Rilke oder die „Bienen des Unsichtbaren“

Ausgabe 284

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(iz). Der öffentliche Raum ist naturgemäß der Austragungsort ­gesellschaftlicher Konflikte. Hier wird sichtbar, wer die Macht hat sich zu manifestieren oder, auf Dauer gesehen, sich zu behaupten. Das Symbol für dieses Vermögen sind heute die sichtbare Präsenz von Moscheen, sie dokumentieren, dass Muslime in Deutschland nicht nur als private Individuen exis­tieren, sondern auch gemeinsam in der Öffentlichkeit handeln. Diese Macht, wenn man so will, ist heute nicht un­bestritten, im Gegenteil sie wird von ­national-identitären Bewegungen zunehmend in Frage gestellt. Natürlich ist es legitim, dass Muslime sich organisieren und gemeinsam handeln. Hannah Arendt beschreibt diese Notwendigkeit in ihrem Hauptwerk, Vita Aktiva, wie folgt: „Macht aber besitzt eigentlich ­niemand, sie entsteht zwischen Menschen, wenn sie zusammen handeln, und sie verschwindet, sobald sie sich wieder zerstreuen.“
Die Krise muslimischer Organisationen, von der Zahl ihrer Mitglieder ­betrachtet mit einigem Machtpotential ausgestattet, trifft hier mit einem wachsenden Misstrauen gegenüber dem öffentlichen, sagen wir politischen Islam zusammen. Muslime die heute öffentlich wirken, fallen schnell unter den Verdacht des machtorientierten, politischen Islam. Sie treffen zunehmend auf die Forderung nach einer entpolitisierten, privaten ­Religionsausübung. Ob die islamische Lebenspraxis, man denke nur an das ­Freitagsgebet oder das Gebot die Zakat öffentlich zu verteilen, überhaupt nur privat sein kann, ist eine weitere Frage und Gegenstand öffentlicher Debatten.
Der Anspruch eines unpolitischen ­Islam trifft zudem auf ein weiteres Paradox. Institutionen wie die deutsche Islamkonferenz, fordern die Zurückweisung des politischen Islam und rufen gleichzeitig „politisch“ zu einem Bekenntnis auf, insbesondere zu einem Engagement für die Demokratie und die Zivilgesellschaft. ­Islamische Verbände sollen ihre Macht nicht gänzlich verlieren, aber eben für die richtige Sache einsetzen. Gleichzeitig entstehen muslimische Initiativen, die sich auf bestimmte zivilgesellschaftliche Beiträge beschränken.
Vielleicht ist es nun an der Zeit das Dilemma zwischen innerer und äußerer Wirklichkeit, zwischen privater und ­öffentlicher Präsenz tiefer zu fassen. ­Dieses Problem ist, wie sich zeigen wird, kein exklusives Problem der Muslime, sondern ein Grundsätzliches. Schon Nietzsche beschrieb das Problem des ­modernen Menschen, aus seiner Sicht in einer Welt ohne Gott, das innere und äußere Gleichgewicht zu wahren. Wir erleben so, nach dem Philosophen, einen „merkwürdigen Gegensatz eines Inneren, dem kein Äußeres, eines Äußeren, dem kein Inneres entspricht. Ein Gegensatz, den die alten Völker nicht kannten.“
Man mag hier hinzufügen, einen ­Gegensatz, den auch muslimische Zivilisationen lange nicht kannten. Über Jahrhunderte waren zum Beispiel ihre Moscheeanlagen nicht nur Verortungen innerer Spiritualität, sondern ebenso ­öffentliche Plätze des Handelns, der ­Vorsorge und der sozialen Umsicht. Über Jahrhunderte war keine islamische Stadt denkbar, die in ihrem Mittelpunkt nicht eine Moschee, Stiftungen und einen Marktplatz hatte. Entsprechend drehen sich islamische Gesetzlichkeiten nicht nur um die korrekte Ausübung des Gebetsrituals, sondern auch um die Gestaltung von Verträgen und Marktgesetzen.
Wenn heute die neue Rechte die ­„Islamisierung“ Europas befürchtet und letztlich den Rückzug der Muslime aus dem Öffentlichen Raum fordert, fällt auf, dass die Angst von einer Umsetzung ­islamischer Lebenswirklichkeit, eigentlich de facto kein Beispiel hat.
Bisher ist ­muslimisch-öffentliche ­Präsenz nur auf die Einrichtung von ­Moscheen beschränkt – Stiftungen oder Marktplätze wird man dagegen kaum entdecken. In vielen Großstädten leben Muslime in ­Bezirken, die gerade nicht durch eine muslimische Infrastruktur, sondern eher durch eine trostlose ­Großstadtarchitektur geprägt ist. Dabei ist gerne zugestanden, dass gerade diese Lebenswirklichkeit auch ein guter Nährboden für die weltabgewandte Ideolo­gisierung von Muslimen ist. Das Bild des herzlosen Ideologen, der von einem ­islamischen System träumt, ist Sinnbild dieser Lage.
Es mag überraschen, dass sich eine erste Beschreibung dieser gesellschaftlichen und psychologischen Misere in der ­Dichtung Rainer Maria Rilkes findet. In seinem Gedicht der „Panther“ (1903) ­beschreibt er das Schicksal eines Tieres, das er in Paris hinter den Gittern seines Gefängnisses beschreibt. Der Wille des Panthers ist nicht nur innerlich gefangen, sondern er ist auch von der Außenwelt abgeschottet. Wenig überraschend ändert sich sein natürliches Verhalten. Rilke’s Gedicht, wie man heute weiß, stellt eine erste Beschreibung des Phänomens der Depression dar und endet mit den ­Zeilen:
