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Humor mit Melancholie (1) – Was hat die „schwarze Galle“ mit Stimmung und Gesundheit zu tun?

Ausgabe 327

Foto: Bálint Szabo, Unsplash

Humor ist ein seltsames Wort, das die meisten von uns heute tatsächlich nur in einem sehr engem Sinn benutzen. Dieser Sinn  reflektiert jedoch nicht die ursprüngliche Spannbreite seiner Bedeutung. Das ließe sich in der Tat auch über einige andere Worte in unserem Sprachgebrauch sagen, die wir benutzen, um gewisse Instrumente der menschlichen Wahrnehmung und unseres Ausdrucks zu beschreiben. „Intellekt“ wäre hier ein anderes Beispiel. Ein Wort das eigentlich niemals nur eine rein trockene, rationale Fähigkeit beschrieb. Von Leyla Jagiella

(iz). Ein weiteres Beispiel wäre ständige Verwirrung um Begriffe wie „Geist“, „Selbst“ und „Seele“ in heutigen Sprachen (zumindest gebildete Menschen im mittelalterlichen Europa und in der klassischen islamischen Epoche wussten, dass diese Begriffe drei völlig unterschiedliche Teile unseres Wesens meinen). Auch das Wort Humor hat seine Bedeutung auf eine Weise verändert, die es in mancher Hinsicht präziser gemacht hat, aber ebenso dazu führte, dass es viel von seiner ursprünglichen Subtilität verloren hat.

Es ist ursprünglich eine lateinische Transliteration des antik-griechischen „Chymos“, das ursprünglich Pflanzensaft oder Lebenskraft meinte, aber metaphorisch (wie „râsa“ in Sanskrit) auch  „Geschmack“ meinen konnte. Nach der medizinischen Theorie der alten Griechen, die wir mit antiken Gelehrten wie Hippokrates oder Galen verbinden, fließen vier „Säfte“ im menschlichen Körper: Blut, gelbe und schwarze Galle sowie Schleim. Ihre genaue Mischung und Gleichgewicht bestimmen Charakter und Gesundheit einer Person.

Der heutige Leser wird drei dieser Säfte auch in seiner Erfahrungswelt leicht wiedererkennen können, da sie tatsächlich auch in seinem Körper existieren. Der vierte Saft dürfte für ihn jedoch in der Regel Mysterium bleiben. Was ist diese rätselhafte „schwarze Galle“? Blut und Schleim sind leicht zu erkennen. Ebenso kennen wir die „gelbe Galle“, die wir üblicherweise nur „Galle“ nennen. Wir wissen auch, dass letztere irgendwie mit Bilirubin zusammenhängt, der Quelle der charakteristischen Hautfarbe, die bei Krankheiten wie Gelbfieber, Hepatitis und Leberzirrhose häufig auftritt.

Seltsamerweise, als ein Überbleibsel altgriechischer Ideen über die Verbindung von Körpersäften und Charaktereigenschaften, assoziieren wir auch bis heute noch „Galle“, „gallig“ und „bitter“ mit unangenehmen Verhalten. Aber die schwarze Variante der Galle ist uns fremd geworden; zumindest dem Anschein nach. In Wahrheit ist sie das nicht. Denn wir verweisen immer noch auf sie, allerdings nur in Worten, die direkt von ihrem altgriechischen Namen abgeleitet sind. Im Altgriechischen wird die „schwarze Galle“ „melaina chole“ genannt, woraus sich unser „Melancholie“ ableitet. Ein Melancholiker ist wörtlich also jemand, der unter einem Ungleichgewicht (üblicherweise im Überschuss) von „schwarzer Galle“ leidet.

Die schwarze Galle selbst  findet sich in der Tat nirgends im menschlichen Körper. Historiker spekulieren, dass die Idee dieses Saftes auf einem Missverständnis zur Bildung von Gallensteinen oder der Funktion der Milz beruhen könnte. Die Griechen haben sich ihre Theorie der Körpersäfte sicher nicht bloß ausgedacht. Sie basierte auf ihrem damaligen wissenschaftlichen Verständnis sowie auf Beobachtungen und Untersuchungen. Natürlicherweise konnten die Menschen damals noch nicht die Wirkungsweise von Bakterien und Viren nachverfolgen. So entwickelten sie eine andere Theorie von Gesundheit und Krankheit.

