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Islamische Wohlgerüche

Ausgabe 252

Foto: IZ Medien

(iz). Der Vorabend des Ersten Mai. Nach Tagen kalten Regens ist auch in der Stadt ein Hauch von Frühling zu spüren. Die Alster hat ihre Achseln mit einem Duft von frischen Birkenzweigen parfümiert. Der Dreierbus Richtung Osdorfer Born ist ziemlich voll besetzt. Dem Aussehen nach sind unter den Fahrgästen nicht wenige syrische Flüchtlinge, die zurück wollen in ihre Unterkünfte am westlichen Stadtrand. Mit an Bord sind vier uniformierte Polizisten, nicht der Flüchtlinge wegen, sondern weil es in der Nacht zum Maifeiertag in Hamburg immer wieder Randale gibt, mal von weißgewandeten tanzwütigen Hexen, die ihre Walpurgisnacht feiern wollen, und mal von schwarz vermummten Autonomen, die wie einst im Mai auf Krawall gebürstet sind.
Im Bus ist es aber ruhig. Als altem Fahrensmann wird mir sofort Platz gemacht, und ich kann meinen Gedanken nachgehen. An der U-Bahn Holstenstraße steigen vier gut gelaunte, bunt gekleidete, üppig bekopftuchte afrikanische Frauen hinzu. Ich begrüße sie mit einem herzlichen „Salamalaikum“. Eine von ihnen guckt mich fragend an: „Muslim?“ Ja, bestätige ich. „Deutsch?“ Ja, wiederhole ich. „Mascha‘Allah!“ bekomm’ ich aus allen vier Mündern zu hören. Ich streiche mir über mein weißes Haar und bekenne freimütig: „Kein Turban! Kein Bart!“ Eine männliche Stimme ruft von hinten: „Und auch kein Bauch!“
Alle lachen. Und dann rufen mehrere Passagiere wie im Chor: „Salamalaikum!“ Als der Bus an der nächsten Haltestelle stoppt, wendet sich der Busfahrer, ein Afrikaner, über seinen Bordlautsprecher an seine Fahrgäste. Er warnt vor den Absperrungen der Polizei im Schanzenviertel, wünscht allen eine gute Fahrt und ruft dann laut, dass es alle hören können, in den Bus: „Salamalaikum!“ Der halbe Bus klatscht Beifall. Nur einem älteren Herren scheint diese spontane Demonstration muslimischer Lebensfreude nicht zu gefallen. Er kramt die Tageszeitung aus seiner Tasche hervor und hält schließlich die Hauptschlagzeile der Titelseite hoch. Sie lautet knallig rot: „AfD-Parteitag fordert: Keine Minarette und Muezzine in Deutschland.“
Ein Mann mit einem türkischen Schnauzbart steht auf und ruft in den Bus: „Allahu Akbar!“ Die Polizisten umringen den Zeitungsmann und fordern ihn auf, das Blatt tiefer zu halten. Widerwillig folgt er der Anweisung. Eine junge Frau mit Kopftuch ergänzt die Losung auf ihre Weise: „Allahu Akbar! Frieden ist machbar: Gott zum Gruß, Herr Nachbar!“ Jetzt hat sie die Lacher auf ihrer Seite.
Aus den hinteren Reihen drängt eine ältere Schwester mit lässig gebundenem bunten Kopftuch nach vorn. An ihrer Kleidung erkenne ich, sie kommt aus Pakistan. Sie trägt zwei vollbepackte Einkaufstüten mit sich und beginnt, ohne viel Aufhebens zu machen, den Inhalt ihrer Taschen an die Busreisenden zu verteilen, an Gläubige und an Nichtgläubige. Zuerst bietet sie dem Fahrer und den Polizisten ihre Leckerbissen an, salziges, würziges und süßes Gebäck. Die Beschenkten langen ohne Hemmungen zu. Die Schwester erklärt: „Wir sind jetzt in den letzten Tagen von unserem islamischen Monat Radschab. Bei uns in Pakistan verteilt man jetzt an seine Verwandten, Nachbarn und Freunde zu Ehren des Imam Jaafar as-Sadiq kleine Kostproben. Wir nennen das ‘Kunde’. Ich war eigentlich unterwegs, um meine Häppchen bei einer Feier im Eidelstedter Bürgerhaus anzubieten, aber nun hab ich gedacht, sowas kommt auch hier im Bus gut an. Der Imam hätte bestimmt nichts dagegen.“ Alhamdulillah! Die buntgemischte Fahrgemeinschaft klatscht Beifall und lässt sich das Angebot nicht zweimal anbieten. Die syrischen Flüchtlinge haben offensichtlich den größten Hunger und lassen es sich schmecken. Aber auch die Nichtmuslime zögern nicht, zuzugreifen. Nur der Mann mit der Zeitung ist ungehalten. Er fragt mich: „Und das Geld für diese wohl inszenierte Werbeveranstaltung kommt doch direkt aus Saudi-Arabien!?“ Ich antworte: „Die Saudis geben ihr Geld nicht für solchen Kleinkram aus, sie kaufen dafür lieber Panzer aus Deutschland.“
Ich reiche die Frage an die freigiebige Schwester weiter. Statt langer Rede zeigt sie dem Zeitungsmann ihre Sozialkarte. „Wenn wir etwas für andere kochen“, erklärt sie, „dann tun wir Frauen uns zusammen. Jeder gibt eine Kleinigkeit dazu, und so schaffen wir das auch ohne fremde Hilfe“.
Unser Bus ist an der Haltestelle Rugenbarg angekommen. Hier steigen die jungen Männer aus Syrien aus, es sind ungefähr zehn. Die Schwester mit den vollen Einkaufstüten schüttet all das, was von ihren Leckerbissen noch übrig geblieben ist, zusammen und reicht die Tasche den Flüchtlingen. Sie werden mit einem vielstimmigen „Salamalaikum“ verabschiedet.
Die innermuslimische Kontaktbörse geht noch eine Weile weiter. Adressen und Handynummern werden ausgetauscht. Dem Mann mit der hochgehaltenen Zeitungsmeldung ist in Anbetracht von so viel frommem Wohlwollen sichtlich unwohl. Er drängt zum Ausstieg und verrät den Mitfahrenden seinen Grund. „Hier stinkt es mir“, grummelt er, „es stinkt verdammt nach Islam“.
„Wie stinkt der Islam?“, wird er von einer der afrikanischen Schwestern gefragt. „Nach Knoblauch!“ „Haben Sie ‘ne Ahnung! Der Islam riecht nach Rosenwasser!“ Eine Schwester – ein  Wort! Die schöne Schwarze langt, noch ehe der Herr mit der feinen Nase die Tür geöffnet hat, in ihre Handtasche, greift kurzerhand zu ihrem Duftvorrat und besprüht den Stinkemann mit einer ganzen Dusche islamischer Wohlgerüche.

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