
Die Sexologie-Kolumne: Über den Mythos vom Jungfernhäutchen und wie er unsere Töchter verletzt.
(iz). „Bist du noch Jungfrau?“ – Diese Frage wird Millionen von Mädchen und Frauen weltweit gestellt – direkt oder unterschwellig. Als wäre ihr gesamter Wert, ihre Ehre und ihre Reinheit an ein körperliches Merkmal geknüpft, das in Wahrheit so gar nicht existiert, wie es oft behauptet wird: das sogenannte „Jungfernhäutchen“. Kolumne von Magdalena Zidi
In meiner Praxis als Sexualtherapeutin und Sexualpädagogin begegnet mir dieses Thema fast wöchentlich. Mädchen in Angst, weil sie sich sorgen, dass beim Reiten, Fahrrad fahren oder Turnen ihr Hymen reißen kann.
Frauen, die sich nach dem sie erfahren haben, dass es keine Garantie gibt trotz sexueller Enthaltsamkeit beim ersten Mal zu bluten eine Rekonstruktion“ kaufen. Mütter, die fragen, ob man „es merken würde, wenn…“. Und Paare, deren Ehe von Unsicherheit, Kontrolle oder sogar Gewalt geprägt ist – wegen eines blutigen Mythos.
Der Mythos um das Jungfernhäutchen ist kein rein islamisches Thema – viel mehr eines, dass uns alle als Gesellschaft betrifft und dennoch: Die Angst, in der Hochzeitsnacht „nicht zu bestehen“, ist in unserer Umma keine Seltenheit. Und sie beruht auf einem medizinischen Irrtum, der sich tief mit kultureller Scham und einem bestimmten Verständnis von Ehre vermischt hat: dem Mythos vom Jungfernhäutchen. Es ist an der Zeit, diese Lüge zu beenden. Im Namen der Aufklärung. Im Namen der Würde. Und ja – auch im Namen des Islam.
Um was geht es?
Das Hymen – im Volksmund „Jungfernhäutchen“ genannt – ist ein elastischer Schleimhautkranz am Vaginaleingang. Es ist nicht „eine Haut, die zerreißt“ oder „ein Siegel, das platzt“, sondern Teil der normalen Anatomie und bei jeder Frau unterschiedlich: dünn oder dick, mit großer oder kleiner Öffnung, ringförmig, halbmondförmig oder durchbrochen (wird im Fachjargon auch septierte Korona oder kribriforme Korona genannt).
Was viele nicht wissen: Etwa 50 % der Frauen bluten beim ersten Geschlechtsverkehr nicht. Viele Frauen „verletzen“ das Hymen nicht beim Aufnehmen von Tampons oder Geschlechtsverkehr und die meisten haben gar kein vollständig geschlossenes Hymen.
Nur bei etwa 1 von 4.000 Frauen ist es vollständig verschlossen. Das fällt spätestens beim Einsetzen der Menstruationsblutung auf, weil das Blut nicht abfließen kann und Betroffene mit starken Unterleibsschmerzen meistens in Kliniken landen, wo es mit einem medizinischen Eingriff geöffnet werden muss.
Und was auch wichtig ist: Das Hymen wächst nicht nach – aber es dehnt sich, verändert sich, und es ist nie ein Beweis für irgendetwas. Auch eine Frau, die bereits ein Kind vaginal geboren hat, hat noch ein Hymen oder besser formuliert: einen vaginalen Schleimhautkranz.
Was kein Arzt kann
Der Glaube, dass man durch eine gynäkologische Untersuchung feststellen könne, ob eine Frau Jungfrau ist, ist ein weitverbreiteter Irrtum – und ein gefährlicher obendrein. Zahlreiche internationale Studien und gynäkologische Fachgesellschaften – darunter auch die WHO, das BZgA und der Berufsverband der Frauenärzte e.V. – betonen seit Jahren: Der Zustand des Hymens lässt keinerlei Rückschlüsse auf sexuelle Aktivität zu.
Kein Arzt und auch keine Ärztin kann zweifelsfrei feststellen, ob eine Frau Sex hatte. Die Vorstellung, ein intaktes Hymen sei ein Beweis für Unberührtheit, ist also nicht nur falsch, sondern wissenschaftlich unhaltbar. Jede medizinische Fachperson, die so etwas behauptet und verkauft weiß A) entweder selbst nicht genug über die weibliche Anatomie oder B) weiß es, aber verdient viel Geld damit.
