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Pilgerfahrt: ein Überblick über ihre Rituale und Bedeutungen

Ausgabe 325

Pilgerfahrt
Foto: Leo Morgen, Shutterstock

Die Pilgerfahrt (Hadsch) ist eine der Fünf Säulen des Islam. Jeder Muslim sollte sie, wenn möglich, einmal im Leben absolviert haben.

„Ihr, die ihr Iman habt, beugt euch und werft euch nieder und dient eurem Herren und tut Gutes, damit ihr erfolgreich seid. Und strengt euch auf dem Weg Allahs an, wie es Ihm gebührt. Er hat euch erwählt und hat euch im Din, dem Din eures Vorvaters Ibrahim, nichts Schweres auferlegt. Er hat euch Muslime genannt, schon zuvor und in diesem Buch, damit der Gesandte euer Zeuge sei und ihr Zeugen der Menschen sein möget. So richtet das Gebet ein und zahlt die Zakat und haltet fest an Allah. Er ist euer Beschützer – der Beste Beschützer, der Beste Helfer.“ (Al-Hadsch, Sure 22, 75-76)

(iz). Die Hadsch ist die Pilgerfahrt nach Mekka. Sie ist eine der Fünf Säulen des Islam, und jeder Muslim und jede Muslimin sollte sie, wenn möglich, einmal im Leben absolviert haben. Ihre Zeit ist genau festgelegt und ist mit dem Opferfest (‘Id Al-Adha) zeitlich verknüpft. Im Unterschied zu dieser „großen Pilgerfahrt“ kann man eine ‘Umra, eine Besuchsreise, jederzeit durchführen. Bei ihr wird allerdings nur ein Teil der bei der Hadsch zu verrichtenden Handlungen durchgeführt.

Die Rituale der Pilgerfahrt

Die wichtigsten Bestandteile der Hadsch sind: Das Fassen der Absicht, das Eintreten in den Ihram-Zustand (bei Männern verbunden mit dem Anlegen des Pilgergewandes), der Tawaf Al-Ifada (das siebenmalige Umschreiten der Ka’ba am Ende der Hadsch-Riten), das Laufen zwischen den Hügeln Safa und Marwa (Sa’i), das Stehen auf der Ebene von ‘Arafa zur Zeit der Hadsch, und, wobei die Meinungen dazu verschieden sind, das Steinigen der Säulen von ‘Aqaba.

Nach dem Anlegen des Ihram gelten besondere Verhaltensregeln, um den Zustand des Ihram nicht zu brechen. Dazu gehört zum Beispiel, dass Männer keine genähte Kleidung tragen und den Kopf nicht bedecken dürfen, man als Schuhwerk höchstens leichte Sandalen tragen darf, weder Haare noch Fingernägel geschnitten oder gekürzt werden dürfen, kein Parfüm benutzt, keine Tiere getötet oder Pflanzen abgebrochen oder ausgerissen werden, und kein Geschlechtsverkehr durchgeführt werden darf. Auch darf in dieser Zeit nicht geheiratet werden.

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Es gibt drei Arten der Verrichtung der Hadsch: Hadsch Al-Ifrad (oder Al-Mufrad), wobei nur die Hadsch-Riten vollzogen werden; Hadsch Al-Qiran, die die Hadsch Al-Ifrad mit einer ‘Umra verbindet, wobei man dazwischen den Ihram anbehält; und Hadsch Tamattu’, wobei man zuerst eine ‘Umra und dann die Hadsch verrichtet, dazwischen aber den Ihram ablegt.

Die malikitische Rechtsschule bevorzugt die Hadsch Al-Ifrad, die hanafitische die Hadsch Al-Qiran. Bei der Hadsch Al-Ifrad entfällt das bei den beiden anderen Arten erforderliche Schlachtopfer. Die Sunna-Handlungen der Hadsch, die nach dem Vorbild des Propheten während dieser durchgeführt werden sollen, sind zu umfangreich, um hier vollständig dargestellt zu werden.

