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Für Aleppo

Ausgabe 259

Foto: VOA, Scott Bob | Lizenz: Public Domain

(iz). Es gibt ein Buch, das von einem amerikanischen Anthropologen veröffentlicht wurde, der von den alten, aus dem Punjab stammenden Familien Kenias fasziniert war. Innerhalb des Kapitels über meinen spezifischen Clan fand sich eine wundervolle Anekdote. Sie wurde von einem damals jungen Mann erzählt, der ganz sicher heute in einem noblen Alter ist, und handelt von meinem Urgroßvater.
Die Worte erwecken das Bild eines jungen Mannes, der einen vornehmen Herrn sieht: Halb Händler und halb Abenteurer, in seinen Räumen sitzend, nachdenklich eine Gebetskette durch die Finger gleiten lassend, während er an einer Wasserpfeife pafft. Eines Tages, bei seinen gewohnheitsmäßigen Aufenthalten auf der Arabischen Halbinsel, machte mein Urgroßvater einen Umweg über Syrien. Er kehrte mit einer wunderschönen Braut heim, die sich in ihrem eigenen Refugium des Familienbesitzes niederließ. Später kehrte sie mit ihren beiden Kindern nach Syrien zurück.
Wie es das Wesen der Familie ist, als Verknüpfung alles Politischen, hörten die Nachrichten von diesem syrischen Zweig der Familie irgendwann auf, zu fließen. Ich kenne ihre gegenwärtige Lage nicht, noch weiß ich, auf welcher Seite der Schlacht sie sich wiederfanden. Was mir bliebt, ist, dafür zu beten, dass sie sicher und beschützt sind.
Wir befinden uns in einer Krise. Unsere gemeinsame Menschlichkeit ist in Bedrängnis. Die Art und Weise, in welcher wir unsere politischen und – ultimativ – sozialen Mythen bilden, lässt uns in akuter Unsicherheit über uns selbst zurück. Und so eilen wir zu dem Offensichtlichen und Simplen, damit wir unsere Welt bestimmen können. Aber der Mensch ist komplex. Daher sind das Offensichtliche und das Simple fantastische Scheinbilder einer anarchischen Wirklichkeit.
In politischer Hinsicht hat sich diese grobe Anhäufung der Realität als Pendelschlag zu den Rändern des Nationalismus und Populismus manifestiert; ungeachtet der Position im heute überholten politischen Spektrum. Es gibt ein Zitat von Napoleon, welches mein Mentor benutzt: „Die Extreme berühren sich.“
Die Brexit-Abstimmung war eine Wahl für ein mythisches Großbritannien, welches sogar vor 1066 niemals zu finden war. Donald Trumps Wahlsieg ist das Ergebnis des gleichen grundlegenden und rohen Konstrukts von Nationalstaatlichkeit; das Land der rauen Grenzbewohner von einst. Bernie Sanders verträumter fortschrittlicher Populismus half dabei mit, dass das steife und unnatürlich wirkende Clinton-Lager dabei zusah, wie seine traditionelle Wählerbasis erodiert wurde. In Österreich kam eine von Rechtsgerichteten gegründete Partei zentimeternah an die Macht heran. Politische Ereignisse sind jedoch nicht linear. Und das Ereignis ist selbst bloß ein Vorbote einer gefährlichen Möglichkeit.
Das Element, das bei all diesen Geschehnissen fehlt, ist eine definierte oder verbindliche Realität beziehungsweise Wahrheit. Heute legen wir unseren Schwerpunkt nicht auf Tatsachen oder Ereignisse, sondern vielmehr auf deren Interpretation. So wird alles Hyper-Subjektivierungen und Relativierungen unterzogen: Die Erde schwebt auf dem Rücken einer gigantischen Schildkröte durch das Weltall. Unausweichlich führt dies zu einem Gefühl der Lähmung, wenn die Zeit kommt, eine realistische und starke Alternative und einen Weg nach vorne anzubieten. Ich wage zu behaupten, dass unsere Unfähigkeit, die traumatische Realität des Krieges in Syrien zu begreifen, im Herzen dieser Paralyse liegt.
Wenn Macht heutzutage mehr als zu jedem anderen Zeitpunkt in den letzten eineinhalb Jahrzehnten der neueren Geschichte aus der Fähigkeit besteht, Wirklichkeit auf der Deutung zu basieren, die den Interessen der politischen Akteure nützt, dann sollten wir alle Deutungen im Interesse der Realität vermeiden. Machen wir uns frei von den komplizierten Dialektiken, die im Syrienkonflikt wirksam sind, sowie den Relativierungen fundamentaler politischer Konzepte wie Legitimität. Vielmehr sollten wir das Unstrittige vor uns Revue passieren lassen, sodass wir zumindest die Wirklichkeit von Ereignissen aufnehmen können.
Seit 2011 starben mindestens 400.000 Menschen als Ergebnis des syrischen Bürgerkrieges. Einen großen Teil dieser Zahl stellen Zivilisten – die Alten, Frauen und Kinder. Mindestens 12 Millionen Menschen sind entweder Flüchtlinge in ihrem eigenen Land oder in unbekannten Gegenden. Diese Leben sind entweder verloren oder unumkehrbar zerrissen. Ereignisse wie Aleppo geschehen konstant seit mehr als fünf Jahren, jeden Tag.
Jedes Mal, wenn diese Zahlen steigen, sind wir als Menschen betroffen. Ignorieren wir diese Wirklichkeit im Interesse der Deutungen, dann treiben wir uns weiter in die politischen Extreme. Wenn es uns gelingt, diese Wirklichkeit zu akzeptieren und gemeinsame Anstrengungen zum Ende des Krieges zu fordern, dann finden wir Frieden. Was diesen Unschuldigen in Syrien widerfährt, geschieht mit uns allen. Die wirkliche Herausforderung unserer Zeit besteht darin, die Verantwortung zu übernehmen.

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