Interview: Uni-Rektorin Nelles weist Kritik am Islam-Zentrum Münster zurück

(KNA) Das Zentrum für Islamische Theologie (ZIT) an der Universität Münster steht in der Kritik der muslimischen Verbände. Uni-Rektorin Ursula Nelles äußerte sich am Montag im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) und wies die Vorwürfe zurück.

KNA: Frau Rektorin Nelles, der Bundespräsident besucht Ende November das Zentrum für Islamische Theologie (ZIT)…

Nelles: Bundespräsident Joachim Gauck besucht vorrangig die Westfälische Wilhelms-Universität Münster. Er hat aber sein besonderes Interesse für das ZIT bekundet, weil er dem interreligiösen Dialog einen großen Stellenwert einräumt.

KNA: Die muslimischen Verbände attackieren öffentlich ZIT-Leiter Mouhanad Khorchide. Ist das ein guter Zeitpunkt für den Besuch?

Nelles: Der Bundespräsident ist jederzeit willkommen. Möglicherweise kommt die Kritik der Verbände auch gerade jetzt im Vorfeld der Visite des Staatsoberhauptes auf, um besondere öffentliche Aufmerksamkeit zu bekommen.

KNA: Der Koordinationsrat der Muslime mit seinen vier Verbänden klagt darüber, bei Lehrinhalt und Lehrpersonal nicht mitreden zu dürfen.

Nelles: Grundsätzlich gilt für die islamische Theologie das Gleiche wie für die christliche: Kirchen beziehungsweise Religionsgemeinschaften einerseits und der Staat andererseits sind in unserem freiheitlichen Gemeinwesen getrennt. Die Universität als Teil der staatlichen Behörden garantiert die Forschungs- und Lehrfreiheit. Bei den bekenntnisorientierten Studiengängen sind wir aber verpflichtet, die Glaubensfreiheit der Religionsgemeinschaften zu respektieren und deren Mitwirkungsrechte sicherzustellen. Die entsprechenden Konkordate und Staatskirchenverträge haben wir analog konsequent auf die islamische Theologie übertragen. Wir berufen die Professoren nach wissenschaftlichen Kriterien, ernennen sie aber erst, wenn die Religionsgemeinschaften ihre Zustimmung gegeben haben.

KNA: Mit den Kirchen haben sie ein direktes Gegenüber. Die staatlich nicht als Religionsgemeinschaften anerkannten muslimischen Verbände sollen ihre Vertreter in einen Beirat des ZIT entsenden und darüber mitreden. Das Gremium hat sich aber noch gar nicht konstituiert. Klagen die muslimischen Verbände nicht zu Recht darüber, dass ohne sie Fakten geschaffen werden?

Nelles: Nein, denn wir haben bislang keinerlei mitwirkungsbedürftige Entscheidungen wie beispielsweise die Ernennung eines Professors oder die Verabschiedung von Lehrinhalten gefällt. Nach der Beiratsordnung beruft die Universität acht Mitglieder: Vier Personen ernennt die Universität im Einvernehmen mit dem KRM, und weitere vier schlägt der Koordinationsrat selbst vor. Gegen einen von diesen mit Nähe zum Islamrat gab es Vorbehalte des Bundes wegen der Verfassungstreue. Deshalb konnte ich ihn nicht für den Beirat berufen – andernfalls würde die Universität riskieren, dass der seine Zuschüsse für das Zentrum wieder streicht.

KNA: Zeigt der Vorgang, dass das Beiratsmodell nicht funktioniert?

Nelles: Die Beiratslösung ist sicher nicht optimal und eine Art Hybrid-Lösung. Bei den christlichen Fakultäten haben wir ein klares Gegenüber: die Universität auf der einen Seite und die davon organisationsrechtlich getrennten Kirchen andererseits. Beim Beirat macht man die Bekenntnisgemeinschaft zu einem Teil der Binnenstruktur der Universität. Das löst Probleme aus. Es wäre besser und ehrlicher, wenn man eine legitime Vertretung der islamischen Religionsgemeinschaften neben der Universität hätte – mit all den Mitspracherechten, wie sie die Kirchen auch haben.

KNA: Auch Khorchide lehnt die Beiratslösung ab…

Nelles: Das stimmt nicht. Er hat die selben Vorbehalte wie ich. Aber im Moment gibt es keine andere Lösung zu dem vom Wissenschaftsrat vorgeschlagenen Modell.

KNA: Der Lehrbetrieb läuft seit einem Jahr. Wie stellen Sie die in der Verfassung abgesicherte Religionsfreiheit denn sicher?

Nelles: Wir haben, wie gesagt, seitdem keine einzige endgültig bindende Entscheidung getroffen. Die beiden Lehrstuhlvertreter, die neben Herrn Khorchide im Zentrum lehren und forschen, haben nur Verträge, die auf ein Semester befristet sind. Zudem haben wir keine Lehrpläne abschließend beschlossen, sondern nur semesterweise das Curriculum fortgeschrieben. Dabei haben wir eine vorläufige Genehmigung des nordrhein-westfälischen Schulministeriums eingeholt, das sich nach der Einführung des islamischen Religionsunterrichtes in NRW auf einen eigenen Beirat stützen kann.

KNA: Die Verbände haben ein Gutachten über die Arbeit Khorchides angekündigt. Was ist, wenn sie ihm das Vertrauen entziehen?

Nelles: Die Verbände haben selbst der Berufung von Khorchide zugestimmt. Wenn sie nun inhaltliche Einwände haben, mischt sich die Universitätsleitung grundsätzlich nicht ein – eben wegen der Trennung von bekenntnisorientierten Wissenschaftsinhalten einerseits und staatlicher Sicherstellung von Forschungsfreiheit andererseits. In der aktuellen Diskussion vermischen sich aber leider politische und theologische Fragen – ob beispielsweise alles verfassungsrechtlich korrekt organisiert ist und ob Khorchides Positionen allgemeine Meinung innerhalb der muslimischen Gemeinschaft sind.

KNA: Kann es sein, dass Khorchide wie sein Vorgänger Sven Kalisch den Lehrstuhl verliert?

Nelles: Der Vergleich mit Herrn Kalisch ist unsinnig. Herr Kalisch hatte öffentlich erklärt, kein Muslim mehr zu sein. Vor diesem Hintergrund kann er natürlich nicht mehr islamische Theologie lehren, weshalb die Universitätsleitung ihn als Beamten mit einer anderen Aufgabe betraut hat – erneut in Analogie zu den Konkordaten und Staatskirchenverträgen. Solche Fälle gab es auch in der katholischen Kirche. Das zeigt, dass wir das Mitspracherecht der Glaubensgemeinschaften respektieren.

KNA: Eine Abberufung von Khorchide ist also auch möglich?

Nelles: Ja. Wenn der Beirat sich konstituiert, kann er das machen.

KNA: Und Sie haben wieder ein Problem.

Nelles: Das sind keine Probleme, das sind Herausforderungen – in diesem Fall übrigens eher hypothetischer Natur. Wann immer man etwas Neues anfängt, muss man damit rechnen, dass es am Anfang Verwerfungen gibt. Wir haben noch keine allzu lang zurückreichenden Erfahrungen mit der islamischen Theologie und sind in einer Art Experimentierphase. Wo, wenn nicht an Universitäten, sollte dieses Experiment Schritt für Schritt durchgeführt werden?

KNA: Drohen nicht Dauerauseinandersetzungen, wenn der Beirat seine Arbeit aufnimmt?

Nelles: Ohne Auseinandersetzungen gäbe es keine Wissenschaft, keine Streitkultur und keine Debatten. Ich bitte geradezu um die Auseinandersetzung mit der islamischen Theologie. Diese müssen aber die Theologen und die Religionsgemeinschaften selbst führen und nicht die Universitätsleitung. Ich fürchte mich ja auch nicht vor der katholischen Kirche, nur weil sie schon mehrfach Professoren die Lehrbefugnis entzogen hat.

KNA: Wie entwickelt sich – unabhängig von den aktuellen Querelen – das islamische Zentrum?

Nelles: Sehr gut. Das Interesse ist groß. Für das laufende Wintersemester hatten sich rund 1.000 Bewerber auf 260 Plätze beworben. Durch die Einführung des bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterrichtes in NRW ist ein attraktives Berufsfeld entstanden. Auch in der öffentlichen Diskussion über die Inhalte des Studienganges sehe ich einen Erfolg. Sie zeigt, dass wir ihn brauchen.

Bekir Alboga erneuert Kritik am aktuellen Stand des Beiratsverfahren des ZIT Münster

Düsseldorf (KNA). Der Druck auf den Islamwissenschaftler Mouhanad Khourchide in Münster nimmt zu. Nach dem Zentralrat der Muslime (ZDM) äußerte nun auch der Sprecher des Koordinationsrats der Muslime (KRM), Bekir Alboga, am Donnerstag in Düsseldorf gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) Bedenken, ob Khorchide seinen Lehrstuhl „konfessionsgebunden leiten“ könne.

Dem Koordinationsrat gehören der Zentralrat, der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland, der Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) sowie die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) an. Alboga ist auch stellvertretender Generalsekretär der Ditib.

Er wirft Khorchide vor, die Mitarbeit der muslimischen Verbände in dem Beirat des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster abzulehnen. Der Beirat, der über Lehrinhalte- und -personen entscheidet, soll aus je vier Vertretern der Universität und des KRM bestehen. Jeder Verband im KRM entsendet einen Vertreter. Zwei vom Islamrat nacheinander vorgeschlagene Kandidaten wurden laut Alboga wegen offensichtlicher verfassungsrechtlicher Bedenken abgelehnt. Deshalb arbeitet der Beirat an dem mit Bundesmitteln geförderten Zentrum noch nicht. Gleichwohl läuft der Lehrbetrieb seit dem Wintersemester 2012.

Die Universität Münster hatte bei der Ernennung Khorchides im Jahre 2010 die Zustimmung des KRM eingeholt. An dem Zentrum werden islamische Religionslehrer und Imame ausgebildet. Da der Islam im Gegensatz zu den Kirchen nicht als klar definierte Religionsgemeinschaft anerkannt ist, bestimmt ersatzweise der Beirat über Lehrinhalte und -personal. Mit diesem Verfahren lehnt sich die Hochschule an das Berufungsverfahren für katholische und evangelische Theologie-Professoren an und folgt zugleich einer Empfehlung des Wissenschaftsrates.

