Neue Studie: Die westlichen Nationen nehmen Führungsrolle bei Konflikten ein

Heidelberg (GFP.com). Eine neue Studie bestätigt die globale Spitzenposition des Westens beim Führen von Kriegen. Wie aus einer soeben veröffentlichten Analyse des Heidelberg Institute for International Conflict Research hervorgeht, ist nicht nur die Zahl der Kriege weltweit letztes Jahr auf den höchsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg gestiegen. Die Untersuchung lässt zudem erkennen, dass die NATO-Staaten, darunter Deutschland, an der überwiegenden Mehrzahl der Waffengänge mit eigenen Truppen als Aggressoren beteiligt sind oder sie via Stellvertreter vor Ort befeuern. Schwerpunkt sind die Staaten der arabischen Welt sowie Afrikas südlich der Sahara, die wegen ihrer Ressourcen oder aufgrund ihrer geostrategischen Lage im Mittelpunkt westlicher Interessen stehen. Der Spitzenposition des Westens beim Führen von Kriegen entspricht, dass die westlichen Staaten sich die größten Militäretats weltweit leisten und auch die größten Exporteure von Kriegsgerät sind – mit Lieferungen an NATO-Mitglieder oder mit ihnen verbündete Staaten.

Mehr Kriege denn je
Wie das Heidelberg Institute for International Conflict Research in seinem soeben veröffentlichten „Conflict Barometer 2011“ feststellt, ist die Zahl der Kriege weltweit letztes Jahr auf ein Rekordhoch seit 1945 gestiegen. Verzeichnete das Institut 2010 sechs Kriege, so führt es für 2011 mehr als drei Mal so viele auf – insgesamt 20. Keiner der sechs Kriege, die das Institut schon 2010 verzeichnete, wich einem Frieden. Alles in allem ist eine regional höchst ungleiche Verteilung klar zu erkennen. Während es in Europa keinen und in Amerika lediglich einen heißen Krieg gab – bei letzterem handelt es sich um den Drogenkrieg in Mexiko -, litt Asien immerhin unter drei Kriegen (zwei verschiedene in Pakistan, Kämpfe mit Minderheiten in Myanmar). Am schlimmsten traf es mit jeweils acht jedoch Subsahara-Afrika und die arabische Welt. Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass in die übergroße Mehrzahl der Kriege der Westen, sofern er sie nicht mit eigenen Truppen führt, doch zumindest als Anstifter oder über Stellvertreter involviert ist. Deutschland, das sich oft – allen Fakten widersprechend – als „Friedensmacht“ bezeichnet, ist bei zahlreichen Waffengängen führend dabei.

Afghanistan, Pakistan…
Dies gilt zunächst für den Krieg in Afghanistan, der seit mehr als zehn Jahren andauert und vom Westen nicht mehr gewonnen werden kann. Ursprünglich begann er 1979 als Stellvertreterkonflikt zwischen dem Westen und der Sowjetunion: Mitte 1979 begannen die USA, Mujahedin gegen die prosowjetische Regierung in Kabul hochzurüsten ; Ende 1979 griff dann die Rote Armee in die Kämpfe ein. Auch die Bundesrepublik beteiligte sich in den 1980er Jahren daran, die afghanischen Mujahedin zu stärken, die den Bürgerkrieg in den 1990er Jahren eskalieren ließen. Seitdem kommt das Land nicht mehr zur Ruhe. Von den mehr als 7.200 deutschen Soldaten, die zur Zeit in aller Welt im Einsatz sind, sind beinahe 4.800 am Hindukusch stationiert. Dabei ist der Afghanistan-Krieg des Westens untrennbar mit dem Krieg in Pakistan verbunden, der überwiegend mit Drohnen und Spezialkräften der Vereinigten Staaten geführt wird, jedoch politisch und, über die NATO, zum Teil auch militärisch deutsche Unterstützung findet.