„Nur manchmal schiebt der ­Vorhang der Pupille
sich lautlos auf — Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille —
und hört im Herzen auf zu sein.“
Die Metapher mag auch an das Los heutiger Muslime in den Ghettos Frankreichs erinnern. Ihr „muslimischer Wille“ führt hier dazu, bestimmte Ausdrucksformen islamischer Praxis manisch zu ­betonen und gleichzeitig die Außenwelt als Bild zu empfangen, dass „im Herzen aufhört zu sein“. Die ganze Tragik zeigt sich in der Existenz eines Pseudo-Kalifen, der eine kleine Wohnung in einem Hochhaus bewohnt.
Das Verhältnis von Innen und Außen beschäftigte Rilke ein Leben lang. In den berühmten Duineser Elegien versucht Rilke eine neue Form der Identität, eine Verbindung des Herzens mit den Phänomenen der Außenwelt zu bilden. Er nennt diesen Raum einer erneuerten ­Einheit „Weltinnenraum“. Rainer Maria Rilke reißt so auf seine Weise, die Gitter, die den Panther umgeben, ein. Für den deutschen Schriftsteller Erich Heller ist der Poet „ein Noah, der eine unsichtbare Arche der Innerlichkeit zimmert, um ­darin das reine Wesen der Schöpfung vor der Sintflut zu retten, die draußen tobt und den Sinn der aller Dinge ertränkt“.
In der 7. Elegie nimmt Rilke das Thema wiederum auf, und sieht – insoweit ein Kritiker der Moderne – das Außen überhaupt schwinden: „Nirgends Geliebte, wird Welt sein, als innen. Unser Leben geht hin mit Verwandlung. Und immer geringer schwindet das Außen.“ Zur Deutung wichtig ist hier ein Brief, den er am 13.11.1925 an seinen polnischen Übersetzer Witold Hulewicz, der ihn um Erläuterungen seiner Elegien gebeten ­hatte, zu lesen. Dort heißt es: „Unsere Aufgabe ist es, diese vorläufige, hinfällige Erde uns so tief, so leidenschaftlich ­einzuprägen, daß ihr Wesen in uns unsichtbar wieder aufersteht. Wir sind die Bienen des Unsichtbaren.“
Mancher Muslim wird wohl die Skepsis Rilkes über die Erscheinungen der technisierten Welt teilen und vielleicht auch mit der Idee „eine Biene des ­Unsichtbaren“ zu sein sympathisieren. Man entdeckt heute gerade bei Muslimen einen Trend das Diesseitige überhaupt zu entwerten und die eigene Praxis nur noch als rein spirituelle Übung, ohne den Anspruch auf öffentliche Wirkung, zu begreifen. Der Trend, die Welt als gottlos und sinnentleert zu erfahren, widerspricht allerdings der grundlegenden ­Absicht Nietzsches und Rilkes, die mit ihren geistigen Werken die Sinnentleerung des Diesseits gerade abwenden wollten. Denkt man insoweit Rilke’s Gedicht über den Panther und seine Erfahrungen der Innerlichkeit in den Elegien zusammen, fragt man sich, aus muslimischer Sicht, nach der Balance von Innen und Außen. Ist der Islam eine Religion der abstrakten Moral und reinen Innerlichkeit, oder führt die Praxis in ein aktives Leben und in einen Gemeinsinn, der für Europa akzeptabel ist?
Wenn man die letztere Variante ­bevorzugt, wird man allerdings die ­Grenze zur ideologischen Umsetzung ziehen müssen. Um die gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber dem gesellschaftlichen Engagement von Muslimen zu erhöhen, gilt es zunächst die ganzheitliche Dimension, die Zielrichtung innerer und äußerer islamischer Gebote zu erklären, aber auch mit den Vorwürfen umzugehen, die heute mit dem politischen Islam einhergehen. Um es mit dem Bild des Panthers zu sagen, es ist zu klären, wie die Gitter eingerissen werden und wie der innere Wille von Muslimen heute „politisch“ nach außen dringen kann. Das jüngste Beispiel des Islamischen Staates hat ­abgründig bewiesen, dass dabei auch Muslime fähig sind, den Anderen hinter Gitter zu bringen.
Es ist also eine Selbstanalyse notwendig, die sich der Frage stellen muss, ­warum heute der sogenannte politische Islam mit Bürgerkrieg, Diktatur und ­Terror verknüpft wird. Nichts Anderes ist notwendig, als das Verhältnis von ­Innen und Außen neu zu justieren. Dabei gilt es auch darüber nachzudenken, ob Muslime nicht in erster Linie auf Seite der Zivilgesellschaft stehen sollten, gerade auch in den heute so bezeichneten ­islamischen Staaten. Es ist alles andere als ein Zufall, dass moderne islamische ­Parteiungen die Etablierung von Märkten oder Stiftungen, die die islamische Zi­vilgesellschaft gerade ausmachen, in ­ihrem Machtanspruch immer wieder ­vernachlässigen.
Auch aus der Sicht der Mehrheitsgesellschaft sollte es von größtem Interesse sein, dass Muslime eine Balance zwischen Innen und Außen finden. Hierzu gehört, dass gesellschaftliche Engagement von Muslimen, dass auf eigene Räume und Lebenswirklichkeit abzielt, nicht generell zu diffamieren. Muslime wiederum müssen klarer machen, dass ihre angestrebte Lebenswirklichkeit das öffentliche Leben bereichern kann. Wenn Muslime die Bienen des Unsichtbaren sind, dann muss auch der Honig in die diesseitige Realität einfließen.

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