Die Idee der vier Körpersäfte (Humoraltheorie oder Temperamentenlehre) bildete hierbei das wichtigste Element, aber sie umfasste auch noch einige andere Faktoren, wie etwa der Einfluss „kalter“ und „warmer“ Elemente um uns. Obwohl wir heute wissen, dass eine greifbare Substanz namens „schwarze Galle“ nicht in unserem Körper existiert, nutzen wir dennoch verschiedene Konzepte, die sich von der Gesundheitslehre der  antiken Griechen ableiten. Die Vorstellung von „Melancholie“ ist eines davon. Einen ähnlichen Rückgriff auf diese Konzepte finden wir auch in dem Ausdruck „sich eine Erkältung eingefangen“. Wir nennen bestimmte Leute „phlegmatisch“; ein Wort, das einen Überschuss von Schleim beschreibt. Andere nennen wir „Choleriker“ in Bezugnahme auf ein Übermaß an „gelber Galle“ (chole). Das heute im Alltag weniger genutzte, aber in der literarischen Sprache noch präsente Wort „sanguinisch“ verweist auf ein Zuviel an Blut. 

Die griechisch-römische Medizin, von assyrisch-christlichen und später muslimischen Wissenschaftlern wie dem großen Philosophen und Arzt Ibn Sina aus dem zehnten Jahrhundert vermittelt, war jahrhundertelang die Standardtheorie der Medizin in einem Raum, der sich von den Britischen Inseln bis zum Tianshan-Gebirge erstreckt. Für den Großteil des europäischen Mittelalters und der Renaissance fanden sich die fortschrittlichsten wissenschaftlichen Entwicklungen und das aktuellste Wissen dabei in der muslimischen Welt. Damals bezogen sich Europäer oft auf Übersetzungen arabischer Texte, um ihr medizinisches Wissen zu erweitern. Einige reisten sogar in den Osten, um Informationen aus erster Hand über die letzten Durchbrüche auf dem Feld der Wissenschaft zu erlangen. Eine dieser Reisen wurde 1986 von Noah Gordon in seinem Roman „Der Medicus“ fiktionalisiert, der die Geschichte eines christlichen Jungen aus dem England des 11. Jahrhunderts erzählt, der Medizin im persischen Isfahan studiert. In der Tat, bis ins 18. Jahrhundert hinein blieb Ibn Sinas „Kanon der Medizin (Qanun fi’l-Tibb)“ ein wichtiges Referenzwerk, das an den europäischen Medizinschulen gelehrt wurde und auf das sich medizinische Mediziner bezogen.

Allerdings hatte bereits im 16. Jahrhundert in Europa ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Dank der Anstrengungen des Schweizer Alchemisten Paracelsus war eine neue Medizintheorie entstanden. Seine Theorie unterschied sich noch stark von heutigen Vorstellungen über Krankheit und Gesundheit, aber sie führte die Medizin auf eine neue Entdeckungsreise. Inspiriert von seinem Wissen der Alchemie, selbst ein Import aus der muslimischen Welt mit griechisch-römischem Erbe, verschob Paracelsus die Aufmerksamkeit von „Körpersäften“ hin zum Studium von Substanzen wie Toxinen. Dadurch ermöglichte er den Aufstieg dessen, was wir als moderne allopathische Medizin begreifen. Freilich waren im 16. Jahrhundert die glorreichen Zeiten der griechisch-römisch-islamischen Medizin auf Grundlage der Humoral-Pathologie noch nicht ganz vorbei. Der muslimischen Welt gelangen selbst in diesem Moment weiterhin wichtige medizinische Entdeckungen, die ihrerseits später zum heutigen modernen allopathischen Medizinverständnis beitrugen.

1616 etwa erwähnte der Mogulkaiser Dschahangir, ein Mann mit großem persönlichen Interesse an Heilkunst und anderen Wissenschaften, in seinem „Dschahangirnama“, dass es einen offenkundigen Zusammenhang zwischen Ratten sowie anderen Nagern und dem Ausbruch von Pest bei Menschen zu geben scheint. Er schrieb diese Beobachtung seiner Nichte zu. Viel später noch, im 18. Jahrhundert, lernte Lady Mary Montague die Technik der Pockenimpfung von den Frauen des osmanischen Istanbuls und führte sie anschließend in England ein.

