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Ms Marvel oder eine neue Heldin

Ausgabe 326

Foto: Shutterstock

Muslime in Comics sind längst nicht mehr nur Kulisse oder treten in stereotypen Bildern als Schurken oder folgenlosen Exoten aus. Nicht nur, aber vor allem bei den beiden dominanten Comicverlagen Marvel und DC finden sich längst verschiedene HeldInnen.

(iz). Neben Kamala Khan (Marvel) gibt es Simon Baz. Er ist das erste muslimische Mitglied der Gruppe der Grünen Laternen. Sein Schöpfer Geoff John ließ sich dabei von seinem eigenen libanesischen Hintergrund inspirieren. Nach dem 11. September 2001 wird Baz wegen seiner Herkunft diskriminiert und entscheidet sich in Folge, eine „Grüne Laterne“ zu werden. Er schließt sich der Gerechtigkeitsliga (DC Comics) an.

In Marvels Mutanten-Universum der X-Men und der verwandten Reihen finden sich gleich zwei Heldinnen: Monet St. Croix und Soorayah Qadir. St. Croix ist eine Mutantin mit verschiedenen übermenschlichen Kräften wie Superstärke, Unverletzlichkeit und Geschwindigkeit. Soorayah Qadir ist eine andere Mutantin, die ebenfalls Mitglied bei den X-Men wird. Ursprünglich aus Afghanistan entdeckt sie ihre Kräfte, nachdem sie von einem Sklavenhändler angegriffen wird. Bei Marvel finden sich derzeit – angesichts der Größe des Verlages keine Überraschung – die meisten muslimischen HeldInnen auf dem Mainstreammarkt. Neben den erwähnten Charakteren gibt es auch noch Dr. Faiza Hussain (Captain Britain and MI: 13).

Pressebild: © Disney

Mit einigem Recht lässt sich sagen, dass Kamala Khan aka Ms. Marvel (Marvel Comics) derzeit die beliebteste muslimische Comicheldin ist, soweit es um Verbreitung und Umsätze geht. Das liegt unter anderem an der liebevollen Ausformung des Charakters und der realistischen Darstellung ihres Umfeldes. Die Qualität der Serie, die seit Juni dieses Jahres als TV-Adaption auf dem internationalen Markt ist, besteht zum Teil daran, das zwei Musliminnen an ihrer Schöpfung beteiligt sind. Sana Amanaat arbeitet als Comic-Redakteurin beim Verlag und als leitende Produzentin für die Marcel-Studios. Willow Wilson, eine US-amerikanische Konvertitin zum Islam, hat den Charakter der Heldin geschrieben. Für diese Figur und frühere Arbeiten erhielt sie zwei renommierte Comic- und Fantasy-Preise.

Kamala Khan, eine Tochter pakistanisch-indischer Einwanderer aus dem Subkontinent, versucht, ihr traditionelles Elternhaus, das Leben in den USA, ihre nicht immer einfache Schule sowie ihre Religion in Einklang zu bringen. Dabei sind Familie, Eltern und Umfeld nicht stereotyp oder negativ dargestellt, sondern im Grunde sympathische Menschen, die eine Identifizierung zulassen.

Es fehlt in der Verfilmung nicht an Liebe zum Detail und dem Willen zu vorurteilsfreien und differenzierten Darstellungen: So kommt in der ersten Folge der Serie (in Deutschland bei Disney) einer der beliebten mobilen Halal-Stände in New York vor. Die Verlobte des leicht strengen (und manchmal dominanten) Bruders Amr ist Afroamerikanerin, was bei Desi-Familien in den USA eher seltener ist. Beim gemeinsamen Abendessen im Familienkreis erfahren die Zuschauer von den traumatischen Nachwirkungen, welche die indische Teilung sogar auf Migrantenbiografien im Westen hatte. Schließlich ist der Imam der Moschee, die von den Khans frequentiert wird, entgegen früheren Gewohnheiten der Filmindustrie Sympathieträger und nicht Bösewicht. Beim Besuch einer Einheit zur Überwachung von Superhelden sind es die Beamten, die in der Moschee nicht ihre Schuhe ausziehen wollen, die einen negativen Eindruck hinterlassen.

Überhaupt ist „Ms. Marvel“ wie andere aktuelle Produkte der Marvel-Studios nur bedingt eine klassische Action- oder Superheldenserie. Sie ist mindestens im gleichen Maße eine Familiengeschichte und Erzählung über das Erwachsenwerden unter Umständen, die sich von der Norm unterscheiden, sowie über das Leben junger MuslimInnen in einem nichtmuslimischen Umfeld. Muslimische Bewohner aus Jersey City fanden sich in der Darstellung wieder. Ms. Marvel ist eine Coming-of-Age-Geschichte, die laut Sanaa Amant „durch die Brille von Kamalas Erfahrungen und ihrer wilden Fantasie“ erzählt wird. Sie beschrieb Khans Leben und Welt als „natürlich bunt“, da Jersey City ein „ziemlich verrückter, lebendiger und multikultureller Ort“ ist.

„Für viele von uns ist es das erste Mal, dass wir die Gelegenheit haben, einen Einblick in unser Leben auf dem Bildschirm zu bekommen“, zitierte NCS-Autorin Saba Hamedy die kanadische Schriftstellerin Sakeina Syed. „Von der ersten Folge an zeigt die Serie so viele kleine Details, die ich mir nie hätte vorstellen können. Islamische Begriffe wie ‘Bismillah’, was ‘mit dem Namen Gottes’ bedeutet, in einer Folge zu hören, hätte ich mir nicht vorstellen können.“