Alboga wies Vorwürfe zurück, dass die muslimischen Verbände die Funktionsfähigkeit des Beirats blockierten. Der KRM habe sich darauf verständigt, „zum letzten Mal“ einen weiteren Kandidaten vorzuschlagen.

Muslimische Verbände kritisieren Theologie-Zentrum in Münster

Köln (KNA). Die muslimischen Verbände in Deutschland kritisieren den Leiter des Zentrums für Islamische Theologie (ZIT) in Münster, Mouhanad Khorchide. „In Münster werden Inhalte beschlossen und Professoren bestellt – über die Köpfe der Religionsgemeinschaften hinweg“, sagte der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, am Dienstag in Köln. Münster agiere nicht im Einklang mit verfassungsrechtlichen Vorgaben, wonach Lehrinhalt und Lehrpersonal mit den Religionsgemeinschaften abgestimmt werden sollen.

Inhaltlich wirft Mazyek Khorchide vor, wie ein Orientalist und nicht wie ein Vertreter einer bekenntnisorientierten Religion zu argumentieren. Der Koordinationsrat der Muslime (KRM) werde in Kürze ein theologisches Gutachten herausgeben, das „Punkt für Punkt“ Khorchides Theologie unter die Lupe nehme.

Mazyek forderte, dass das ZIT seine Arbeit solange ruhen lasse, bis sich der Beirat konstituiert hat, der über Lehrinhalte und Lehrpersonal befindet. Das Gremium besteht aus je vier Vertretern der Universität und des KRM. Weil von den Verbänden vorgeschlagene Kandidaten wegen ihrer Nähe zum Islamrat vom Bundesverfassungsschutz nicht akzeptiert werden, arbeitet der Beirat nicht. Gleichwohl läuft der Lehrbetrieb seit dem Wintersemester 2012.

Mazyek warnte davor, ohne die Religionsgemeinschaften Fakten zu schaffen. Weiter kritisierte er, dass Khorchide selbst gegen die Beiratslösung ist. Damit stelle er sich gegen die Verfassung. Es sei unhaltbar, dass das ZIT in dieser Situation Bundesgelder bekomme. Die Handlungsfähigkeit des Beirats sei so schnell wie möglich herzustellen. „Taktische Spielchen können wir uns nicht leisten, das sage ich in alle Richtungen“, so Mazyek.

Khorchide hatte in einem „Zeit“-Interview gesagt, dass er das Beiratsmodell und die damit verbundene Lehrerlaubnis am liebsten abschaffen würde. Stattdessen sei er für eine Selbstverpflichtung, in der stehe, dass man ein Leben nach islamischen Maßstäben führe. Ende November will Bundespräsident Joachim Gauck das Zentrum in Münster besuchen. Mazyek begrüßte die Visite als Würdigung der islamischen Theologie an den Hochschulen.

Interview: Muslimische Verbände kritisieren Theologie-Zentrum in Münster

(KNA). Die muslimischen Verbände sind unzufrieden mit dem Leiter des Zentrums für Islamische Theologie (ZIT) in Münster, Mouhanad Khorchide. Über die Gründe äußert sich der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, am Dienstag im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Köln.

KNA: Herr Mazyek, der Bundespräsident besucht Ende November das Zentrum für Islamische Theologie (ZIT) in Münster. Aber ihre Freude ist getrübt…

Mazyek: Mit dem Besuch würdigt der Bundespräsident, dass an deutschen Hochschulen neben der christlichen Theologie nun auch der islamische bekenntnisorientierte Glaube gelehrt wird. Dies rechne ich Herrn Gauck hoch an – wie seinem Amtsvorgänger, der bereits die islamische Theologie an der Uni Osnabrück besucht hat.

KNA: Dennoch sind Sie nicht einverstanden damit, wie es derzeit in Münster läuft.

Mazyek: Die vier im Koordinationsrat (KRM) zusammengeschlossenen muslimischen Religionsgemeinschaften sind besorgt über das, was da in Münster passiert. Wir bekommen täglich Briefe von unseren Gemeindemitgliedern, die sich beschweren. In Münster werden Inhalte beschlossen und Professoren bestellt – über die Köpfe der Religionsgemeinschaften hinweg. Münster agiert nicht entsprechend den verfassungsrechtlichen Vorgaben, wonach Lehrinhalt und Lehrpersonal in Abstimmung mit den Religionsgemeinschaften festgelegt werden sollten. ZIT-Leiter Mouhanad Khorchide will ja offenkundig diese Mitsprache auch noch ganz kappen. Aber sein Mandat ist explizit auf diese Zustimmung aufgebaut, weil bekenntnisorientierter Glaube vermittelt werden soll und keine Orientalistik. Khorchide redet, schreibt und handelt aber wie ein Orientalist und nicht wie ein Islamlehrer. Und das ist die Krux aller Probleme.

KNA: Tragen die muslimischen Verbände nicht selbst Schuld an der Misere? Die Uni hat ihre vier Mitglieder für den Beirat nominiert. Der KRM hat mit der Besetzung seiner vier Kandidaten dagegen Probleme, weil der Bundesverfassungsschutz bei dem einen oder der anderen eine zu große Nähe zum Islamrat moniert.

Mazyek: Zwischenzeitlich ist eine von der Uni bestellte Person des Beirats aus Protest über das Vorgehen in Münster zurückgetreten. Es muss so schnell wie möglich Handlungsfähigkeit des Beirats hergestellt werden. Taktische Spielchen können wir uns nicht leisten, dass sage ich in alle Richtungen. Ich kann auch nicht ganz nachvollziehen, dass der Vertreter des Islamrats im nordrhein-westfälischen Beirat sitzen darf, der die Inhalte für den schulischen Religionsunterricht festlegt, in Münster aber nicht. Der Islamrat sucht jetzt aber dennoch eine neue Person. Und ich hoffe, dass bald eine verträgliche Lösung gefunden wird, mit der alle leben können.

KNA: Soll das ZIT seine Arbeit ruhen lassen, bis der Beirat steht?

Mazyek: Für Münster hätte dies den größten Vorteil. Die Uni würde auf einen Schlag den Geruch los, die Situation auszunutzen und ohne die Religionsgemeinschaften Fakten zu schaffen.

KNA: Khorchide selbst ist gegen die Beiratslösung und den Einfluss der islamischen Verbände. Aus seiner Sicht gibt es im Islam keine amtliche Lehrerlaubnis.

Mazyek: Damit stellt er sich gegen die Verfassung. Diese sieht vor, dass die Lehrerlaubnis durch die Religionsgemeinschaft begründet wird. Khorchides Vorstoß bedeutet im Umkehrschluss, dass er sich selbst diese Befähigung geben und alleiniger Master islamischer Rechtsprechung werden will. Es ist unhaltbar, dass solch ein Konsortium, das sich explizit gegen die Vorgaben des Wissenschaftsrates setzt, weiter Bundesgelder bekommt. Solche Vorstöße sind in der Öffentlichkeit vielleicht schick, weil sie gegen muslimische Verbände gerichtet sind. Sie gefährden aber nachhaltig den Standort Münster.

KNA: Was stört Sie denn so sehr an der Arbeit von Khorchide?

Mazyek: Wie gesagt, er argumentiert wie ein Orientalist und nicht wie ein Vertreter einer bekenntnisorientierten Religion. Der KRM wird in Kürze ein Gutachten herausgeben, das ausgewiesene Theologen erstellen, in dem wir sachlich Punkt für Punkt seine sogenannte Theologie vor dem Hintergrund des reichen Fundus der 1.400-jährigen islamischen Geistesgeschichte genauer unter die Lupe nehmen.

KNA: Khorchide ist dagegen, den Islam auf rechtliche Regelungen zu reduzieren und will juristische Aussagen – etwa, dass Dieben die Hand abzuhacken sei – nicht wörtlich verstehen, sondern im historischen Kontext. Ist Ihnen der Professor zu liberal?

Mazyek: Gar nicht, nur muss diese Liberalität auch mit Substanz gefüllt sein. Längst stellen zum Beispiel viele Gelehrte die drakonischen Hadd-Strafen unter ein Moratorium. Damit wird man doch nicht gleich liberal. Khorchide benutzt bekannte mutazilitsche Ansätze (eine islamische Denkrichtung, Anm. d. Red.), verwoben mit autobiografischen Erlebnisberichten. Auch manch Alttestamentarisches ist dabei, wenn man mal bestimmte Begriffe heranzieht. Wirklich Neues ist nicht zu erkennen. Daran ändert auch nichts, wenn man sich als besonders liberal oder als Reformer preist, was zugegeben hierzulande geradezu elektrisiert. Was aber hinten raus kommt, ist wichtig. Und das ist theologisch und wissenschaftlich ziemlich dünn?

KNA: Was soll Khorchide denn anders machen?

Mazyek: Der Islam ist in Deutschland eine junge Wissenschaft. Da brauchen wir Professoren, die zunächst einmal die 1.400-jährige muslimische Geistesgeschichte aufarbeiten. Und das heißt: Monografien und analytische Bibliografien sprachlich und kulturell in den deutschen Sprachraum zu bringen. Vor dem Experiment kommt die Bestandsaufnahme, sonst bleibt das Experiment eine Luftblase. Im Bereich Monografien und Bibliografien haben bislang nur Orientalisten gearbeitet, die aber anders an die Texte herangehen als bekenntnisorientierte Wissenschaftler.

KNA: Khorchide setzt aus Ihrer Sicht die falschen Prioritäten?

