlerin Merkel mit Hitlergruß sowie der Überschrift „Heil Merkel!“ und Hakenkreuzfahne abgebildet wird, und Deutschland als ein Land präsentiert wird, das sich „Türkenfeindlichkeit“ auf die Fahne geschrieben habe.
Obwohl der Lebensmittelpunkt von knapp drei Millionen Türkeistämmigen in Deutschland liegt, scheinen viele Deutsche und Türken sich immer noch fremd zu sein. Zumindest, wenn man die Diskussionen der letzten Monate verfolgt. Aber eigentlich sind sie sich ähnlicher, als sie es sich vorstellen können.
Deutsch-Türken haben die „typisch deutsche“ Eigenschaft, alles schlechter zu sehen, als es in Wirklichkeit ist. Und auch sie neigen dazu, auf Kritik ähnlich zu reagieren, wie so manche deutsche Geistesverwandte: Verallgemeinerungen wie „DIE Medien“, „DIE Politiker“, ja sogar bedenkliche Terminologien wie „Lügenpresse“ machen auf beiden Seiten die Runde. Deutsch-Türken wittern hinter jedem kritischen Artikel über die Türkei oder Erdogan Machenschaften der Lügenpresse. Und besorgte deutsche Bürger brandmarken Journalisten, die differenzieren wollen und für Verständnis statt Hetze plädieren, ebenfalls als Vertreter der „Lügenpresse“.
Beiden Seiten fehlt Empathie und ein Verständnis für die Sorgen und auch die Kritik der anderen Seite. Und während man all dies bei den Anderen bemängelt, nimmt man nicht wahr, dass es am eigenen Ufer nicht wirklich anders ausschaut. Ein Peter Tauber muss verstehen lernen, dass Deutsch-Türken noch sehr gut wissen, wie die Verhältnisse unter den Militärdiktaturen, die übrigens säkular und kemalistisch waren, in der Türkei in jüngster Vergangenheit waren. Es hat nichts mit einer fehlenden Loyalität zu tun, wenn Deutsch-Türken aus Solidarität mit der Türkei gegen den Putschversuch auf die Straßen gehen.
Genauso müssen aber auch Deutsch-Türken nachempfinden, dass es auf viele Menschen befremdlich wirkt, wenn man bei Türkeithemen leidenschaftlich reagiert und demonstriert, während man zu Themen, die hier in Deutschland für alle Bürger von Bedeutung sind, schweigt und keinen Beitrag leistet. Parolen schwingen, Fahnen schwenken und die Schuld immer beim bösen Anderen suchen, das kennen wir auch von Pegida & Co.
Nach 55 Jahren sollten Deutsch-Türken ihre Opferhaltung endlich überwunden haben und sich mit dem Hier und Heute beschäftigen, statt Scheindebatten zu führen. Sie haben nämlich keinen Bezug zum Alltagsleben in Deutschland. Und die deutschen Politiker sollten endlich mal die Rhetorik der 1970er und 1980er Jahre überwinden. Denn türkische „Gastarbeiter“ gibt es in Deutschland nicht mehr.
Gerade als Muslime, die in Deutschland leben und leben werden, muss man sich die Frage stellen, warum man sich von Scharfmachern treiben lässt und unbewusst diesen immer mehr ähnelt, indem man fast nur noch damit beschäftigt ist, auf sie zu reagieren, statt selbst zu agieren. Man beobachtet, dass immer mehr junge Muslime negativer zu ihrem Umfeld in Deutschland stehen.
Damit machen wir uns unsere Möglichkeiten in Deutschland selbst kaputt und das Positive gerät aus dem Blick. Die Erdogan-Obsession mancher Medien und Politiker sollte unseren Blick nicht vor unserer Verantwortung hier in Deutschland benebeln. Ja, wir wehren uns gegen unfaire Angriffe gegen die Türkei und Muslime.
Aber in erster Linie sind wir verantwortlich für unsere Existenz hier in Deutschland. Wer sich von den Ressentiments und von der Negativität anderer zu sehr vereinnahmen lässt, wird am Ende auch selbst voller Ressentiments und Negativität sein. Das sollten aber nicht die Eigenschaften von uns Muslimen sein.

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