Nichtsdestotrotz begann das paracelsische Paradigma, das Blatt des medizinischen Fortschritts zugunsten Europas zu wenden. Die muslimische Welt verlor hier offenkundig zunehmend ihre Führungsrolle. Während die Lehre der Körpersäfte einstmals die Standardtheorie der Medizin war, wird sie heute nur noch in einigen Formen der Alternativmedizin benutzt – wie Heiltraditionen der mittelalterlichen deutschen Nonne Hildegard von Bingen, die noch heute bei einigen Menschen beliebt sind. Ausdrücke wie „sich eine Erkältung einfangen“ und das romantische Konzept von Melancholie gehören zu den wenigen Überlebenden der Humoralpathologie in unserer modernen Welt.

Es ist dabei faszinierend zu beobachten, dass die Melancholie von allen Stimmungen der Humoralpathologie nach wie vor die beliebteste ist. Auch wenn wir in bestimmten Zusammenhängen weiterhin Worte wie phlegmatisch und cholerisch verwenden, haben diese in unserer Alltagssprache sicher nicht das gleiche Gewicht wie die Melancholie. Sie ist gleichzeitig gefürchtet und beliebt; sie ist eine Form von Depression, aber im Gegensatz zur klinischen Form der letzteren scheint sie ebenso mit Vorstellungen von Schönheit und Kreativität verbunden zu sein. Man stellt sich den Melancholiker oft als Genie oder Künstler vor; im Gegensatz zum Depressiven, der meist als sozialer Versager wahrgenommen wird. Diese Stimmung wird mit Sehnsucht und Nostalgie in Verbindung gebracht. Sie kann aber, wie die klinische Depression, ebenso zum Selbstmord führen.

Bereits in Ibn Sinas „Kanon“ gilt die Melancholie als etwas, das mitunter behandlungsbedürftig ist. Eine Anwesenheit von zu viel „schwarzer Galle“ muss in diesen Fällen eingeschränkt werden, um die Gesundheit eines Menschen sicherzustellen. Andererseits tragen alle Menschen auch ihre eigene spezifische Mischung von Körpersäften in sich. Daher ist es erstmal auch nur natürlich, dass einige Menschen mehr „schwarze Galle“ in sich tragen, als andere, und damit auch mehr zu Melancholie neigen. Daher muss Melancholie nach Ibn Sina, sie im Gegensatz zur klinischen Depression, nicht immer als Krankheit gesehen oder behandelt werden.

Sowie das Wort „Melancholie“ im Westen seltsames, von humoralpathologischen Theorien losgelöste Nachleben entwickelt hat, hat auch die Terminologie um „schwarze Galle“ in islamisch geprägten Kulturen eine gewisse Autonomie jenseits medizinischer Theorien erlangt. Nicht selten wird die „schwarze Galle“ und ihr Einfluss mit bestimmten Arten von Musik und Dichtung verbunden. Das arabische Wort für lautet „Sauda“. Im Osten wurde es zum Künstlernamen des bekannten Urdu-Dichter Mirza Muhammad Rafi „Sauda“, der 1781 starb, und es führte zu zahlreichen  Anspielungen auf den melancholischen Wahnsinn – sowohl in seiner Dichtung als auch in der von Gegnern und Bewunderern gleichermaßen. Im modernen Türkisch wird „sauda“ als „sevda“ geschrieben. Hier begegnen wir einer interessanten Assimilierung des Wortes, denn das türkische Verb „sevmek“ heißt „zu lieben“. Viele moderne Türken glauben daher irrigerweise, Sevda leite sich etymologisch von sevmek ab.