Mazyek: Ich denke schon. Ich will das an einem Beispiel erklären. Vorbildlich, obwohl ohne bekenntnisorientierten Anspruch, ist das Projekt «Corpus Coranicum» der Berliner Arabistik-Professorin Angelika Neuwirth. Sie bemüht sich um eine der Überlieferung entsprechende Übersetzung des Korantextes in die heutige Zeit. Nicht alles würde ich kritiklos hinnehmen. Aber an ihrer Art erkennt man einen wissenschaftlichen Ethos und eine gewisse Demut, die ich mir bei Khorchide wünsche. Neuwirth zeigt: Man kann frei forschen, ohne die wissenschaftliche Würde zu verraten. Es geht mir gar nicht um Linientreue oder so. Aber eine Jahrhunderte alte Geistesgeschichte mit exzellenten wissenschaftlichen Arbeiten plus Glaubensvermittlung lässt sich nicht in den Kategorien liberal oder konservativ beschreiben. Das suggeriert aber Khorchide. Er macht sich so zwar populär, aber wissenschaftlich angreifbar, weil oberflächlich.

KNA: Khorchides Vorgänger, der Islamtheologe Muhammad Sven Kalisch, hat die Zustimmung der islamischen Verbände verloren, nachdem er die Existenz Mohammeds angezweifelt hatte. Droht nun auch Khorchide eine Abberufung?

Mazyek: Nochmals, es geht hier nicht um Orientalistik, sondern um die Glaubenslehre. Hier muss es ein Mindestmaß an Authentizität geben. Dieses zu beurteilen, obliegt weder dem Staat, der neutral bleiben muss, noch dem einzelnen Wissenschaftler. Was authentisch ist, müssen die Gläubigen sagen, – allerdings plausibel. Warten wir erst mal, was das Gutachten des KRM ergibt.

KNA: Spielen Sie nicht das Spiel des radikalen Salafisten Pierre Vogel? Er fordert im Internet vollmundig, Khorchide von der Universität zu vertreiben.

Mazyek: Noch schlimmer, er erklärt ihn zum Glaubensverweigerer. Diese Äußerungen sind extrem populistisch und gleichsam hochgefährlich. Jemanden kraft irgendwelcher Autorität zum Kafir, also zum Ungläubigen oder Glaubensverweigerer zu erklären, lehnen wir rundweg ab. Übrigens hat Khorchide in seinem Buch die Neo-Salafisten ebenso zu Glaubensverweigerer erklärt. Damit hat er, vielleicht ohne es zu merken, das Geschäft der Fundamentalisten bedient.

Avni Altiner antwortet auf die Vorwürfe des Münsteraner Professors und Dozenten Mouhanad Khorchide

(iz). Mouhanad Khorchide unterstellt mir [sowie der Redaktion der Islamischen Zeitung, Anm.d.Red.] in einem Interview, das vor Kurzem auf der Online-Plattform www.islam.de veröffentlicht wurde, ein „lebensfeindliches Verständnis“ des Islam zu propagieren und im Sinne der Salafisten zu polarisieren.

Ich wollte – so Khorchide – gemeinsam mit den Salafisten nicht, dass der Islam mit Barmherzigkeit in Verbindung gebracht wird und hätte behauptet, dass die theologischen Thesen von Khorchide meilenweit von der muslimischen Basis entfernt seien. Zu diesen Vorwürfen und Unterstellungen nehme ich folgendermaßen Stellung:

Befremdliche Vorwürfe eines Hochschullehrers
Bis auf den letzten Punkt entspricht nichts von dem weder meiner persönlichen Position, noch der meiner Religionsgemeinschaft, der Schura Niedersachsen. Dies sind einseitige Unterstellungen und befremdliche Vorwürfe eines Hochschullehrers, der anscheinend nur sich selbst und seine Theologie für lebensfreundlich hält. Wer jedoch den „Spaß am Leben“, wie es Khorchide selbst formuliert, gegen islamische Grundwerte und Normen definieren möchte und dadurch die Religion zur Beliebigkeit degradieren will, muss dies offen bekunden. Ich habe so wenig mit den Salafisten zu tun, wie die Theologie von Khorchide selbst mit dem islamischen Mainstream und der muslimischen Basis in Deutschland zu tun hat.

Randständige Positionen
Von einem Beamten, der mit staatlichen Geldern finanziert wird und glaubt islamische Theologie zu betreiben, wäre jedoch zu erwarten, dass er die islamischen Glaubensgrundsätze beachtet, wenn er die künftigen Lehrkräfte für den islamischen Religionsunterricht und die Imame (allgemeiner Religionsbedienstete) für die Moscheegemeinden ausbilden möchte. Dies ist keine Zumutung und auch keine Positionierung gegen die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit, sondern eine Selbstverständlichkeit im weltanschaulich-neutralen Staat. Denn seine unseren Glaubensüberzeugungen widersprechenden normativen Hypothesen kann er im universitären Rahmen sehr wohl auch in der Islam- oder Religionswissenschaft lehren und darlegen, womit wir keinerlei Probleme hätten. Wer jedoch A sagt muss auch B sagen, der Anspruch islamische Theologen auszubilden, geht mit dem Wagnis einher sich nicht nur auf die Glaubensgrundsätze der Muslime einzulassen, sondern diese auch zu verinnerlichen und zu teilen. Seine randständigen Positionen als den unverfälschten Islam im wahrsten Sinne des Wortes zu verkaufen und die Repräsentanten der islamischen Religionsgemeinschaften als lebensfeindlich zu deklarieren, übertrifft jede Form von Dreistigkeit.

//2r//Nicht nur ich selbst, sondern viele andere exponierte Vertreter der Muslime in Deutschland haben sich von den Positionen Khorchides distanziert und diese kritisiert. Neben Ditib Nord, haben sich Vertreter von Schura Hamburg und auch Ditib Hessen ausdrücklich von seinen Thesen abgegrenzt und ihr Befremden zum Ausdruck gebracht. Auch Ditib-Sprecher Bekir Alboga hat diese Thesen verurteilt und sich sehr irritiert darüber gezeigt.

Kritik wird als „unwissenschaftlich“ diffamiert
Da Khorchide jede Kritik an seinem veröffentlichten Buch als unislamisch und unwissenschaftlich bezeichnet, möchte ich klarstellen, dass ich hier lediglich auf die von ihm veröffentlichten und mit großem Wohlwollen der nichtmuslimischen deutschsprachigen Presse unterstützten Positionen lediglich reagiere und hierzu Position beziehe. Er durfte in den wichtigsten Presseorganen dieses Landes in der nichtmuslimischen Öffentlichkeit massiv für sein Buch werben und wurde hierbei systematisch und gut organisiert unterstützt. Selbst das Bundesforschungsministerium wirbt mit seinem Namen deutschlandweit auf Plakaten und baut ihn damit offenkundig als modernen, aufgeklärten Theologen bewusst auf. Von einer neutralen Positionierung der nichtmuslimischen Medien und staatlichen Stellen in Bezug auf rein religiöse Glaubensdiskurse ist hier wenig zu verspüren und Khorchide kann sicherlich keine fehlende Unterstützung für seine Thesen durch die Medien beklagen. Im Gegenteil, selbst die Reaktionen der nichtmuslimischen Pressevertreter (Qantara, TAZ, Deutschlandfunk etc.) auf einen theologischen Diskurs zwischen den Muslimen (Reaktion der Ditib Nord, Schura Hamburg, Ditib Hessen versus Khorchide) war massiv parteiergreifend für Khorchide. Zudem veröffentlicht man ein Buch um seine Gedanken zu verbreiten und damit hat man nicht nur positive Rückmeldungen von Vertretern der Nichtmuslime oder säkularer Kulturmuslime zu erwarten, sondern muss im öffentlichen Diskurs auch mit Kritik von bekennenden und praktizierenden Muslimen und ihrer Religionsgemeinschaften rechnen.

„Jede Politisierung der Theologie durch die Hintertür lehnen wir strikt a2b
Unsere Aufgabe als Vertreter eben dieser islamischen Religionsgemeinschaften ist es gerade diese Entwicklungen an staatlichen Hochschulen kritisch zu begleiten um einen Staatsislam im Zuge der universitären Ausbildung zu verhindern und dem weltanschaulich neutralen Staat, der durch die Universitäten agiert, seine Grenzen im theologischen Bereich aufzuzeigen. Jede Politisierung der Theologie durch die Hintertür lehnen wir strikt ab und werden uns hiergegen mit rechtsstaatlichen Mitteln wehren. Hochschullehrer sind verwaltungstechnisch den Universitätsrektoren untergestellt, die wiederum nicht nur durch das Wissenschaftsministerium finanziert werden, sondern auch als oberstem Dienstherren diesen unterstehen. Der Staat ist nach den Vorgaben des Grundgesetzes nicht berechtigt über Hochschullehrer, die Beamte des Staates sind, Glaubensüberzeugungen von Religionsgemeinschaften zu konstituieren oder diese einseitig gegen ihren ausdrücklichen Willen paternalistisch weiter zu entwickeln. Alles andere würde zu einer Staatskirche führen, was unserem Grundgesetz eindeutig widerspricht.

//3l//Meinungsvielfalt in einem bestimmten Rahmen wurde im Islam immer durchaus positiv bewertet. Die von nahezu allen sunnitischen, schiitischen, mutazilitischen etc. Gelehrten geteilten Glaubensüberzeugungen jedoch als salafistisch zu bezeichnen (vgl. beispielsweise S. 216-217 in seinem Buch) und dadurch diskreditieren zu wollen, entspricht weder einem differenzierten wissenschaftlichenUmgang, noch ist dies guter muslimischer Brauch.

Mir persönlich als Anhänger der mystisch geprägten Nurculuk-Bewegung eine Nähe zum Salafismus vorzuwerfen, zeugt gleichzeitig von jedweder Unkenntnis der islamischen Bewegungen in Deutschland. Dies bedaure ich umso mehr, da Prof. Khorchide Leiter eines Zentrums für Islamische Theologie an einer bedeutenden deutschen Universität ist und den Unterschied zwischen der Nurculuk-Bewegung und dem Salafismus kennen sollte.

Mehrfach hat sich die Schura Niedersachsen, wie auch ich selbst öffentlich von dem Salafismus distanziert und diesen kritisiert. Gegenüber der salafistischen Theologie habe ich ähnliche Bedenken, wie ich sie gegenüber den Thesen von Khorchide ebenfalls habe. Da Khorchide mittlerweile sehr gut in der deutschen Presselandschaft vernetzt ist, hätte er wenigstens diese Meldungen zur Kenntnis nehmen können, bevor er mir über die konservative Schiene eine Nähe zum Salafismus vorwirft. Zudem vertritt die Schura Niedersachsen in diesem Bundesland seit fast 15 Jahren – mit Ausnahme der Salafisten – unabhängig von ethnischer und konfessioneller Zugehörigkeit oder Rechtsschule beinahe alle Moschee-Gemeinden außer den Ditib-Gemeinden, die eigenständig organisiert sind.

