Warum Religionen zum Naturschutz aufrufen

Ausgabe 279

Foto: Abbas Wiswall

(KNA). Volle Eisdielen und Schwimmbäder auf der einen Seite, verdorrte Felder und ächzende Arbeiter auf der anderen: Der heiße Sommer hat unterschiedliche Reaktionen ­hervorgerufen. Und für Diskussionen gesorgt. Der Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, bezeichnete die Hitzewelle kürzlich auf Twitter als „Alarmsignal“. Unter Verweis auf Klimaschutzprojekte seiner Diözese mahnte er: „Wir müssen handeln, um die Schöpfung zu erhalten.“ Die Welternährungsorganisation (FAO) erklärte, weltweit sei durch den Klimawandel künftig mit mehr Dürren zu rechnen.
Viele Religionsgruppen engagieren sich für den Naturschutz. Im Garten des ­Kölner Kardinals Rainer Maria Woelki summen Bienen. Das Bistum Magdeburg beteiligte sich unlängst an der Gieß-­Challenge und wässerte Bäume an der Kathedrale Sankt Sebastian. Das sind nur einige der aktuellen Beispiele für Naturschutz-Projekte von Kirchengemeinden.
Naturschutz hat in den Religionen eine lange Tradition, betont der Theologe und Soziologe Jürgen Micksch. Er ist Geschäftsführer des Abrahamischen Forums in Deutschland, das vor drei Jahren einen Dialog zwischen Religionsgruppen und Naturschützern gestartet hat. „In der Bibel ist genau beschrieben, wie der Mensch mit der Natur und mit Tieren umgehen soll, wie Felder zu bestellen sind“, sagt Micksch. Dieses Wissen sei ein wenig in Vergessenheit geraten.
Der Arbeitskreis „Religionen und Naturschutz“ hat es sich daher zur ­Aufgabe gemacht, daran zu erinnern – „und an die Verantwortung der Religionen für den Naturschutz“, betont der Wissenschaftler. Dass Naturschutz keine neumodische Erfindung ist, zeigten etwa das christliche Erntedankfest, das Noah-Fest der Muslime, bei dem der Tierschutz im Mittelpunkt steht, oder der jüdische Tag des Baumes, an dem die Idee gefeiert wird, Israel von einem verwüsteten Land wieder zu einem Land mit Grün zu machen.
Zunächst hätten viele Naturschützer eher zurückhaltend reagiert, so Micksch, als es um eine direkte Zusammenarbeit mit Religionsvertretern ging. „Anfangs wurde uns gesagt, ach, jetzt wollen die Religionen auch noch in den Naturschutz hineinwirken.“ Das habe sich aber schnell geändert. So gebe es etwa in einer Moschee in Darmstadt inzwischen regelmäßige Projekte des Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Und im September findet die zweite Religiöse Naturschutzwoche statt, bei der Veranstaltungen in Osnabrück, Köln und Darmstadt zur Vernetzung und Aufklärung beitragen sollen.
Das Programm ist vielfältig. Teilnehmer können im Kölner Südosten Müll sammeln oder in Darmstadt beim Schweigespaziergang mit Lamas und Alpakas dabei sein. Praktische Tipps gibt es ebenfalls: Im Kölner Shambhala ­Zentrum können Interessierte zum Beispiel lernen, Reinigungsmittel selbst herzustellen; das Evangelische Dekanat Darmstadt lädt zum Workshop gegen den Plastikwahn. Zur Eröffnung in Osnabrück (2. September) kommt auch Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD), Klimaforscher Mojib Latif spricht am 6. September über die Zukunft der Ozeane.
Freizeitspaß für Familien, Information und Impulse – das steht bewusst nebeneinander. Als Vorbild nennt Micksch die Interkulturellen Wochen. Die Initiative gegen Rassismus, die 1975 erstmals stattfand, zählt inzwischen jährlich 5.000 ­Veranstaltungen an 500 Orten bundesweit. Micksch sagt, er wünsche sich auch in Bezug auf den Naturschutz, „dass ­religiöse Gemeinden dazu beitragen, die Verantwortung für den Naturschutz ­ernster zu nehmen“.
Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) begleitet die Arbeit des Netzwerks. Präsidentin Beate Jessel sieht darin auch eine Chance für den interreligiösen Dialog. Es könne verbinden, „wenn wir uns verdeutlichen, dass die biologische Vielfalt eine gemeinsame Basis ist für unser aller Leben“, erklärt sie. Laut Micksch fruchtet diese Idee bereits: „Bei uns arbeiten Religionsgemeinschaften zusammen, die bei anderen Themen nicht zu einer Kooperation bereit sind.“

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