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Der naive Philosoph? Autoren wie Habermas formulieren Kontrollfragen

Ausgabe 333

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Foto: Európa Pont, via flickr | Lizenz: CC BY 2.0

Es muss für Habermas amüsant wirken, dass er als „Naivling“ abgestempelt wird. Der Weltphilosoph habe – wie er belehrt wird – übersehen und vergessen, dass der Kriegstreiber Putin kein Adressat für Verhandlungen ist.

(iz). In Badenweiler ist ein kleines Literaturmuseum Anton Tschechow gewidmet, der 1904 in dem Kurort verstarb. Der Schriftsteller wurde mit seinen scheinbar belanglosen Alltagsepisoden berühmt, die auf die Fragwürdigkeit großer Ideen und Visionen anspielen. Seine Skepsis gegenüber jeglicher Ideologie zeichnet sich durch eine Nähe zum Relativismus unserer Zeit aus. Thomas Mann verehrte den Dichter und widmete ihm 1954 den Essay „Versuch über Tschechow“, in dem er ihn als geistig-seelisch verwandten Zeitanalytiker feierte.

Schlussfolgerungen kann man uns nicht abnehmen

Insbesondere faszinierte den deutschen Nobelpreisträger eine Szene aus der „Langweiligen Geschichte“, in der ein weltberühmter, greiser Gelehrter von seinem Mündel in einer existenziellen Notlage um Rat gebeten wird. Die Antwort des Meisters fällt lapidar aus: „Ich weiß es nicht.“ Mann gefiel grundsätzlich die Bescheidenheit des Künstlers, der zwar wichtige Fragen stellt, aber dem Leser niemals die Schlussfolgerungen abnimmt.

Thomas Mann

Foto: Bundesarchiv, Bild 183-R15883 / Unbekannt / CC-BY-SA 3.0

Die Teilnahme von Künstlern und Philosophen an den großen Debatten dieser Zeit ist nicht nur wünschenswert, sondern notwendig. Dabei unterliegen sie nicht den Normen der politischen Korrektheit. Sie dürfen Abwegiges und Provokantes vorbringen und eine Art von Kontrollfragen formulieren, die den öffentlichen Diskurs verunsichern – gerade wenn er durch eine Mehrheitsmeinung geprägt ist.

Wortmeldungen von Jürgen Habermas

Der Philosoph Jürgen Habermas ist 93 Jahre alt und meldet sich in diesen Tagen mit diversen Wortmeldungen aus dem verdienten Ruhestand zurück. Seine Worte wirken wie eine Mahnung, die darauf abzielt, dass wir uns den möglichen Folgen des Engagements in der Ukraine bewusst werden.

Sie rufen in Erinnerung, dass eine Generation von Politikern in das Schicksal von Millionen Menschen eingreift, die selbst über keinerlei Kriegserfahrung verfügt. Seine Motivation erklärt er wie folgt: „Mir geht es um den vorbeugenden Charakter von rechtzeitigen Verhandlungen, die verhindern, dass ein langer Krieg noch mehr Menschenleben und Zerstörungen fordert (…).“

Es muss für den alten Philosophen, der ein Leben lang auf höchstem Niveau nachgedacht hat, amüsant wirken, dass er als „Naivling“ abgestempelt wird. Der Weltphilosoph habe – wie er belehrt wird – übersehen, vergessen, dass der Kriegstreiber Putin kein Adressat für Verhandlungen ist. Ein Fakt, dem Millionen von Muslimen nach ihren Erfahrungen in Syrien gerne zustimmen. Es bleibt dennoch die Frage, ob die Intervention des Denkers tatsächlich so banal einzuordnen ist?

Foto: Tomas Ragina, Shutterstock

Die Dialektik des Entweder-oder

Es fällt auf, dass in Deutschland die großen Debatten schnell in einem Entweder-oder enden. Im Falle des Krieges in Osteuropa wird in dialektischer Härte aufgezeigt, dass nur die Kapitulation der Ukraine oder die Rückeroberung der Krim zur Wahl stehen. Fern von der Front kämpfen „Feiglinge“ gegen „Mutige“ um die Herrschaft im öffentlichen Diskurs. Deutet Jürgen Habermas letztlich nur an, dass es so etwas wie einen Mittelweg gibt?

In den wichtigen existenziellen Debatten hat der ideologische Anspruch auf Wahrheit immer etwas Verdächtiges. Die Lage an der Front, die wir durch die Linse westlicher Medien sehen, entzieht sich der Eindeutigkeit. Man sollte das Forschen nicht einstellen und sich interessieren, wie viele ukrainische Soldaten alltäglich sterben oder nachsinnen, ob es weiterhin eine Opposition in Kiew gibt. Das Interesse daran, wer die Waffen aus aller Welt finanziert, ist ebenso legitim.

Was wir sicher wissen, ist: Das heutige Russland hat mit der Denkwelt der russischen Dichter aus dem 19. Jahrhundert wenig gemeinsam. Es ist eine Diktatur auf imperialer Grundlage und kein System, das sich mit der Idee der Freiheit verträgt. Ja, die Ukraine verteidigt Europa gegen das Moskauer Regime. Die Grenzen der Solidarität zu ziehen, ist angesichts der realen Gefahr eines dritten Weltkrieges nicht nur eine politische, sondern ebenso eine philosophische Frage. Es wäre nicht moralisch, mit dem kollektiven Selbstmord zu spielen.