Um was geht es genau bei meiner Kritik? Warum distanziere ich mich von seinen Hypothesen? Ich habe vor Monaten in einem Interview gesagt, dass Khorchide mit diesem Buch die Erwartungen der Residenzgesellschaft bedient und mit viel Zuspruch der Nichtmuslime rechnen darf, seine Hypothesen jedoch meilenweit von der muslimischen Basis entfernt sind. Folgende Textstellen aus seinem eigenen Buch belegen in der gebotenen Kürze seine marginalen islamisch-theologischen Positionen, die ich nicht nur ablehne, sondern auch für höchst problematisch mit Blick auf die Entwicklung der islamischen Theologie in dieser Gründungsphase an staatlichen Universitäten erachte. Die islamische Theologie ist in Deutschland noch ein zartes Pflänzchen zugleicht gibt es auf muslimischer Seite große Vorbehalte und Bedenken gegen diese universitäre Ausbildung, die wir als islamische Religionsgemeinschaften täglich zu entkräften versuchen. Hervorheben möchte ich auch folgendes: Für eine authentische und glaubwürdige Entwicklung der islamischen Theologie in einer christlich und säkular verfassten Gesellschaft, in der die Muslime eine kleine Minderheit sind, empfinde ich für mindestens so besorgniserregend, wie diese wissenschaftlich eingekleideten Glaubensüberzeugungen von Khorchide, die externe, bevormundende Einmischung von Nichtmuslimen in diesen rein religiösen DiskurS.

Nach Khorchide ist beispielsweise Gott im christlichen Duktus nichts anderes als die Liebe und Barmherzigkeit per se. S. 199 Damit reduziert er Gott auf ein niedliches, harmloses Wesen und relativiert, ja negiert zahlreiche eindeutige weitere strafende und ausgleichende Attribute, Eigenschaften und Namen Allahs, die der Selbstbeschreibung Gottes und seines Propheten in Koran und Sunna entsprechen. „Unter den Menschen gibt es manch einen, der ohne Wissen über Gott zu haben, über ihn streitet und dem aufrührerischen Teufel folgt.“ Koran 22/3 Im folgenden Textabschnitt möchte ich mit unmissverständlichen und klaren Zitaten aus dem Buch von Khorchide seine Standpunkte skizzieren, damit jeder Leser sich sein eigenes Bild machen und Urteil bilden kann.

//4r//Glaube und Gottesvorstellungen nach Khorchide
Nach Khorchide sind Glaubenszugehörigkeiten billige Überschriften und Etikettierungen, die für das Jenseits unbedeutend sind. Muslime sollen sich Gott nicht unterwerfen und ihm dienen, da dies nur ein restriktiver Diktator verlangen könne. Jeder Muslim soll selbst individuell entscheiden, ob und wie er eine Beziehung zu Gott aufbaut und diesen dann eigenständig verantworten. Gott in Gehorsam zu dienen schalte nach Khorchide die Vernunft ab und verdamme den Menschen zur Unmündigkeit. Der Mensch sei aber zu mehr berufen, als zum Knecht (ibada, türkisch kulluk) sein. Diese vereinfachenden Thesen alleine widersprechen den Glaubensüberzeugungen sämtlicher Madahib. „Ich fragte mich nach dem Sinn und Zweck von Religion. Was will Gott von uns Menschen eigentlich? Und was will dieser Gott für sich? Warum überhaupt das Ganze? Wie kann es sein, dass dieser Gott Menschen, die ungerecht sind und andere Menschen abfällig behandeln, ins Paradies eingehen lässt, andere aber, die gerecht sind und andere Menschen respektvoll behandeln, für immer in die Hölle verbannt? Weil sie die falsche Überschrift tragen?! Weil sie sich nicht Muslime nennen?! Geht es Gott wirklich nur um Überschriften?! Geht es Gott wirklich nur darum, dass an ihn geglaubt wird? Geht es ihm darum, dass nur auf eine bestimmte Art und Weise an ihn geglaubt wird? Geht es Gott also um sich selbst? Braucht er uns, um von uns angebetet zu werden, hat er uns deshalb erschaffen? Wer sich ihm also unterwirft, den belohnt er mit dem Paradies, und wer sich ihm nicht unterwirft, dem zeigt er im Jenseits, wer das letzte Wort hat, wer der Chef ist? Geht es Gott wirklich darum, seine Macht zu demonstrieren? Ist Gott wirklich so klein? Ich kam zu der Antwort: Mit Sicherheit nicht! Gott ist kein Diktator, kein Mubarak oder Gaddafi. Gott ist in sich vollkommen.“ (S. 25)

„Die Beziehung des Menschen zu Gott wird auf eine Dimension reduziert, nämlich die des GehorsamS. Gehorsame werden für ihren Gehorsam belohnt, Ungehorsame entsprechend bestraft. Die Fähigkeit des Menschen, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, Gotteserfahrungen zu machen und diese zu reflektieren, eine individuelle Beziehung zu Gott aufzubauen, eine eigene Religiosität zu entwickeln und diese selbst zu verantworten, für sich selbst zu entscheiden, wie er sein Leben entwerfen und auf Gott individuell ausrichten will – all das wird ignoriert und unterdrückt. Wäre es aber nicht unfair von Gott, uns eine Vernunft zu geben, die verstehen will, die viele Fragen hat und vieles hinterfragen will, die dem folgen will, was ihr einleuchtet, was sie nachvollziehen kann – aber zugleich von uns zu erwarten, diese Vernunft zu unterdrücken? Ist dann Vernunft eine Falle, die Gott dem Menschen gestellt hat, um zu sehen, ob er sich für das blinde Gehorchen oder das kritische Reflektieren entscheidet? Spielt Gott die Vernunft gegen sich selbst aus? Ist die Vernunft der Hauptfeind des Menschen? Ist das menschliche Leben ein einziger Kampf gegen die eigene Vernunft? Sind diejenigen Sieger, die sich für Gott und gegen die Vernunft entschieden haben, und die Verlierer, die sich zur Vernunft und gegen Gott gewandt haben?! Viele Gelehrte spielen Gott gegen die Vernunft auS. Sie stellen die Menschen vor die Wahl: entweder Gott oder die Vernunft. Diese Position wird weder Gott noch der Vernunft gerecht. Beide gehen dadurch verloren. Aus Gott wird ein selbstsüchtiger Diktator, und die Vernunft wird ausgeschaltet.“ (S. 74-75)

„Viele Muslime projizieren ihre Vorstellung von einem mächtigen Familienoberhaupt oder von einem archaischen Stammesvater, dem man unhinterfragt gehorchen und sich unterwerfen muss, auf ihre Vorstellung von Gott. Demnach gestaltet sich die Gott-Mensch-Beziehung als Beziehung zwischen einem Herrn und seinem Knecht. Der Herr braucht seinen Knecht, er ist auf seine Dienste angewiesen, um seine Herrlichkeit genießen zu können. Will aber Gott wirklich, dass Menschen ihm dienen? Braucht er unseren Dienst? Diese Vorstellung eines restriktiven Diktators, dem es nicht um die Interessen seines Volkes geht, unterscheidet sich kaum von der Vorstellung eines restriktiven Diktators, dem es nicht um die Interessen seines Volkes geht, sondern um die Unterwerfung der Menschen unter seinen Willen. Der Mensch ist unmündig, er ist auf die Instruktionen Gottes angewiesen. Der Koran und die prophetische Tradition werden in dieser Sichtweise als Instruktionen Gottes wahrgenommen, die Gott dem Menschen verkündet, da dieser nicht in der Lage sei, von sich aus zu erkennen, was gut und was schlecht für ihn ist. Der Koran und die Sunna (prophetische Tradition) sind demnach eine Art Bedienungsanleitung für das Funktionieren des Menschen.“ (S. 73)

„Manche Gelehrte interpretieren die islamische Religion so, als ginge es lediglich um die Verherrlichung GotteS. Sie berufen sich auf folgenden koranischen Vers: „Ich habe den Menschen erschaffen und den Dschinn (ein Geistwesen) nur deshalb erschaffen, damit sie mir dienen.“ (Koran 51/56) Dieses Verständnis von Religion kollidiert jedoch mit dem Verständnis, dass Gott den Menschen bedingungslos aus seiner Barmherzigkeit erschaffen hat, um seine Liebe mitzuteilen… .“ (S. 114)

Jenseitsvorstellungen nach Khorchide
Nach Khorchide sind die Höllen- und Paradiesvorstellungen des Korans kontextgebundene, historisch geprägte Aussagen, die die unterentwickelten Menschen im 7.Jahrhundert ansprechen. (S. 62-63)

Mündigen Muslimen gehe es „nicht um eine opportunistische Haltung, die lediglich darauf zielt, die eigene Haut vor dem Höllenfeuer zu retten (…)“, sondern um die Gemeinschaft mit Gott. (S. 218)

Allen andere unterstellt er Selbstanbetung. „Man belügt sich selbst, wenn man behauptet, man verehre Gott durch Beten und Fasten, man aber in Wirklichkeit nur in ein Paradies voller materieller Vergnügungen kommen möchte.“ (S. 62)

Geschickt schreibt er die verbreitete Wahrnehmung des Jenseits unter Muslimen neben den Mutaziliten lediglich den Aschariten zu, spricht bewusst nicht von den Sunniten und meint anscheinend dadurch verheimlichen zu können, dass seine Position zudem weder dem sunnitischen noch dem schiitischen Jenseitsglauben entspricht. Im Grunde widerspricht er damit dem Jenseitsbekenntnis aller bekannten islamischen Strömungen einschließlich der der Ahl as-Sunna, der Schia und der Mutazila etc.