Entsprechend seiner ursprünglichen Bedeutung kann sevda jedoch nur als eine unglückliche und unerfüllte Liebe gesehen werden: eine melancholische. Bei den Völkern des nach-osmanischen Balkans wird ein ganzes Musikgenre als vollkommener Ausdruck dieser melancholischen Liebe: die Sevdalinka. Bosnische Muslime sehen sie und den sie begleitenden melancholischen Geist als ihr ureigenes geistiges Eigentum, aber die sevdalinka hat ebenso auch Fans und Entsprechungen bei allen anderen Balkanvölkern. Ihr Repertoire an Musikinstrumenten und Melodien zieht sie sowohl aus der alten Volksmusik der Region als auch aus sephardisch-jüdischen und türkischen Elementen, ihre Texte sind voller Herzensbrüche und zerschlagener Hoffnungen. Selbst wer die Texte in ihrer Originalsprache nicht versteht, kann jedoch sofort den besonderen, eben „melancholischen“ Charakter der sevdalinka Lieder erfassen. 

Ein anderer Musikstil, der oft mit intensiven Gefühlen des melancholischen Verlangens assoziiert wird, ist der portugiesische Fado. Es ist daher nur wenig überraschend, dass auch dieser Gesang eng mit einem Wort verbunden ist, das ein wenig an das arabische Sauda erinnert: Saudade. Diese wird oft als „tiefe Sehnsucht nach etwas oder jemand Verlorenem“ beschrieben; eine Art bittersüßer romantischer Sehnsucht. In ihrem Fall ist die Etymologie nicht so eindeutig wie die bei Sevdalinka. Die letztendlichen Ursprünge des Wortes sind ein linguistisches Mysterium. Viele haben eine Ableitung vom lateinischen Solitudo versucht, was aber nicht jeden überzeugt.

In den sprachwissenschaftlichen Studien zur iberischen Halbinsel gibt es eine gewisse Tendenz, arabische Einflüsse weg zu deuten und ein ununterbrochenes romanisches Erbe zu betonen. Die Tatsache, dass Portugal von 726 bis 1249 Teil des islamisierten Al-Andalus war, kann jedoch nicht vollkommen übersehen werden. Die letzten arabischsprachigen Muslime in Portugal wurden sogar erst zum Ende des 15. Jahrhunderts vertrieben.

Die kulturellen Einflüsse dieser Periode hielten lange an. Auch wenn wir wissen, dass der Fado erst in den 1820ern Jahren entstand, wurde häufig angemerkt, dass diese Musik hörbare Ähnlichkeiten zu der Musik nordafrikanischer Berber, Araber und Juden hat. Auch anderswo wirkt der Einfluss der muslimischen Epoche in Portugal noch nach: So finden sich etwa bis heute starke arabische Einflüsse in der portugiesischen Küche.

Das beliebte portugiesische „comfort food“ Açorda zum Beispiel leitet sich vom arabischen Al-Thurda ab – angeblich die Lieblingsspeise des Propheten Muhammad. Die Lebensmittelhistorikerin Rachel Laudan merkt in „Cuisine & Empire“ an, dass die Überlieferung arabischer Rezepte und Techniken an die Küche des später katholischen Iberien auch häufig durch die Übernahme von medizinischem Wissen der Humoralpathologie begleitet werde.

Tatsächlich war es höchstwahrscheinlich die iberische Halbinsel, auf der das Werk von Ibn Sina zum ersten Mal in das Bewusstsein der katholisch-christlichen Europäer gelangte und eine Erneuerung der medizinischen Wissenschaften in Europa einleitete. Sauda war den Portugiesen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit mit Sicherheit ein Begriff. Und die Idee hatte höchstwahrscheinlich einen Einfluss auf die Entstehung der Saudade. Es ist daher gut möglich, dass, wie im Falle des türkischen Sevda, zwei Etymologien ineinander übergingen und Saudade ein Kind der Liebe von Sauda und Solitudo ist.

So hat eine muslimische Konzeption von „schwarzer Galle“ eine musikalische Form in den meisten südwestlichen und südöstlichen Teilen des europäischen Kontinents angenommen, während sie immer noch in Sprachen und volksmedizinischen Ideen Zentral- und Nordeuropas verweilt. Die medizinische Tradition der Körpersäfte selbst ist dabei in anderen Teilen der Welt tatsächlich auch heute noch quicklebendig. Insbesondere in Südasien existiert eine lebendige Tradition alternativer Medizin unter dem Namen Yunani, was wörtlich „griechisch“ (ionisch) bedeutet.

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