Chronologisch läuft die Hadsch in etwa wie folgt ab: Beim Erreichen der Miqat, der geographischen Punkte, ab denen man in den Ihram-Zustand eintreten muss, fasst man die Absicht und betet zwei Gebetseinheiten. Männer legen das Pilgergewand an. Man beginnt mit dem Rufen der Talbija auf Arabisch („Dir zu Diensten, O Allah, Dir zu Diensten. Dir zu Diensten, der Du keinen Teilhaber hast, Dir zu Diensten. Dein ist der Lobpreis, Dein sind die Segnungen, Dein ist die Herrschaft. Du hast keinen Teilhaber“).

Nach der Ankunft in Mekka führt man die Umkreisung der Ka’ba (Tawaf) durch und verrichtet danach zwei Gebetseinheiten (Rak’at). Die eigentliche Hadsch beginnt am 8. Dhul-Hidscha, an dem sich die Pilger von Mekka nach Mina begeben.

Am 9. Dhul-Hidscha bricht man nach Sonnenaufgang nach ‘Arafa auf und verbringt dort den Tag mit Bittgebet und dem „Stehen vor Allah“. Nach Sonnenuntergang begeben die Pilger sich nach Muzdalifa, wo die Nacht verbracht wird und Steine für den nächsten Tag gesammelt werden.

Am 10. Dhul-Hidscha zieht man wieder nach Mina, bewirft dort die große Dschamra, eine Säule, was auf die Geschichte des Propheten Ibrahim zurückgeht und die Zurückweisung des Schaitan symbolisiert, man schlachtet – bei Hadsch Al-Qiran und Hadsch Tamattu’ – ein Opfertier, kürzt oder rasiert das Kopfhaar und verrichtet den Tawaf Al-Ifada.

Danach wird der Ihram abgelegt und der Ihram-Zustand verlassen, und man kann alle alltäglichen Handlungen wieder vollziehen. Man bleibt noch zwei bis drei weitere Tage in Mina und auf alle drei Säulen Steine werden geworfen. Vor der Abreise aus Mekka wird nochmals ein Tawaf durchgeführt.

Die Hadsch, muss im Gegensatz zur ‘Umra mindestens einmal im Leben unternommen werden. Sechs Voraussetzungen machen sie verpflichtend: Islam beziehungsweise der Eintritt in den Islam; geistige Klarheit; Freiheit; Volljährigkeit; körperliche Gesundheit und die Möglichkeit, sie ohne Hindernisse und drohende Schädigung zu vollziehen.

Abu Huraira sagte: „Ich hörte den Gesandten Allahs sagen: ‘Wer auf die Hadsch nur um Allahs willen geht und weder Geschlechtsverkehr hat noch Übles tut, der wird im gleichen Zustand zurückkehren wie seine Mutter ihn geboren hat.“ (Al-Bukhari)

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Spirituelle Bedeutung

Vielleicht die verständlichste Aussage, die jemals über die innere Dimension der Hadsch gemacht wurde, stammt von Dschunaid Al-Baghdadi, dem großen Rechtsgelehrten und Sufi des dritten islamischen Jahrhunderts.