„Der Ansatz, den ich hier vorstellen möchte, sieht im Jenseits – anders als die Aschariten oder Mutaziliten tun – nicht nur ein Gericht, dessen Ziel es ist, Gerechtigkeit wiederherzustellen, sondern darüber hinaus eine Phase der Transformation, mit der die Menschen zur ewigen Glückseligkeit , also in die Gemeinschaft mit Gott gelangen, indem sie Gottes Barmherzigkeit in ihrer absoluten Vollkommenheit erfahren und erleben. (…) Gott hat großes Interesse daran, seine ursprüngliche Intention bei der Schöpfung – nämlich Mitliebende zu haben, die er in seine Gemeinschaft einschließt.“ (S. 50)

„Die Hölle ist demnach kein Ort der Bestrafung oder der Rache Gottes, sondern steht symbolisch für das Leid und die Qualen, die der Mensch im Laufe dieses Transformationsprozesses erlebt. Dabei begegnet er einerseits der unendlichen Barmherzigkeit und Liebe GotteS. Dies versetzt ihn in Scham und Demut, da ihm bewusst wird, dass er in seinem Leben Nein zu dieser Liebe und Barmherzigkeit gesagt hat.“ (S. 50-51)

„Der Versuch, das Jenseits als Ort der Vervollkommnung und Transformation des Menschen zu verstehen, soll keineswegs das wortwörtliche Verständnis von Paradies und Hölle als von tatsächlich existierenden Orten ersetzen, sondern denjenigen ein weiteres Interpretationsangebot bieten, die nicht aus Angst vor einer Bestrafung bzw. Hoffnung auf eine Belohnung Gutes tun und das Schlechte vermeiden, sondern, die bestrebt sind, sich in ihrem Menschsein zu vervollkommnen und selbstlos Gutes zu tun. Eine Lesart des Jenseits als Ort der Transformation macht den Menschen ein Angebot, Gott nicht als Richter zu erfahren, sondern ihn in seiner vollkommenen Barmherzigkeit zu erkennen. Wer sich aber nur dann bzw. besser in der Lage sieht, das Gute zu tun und sich vom Bösen abzuwenden, wenn er sich von einer jenseitigen Strafe bedroht fühlt bzw. auf eine Belohnung im Sinne materieller Vergnügung hofft, dem steht das Angebot, das Paradies und die Hölle als tatsächlich existierende Orte im materiellen Sinne zu verstehen, nach wie vor offen.“ (S. 56)

Religionsverständnis nach Khorchide
Der Autor stellt das ganze Konzept der Rolle und Aufgabe von Religion und der Welt als Ort der Prüfung auf den Kopf. Nach islamischem Glauben sendet Gott Propheten mit Büchern (religiösen Vorschriften) um die Menschen zum rechten Weg zu leiten. Gläubige Menschen sollen diese Glaubensüberzeugungen teilen und bestätigen und die Gebote, Verbote, Werte etc. akzeptieren und praktizieren. Nach Khorchide aber sei es eine „naive Vorstellung“ zu glauben, dass Gott Instruktionen schicke, „um zu sehen, wer sich an sie hält und wer nicht, um dann diejenigen, die ihm gehorchen, zu belohnen und sich an den Ungehorsamen zu rächen. Diese Vorstellung wird Gott in keiner Weise gerecht. Sie macht aus ihm einen Diktator, der nur auf Gehorsam aus ist, der verherrlicht werden will und nach Selbstbestätigung sucht. Die Beziehung zu solch einem `Diktator-Gott` kann nur auf Angst basieren.“ (S. 63-64)

„Der Gedanke Gott habe die Menschen erschaffen, weil er verherrlicht oder angebetet werden wolle, macht aus Gott einen von Minderwertigkeitsgefühlen geplagten, egoistischen `Diktator`, der auf der Suche nach sich selbst ist. Das ist dann aber nicht mehr Gott.“ (S. 70)

„Es geht beim Gottesdienst somit nicht um Gott, sondern um seine Schöpfung. Man dient Gott, indem man seiner Schöpfung dient.“ (S. 115)

//5r//Glaubensverständnis und das Jenseits für Nichtmuslime nach Khorchide
Nach Khorchide spielt es für das Jenseits keine Rolle, welcher Religion jemand zugehörig ist oder welche Glaubensüberzeugung er teilt. Im Grunde ist die Glaubensüberzeugung eines Menschen relativ unbedeutend, da es nach Khorchide alleine auf das Handeln ankommt. Jeder barmherzig und liebevoll handelnde Mensch ist als Medium Gottes Muslim, auch wenn er explizit formuliert nicht an Gott glaubt. Hierbei handelt es sich nicht um ein -wie von ihm behauptet- aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat, vielmehr zieht sich dieser Gedankenstrang konsequent durch das ganze Buch. „Und wer den Glauben leugnet, dessen Werk-Handlung-Tat ist zunichte geworden. und im Jenseits gehört er zu den Verlierern.“ Koran 5/5.

„Der Gerichtstag als Ort der Abrechnung mit den ‚Ungläubigen‘ lässt hier auf der Erde ein Gefälle zwischen Muslimen und Nichtmuslimen entstehen. Muslime und Nichtmuslime können sich nach der Vorstellung der traditionalistischen islamischen Theologie nicht auf Augenhöhe begegnen, da, unabhängig von ihren jeweiligen Handlungen, heute schon feststeht, wer der ‚Gewinner‘ und wer der ‚Verlierer‘ sein wird. Gott aber interessiert sich nicht für Überschriften wie ‚Muslim‘, Christ‘, ‚Jude‘, ‚gläubig‘, ‚ungläubig‘ usw., Gott geht es um den Menschen selbst, um seine Vervollkommnung, damit er ihn für sich, für seine ewige Gemeinschaft gewinnen und ihn in sie aufnehmen kann. Entscheidend dabei ist, ob der Mensch dieses Angebot annimmt oder nicht. Die Hölle ist nichts anderes als der Zustand, in dem sich derjenige befindet, der Nein zu Liebe und Barmherzigkeit, der Nein zur Gottesgemeinschaft sagt.“ (S. 57-58)

„Die Vorstellung vom Gerichtstag als Ort der Offenbarung der Barmherzigkeit Gottes und der Wahrheit des Menschen selbst bietet hingegen keine Grundlage für ein derartiges Machtgefälle zwischen den Menschen. Der Gerichtstag im Sinne einer Offenbarung der Barmherzigkeit Gottes soll uns nicht in Schrecken versetzen, sondern uns hoffen lassen –und zwar alle, egal WELCHER RELIGION ODER WELTANSCHAUUNG WIR FOLGEN. Gott will letztendlich alle in seine Gemeinschaft aufnehmen, bis auf diejenigen, die Nein zu seiner Liebe und Barmherzigkeit, Nein zu seiner Gemeinschaft sagen. Er ist wie der liebende Vater oder die liebende Mutter, die ihren Kindern alles Liebe der Welt wünschen.“ (S. 59-60)

„Einige sagen: „Ich strenge mich die ganze Zeit an, vermeide diesen oder jenen Genuss im Leben, und am Ende ist Gott zu mir genauso barmherzig, wie zu denen, die alles genossen haben?!“ Dieses Argument bringt eine gewisse Unzufriedenheit mit zum Ausdruck: Man empfindet es als Last, nicht zu sündigen, man ist nicht ganz davon überzeugt, der Verzicht auf Sünden kommt nicht von Herzen. Ein Freund von mir, der in einem arabischen Land als muslimischer Gelehrter arbeitet, erzählte mir von einem Engländer, der mit sechzig Jahren den Islam annehmen wollte. Er ging zu einem Imam und fragte ihn, ob er den Islam annehmen könne. Der Imam verneint dieS. Der Engländer war sehr enttäuscht und kam nach langer Verzweiflung zu meinem Freund und stellte ihm dieselbe Frage. Mein Freund sagte ihm, natürlich könne er sofort zum Islamübertreten. Als mein Freund den Imam zur Rede stellte, sagte dieser: „Der Mann ist sechzig Jahre alt, er hat alles im Leben genossen, schöne Mädchen, Alkohol, und nun soll er mit mir ins Paradies kommen, der ich nichts davon gehabt habe, was er lebenslang genossen hat?! Das geht nicht!“ (S. 67-68)

//6l//Professorales Takfir
Salafisten und alle extremistischen Muslime gelten bei Khorchide nämlich als Kafir, die Nein zur Liebe und Barmherzigkeit Gottes sagen und damit direkt in die Hölle kommen. „Gerade Salafisten und andere Fundamentalisten und Extremisten, die im Namen ihres Glaubens Hass und Unfrieden auf Erden verbreiten, sind nichts anderes als kafirun.“ (S. 91)

„Der Mensch ist ein Medium der Verwirklichung göttlicher Liebe und Barmherzigkeit durch sein freies handeln. Gott und Mensch arbeiten Seite an Seite, um Liebe und Barmherzigkeit als gelebte Wirklichkeit zu gestalten. (…) Der Mensch, die die Einladung Gottes zu Liebe und Barmherzigkeit annimmt und bereit ist, ein Medium der Verwirklichung göttlicher Intention zu sein, ist ein Muslim. Islam ist die Annahme der Liebe und Barmherzigkeit GotteS. “ (S. 85)

„Ich möchte versuchen, eine Vorstellung vom Islam jenseits eines dogmatischen Verständnisses zu vermitteln, in dem es lediglich um die Frage nach den richtigen Glaubenssätzen geht. Fundamentalisten haben sich in der Frage verloren, woran ein Muslim glauben muss, und ihre Liste beschränkt sich keineswegs auf die sechs Glaubensgrundsätze (Gott, Engel, Bücher, Propheten, Wiederauferstehung und Vorherbestimmung), sondern es kommen noch viele Glaubenssätze dazu, wie der Glaube an die Rechtschaffenheit aller Gefährten des Propheten, der Glaube an die Fürbitte des Propheten am Tag des Gerichts, der Glaube an eine Brücke, die über die Hölle geht, der Glaube an die Schau Gottes im Jenseits, der Glaube an die Existenz einer Waage am Tag des Gerichts usw.“ (S. 86)

„Der traditionellen islamischen Lehre nach muss sich jeder Muslim und jede Muslimin zu den islamischen Glaubensgrundsätzen bekennen. Diese bilden die so genannte islamische `Aqida.“ (S. 209)

