Sind wir nur Algorithmen?

Ausgabe 301

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„In welcher Wirklichkeit leben wir eigentlich? Und, wenn ja, in wie vielen?“ (Frei nach R. D. Precht)

(iz). Ist meine Wirklichkeit realer, als die meiner Nachbarin? Wo überhaupt verläuft die Trennlinie zwischen subjektiver und intersubjektiver Wirklichkeit – und gibt es eine objektive Wirklichkeit oder ist alles relativ und wird erst in Beziehung real? Fragen, die einst (Hobby-)Denkern und Mystikern vorbehalten waren, verschwinden zusehends aus den Gesprächen unterm Abend­himmel und materialisieren sich als Forschungsobjekte auf dem Seziertisch, unter dem Elektronenmikroskop und in den Techniklabors des Silicon Valley.

Yuval Harari hat findig und schlüssig dargelegt, wie über die Schrift Gedankengut verbreitet und etabliert werden kann, sodass damit nicht nur kollektive Identitäten über (unbeschränkt) große Menschengruppen hinweg geschaffen werden, sondern auch neue Räume entstehen, in denen Inhalte sich manifestieren und machtwirksam werden. Den Glauben an diese „Geschichten“ bezeichnet er durchweg als „Religion“. Dass Geld, Schmiermittel des Austauschs, mit einem inhärenten Wachstumsfaktor versehen, diesen Prozess exponentiell anheizt, kulminierend in beliebiger Energietransformation und Materieumwandlung über Elektrizität, Maschinen und Quantencomputer, als moderne Gefäße der Machtausübung.

Was ist „Ich“? Aus einer Perspektive, die alles Organische als Ansammlung von unablässig fluktuierenden Teilchen betrachtet, kann auch „Ich“ als unteilbare Einheit nicht bestehen bleiben. Nachdem sich weder die Seele noch Bewusstsein oder Geist unter dem Mikroskop und auf dem Seziertisch offenbarten, ließ sich im Kontext des Biologischen auch kein einheitliches „Ich“ finden. Ausgehend von den beiden Gehirnhemisphären, besteht der Mensch wissenschaftlich gesehen aus unzähligen, oftmals widerstreitenden, leicht beeinflussbaren inneren Faktoren und Instanzen. Entscheidungsfindung findet als „Tauziehen“ zwischen diesen statt.

Wir erleben Bewusstsein als das Verbindungsglied zur Welt und zu uns selbst. Es zeigt sich als Reflexion, im Denken, in der sprachlichen Artikulation und nährt sich aus Empfindung und Emotion. Man kann es verfeinern, eine erhöhte Sensibilität und Differenziertheit entwickeln, es lässt sich, dem „Ich“ vergleichbar, jedoch schwer fassen und umschreiben. Aber die „Geschichten“, die wir uns über unser Leben und über uns selbst erzählen und der Sinn, den wir in ihnen erkennen, ist ihm zuzuschreiben.

Die moderne Wissenschaft hingegen weiß erstaunlich wenig über Geist und Bewusstsein und ist „weit davon entfernt, dieses Rätsel zu entschlüsseln“. Umso intensiver befassen sich Bio- und Neurowissenschaftler mit dem Gehirn, welches man mit seinen 80 Milliarden Nervenzellen und Synapsen beobachten, dessen biochemischen Phänomene der Reizübertragungen man in Form von „Signa­turen“ erkennen kann und wo man Schlaf, Wachheit, oder auch Gefühle wie Wut oder Liebe zu lokalisieren vermag. Es ist möglich Zusammenhänge und Kausalverbindungen zwischen den elektrischen Strömen im Gehirn und subjektiven Erfahrungen nachzuweisen, nicht aber, festzustellen, dass subjektive Erfahrung die Ursache für die Bewegung der Elektronen ist, oder dass irgendwo so etwas wie Geist auf der Basis einer freien Entscheidung, gar eines autonomen „Ichs“ in den Vorgang eingreift.

Ist also Bewusstsein eine Angelegenheit von biochemischer Reizübertragung, des Aufeinandertreffens von Teilchen, gipfelnd in einer Art „infinitivem Regress“, aus dem es dann entspringt? Dies wäre ganz im Sinne der Evolutionstheoretiker und die Hoffnungen mancher Wissenschaftler mögen in diese Richtung gehen. Einstweilen geht man davon aus, dass zwar Tiere, Descartes zum Trotz, offenbar Bewusstsein besitzen, Maschinen, auch datenverarbeitende, wie Computer oder die Börse, und Gegenstände hingegen keinen Geist besitzen. Sie können, das ist das Kriterium, aus sich selbst heraus nichts fühlen oder begehren. Genaugenommen aber ist niemand dazu in der Lage, „Geist“ oder „Bewusstsein“ bei anderen Wesen als bei sich selbst festzustellen und es könnte dementsprechend schwierig sein, zu beurteilen, ob Roboter und Computer ein solches (je) besitzen (werden), sind sie doch ganz anders aufgebaut, als organische Lebewesen.

