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Gefoltert, verstümmelt, ermordet: 40 Jahre nach Sabra und Schatila

Foto: Catay, Shutterstock

Die Massaker libanesisch-christlicher Milizen in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila von 1982 zählen zu den schlimmsten Gräueln des libanesischen Bürgerkriegs. Aufgearbeitet sind sie bis heute nicht.

Beirut (KNA) Der Schauplatz: Sabra und Schatila, zwei palästinensische Flüchtlingslager am südlichen Stadtrand Beiruts. Das Geschehen: ein Akt des Völkermords – so wird die UN-Vollversammlung später das bezeichnen, was zwischen dem 16. und 18. September 1982 geschah. Die Täter: libanesische Christen. Die Ermöglicher: israelische Soldaten. 36 Stunden lang. Zwischen 460 und 3.000 zivile Opfer.

Lange vor dem blutigen September 1982 kriselte es im Land der Zedern zwischen Palästinensern und Libanesen, zwischen Christen und Muslimen. Die rund 300.000 Palästinenser, die im israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948 Zuflucht im Libanon suchten, rüttelten in der Folge am fragilen Bevölkerungsgefüge zwischen libanesischen Christen, Schiiten und Sunniten.

Im Herbst 1970 aus ihrem bis dahin wichtigsten Operationsgebiet Jordanien vertrieben, wurde Libanon zur neuen Basis der 1964 gegründeten Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO). Vor allem vom Süden aus agierte die Organisation gegen Israel. Der PLO-“Staat im Staat“ wurde Libanons Christen zum existenzbedrohenden Dorn im Auge. Sie begannen, sich in Milizen zu organisieren. Der Überfall christlicher Falange-Milizen auf einen Bus palästinensischer Flüchtlinge, bei dem am 13. April 1975 mindestens 17 Menschen starben, gilt als Auftakt des libanesischen Bürgerkriegs.

Sieben Jahre tobt die Gewalt bereits, als sich die Straßen von Sabra und Schatila mit Blut und Leichen füllen. Milizen in wechselnden Koalitionen bekämpfen sich, Attentate und Vergeltungsschläge fordern Menschenleben in allen gesellschaftlichen Gruppierungen und verhärten die religiös-politische Zersplitterung des Landes. Neben Syrien mischt auch Israel mit – und schlägt sich gegen die PLO auf die Seite der Christen. 1978 besetzt es zunächst Libanons Süden. Im „Frieden für Galiläa“ getauften Feldzug stößt es ab Juni 1982 bis nach Beirut vor.

Dann überschlagen sich die Ereignisse. Die PLO muss Anfang September den Libanon verlassen und richtet sich in Tunis ein. Falange-Milizenführer Baschir Gemayel – gerade erst zum Präsidenten gewählt und noch nicht offiziell in sein Amt eingeführt – wird bei einem Attentat in Beirut am 14. September getötet, die PLO für seine Ermordung verantwortlich gemacht.

Die israelische Armee riegelt daraufhin Sabra und Schatila ab. Raus darf niemand mehr. Stattdessen gestatten sie am Abend des 16. September den Falangisten den Zutritt. 150 von ihnen, unter Führung von Sicherheitschef Eli Hobeika, dringen in die Lager ein, um die vermeintlich dort versteckten Mörder Gemayels zu finden und den Israelis auszuhändigen. Leuchtraketen, laut Berichten von der israelischen Armee abgefeuert, erhellen das Gebiet in der Nacht.

Erst am Morgen des 18. September, als das Blutbad ein Ende hat, wird internationalen Journalisten der Zutritt zu den Lagern gewährt. Ihre Bilder gehen um die Welt: Hunderte, vielleicht tausende Palästinenser, viele von ihnen Frauen, Kinder und Alte, vergewaltigt, gefoltert, verstümmelt, mit Messern und Äxten ermordet. Sie liegen in den Straßen, unter Trümmern von Häusern, in Massengräbern. Ihre Leichen, berichteten Augenzeugen später, seien mit Bulldozern zusammengekehrt, begraben oder aber abtransportiert worden sein.

460 Todesopfer soll es nach Angaben der libanesischen Polizei gegeben haben, Israel ging aufgrund von Geheimdienstinformationen von etwa 800 Opfern aus, von 2.000 der Palästinensische Rote Halbmond. Die PLO sprach von 3.300. „Wie viele Menschen wirklich bei den Massakern in den Palästinenserlagern Sabra und Schatila ums Leben gekommen sind, wird man wahrscheinlich nie genau feststellen können“, berichtete der damalige ARD-Radio-Korrespondent Gerd Schneider von den Grauen von Beirut.

Bis heute gehören Sabra und Schatila zu den zwölf palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon. Je nach Schätzung zwischen 12.000 und 22.000 Menschen sollen in ihnen leben, neben Palästinensern vor allem Syrer, die vor dem syrischen Bürgerkrieg geflohen sind. Die Massaker von 1982 zählen zu den schlimmsten Gräueltaten des libanesischen Bürgerkriegs. Aufgearbeitet sind sie auch 40 Jahre später nicht.

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