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Porträt: Ein Tuareg-Musiker in Deutschland

Ausgabe 308

Foto: Alhousseini Anivolla, Facebook

(iz). Kurz nach der Vorstellung seines letzten Albums „Afropenta­tonism“ traf ich den Sänger, Gitarristen und Bassisten Alhousseini Anivolla für eine Fotosession. Es war ein heller und sonniger Tag an Berlins Alexanderplatz. Alhousseini kam in legerer Jeans und einem Hemd. Er brauchte rund zehn Minuten, um seine traditionelle Kleidung anzulegen – auf dem Kopf einen schwarzen Turban und gehüllt in ein hellgrünes Hemd mit weiten Ärmeln, das ihm bis zu den Knien reicht.

Nachdem er fertig ist, stellt er sich auf den weiten, windigen Alexanderplatz im Zentrum Berlins, der voller wimmelnder Touristen ist. Er sieht aus wie ein schöner Alien, der sich von einem fernen Planeten herunter gebeamt hat. Am Ende der ­Aufnahmen hatten wir die Gelegenheit zu einem Gespräch.

Anivolla erzählt von seinen drei ­Heimaten – Niger, Berlin und Bonn, wo seine Ehefrau lebt, eine deutsche Journalistin. Auf die Frage nach dem Lieblingsort entscheidet er sich für Bonn. Die Stadt sei persönlicher. Hier nähmen sich die Leute im Gegensatz zu den anonymen Berlinern, die die ganze Zeit in Bussen und U-Bahnen mit ihren Telefonen beschäftigt seien, den Moment, ihn zu grüßen und ein Lächeln für ihn übrig zu haben.

Einmal im Jahr kehrt er nach Niger zurück. Der Binnenstaat in Westafrika grenzt an Algerien, Libyen, den Tschad und Nigeria. Fast doppelt so groß wie Texas leben hier mehrheitlich Muslime. Ihren Lebensunterhalt bestreiten die Menschen überwiegend mit Viehzucht und Landwirtschaft.

Obwohl er seine Wurzeln gerne herunterspielt, gehört Alhousseini einer lokalen Minderheit an: dem Volk der Imuhar, die auch als Kel Tamashek bekannt sind. Im Rest der Welt kennt man sie als ­Tuareg. Die Gruppe nomadischer Berber im Nordwesten des Landes stellt 4,3 Prozent der Bevölkerung des westafrikanischen Staates.

Im 18. Jahrhundert wanderten sie von der nördlichen Wüste ein und verbündeten sich mit den dominanten Haussa, um Krieg gegen das Fulani-Reich zu führen. Dieses muslimische Gemeinwesen blühte in der westlichen Sahelzone während des 19. Jahrhunderts. Kurz danach besetzten Frankreichs Kolonialarmeen gewaltsam die angestammte Heimat der Tuareg in der zentralen Sahara, die sich oberhalb des gesamten Sahels erstreckt. Sie schufen ein seltsames Kolonialgebilde namens Französisch-Sudan, das später Mali hieß.

In den 1950ern überlegte die französische Kolonialverwaltung, den Norden mit den saharischen Regionen anderer Kolonien zu vereinen, um einen separaten Tuareg-Staat zu schaffen. Aber die Idee wurde aufgegeben, weil dieses Gebiet ohne Zugang zum Fluss Niger – dem Kern des Tuareg-Volkes – nicht über­lebensfähig gewesen wäre.

Alhousseini ist der Sohn von Nomaden. Als solcher verbrachte er seine Kindheit und Jugend in der Sahara inmitten von sanften Dünen und Kehrbrunnen, wo er Ziegen und Kamele hütete. Auf der Flucht vor Dürre kam er 1987 mit seiner Familie in die Hauptstadt Niamey. Hier brachte er sich Gitarre bei und spielte ­zusammen mit anderen Wüsten-Bluesmusikern wie Abdallah Oumbadougou oder der Gruppe Tinariwen.