Dem Bewusstsein wird von den Forschern in diesem Kontext zwar immer noch „möglicherweise großer moralischer und politischer Wert“ eingeräumt, eine wie auch immer ins Biologische wirkende Funktion wird ihm jedoch schlicht abgesprochen. Aus wissenschaftlicher Perspektive übernehmen diese – Algorithmen. Und mit ihnen eine Flut von Daten. Unter einem Algorithmus, als Begriff seit dem 9 Jh. in Gebrauch, versteht man eine „methodische Abfolge von endlichen Schritten mit deren Hilfe Berechnungen angestellt, Probleme gelöst und Entscheidungen getroffen werden können“. Gleiche Voraussetzungen bringen das gleiche Endergebnis. Maschinen funktionieren auf der Basis von Algorithmen. Sie basieren auf mathematischen Formeln und Gleichungen, man hat für sie aber mit dem Aufkommen von ­Computern und Datenverarbeitung eigene Sprachen entwickelt, die über das Rechnerische hinausgehen, sogenannte formale Sprachen. Damit werden komplexere Handlungsabläufe so beschrieben, dass sie von einem Computer verarbeitet werden können. Computerprogramme werden in dieser Sprache, mit strikter, fantasieloser Syntax geschrieben.

Es sind die Biowissenschaften, die zum Schluss kamen, dass auch Organismen Algorithmen sind und die diese Vorstellung vorantreiben. Das Verständnis von Giraffen oder Tomaten, Bäumen, Menschen, Bienenvölkern oder Städten als Algorithmen durchbricht nicht nur per Definitionem die Schranken zwischen Pflanze, Tier und Mensch, sondern zunehmend auch zwischen Organischem und Anorganischem. Längst schon ist die Stigmatisierung von Psychopharmaka durchbrochen, auch die der „Aufmerksamkeitsoptimierung“ von Schulkindern mit Aufputschmitteln wie Ritalin. Die Frage der Umgestaltung der Blaupause unseres Körpers, der DNA, schon bei der Entstehung von Leben, steht ständig im Raum. Mit bionischen Prothesen und Organen, einer Vielzahl an biometrischen Geräten, und Nanorobotern, die unsere Gesundheit überwachen und die rund um die Uhr online sind, soll Mensch in Zukunft ausgestattet werden. Diese müssen übers Netz permanent aktualisiert werden, damit die Krankheiten aus dem Cyberspace nicht auch bei meinem Herzschrittmacher, meinem Hörgerät und bei meinem nanotechnischen Immunsystem einhaken, die so „gehackt“ werden, und ich eines Morgens aufwache, um festzustellen, dass nun „Millionen ferngesteuerte Nanoroboter“ durch meine Venen kreisen. Ja, „Abkopplung wird den Tod bedeuten“.

Nicht nur die Willensfreiheit ist ­bedroht, nicht nur wird die veränderte Wahrnehmung auch unsere Sinne – und Bedeutungsinhalte modifizieren, auch die Schere zwischen den Privilegierten dieses Hightech-Systems und den ­„Verlierern“ darin wird sich weiter öffnen. Auf dem Arbeitsmarkt ebenso wie im Gesundheitssystem gilt es, mit der Technik mitzuhalten. Bedroht ist einerseits eine breite Palette von „Allerweltjobs“, die von Algorithmen viel besser erledigt ­werden können, andererseits wird es neue, gefragte Hightech-Jobs geben, wie Designer für virtuelle Welten.

Nicht nur der freie Wille, Pfeiler des liberalen Humanismus, nimmt unter dem Elektronenmikroskop immer größe­ren Schaden. Was geschieht mit menschlichen Gefühlen als Autorität, als Parameter für Sinn und Wertzuschreibung, gar „Währungsdeckung“ in einer von maschinellen, rationalen Vorgaben und der Nützlichkeit verpflichteten Welt? Welche Funktion bleibt dem Geist? Sie alle stehen vor einer Art Generalherausforderung. Und in einer Welt, in der die Gesetze der freien Marktwirtschaft gelten, in der Wachstum Bedingung ist, gilt für Organismen und DNA-Moleküle, für Geschichten, Vorstellungen und Fiktionen dasselbe, was für anorganische Algo­rithmen gilt: aufgewertet wird, was auf dem Markt besteht, abgewertet, was „überholt“ wurde.

Humanistische „Mythen“, Glaubenssätze und „Lieblingsfiktionen“ stehen wankend auf dem Podest. „Wir stehen vor einer wahren Flut äußerst nützlicher Apparate, Instrumente und Strukturen, die auf den freien Willen individueller Menschen keine Rücksicht nehmen“. Ja, auch Homo sapiens selbst könnte bald zum „obsoleten Algorithmus“ werden, Künstliche Intelligenz und Biotech­no­logie könnten unsere Gesellschaften und Ökonomien, unseren Körper und unseren Geist schon bald überholen.