„Ein Verständnis von Glückseligkeit, dass diese lediglich von den richtigen Glaubenssätzen abhängig macht, hat sich bis heute mehr oder weniger umfassend durchgesetzt. Dieses Verständnis steht jedoch im Widerspruch zu den koranischen Aussagen.“ (S. 211)

„Die Verwirklichung von Gottes Liebe und Barmherzigkeit auf der Erde verliert ihre zentrale Bedeutung, wenn wir den Islam auf Glaubenssätze oder auf das Glaubensbekenntnis reduzieren. Nach der oben dargestellten Definition des Islam ist jeder, der sich zu Liebe und Barmherzigkeit bekennt und dies durch sein Handeln bezeugt, ein Muslim, AUCH WENN ER NICHT AN GOTT GLAUBT, denn Gott geht es nicht um die Überschriften `gläubig` oder `nichtgläubig`. Gott sucht nach Menschen, durch die er seine Intention, Liebe und Barmherzigkeit, verwirklichen kann; Menschen, die bereit sind, seine Angebote anzunehmen und zu verwirklichen. Und umgekehrt ist jeder, der meint, an Gott zu glauben, jedoch Liebe und Barmherzigkeit nicht durch sein Handeln bezeugt, kein Muslim.“ (S. 87-88)

Khorchide ist nicht nur mutig bei der Kritik der Glaubensgrundsätze der Muslime, vielmehr wirft er ihnen vor den Islam im Grunde seit Muawiya falsch verstanden und ausgehöhlt zu haben. Lediglich die Fassade der Religion des Propheten sei heute  übrig geblieben. „Von dem Islam Muhammads“ sei „heute kaum etwas geblieben.“ (S. 212)

Praktizierter Islam = konservativ = „salafistisch“?
Schließlich etikettiert er mehr oder weniger die praktizierte Form des Islam in Deutschland mit konservativ und setzt diesen dem Salafismus gleich. „Wie konnte es passieren, dass sich einige dieser Positionen nicht nur in salafistischen Milieus verbreitet haben, sondern auch in anderen islamischen Kreisen, die man heute als „konservativ“ bezeichnet?! Ich wundere mich immer wieder über Muslime, die darauf beharren, dass Gott im Islam nicht der absolut Barmherzige ist sondern auch der zornige und der bestrafende Gott sei,, während der „liebende“ Gott der christliche Gott sei.“ (S. 216-217)

Für jemanden der das Glaubensbekenntnis hybridisiert und normativ diesen auf das barmherzige Verhalten verlagert, gleichzeitig die Höllenstrafen de facto negiert und verniedlicht, argumentiert er in dieser Kausalkette folgerichtig und plausibel. Und auch in diesem Gedankengang schließt sich nun der Kreis, da er mich persönlich zuvor auf www.islam.de als konservativen Vertreter des Islam den Salafisten gleichgestellt hatte, die er ja bekanntlich als kafir bezeichnet. Gleichzeitig braucht man nach unserem Autor kein Muslim im herkömmlichen Sinn zu sein, um ins Paradies und in die „Gemeinschaft Gottes“ zu kommen. Das Paradies des Koran steht nach Khorchide auch allen Christen, Atheisten etc. zu, nur nicht den Salafisten und allen ihnen gleichgestellten bösen konservativen Muslimen.

Abschließende Bewertungen
Ein Buch mit solch gewagten Thesen zu verfassen, verlangt von jedem Autor eine klare Vertiefung in die islamische Theologie und viel intensivere Auseinandersetzung mit der reichhaltigen islamischen Wissenschaftstradition voraus, als dies in diesem Buch geboten wird. Diesem Wunsch liegt freilich der Gedanke zu Grunde, dass auch diese Kompetenzen bei dem Autor vorhanden sind. Schließlich betont Khorchide immer wieder, dass er sein Buch als islamischer Theologe schreibt und ist bei seiner Kritik an die Muslime auch kein bisschen bescheiden oder demütig.

Wie ist es um die Qualifikation bestellt?
An dieser Stelle wäre nach der wissenschaftlichen Qualifikation von Prof. Khorchide zu fragen. Soweit ich informiert bin, hat er weder einen Master, noch eine Dissertation im Bereich der islamischen Theologie. Beide Abschlüsse hat er im Bereich der Soziologie und Wirtschaftswissenschaften der Universität Wien zu Themen des islamischen Religionsunterrichts und der Integration erlangt. Die Suche nach einer Habilitation ist ebenfalls eine ganze Fehlanzeige.

Lediglich über einen B.A. Fernstudium einer Universität in Beirut verfügt unser Autor. Zudem hat Dr. Khorchide keine Professur im Bereich der Kerndisziplinen der islamischen Theologie, sondern der islamischen Religionspädagogik an der Universität Münster. Wenn jemand mit diesen Abschlüssen und solch einer bescheidenen theologischen Ausbildung, so weitreichende Thesen in der Gründungsphase der islamischen Theologie in Deutschland aufzustellen vermag, stellt sich bei mir die Frage: Wie kommt das? Woher dieser Übermut und diese Selbstüberhebung? Wo bleibt die von ihm in seinem Werk viel gepredigte menschliche Bescheidenheit und die wissenschaftliche Mäßigung?

Einzig der Fußnotenapparat in seinem Buch ist mehr als bescheiden. Von einem Beamten, der auch mit den Steuergeldern der Muslime finanziert wird, hätte ich mehr Takt und vor allem noch mehr wissenschaftliche Tiefgründigkeit für eine solche revolutionäre, humanistische und aufgeklärte Theologie – so jedenfalls die unbescheidene Selbstzuschreibung Khorchides – erwartet.

Jeder kann glauben, was er möchte. In diesem Land besteht Gott sei Dank im Gegensatz zu manch einem islamisch bezeichneten Staat die Religionsfreiheit. Jeder kann auch zu religiösen Positionen jede Meinung vertreten und wissenschaftlich zu begründen versuchen, hier gilt die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit. Unislamische Glaubensüberzeugungen mit der Autorität und der Würde eines Professorentitels an einer Universität und der Unterstützung von nichtmuslimischen Vertretern der Medien als islamisch zu etikettieren und dies den Muslimen als den wahren Islam aufdrücken zu wollen, kann und werde ich jedoch nicht akzeptieren. Extremistische und gewaltverherrlichende Positionen werden wir ebenso konsequent verurteilen, wie auch bevormundende sogenannte Liberalisierungs- und Verniedlichungstendenzen des Islam durch Beamte des Staates, die den Islam tatsächlich aushöhlen und hybridisieren.

Zum Abschluss
Zum Abschluss möchte ich Prof. Khorchide mit seinen eigenen Worten aufrufen, darüber nachzudenken, inwieweit das von ihm in seinem Buch favorisierte Verständnis von Glaube, Gott, Jenseits und Religion noch islamisch ist, und inwiefern dies eine einseitige Aufgabe religiöser Überzeugungen zu Gunsten der Hingabe an den Zeitgeist darstellt.

„Es wäre ja mehr als schade, wenn man sein Leben lang einen Gott anbetet, der sich am Ende als eine Projektion herausstellt und mit Gott selbst so gut wie nichts zu tun hat. Dann hat man eigentlich alles verloren, und alles ist dann umsonst gewesen: Man hat sich das ganze Leben nur um sich selbst gedreht und mehr oder weniger seine eigene Vorstellung angebetet: „Sollen wir euch Menschen sagen, wer die größten Verlierer sind? Das sind diejenigen, deren Eifer umsonst war, während sie glaubten, das Richtige zu tun.““ (S. 145)

//1r//Avni Altiner ist der Vorsitzende der Schura Niedersachsen. Vergangenes Jahr verlieh die niedersächsische Landeshauptstadt Hannover Altıner einen Ehrenpreis für sein Einsatz um Respekt, Toleranz und Verständnis zwischen den Religionen.

"IZ-Begegnung" mit der angehenden "islamischen Theologin", Journalistin und Herausgeberin Nimet Seker über ihren Studiengang und den Stand muslimischer Gelehrsamkeit in Deutschland

(iz). Die Einrichtung von uni­versitären Lehrstühlen der so genannten „Islamischen Theologie“ und die im Zusammenhang stehende Einführung eines „Islamischen Religionsunterrichts“ gelten vielen als der wich­tigste materielle Fortschritt für muslimische Community in den letzten Jahren. Insbesondere, weil in den Augen mancher so eine Anerkennung des Islam als Religionsgemeinschaft und Körperschaft des öffentlichen Rechts mit vorbereitet werden könne.

Jenseits religions- und bildungspolitischer Fragen stellt die „Islamische Theologie“ eine ambivalente Entwicklung dar. Einerseits, so die Hoffnung der Beteiligten, kön­ne eine nicht radika­lisierte Schicht aus islam­rechtlichen Gebildeten entstehen. Andererseits, so die legitime Befürchtung anderer, bestünde die Gefahr der Schaffung eines politisch genehmen Islamverständnis. Bisher ist vollkommen unklar, inwieweit die Freiheit der islami­schen Lehre in Einklang mit dem akademischen Betrieb gebracht werden kann. Hierzu sprachen wir mit der Islamwissenschaftlerin Nimet Seker, die sich in Münster auf ihre Doktorarbeit vorbereitet.

Nimet Seker studierte in Köln Islamwissenschaft, Germanistik und Ethnologie. Nach dem Ende ihres Studiums 2006 orientierte sie sich im Medienbereich und fand einen Platz in der online-Redaktion von Qantara.de, wo sie heute als Redakteurin tätig ist. Seker arbeitet auch als Autorin für andere Medien. Seit Oktober 2011 ist sie Stipendiatin am „Gradu­iertenkolleg für Islamische Theologie“ an der Universität Münster und konzentriert sich auf ihre Doktorarbeit. Daneben gibt die umtriebige Islamwissenschaftlerin halbjährlich das Magazin „Horizonte. Zeitschrift für muslimische Debattenkultur“ heraus.

Islamische Zeitung: Liebe Nimet, sie machen ja die unterschiedlichsten Dinge – von der Doktorarbeit bis hin zum Herausgeben eines Halbjahresmagazins. Was ­treibt Sie an und begeistert Sie?