Damals war „Wüsten-Blues“ am Anfang seiner Bekanntheit. Der Beginn mündet im bekannten Desert Blues ­Festival im Mai 2001. An ihm nahmen berühmte Musiker wie Robert Plant, ­Damon Albarn, Jimmy Buffett, Manu Chao und Bon von U2 teil. Das Festival wurde als das „afrikanische Woodstock“ bekannt; majestätisch gelegen in Sanddünen 64 Kilometer westlich von ­Timbuktu. Es wurde bis 2012 abgehalten, als muslimische Extremisten dem ein Ende bereiteten.

Zur gleichen Zeit schufen die Tuareg einen einzigartigen und erkennbaren Sound. Das war der Sound von Tinariwen, einer bekannten Gitarren-Gruppe aus Nordmali. Früh galten sie als das ­Aushängeschild des „Wüsten-Blues“ im Sahel. Gehüllt in die charakteristische Kleidung ihres Volkes schufen sie ein ­ganzes Musikgenre. Heute gibt es kaum ein wichtiges globales Musikfestival, auf dem nicht eine Gruppe aus dem Sahel mit ihren Turbanen auftritt.

Laut einer Legende formierte sich ­Tinariwen aus ehemaligen Tuaregrebellen, die sich während der 1980er Jahre im libyschen Exil trafen. Sie sagen über Krieg und den Kampf für den Traum eines unabhängigen Staates für das Tuareg-Volk. Den nannten sie Azawad – „Land der Weiden“. Die jungen Ishumar – arbeitslose Tuareg-Auswanderer in den 1980ern – legten ihre viersaitigen Lauten weg und nahmen elektrische Gitarren in die Hand.

Tinariwen wurde später international berühmt für ihre eindringliche, gemächliche, tranceartige Musik, die von den weiten, leeren Weiten der Wüste her­vorgerufen wurde, die sie als Quelle der Inspiration und Energie beschrieben. Alle Tuareg hörten Tinariwen, weil das die erste Gitarrenband war, die sie hatten, sagt Alhousseini.

„Am Anfang war das Hören von Tinariwen die einzige Möglichkeit, Gitarre zu lernen.“ Er schloss sich der Gruppe Etran Finatawa an. Hier spielte Alhousseini Anivolla Bass, sang und komponierte für die Band von 1995 bis 2004.

Schließlich entschied er sich für eine Karriere als Solokünstler. Alhousseini hatte das Gefühl, dieses Arrangement passte am besten zu seinen kreativen Wahrnehmungen. Auf die Frage, worüber er singt, antwortete der Musiker: „Ich schreibe über Leben. Wandel. Liebe. Und Frieden.“

Ein zentrales Thema für Alhousseini Anivolla ist die Bewahrung von Kultur. Er spricht von sozialer Veränderung, ­Klimawandel und ihren Auswirkungen auf die Menschen. Er spricht über die Konflikte in der Sahara und ist eine stete Stimme für Versöhnung und Frieden.

Zu Beginn des Jahres 2012 versuchte eine Allianz aus Tuareg-Separatisten und militanten Extremisten von „Al-Qaida im Islamischen Maghrib“, die Macht in Mali zu übernehmen und dort die ­“Scharia“ zu erzwingen. Sie zerstörten Gitarren, verbrannten Studios und drohten mit der Ermordung von Musikern. Eine halbe Million Menschen, darunter viele Künstler, flohen in den Süden des Landes oder zu Flüchtlingslagern in den Nachbarstaaten.

Die Unruhen weiteten sich auf Niger aus. „Die Sicherheitslage wurde schlimmer“, berichtet Alhousseini Anivolla. „Ich konnte nicht mehr wie früher reisen. Und natürlich leidet das kulturelle Leben, wenn es Terrorismus gibt. Es kamen keine internationalen Künstler mehr. Es gab keine gemeinsamen Projekte mehr. Sehr wenige Konzerte. Aus Angst vor Anschlägen besuchten die Leute sie nicht mehr. Glücklicherweise ist in Niger nichts ­passiert. Aber in Burkina Faso und Mali gab es diese Attacken auf Restaurants und Hotels.“

Irgendwann traf der Musiker seine ­zukünftige Frau: eine deutsche Sozial­anthropologin und Journalistin bei der Deutschen Welle. Sie ermutigte ihn dazu, den Niger zu verlassen und nach Berlin zu kommen.