Zwei „Haupttypen der neuen Techno-Religionen“ erscheinen nach Yuval Harari nun am Horizont: die des „Techno-Humanismus“ und die der „Datenreligion“. Die „Techno-Religion“ ist die konser­vativere von beiden, die sich weiterhin an den traditionellen humanistischen ­Werten orientiert, an ihnen festhalten möchte. So will er die Kontrolle über den „geheiligten“ menschlichen Willen, den „Nagel“, an dem der Humanismus „das gesamte Universum hängt“ aufrechterhalten. Erreicht soll das werden, indem Mensch sich fortlaufend selbst optimiert. Der technische Fortschritt wird uns allerdings dazu zwingen, die „maßgebende Instanz“, unsere innere Stimme, auch unser Glücksstreben zu kontrollieren, quasi einzutunen, an „Knöpfen herumzudrehen“ und Ungleichgewichte auszubalancieren, die nur allzu oft und in Zukunft voraussichtlich immer öfter, vielversprechenden Karrieren und soliden Beziehungen Abbruch tun. Vielleicht, fragt Harari rhetorisch, gelingt es ja gerade auf diesem Weg, der „Ummodelung“ und Manipulation unserer Wünsche, die ­„Kakophonie widerstreitender Geräusche in unserem Inneren zugunsten einer „authentischen Stimme“ in den Hintergrund zu drängen.

Yuval Harari betont zum Schluss, dass die „entworfenen Szenarien als Möglichkeiten, weniger als Prognosen verstanden werden sollten“. Dass sein Anliegen sei, „den Ursprüngen unserer gegenwärtigen Konditionierung nachzuspüren, um ­ihren Griff zu lockern“. Genau dieses Anliegen wollte auch mit diesem Artikel aufgegriffen werden. Es sollte auch veranschaulicht werden, dass und wie unsere Überzeugungen sich manifestieren. Es gibt in diesem Sinne kein „Außen“ und „Innen“, alles fluktuiert…

Natürlich muss man als theistisch Gläubiger, als Muslim, Yuval Harari in manchem grundsätzlich widersprechen, allem voran in der Leugnung der Seele, jenes „Organs“, das den Menschen mit dem Göttlichen, Ewigen verbindet, ­Zugang zu einer anderen Dimension gewährt. Aber wir alle sind Teil des Prozesses, des „Abenteuers“ im abgekoppelten Räumlich-Zeitlichen. Wir alle sind, im 21. Jahrhundert, nolens volens, Mittäter bei der Hinausschiebung von Verantwortung, Mitspieler im Spiel der Täuschungen, Mitgefangene in einem riesigen ­Verlustgeschäft. Und nicht nur das.

Wir sind Zeugen der fundamentalsten und ungeheuerlichsten Verschwörung der Menschheitsgeschichte: Derjenigen gegen Wahrheit, gegen Gerechtigkeit, ­gegen jegliches natürliche Gleichgewicht. Letztlich einer Verschwörung gegen die einzige Wirklichkeit, nämlich der des Schöpfers des Universums, Dessen ­Geschöpfe wir sind und von Dem wir zur Verantwortung gezogen werden. Des Allvergebenden, Barmherzigen, Der uns die Freiheit lässt, zu Zeugen gegen uns selbst, gegen unsere eigene innere ­Wirklichkeit zu werden. Und Der uns zumutet, die Folgen davon zu tragen, in der Dimension des Zeitlichen wie des Ewigen.

Yuval Harari hat mit seinen Büchern, mit seinem Röntgenblick durch alle „Geschichten“ und Fiktionen der Menschheit, auch mit seiner radikalen Entlarvung aller Ansätze der Vergöttlichung darin, unweigerlich, einen wertvollen Beitrag geleistet, uns aufzurütteln. Neben der Seele aber hat er noch ein ­Organ verkannt, das beim Festhalten an wahrer Spiritualität, auch an Religion im ursprünglichen Sinne einer Verbindung zum Quell der Existenz essenziell ist: Das Herz.

Keine Kultur und Tradition, in der dem Herzen nicht eine zentrale, auch spirituelle, Funktion zugeschrieben wird. Heute wird an der „Herzintelligenz“ bereits wissenschaftlich geforscht und ­Erstaunliches zutage gefördert. Das Herz als spirituelles Organ ist über das Zentrum der Emotionen hinaus möglicherweise auch Sammelbecken des „Ich“, des „Selbst“, auch des Bewusstseins. Es wird im Islam als Organ der Unterscheidung, Differenzierung, des Wissens und des ­Ursprungs der Absicht und Ausrichtung verstanden. Mit Sicherheit kommt ihm eine Schlüsselfunktion bei der Navigation durch die Herausforderungen unserer Zeit zu.

Wenn Bewusstsein durch unbewusste Algorithmen ersetzt wird, wird so gesehen also das Zentrum des Menschen still­gelegt, zugunsten herz- und seelenloser Intelligenz. Möge Allah uns davor ­bewahren, Der alleinige Inhaber von Kraft und Macht, Der, der alles sieht, hört und durchdringt und jedem Ding seine Form und Bestimmung gegeben hat. Erhaben ist Er.

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