Gewalt des Mythos
Der Glaube, man könne „anhand des Jungfernhäutchens“ erkennen, ob eine Frau „rein“ sei, ist nicht nur falsch – er ist gefährlich. Frauen werden mit Misstrauen, Anschuldigungen und sogar „Ehrengewalt“ konfrontiert, wenn sie „nicht bluten“.
In vielen Ländern (auch in Europa) werden „Jungfräulichkeitstests“ von Familien oder sogar von Ärzten und Ärztinnen durchgeführt – ein Eingriff ohne medizinischen Wert, aber mit massiver psychischer Traumatisierung. Tausende Frauen lassen sich jährlich einer „Hymenrekonstruktion“ unterziehen, gehen aber nicht zur gynäkologischen Vorsorgeuntersuchung aus Angst, dabei ihre „Jungfräulichkeit“ zu verlieren. Und das alles wegen eines Mythos.
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Von Scham zu Ware
Aus dieser Angstkultur ist eine lukrative Branche entstanden: die Hymenrekonstruktion. Die Schönheitschirurgie vermarktet Hymenoplastik mit Begriffen wie „Diskretion“ oder „soziale Reintegration“. Was sie meinen: Wir nähen dich so eng zu, dass es auf jeden Fall eine Verletzung gibt, wenn du etwas vaginal aufnehmen willst.
Weltweit boomt dieser Eingriff. Kliniken in Europa, Asien, dem Nahen Osten und Nordafrika verdienen Millionen damit, Frauen ein neues „Zeichen der Unschuld“ zu nähen – obwohl der Eingriff medizinisch unnötig ist. Preise zwischen 1.000 und 3.000 Euro sind keine Seltenheit. Viele Frauen lassen den Eingriff aus Angst vor Ausgrenzung oder Gewalt durchführen – oft heimlich, oft traumatisiert. Doch der Eingriff löst kein strukturelles Problem – er erhält den Mythos weiterhin aufrecht.
Doppelte Lüge
Was in dieser Erzählung oft ebenso mitschwingt, ist ein zutiefst ungerechtes Narrativ: Die Frau muss „rein“ sein, der Mann darf „Erfahrung haben“. Die Ehre der Familie liegt auf dem weiblichen Körper, nicht auf männlicher Verantwortlichkeit. Der Islam aber kennt diese Doppelmoral nicht. Allah verlangt von allen Muslimen und Musliminnen Keuschheit – Männer wie Frauen.
„Sag zu den gläubigen Männern, sie sollen ihre Blicke senken und ihre Scham hüten. Das ist reiner für sie. (…) Und sag zu den gläubigen Frauen, sie sollen ihre Blicke senken und ihre Scham hüten (…).“ (An-Nur, Sure 24, 30–31)
Der Maßstab im Islam ist nicht ein Häutchen, sondern das Verhalten – vor Allah. Und das betrifft Männer wie Frauen gleichermaßen.
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Die psychologische und islamische Dimension
Die Obsession mit dem Jungfernhäutchen ist auch eine psychologische Belastung. Wenn körperliche Integrität zur Bedingung für soziale Zugehörigkeit gemacht wird, verlieren Mädchen früh das Gefühl, dass ihr Körper ihnen gehört. Viele junge Frauen beschreiben in der Therapie eine Art Dauerüberwachung – innerlich und äußerlich. Sie erleben psychosomatische Symptome, Blockaden oder Intimitätsangst.
Viele meiner Klientinnen berichten von tiefer Scham, Unsicherheit oder sogar Selbsthass – allein, weil sie nicht wissen, ob ihr Körper „normal“ ist. Sie fühlen sich beschädigt, nicht gut genug, als hätte ihr Wert sich reduziert – ohne, dass überhaupt ein Fehler passiert wäre. Diese Scham lähmt. Sie kann zu Angststörungen, Sexualstörungen, Beziehungskonflikten und Depressionen führen.
Manche Frauen leben mit der ständigen Angst, beim ersten Sex nicht zu bluten – und „beschämt“ zu werden. Andere lügen – aus Selbstschutz, sammeln Menstruationsblut vor der Hochzeitsnacht, kaufen Kunstblut-Kapseln oder andere „Hilfsmittel“.
Wieder andere lassen sich operieren – um sich „zu retten“. All das zeigt, wie tief dieser Irrglaube verletzt. Nicht (nur) den Körper – sondern vor allem die Seele.