Ein Mann kam zu Dschunaid und dieser fragte ihn, woher er gekommen sei. Er antwortete ihm, dass er gerade von der Hadsch gekommen sei. Dschunaid fragte diesen Mann: „Von der Zeit an, als du dein Haus verlassen hast, hast du auch alle falschen Handlungen hinter dir gelassen?“ „Nein“, antwortete der Mann. „Dann hast du sie nie wirklich hinter dir gelassen. Hast du bei jedem Halt eine weitere Stufe deines Weges zu Allah genommen?“ „Nein“ kam als Antwort. „Dann hast du dich nicht wirklich auf die Reise gemacht. Als du deinen Ihram beim Miqat anlegtest, hast du mit deiner normalen Kleidung auch die Eigenschaft deiner Selbst abgelegt?“ Wiederum verneinte der Mann die Frage. „Dann hast du nicht wirklich den Ihram angelegt. „Als du den Tawaf der Ka’aba gemacht hast, hast du die Schönheit von Allah in der Heimstätte der Reinigung bezeugt?“ „Nein, das habe ich nicht getan“, so der Mann. „Dann hast du nicht wirklich Tawaf gemacht. Als du den Sa’i gemacht hast, erreichtest du den Rang von Safa (Reinheit) und Muruwwa (Tugend)?“ „Nein.“ „Dann warst du nicht beim Sa’i. Als du dich auf den Weg nach Mina machtest, verringerten sich deine Muna (Begierden)?“ Wieder verneinte der Mann. „Dann bist du niemals nach Mina gegangen. Als du in ‘Arafa standest, erlebtest du einen einzigen Augenblick der Ma’rifa (direktes Wissen) von Allah?“ „Nein“, entgegnete der Mann. „Dann hast du in Wirklichkeit nicht in ‘Arafa gestanden. Als du die Nacht in Muzdalifa verbrachtest, hast du deine Gelüste auf diese Welt aufgegeben?“ „Nein“, sagte der Mann zu Dschunaid. „Dann warst du nicht wirklich in Muzdalifa. Als du die Dschamra gesteinigt hast, hast du alles von dir abgeworfen, was zwischen dir und deinem Herren steht?“ „Nein.“ „Dann hast du nicht wirklich gesteinigt. Als du dein Opfer machtest, hast du dein niederes Selbst Allah angeboten?“ Wiederum verneinte der Mann. „Dann hast du nicht wirklich geopfert und die Wahrheit ist, dass du die Hadsch nicht korrekt vollzogen hast. Kehre um und verrichte sie noch einmal, sodass du schließlich die Stufe von Ibrahim erreichst.“

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Der Tag von ‘Arafa

Der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: „Hadsch ist ‘Arafa.“ Das große Treffen der Hadschis auf der Ebene von ‘Arafa ist das Kernritual der Hadsch. Es gibt keinen Zweifel daran, dass dies auf eine Weise die Vorwegnahme der letzten Versammlung ist, an der wir alle am Jüngsten Tag teilnehmen werden.

Es ist in ‘Arafa, wo die Wirklichkeit unseres Zustandes am deutlichsten wird. Die Existenz wird auf das Wesentliche reduziert. Wir stehen dort nackt im Angesicht unseres Herren und durch nichts getrennt als den Schleier unseres Daseins. Es gibt nichts zu tun, als sich Allah in vollkommener Aufrichtigkeit zuzuwenden und Ihn anzuflehen, dass Er unseren Din nur für Sich machen möge.

Wir hoffen auf Seine Vergebung, Gnade und sehnen uns nach dem Anblick Seines Edlen Gesichts. Es gibt sicherlich keine Zeit und keinen Ort, wo unsere Gebete mehr Annahme finden.

Dschabir berichtete, dass der Gesandte Allahs sagte: „Wenn der Tag von ‘Arafa kommt, steigt Allah in den niedrigsten Himmel herab und preist die Menschen gegenüber den Engeln mit den Worten: ‘Schaut auf Meine Sklaven, die zu Mir gekommen sind, zerzaust, staubig und weinend in jedem tiefen Tal. Ich berufe euch zu Zeugen, dass Ich ihnen vergeben habe.’ Die Engel wenden dann ein: ‘Aber mein Herr, dieser Mann und auch diese Frau haben dieses oder jenes getan.’ Allah, der groß und glorreich ist, antwortet: ‘Ich habe ihnen vergeben.’“

Medina Al-Munawwara: Besucher an der letzten Ruhestätte des Gesandten Allahs. (Foto: Muhammad Afzan, Shutterstock)

Besuch in Medina

Ein Aspekt der Reise in den Hidschaz ist der Besuch von Medina al-Munawwara. Dieser wird so stark empfohlen, dass er als Teil der Sunna der Hadsch betrachtet wird. Und swelcher Segen könnte größer sein, als vom Gesandten Allahs begrüßt zu werden? Denn er hat gesagt, dass dies jedem entgegengebracht wird, der ihn an seinem Grab grüßt.

In dem berühmten Hadith von Abu Huraira, das von Ahmad, Abu Dawud und Al-Baihaqi überliefert wurde, sagte er: „Es gibt niemanden, der mich grüßt, dem ich nicht seinen Gruß erwidere. Dafür lässt Allah meine Seele zurückkehren.“