Nimet Seker: (überlegt)… Ich habe in den letzten Jahren einen Durst nach Wissen entwickelt. Nach der ­Universität wollte ich erst einmal nur berufliche Perspektiven für mich entwickeln und der Journalismus hat mich interessiert. Bekanntermaßen haben wir muslimische Frauen mit Kopftuch es auf dem Arbeits­markt ohnehin nicht sehr leicht. Das war der Ausgangspunkt meines Engagements im Bereich Medien.

In den letzten beiden Jahren wurde meine Suche nach Wissen auch durch das neue Fach der „Islamischen Theolo­gie“ mit entfacht. Je mehr ich ­dazulerne, desto mehr merke ich eigentlich, wie wenig ich weiß. Ich möchte das, was ich mir angeeignet habe, an andere weitergeben.

Islamische Zeitung: Haben sie manch­mal das Gefühl, zwischen der Innenbetrachtung als Muslim und dem wissenschaftlichen Objektivismus der Universität hin- und herspringen zu müssen?

Nimet Seker: Nein, das Gefühl habe ich nicht. Natürlich hat man in der akademischen Welt den Anspruch, auf ­einer anderen Ebene zu agieren. Hier werden häufig Fragen behandelt, die für Muslime im Alltag vielleicht irrelevant ­scheinen – historische Dispute der Mutakallimun, Methoden der Qur’anexegese, neue hermeneutische Ansätze usw.

Im Gegensatz zu meinem Studium der Islamwissenschaft habe ich nicht das ­Gefühl, zwischen Binnen- und Außenperspektive wechseln zu müssen. In der Islamwissenschaft fiel mir irgendwann auf, dass ich eine klare Trennung zwischen meiner eigenen Gläubigkeit und dem, was ich in der Universität lernte, zog. Das hatte auch damit zu tun, dass das, was ich in der Islamwissenschaft in Köln (wo ich auch Lehrveranstaltungen abhielt) lernte, mit dem eigentlichen ­religiösen Gehalt nichts zu tun hatte. Da ging es eher um historische oder kulturhistorische Fragen.

Jetzt, bei der „Islamischen Theologie“, wird die Binnensicht dadurch gestärkt, dass wir viel mit Theologen anderer Religionen zu tun haben, die uns ­Muslimen unsere Positionen spiegeln und stellenweise kritisch in Frage stellen. Das führt dazu, dass man bei sich selbst über die Bedeutung der Offenbarung Gedanken macht. Dies hat sowohl meinen Zugang zum Islam gestärkt, als auch meinen Glauben gefestigt.

Islamische Zeitung: Können sie die fundierte Kritik an der „Islamischen Theologie“ nachvollziehen, die in dieser eine problematisch Neuschöpfung sieht?

Nimet Seker: Ich habe hier keine eindeutige Position. Anfänglich war auch ich sehr skeptisch. Auch in der Phase, als ich mich für das Doktorandenstudium bewarb, war mir nicht klar, wie sich das Fach entwickelt. Es ist natürlich klar, dass es sich hier um eine, von der deutschen Bildungspo­litik angestoßenen Sache handelt. Es sollen Religionslehrer und Imame ausgebildet werden. Letztendlich führt es aber auch dazu, dass wir in Deutschland auf das zurückgreifen, was man im Arabischen „Turath“ (intellektuelles Erbe) nennt. Und zwar nicht von säkularen Diskursen, sondern auch von klassischen islamischen Disziplinen.

Je länger ich mich mit dem Fach beschäftigte, desto weniger kann ich die Kritik nachvollziehen. Was ich zum ­Beispiel kritisch sehe, ist die ­vorschnelle Besetzung der Professuren. Es gibt nicht genug qualifiziertes Personal, sodass man auf Islamwissenschaftler oder Personal aus Nachbardisziplinen bis hin zu ­Leuten aus den Gesellschaftswissenschaften zurückgreifen muss. Das führt ­stellenweise zu einer Schieflage. Würde man ein Paar Jahre warten, hätten wir vielleicht mehr qualifizierte Leute. Das sind aber hochschulpolitische Fragen. Auf inhaltlicher Ebene – und da urteile ich nach meiner Erfahrung aus dem Graduiertenkolleg – kann ich die Kritik nicht nachvollziehen.

Islamische Zeitung: Es gibt aber bis in unsere Zeit nichts in den islamischen Wissenschaften, was sich mit „Theologie“ übersetzen ließe…

Nimet Seker: Natürlich nicht, das ist aber auch nicht gemeint. Der Begriff war ein Notbehelf. Ursprünglich schlug der Wissenschaftsrat den Begriff „Islamischen Studien“ vor, aber das wäre im internatio­nalen (englischsprachigen) Kontext missverständlich gewesen, weil dort die euro­päisch-säkulare Islamwissenschaft „Islamic Studies“ heißt. Auch wenn sich der Name eingebürgert hat, ist dies kein Gegenstück zur christlichen Theologie. Wir vertreten die klassischen Disziplinen Fiqh, Tafsir, Kalam/Aqida usw. Hinzu kommt das neue Fach der Islamischen Religions­pädagogik. In Hinsicht der Wissensgebiete richten wir unser Fach aber nicht nach christlich-theologischen Kriterien aus.

Islamische Zeitung: Liebe Nimet Seker, Vertreter ihrer Fachrichtung haben auch im Gespräch mit uns den Vorwurf zurückgewiesen, dass es sich hier um den Versuch der politischen Einflussnahme auf die Lehre des ­Islam handeln könnte. Von Einrichtungen wie der Mercator-Stiftung sind ­Mittel geflossen und nichtmuslimische Stimmen sprechen gelegentlich von einem „staatlichen Zähmungsinteresse“.  So mancher Vertreter des Faches wird ja in den Medien auch als Repräsentant des deutschen Islam positiv aufgewer­tet. Ist der Verdacht wirklich so abwe­gig, dass hier ein politisch genehmes Islamverständnis geschaffen werden soll?

Nimet Seker: Ich würde nicht in Frage stellen, dass es dieses Interesse gibt. Meine Kritik an den Kritikern lautet: Man sollte sich den Blick auf das Fach nicht durch bestimmte Einzelpersonen verstellen lassen, weil diese nicht für die Zukunft stehen. Gerade entsteht eine ganze Generation von Nachwuchswissenschaftlern, die die Kategorien von „traditionell“ und „fortschrittlich“ sprengen. Wie Eren Güvercin in seinem Buch „Neo-Moslems“ schreibt, lassen sie sich nicht mehr in Kategorien des medialen Diskurses pressen. Sie sind tief in ihrem Glauben verwurzelt; und viele auch in der Community. Das zeigt sich beispiels­weise daran, dass einige von ihnen eine Imam-Ausbildung haben oder Verbindungen zu den Verbänden unterhalten. Ich kann nicht erkennen, dass die Kluft, von der viele Kritiker sprechen, so existieren würde.

Mich stört das Misstrauen, das von den Verbänden, wie jüngst beim IGMG-Symposium, ausgesprochen wird. Es waren ja die Verbände, die jahrelang dafür arbeiteten, dass es in Deutschland ­einen islamischen Religionsunterricht gibt. Dieser soll bald in NRW und in Nieder­sachsen kommen. Dafür braucht es die Einrichtung entsprechender Studiengän­ge an den Universitäten, weil das Recht die akademische Ausbildung solcher Lehrkräfte vorsieht. Wo und wie ­sollten sie denn sonst ausgebildet werden? Mein Einladung an die Kritiker ist, dass sie sich auf den entsprechenden theologischen Tagungen und Seminaren einbringen. Da es in der islamischen Lehre kein staatliches Monopol bei der Gelehrsamkeit gibt, ist jeder aufgerufen, sich an der ­Debatte auf entsprechendem Niveau zu beteiligen.

Islamische Zeitung: Es gibt im deutschen Mainstreamislam kaum öffentlich auftretende Gelehrte. Es dürfte den meisten schwerfallen, mehr als zehn hiesige Gelehrte zu benennen…

Nimet Seker: Das ist natürlich ein ­Riesenproblem. Auf staatlicher Seite besteht die Sorge, dass es so genannte „extremistische“ Prediger von salafistischer Seite gibt, die auf Deutsch predigen und in kürzester Zeit in Medien sowie unter jungen Muslimen Gehör gefunden haben. Aus unserer Sicht ist das natürlich nur ein Randphänomen…

Aber aus nichtmuslimischer Sicht sind das diejenigen, die von jungen Leuten als Gelehrte wahrgenommen werden. Ein Interesse staatlicher Seite war es, ihnen zuvorzukommen, indem man eine wissenschaftliche Ausbildung implementiert und solchen Menschen Alternativen zu bieten, die ein Interesse an islamischer Lehre haben.

Islamische Zeitung: Noch einmal gefragt, ist es nicht ein Problem der muslimischen Community in Deutschland, dass es hier zu wenig strukturierte Gelehrsamkeit des Islam gibt?

Nimet Seker: Natürlich, diese Erfahrung machen wir als Wissenschaftler auch. Wir sind oft reine Schriftgelehrte, da es an der Universität keine klassische Madrassa-Ausbildung gibt. Oft merken wir bei bestimmten Fragen, dass man sich lieber an einen Lehrer wenden würde, der ein Wissen hat, das nicht nur aus Büchern kommt. Im Gegenzug sehe ich viele muslimische Akademiker, die sich an Privatinstitute in Deutschland, Frankreich oder im Nahen Osten wenden, wo sie Wissen über Scharia-Lehre oder andere Gebiete erwerben wollen. Wir haben hier keine traditionellen ­Gelehrten und oft dominiert „Schaikh Google“. Die Frage ist, ob wir als univer­sitäre Repräsentanten hier langfristig eine Alternative darstellen können. An diesem entscheidenden Punkt müssen wir arbeiten.

Islamische Zeitung: Für viele Muslime, insbesondere die Jugend, ist das Internet zu einem sehr wichtigen Mittel geworden, mit dem sie sowohl ­Wissen über den Islam erlangen wollen, als auch einen Teilaspekt ihrer muslimischen Identität ausleben. Gibt es eine Möglichkeit, die modern ­Kommunikation mit der Tradition zu versöhnen?