Die deutsche Hauptstadt findet Alhousseini auf ihre ganz eigene Weise ­inspirierend. Aber auch ein bisschen ­betrüblich – insbesondere hinsichtlich der Art und Weise, mit der die Leute hier ihre älteren Menschen behandeln. „Für uns sind alte Leute ein Schatz“, erzählt der Musiker. „Wir denken, sie sollten bis zu ihrem Tod daheim bei uns bleiben. Sie in ein Pflegeheim zu verfrachten, ist für mich etwas schockierend.“

Was er in Berlin schätzt, ist die Freiheit sowie die Unbekümmertheit der Menschen bei gesellschaftlichen Sitten und Gebräuchen. „Niemanden kümmert es, wenn der andere sein Hemd auszieht. Das geht ihn einfach nichts an. Das ist nicht wie in Afrika, wo Leute all diese Regeln haben, die es zu respektieren gilt, und denen man – wegen der Ehre – für die Familie und die Gesellschaft folgen muss. Hier mischt man sich nicht in die Dinge anderer sein. (…) Das ist etwas Positives an Berlin.“

Alhousseini gesteht zu, dass das Ber­liner Publikum nicht leicht ist. Es steht auf „elektrisch und laut“. Dabei sei seine Musik „mild und weich, spirituell und heilend“. Sie helfe den Leuten, wenn diese gestresst seien, sagt er. „Wenn sie wirklich von allem müde sind, oder wenn sie … wie sagt man …, wenn sie Probleme haben. Sie können diese Musik hören, und fühlen sich besser. Es geht darum, sich eins mit dem Universum zu fühlen.“

Im letzten Sommer brachte er sein neues Album „Afropentatonism“ heraus. Entstanden im antiken Mesopotamien des dritten vorchristlichen Jahrtausends hat sich die pentatonische Tonleiter in alle Ecken des Globus ausgebreitet. Heute findet sie sich in den Wurzeln von Blues, Jazz und Country Music. Ihre afrikanische Variante Afropentatonism verbindet Alhousseini Anivolla mit gemeinsamen Künstlern wie Girum Mezmur aus Addis Abeba. Die beiden Gitarristen haben sich für diese Platte zusammengetan, um die Jams im Sahel/Ethno-Jazz-Stil rauszuhauen.

Das Gitarrenspiel auf diesem neuen Album hat etwas wunderbar Fremdes und Verführerisches an sich. Manchmal ruft es klangliche Visionen westlicher ­Gitarrenhelden wie Hendrix und Santana hervor. Häufiger jedoch vermittelt es ein nicht-westliches Gefühl der Demut im Angesicht des Unendlichen, als ob die beiden Gitarristen ihre Licks (oder ins­trumentale Phrasen) an einem Lagerfeuer in der Wüste, umgeben vom weiten Nichts, verfeinern würden.

Trotz allem Respekt für Mezmur ist es Alhousseini, der auf dem Album die Oberhand hat. Von ihm kommen die Vocals, die in einem Stil gehalten sind, die teils Gesang, teils Anrufung und teils übermütiges Gejohle sind. Die Lieder sind wundervoll wiederholend bis zum Punkt des Hypnotischen. Sobald sie ihren Groove finden, halten die beiden mit einer drängenden Kraft und gleichzeitig einer Helligkeit des Geistes daran fest.

Das Ergebnis ist fast trance-induzierend, eine gefühlvolle und doch säkulare Musik, die sich aus der gleichen heiligen Wurzel des sufischen Dhikr (der rituellen Anrufung der göttlichen Namen) ableitet, wie sie im Sahel üblich ist.

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