… Subsahara-Afrika…
In die acht Kriege in Subsahara-Afrika ist der Westen, darunter Deutschland, ebenfalls mehrheitlich involviert. Dies gilt zunächst für den Krieg in Somalia. Dort hatte sich nach 15 Jahren bewaffneter Kämpfe im Jahr 2006 ein Regime etabliert, das zwar als islamistisch galt, aber ein gewisses Maß an staatlicher Ordnung herzustellen vermochte – echte Erfolge im Kampf gegen die Piraterie inklusive. Im Bündnis mit äthiopischen Truppen, aber auch mit Hilfe US-amerikanischer Luftschläge vertrieb der Westen dieses Regime aus Mogadischu, was den Bürgerkrieg erneut entfachte (german-foreign-policy.com berichtete ). Bis heute greifen US-Drohnen immer wieder in den Bürgerkrieg ein; vor der Küste des Landes kreuzen zudem auch deutsche Kriegsschiffe, die sich im Kampf gegen Piraten befinden. Die Ausweitung dieses Kampfes auf somalisches Territorium wird gegenwärtig diskutiert. Auch drei der alles in allem vier Kriege, die das Heidelberger Institut für Sudan und Südsudan unterscheidet (Darfur, Sudan/Südsudan, SPLA/Milizen), sind deutlich von westlicher Einmischung geprägt: Die Sezession des Südsudan wurde unter anderem von Berlin maßgeblich forciert , was zentrifugale Kräfte auch in anderen Landesteilen (Darfur) stärkte und erheblich dazu beitrug, vorhandene Konflikte zu brutalen Waffengängen eskalieren zu lassen. In Darfur und Südsudan ist die Bundeswehr mit Soldaten präsent – weil die Schwächung des (Nord-)Sudan mit Hilfe diverser Separatismen deutschen Interessen entspricht. In Côte d'Ivoire bombten letztes Jahr französische Truppen mit Hilfe der UNO und mit stillschweigender Rückendeckung Berlins einen dem Westen genehmen früheren IWF-Mann an die Macht. Lediglich die beiden Kriege in Nigeria (Nord/Süd, Boko Haram) sowie die interethnischen Konflikte in Südsudan haben zwar indirekt, aber nicht vorrangig mit der Politik des Westens zu tun.

… und die arabisch-islamische Welt
Dass der Westen in die große Mehrheit der heutigen Kriege maßgeblich involviert ist, zeigt sich noch deutlicher in der arabisch-islamischen Welt. Neben Afghanistan ist Irak der zweite Schauplatz eines westlichen Besatzungskrieges gewesen; der Krieg in dem Land hält bis heute ungebrochen an – mit fatalen Folgen. Hat sich Berlin hier offiziell herausgehalten, so gab die Bundesregierung ihre Kriegsdistanz im Falle Libyens schon bald auf; dort bombten westliche Luftwaffen den Sturz eines Regimes herbei, der die libysche Gesellschaft in Stämme und Milizen zerfetzte. Ähnliches spielt sich gegenwärtig in Syrien ab – ebenfalls unter Mitwirkung des Westens, Berlin inklusive (german-foreign-policy.com berichtete ). Der sogenannte Anti-Terror-Krieg im Jemen wird ebenfalls mit US-Drohnen und -Spezialkommandos sowie mit politischer Begleitung Deutschlands geführt. In der Türkei und Ägypten – die Konflikte in beiden Ländern werden von dem Heidelberger Institut als Kriege eingestuft – gehen schließlich eng mit dem Westen verbündete Militärs, in der Türkei gar NATO-Truppen, gegen Kräfte vor, die ihre Herrschaft in Frage zu stellen drohen.

Militärhaushalte, Rüstungsexporte
Tatsächlich werden, betrachtet man alle Gewaltkonflikte, die das Heidelberger Institut als „Krieg“ einstuft, allenfalls sechs von 20 (zwei Kriege in Nigeria sowie jeweils ein Binnenkrieg in Südsudan, Jemen, Pakistan und Myanmar) nicht in hohem Maß durch westliche Interventionen oder zumindest westliche Einmischung über Stellvertreter vor Ort bestimmt. Dies passt dazu, dass die Mehrzahl der Kriege in Regionen geführt wird, die wegen ihrer Ressourcen oder aufgrund ihrer geostrategischen Lage zu den zentralen Interessensphären des Westens gehören – Staaten in der arabischen Welt und in Subsahara-Afrika. Hinzu kommt, dass die NATO-Staaten nach wie vor die mit Abstand größten Militäretats weltweit bereitstellen und die größten Rüstungsexporteure sind. Das Forschungsinstitut SIPRI hat eine Länderrangliste nach dem Volumen der nationalen Militärhaushalte erstellt. Auf den zehn ersten Plätzen befinden sich fünf NATO-Mitglieder – darunter Deutschland (Platz acht) -, die zusammengenommen im Jahr 2010 mehr als 55 Prozent der weltweiten Militärausgaben tätigten. Die Plätze sechs (Japan), sieben (Saudi-Arabien) und neun (Indien) wurden von mit dem Westen verbündeten Staaten gehalten. Unter den zehn größten Rüstungsexporteuren in den Jahren 2006 bis 2010 befanden sich sieben NATO-Staaten und Schweden; Deutschland ist laut SIPRI der weltweite Rüstungsexporteur Nummer drei. Stellt man dies zusätzlich zu der Tatsache in Rechnung, dass die Staaten des Westens die globale Spitzenposition beim Führen von Kriegen halten, dann lässt sich das Gewaltpotenzial des Westens im Vergleich zu nichtwestlichen Staaten erahnen.

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