Nimet Seker: Immer mehr Personen und Institutionen, die traditionelles Wissen für sich in Anspruch nehmen, ­nutzen das Internet dazu. Ich glaube nicht, dass sich beide Aspekte ausschließen. Es gibt Gelehrte wie Abdulhakim Murad, die Vorträge und Seminare live im Internet übertragen. Ich würde mir wünschen, dass in dieser Hinsicht mehr passiert, weil man als Akademiker nur das Wissen greifen kann, das zur Verfügung steht. Sei es in Form von persönlichen Quellen, von Büchern und elektronischen Medien. Ich wäre auf jeden Fall dafür, dass wir uns mehr für das engagieren, was Sie als tradi­tionelle Gelehrsamkeit bezeichneten.

Islamische Zeitung: Aber wird die Übertragung des Wissens von ­Lehrer auf Schüler nicht durch die ­virtuellen Aspekte des Internets konterkariert?

Nimet Seker: Natürlich wird es das. Auch wenn wir von islamischer Lehre spre­chen, bewegen wir uns immer noch innerhalb säkularisierter Strukturen. Will man wirklich die traditionelle Lehre und ihre Methode in die Gegenwart transportieren, müsste man in der lokalen Moschee einen Gelehrten haben. Davon gibt es aber nicht viele; und werden sie auch in so schneller Zeit nicht haben.

Islamische Zeitung: Es gibt den wach­senden akademischen Diskurs und parallel den Diskurs, wie er vom organisierten Islam geführt wird. Sehr viel Metaphysik, sehr viel Reflexion… aber wo bleibt die Aktion? Sehen Sie hier – auch als aktive junge Muslimin – eine Diskrepanz?

Nimet Seker: Ja. Ich sehe diese Diskre­panz, aber ich sehe bei denjenigen, die zehn Jahre jünger sind als ich, das Verlan­gen, die Ebene der Reflexion zu verlassen und zum Handeln überzugehen. Ich glaube, dass ist das Erbe derjenigen, von denen wir unseren Islam gelernt haben: unsere Eltern und Großeltern. Die ­große Masse der Muslime sind immer noch die Kinder der Gastarbeiter. Ich kann mich erinnern, dass wir in unserer Familie bis zu meinem 13. oder 14. Lebensjahr davon gesprochen haben, in die Türkei zurückzukehren. Man hat sich darum bemüht, dass hier Moscheen entstehen und dass die Kinder den Islam lernen, worauf in meiner Familie sehr viel Wert gelegt wurde. Das meiste habe ich von ­meinen Eltern gelernt. So findet islamisches Lernen und islamisches Handeln immer statt: in der Gemeinschaft.

Dass wir jetzt diese Intellektualisierung haben, ergibt sich durch den äußeren Druck. Dieser drängt uns in die Defensi­ve und zwingt uns zu ständiger Positionierung, egal zu welchen Fragen. Das fängt an bei dem Thema Integration, über Extremismus und bis hin zur Auseinandersetzung mit christlichen Theolo­gen, die wissen wollen, wie Jesus im ­Islam gesehen wird.

Es liegt an den Muslimen selbst, dies in Handeln umzusetzen. Ich muss mich hier selbst kritisch hinterfragen, da ich oft fatalistisch denke und glaube, als einzelne wenig ändern zu können. Sich der Bedeutung der Gemeinschaft bewusst zu werden, ist in der Moderne beinahe verloren gegangen. Insbesondere in der Diaspora, wobei ich diesen Begriff eigentlich auch nicht mag. So etwas wie Diaspora kann es im Islam eigentlich nicht geben, da ich überall – in Indonesien, in der Türkei oder in Deutschland – Muslim bin.

Islamische Zeitung: Sie geben auch noch die Halbjahreszeitschrift „Horizonte“ heraus. Was müssen wir uns darunter vorstellen?

Nimet Seker: Als der Wissenschaftsrat seine Empfehlungen für die Einführung der „Islamische Theologie“ an staatlichen Universitäten veröffentlichte und es klar wurde, dass die Bildungspolitik die Einrichtung des Fachs nun voran treibt, befürchtete ich, dass staatliche Bildungsinstitutionen ein Monopol über die Islamdiskurse erlangen würden. Die ursprüngliche Idee hinter dem Projekt war die Schaffung einer Gegenstimme. Es geht uns darum, Themen auf eine vertiefte Art und Weise aufzugreifen, die nicht nur Muslime beschäftigen, sondern die zeigen, dass sich Muslime als Teil der Gesellschaft begreifen. Die ersten beiden Ausgaben fielen eher akademisch aus: Die erste behandelte Idschtihad als ­Werkzeug des islamischen Rechts und die zweite führte in die Lehre von Imam Al-Ghazali ein.

Mit der dritten Ausgaben über Geld, ethisches Wirtschaften und das Konzept des so genannten „Islamischen Bankwesens“ geht es mir darum zu zeigen, dass sich Muslime mit drängenden Zeitfragen beschäftigen und nicht nur so tun, als wäre der Islam nur für einige wenige Dinge in unserem Leben von Bedeutung. Ich glaube, dass wir über unsere individu­elle religiöse Lebenspraxis hinaus etwas zur Gesellschaft beizutragen haben.

Islamische Zeitung: Das Projekt trägt auch den Titel „Zeitschrift für muslimische Debattenkultur“. Heißt das, es besteht in der Community ein Nachholbedarf?

Nimet Seker: Ich sehe einen großen Nachholbedarf, weil wir in Deutschland durch die vielen öffentlichen Debatten in die Defensive gerieten. Das führt dazu, dass wir uns in Mainstreammedien immer nur in bestimmten Formen äußern. Das erkennt man unter anderem daran, dass immer die gleichen Personen zur Sprache kommen, während andere Personen ignoriert werden und die Medien in Deutschland sich bewusst oder unbe­wusst nach der politischen Wetterlage ausrichten. Aber wir Muslime passen uns auch dem Druck der Debatten an und können kaum eigene Themen setzen. Hinzu kommt, dass Muslime in Deutschland kaum Medienmacht besitzen. Es entscheiden die Redakteure, wer zu welchem Thema was schreiben oder produ­zieren darf. Auf der muslimischen Seite ist man größtenteils nur passiv und scheint so etwas wie Streitkultur nur zu kennen, wenn es darum geht, etwa auf der Welle der Sarrazin- oder Kelek-Empörung zu reiten. Zum anderen interessieren sich Medien für Islam nur dann, wenn man über Sensationelles berichten kann, seien es nun gewaltbereite „Salafis­ten“ oder Muslime, die für die Homo-Ehe sind. Zum dritten entsteht Autoren- und Themenwahl immer vor dem Wissenshorizont der Medienmacher großer Zeitungen oder Medienanstalten.

Vor kurzem erhielt ich via Email die Anfrage eines Hörfunkjournalisten, der von mir wissen wollte, wen ich für die prägenden muslimischen Köpfe in Deutschland hielte. Meine Antwort war, dass ich die am häufigsten in den ­Medien auftauchenden Personen für unwichtig erachte, weil sie von Muslimen gar nicht als wichtig wahrgenommen werden. Ich habe ihm Personen genannt wie den traditionellen Gelehrten und Mawlawi-Schaikh Abullah Halis oder Erika Theissen, die das Begegnungs- und Fortbildungszentrum muslimischer Frauen in Köln aufgebaut hat und immenses leistet. Solche Personen sind in den Medien kaum präsent, hinterlassen aber etwas Prägsames.

Islamische Zeitung: Wie sahen die Reaktionen auf Ihre Zeitschrift aus? 

Nimet Seker: Das Feedback war durchweg positiv. Aber, wie es häufig ist, bleibt es oft nur bei der Begeisterung. Es folgen leider keine weiteren Taten. Ich wünsche mir, dass sich mehr Autoren melden, die zu den drängenden Themen der Zeit schreiben möchten. Übrigens schreiben für „Horizonte“ auch Nichtmuslime. Dadurch, dass ich andere Themen als die setze, die uns vom Mainstream vorgegeben werden, merke ich, dass wir uns immer noch stark im vorge­gebenen Diskurs bewegen. Fragen wie die nach einer gerechten Wirtschaftsord­nung beispielsweise werden in unserer Gesellschaft, aber auch unter Muslimen nur am Rande thematisiert.

Stattdessen geht es um Integration, liberal versus konservativ oder den Salafismus. ­Gerade das letztere interessiert mich auf der öffent­lichen Ebene überhaupt nicht, da man den Neo-Salafisten überhaupt nur mit starken, religiösen Argumenten beikommt. Dafür muss man aber seine Reli­gion gut kennen, um ihr Verständnis von Qur’an und Hadithen widerlegen zu können.

Islamische Zeitung: Von Goethe stammt die Maxime, dass man eine Sache nur dann verstehen kann, wenn man sie liebt…

Nimet Seker: Das ist eine Maxime, die ich mir vielleicht noch mehr aneignen sollte. In vielen Dingen denke ich noch viel zu abstrakt. Viele Nachwuchs-Theologen haben einen sehr starken Bezug zu ihrem Glauben und sie werden durch das, was wir hier tun, sehr berührt. Diese Liebe und diese Leidenschaft ­sollte man bei allem, was man tut, natürlich nie vergessen.

Islamische Zeitung: Liebe Nimet Seker, danke für das ­Gespräch.

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Osnabrück: Tagung zur universitären Imam-Ausbildung, Eine Betrachtung von Wolf D. Ahmed Aries

(iz). Die Osnabrücker Professoren Bülent Ucar und Rauf Ceylan hatten Ende Febaruar zur einer dreitägigen Konferenz unter der Frage „Imam-Ausbildung in Deutschland“ eingeladen. Das Thema griff nicht nur eine zentrale […]

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Studenten machen negative Erfahrung an der Dortmunder Universität

(iz). Drastisch andere Erfahrungen als viele andere muslimische Studentenvereinigung an deutschen Hochschulen, nämlich äu­ßerst negative, hat die 2007 aus zwei vor­hergehenden Vereinen gegründete Islamische Hochschulvereinigung (IHV) Dortmund bisher machen müssen. […]

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