Macron bietet sich an

Ausgabe 259

Foto: LEWEB 2014 | Lizenz: CC BY-SA 2.0

(KNA). Francois Hollande hat die Reißleine gezogen. Als erster Präsident der Fünften Republik kandidiert er nicht zur Wiederwahl. Mit dem Rückzug des glücklosen Politikers, der, kaum dass er das Haus verließ, schon im Regen stand, zeichnet sich für die Neuwahlen im Mai in Frankreich bereits ein mögliches Kandidaten-Tableau ab. Die Frage wird sein, wem Frankreichs praktizierende Christen und Muslime am meisten vertrauen können – immerhin ein Wählerpotenzial von jeweils vielen Millionen Stimmen. Wer Werte will und sozialen Zusammenhalt, hat ein Problem.
Der bereits gekürte Kandidat der Republikaner, Francois Fillon, tritt an und scheint damit einerseits ein geborener Kandidat für religiös orientierte Wähler. Bei den „Manif pour tous“-Demonstrationen gegen die Einführung der sogenannten Homo-Ehe marschierte der 62-jährige Abtreibungsgegner vorneweg. Aber: In seinem Wirtschaftsprogramm ist Fillon überaus liberal. Wer schon bei den zögerlichen Sozial- und Wirtschaftsreformen der Regierungen Barrikaden baute, muss für Fillons harten Thatcherismus einen Bruch durch die Zweidrittel-Gesellschaft befürchten.
Eine echte Gefahr für Marine Le Pen. Bei ihr liegt die Sache einigermaßen klar: Wer die 48-jährige Rechtspopulistin verhindern will, wählt sozialistisch oder republikanisch. Doch die traditionellen Wählermilieus wanken. So votierten bei den Regionalwahlen 2015 auch immer mehr enttäuschte und mit der Globalisierung fremdelnde Katholiken für den rechtsextremen Front National – über Jahrzehnte ein No-go. Le Pen beschwört das „gute alte Frankreich“ und seine Souveränität, schimpft auf Einwanderer und die EU und hält sich aus religiösen und gesellschaftsethischen Fragen weitgehend heraus.
Die rund sechs Millionen Muslime in Frankreich jedenfalls werden mutmaßlich eher nicht Le Pen wählen. Denn bei den Regionalwahlen 2015 um Marseille, die Hafenstadt mit einem Migrantenanteil von 40 Prozent klang die nur knapp unterlegene Marion, die katholische Unschuld vom Lande, so: „Wir wollen kein Multikulti, sondern blau-weiß-rot!“, oder: Es werde Zeit, dass Frankreichs Fahne angesichts von Islamisierung und Überfremdung „aus der Gosse geholt“ werde.
Bleiben die Sozialisten. Hollande und seine Kabinette haben seit 2012 diverse bürgerliche Bastionen geschleift: Die Homo-Ehe wurde eingeführt, embryonale Stammzellforschung bedingt zugelassen; dazu das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare, ein Gesetzesvorstoß für aktive Sterbehilfe und eine Liberalisierung von Abtreibung. Die Bilanz in der Schulpolitik fällt desaströs aus, wie jüngste Vergleichsstudien belegen.
Kronprinz und Favorit für die Vorwahlen der Linken dürfte der forsche Premier Manuel Valls sein. Der 54-jährige Hobbyboxer mit katalanischen Wurzeln ist für einen Linken eher Rechtsausleger. Mit seiner rigiden, fast militanten Sicherheitspolitik und seiner Note punktet er eher in der Mitte. Der linke Parteiflügel wäre mit dem laizistischen Sozialdemokraten Valls wohl verwaist – es sei denn, der entdeckte eine neue, globalisierungskritische Seite an sich.
Natürlicher Rivale wäre der von Valls vergrätzte Ex-Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg, die linke Galionsfigur der Partei. Der 54-jährige Globalisierungsgegner hat seine Kandidatur bereits ebenso angekündigt wie sein erst 38-jähriger Nachfolger im Amt, Emmanuel Macron. Der politische Aufsteiger und frühere Investmentbanker erfindet sich derzeit neu als Gegner des Establishments.

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