Was sagt der Islam?
Der Islam misst der Ehre der Frau einen hohen Wert bei – doch nicht im biologischen Sinne. Es gibt keine Stelle im Quran oder in der authentischen Sunna, die ein blutendes Hymen zur Voraussetzung für eine Ehe oder die „Unversehrtheit“ einer Frau macht. Das Konzept der Keuschheit ist spirituell und ethisch – nicht anatomisch und gilt für alle Menschen.
Der Prophet Muhammad, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, war voller Barmherzigkeit mit Menschen, die Fehler machten oder mit ihrer Vergangenheit kämpften. Zudem sind wir Muslime und Musliminnen dazu angehalten, was an Intimität passiert zwischen uns und unseren Ehepartnern zu bewahren und nicht damit ins Außen zu gehen oder zu prahlen und erst recht kein Bettlaken mit einem Blutfleck als Beweis zur Verfügung zu stellen. Der Maßstab des Islam ist Reue, Aufrichtigkeit und Absicht – nicht ein medizinisch fragwürdiges Körperteil.
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Verantwortung
Wir – pädagogische Fachkräfte, Eltern, Gemeinden – müssen diesen Mythos aktiv entkräften. Schweigen bedeutet Zustimmung. Und Zustimmung bedeutet, dass auch wir Teil dieser Unterdrückung werden. Was wir tun können:
1. Aufklären statt mystifizieren: Bereits in der Pubertät sollten Mädchen (und auch Jungen!) sachlich über den weiblichen Körper informiert werden – inklusive der Wahrheit über das Hymen. Bücher, Workshops, Gespräche – je nach Alter und Kontext.
2. Sprache der Würde: Wir müssen weg von Begriffen wie „gebraucht“, „beschädigt“, „wertlos“ – und hin zu einer Sprache, die auf Tauba, Würde und Ganzheit basiert.
3. Rolle der Männer: Auch Jungen und Männer müssen lernen, dass ihr Maßstab nicht Blut in der Hochzeitsnacht ist, sondern Reife, Respekt, Vertrauen und Barmherzigkeit. Keiner hat das Recht, ein Urteil über den Körper einer Frau zu fällen – weder moralisch noch religiös.
Und Enthaltsamkeit ist kein rein „weibliches“ Thema. Es betrifft uns alle und darum sollten wir auch in der Bewertung bei jungen Männern nicht anders vorgehen, als bei jungen Frauen. Lassen wir diese Doppelmoral hinter uns.
4. Fatwas und Imame: Unsere religiösen Autoritäten müssen klar Stellung beziehen: gegen Hymen-Mythen, gegen Zwangsoperationen, gegen Prüfmethoden. Wir brauchen mutige Stimmen an der Front, die laut sind und aufklären, statt zu kontrollieren. Wir können nicht von ḥayāʾ sprechen und gleichzeitig Frauen mit Schweigen beschämen. Islam braucht keine blutigen Laken. Er braucht Wahrheit, Barmherzigkeit – und Vertrauen.
Ein ehrlicher Blick
Intimität ist kein Theaterstück. Eine Ehe ist kein Beweisakt. Sexualität ist etwas tief Menschliches, Kostbares – und verdient Wahrhaftigkeit. Wer auf „Blut als Beweis“ besteht, fordert eine Lüge ein. Wer sich operieren lässt, um „den Schein zu wahren“, ist nicht schuld – sondern Opfer eines Systems, das Wahrheit nicht zulässt.
Lasst uns aufhören, Scham zu kultivieren. Lasst uns aufhören, aus einer Lüge eine Industrie zu machen. Lasst uns beginnen, mit Aufklärung zu schützen. Mit Wissen zu stärken. Und mit Barmherzigkeit zu heilen. Es ist Zeit, diesen Zyklus zu durchbrechen. Für unsere Mädchen. Für unsere Männer. Für unsere Ehen. Für unsere Umma. Brechen wir das Schweigen. Nicht unsere Töchter.
Über die Autorin: Magdalena Zidi ist Sexual- und Traumapädagogin sowie Sexualtherapeutin. Unter dem Namen „sexOlogisch“ begleitet sie Jugendliche, Eltern und Paare in sensiblen Fragen rund um Körper, Intimität und Beziehung einfühlsam und fachlich fundiert – online wie offline. Mehr zu ihrer Arbeit, ihrem Podcast, Instagram-Kanal und Beratungsangebot unter: www.sexologisch.com