
Achtsamkeit ist nicht nur ein Trend: Der Arzt und angehende Therapeut Hansjakob Richter berichtet im Gespräch.
(iz). Dr. med. Hansjakob Richter ist Betriebsarzt, Facharzt für Arbeitsmedizin sowie Kursleiter für Achtsamkeitskurse. Er ist in der ehrenamtlichen, muslimischen Seelsorge tätig und befindet sich zudem in der Weiterbildung zum ärztlichen Psychotherapeuten.
Mit ihm sprachen wir über das wichtige Thema Achtsamkeit, was sie auszeichnet und warum sie für Männer eine gute Idee ist. Darüber hinaus erläutert er, für welche Fälle sie sich nicht eignet, und inwiefern sie Menschen mit Depressionen helfen kann.
Islamische Zeitung: Lieber Hansjakob Richter, Sie beschäftigen sich intensiv mit dem Thema Achtsamkeit. Das ist ein Begriff, der in den letzten Jahren teils sehr häufig benutzt wurde. Was ist mit ihm und seiner Praxis gemeint?
Hansjakob Richter: Ja, sie ist in aller Munde. Achtsam sein heißt, eine bewusste Entscheidung zu treffen. Das heißt, ich fasse die Absicht, mich einer Sache, einem Objekt oder einer Wahrnehmung zuzuwenden.
Und ich bemühe mich, das, was mir hierdurch begegnet, offen und mit einer freundlichen sowie akzeptierenden Grundhaltung anzunehmen. Das betrifft nicht nur schöne Aspekte, sondern ebenfalls solche, die ich als neutral bzw. negative empfinde. Darum sollte gar nicht bzw. möglichst wenig be- oder geurteilt werden sowie sollte man versuchen, diese Dinge nicht mit einem Etikett zu versehen.
Der Bereich deckt ein Riesenspektrum ab. Ich beziehe mich in meinen Seminaren auf Kabat-Zinn und seine Mitstreiter. Hier gibt es formale Übungen und die Kurse sind angeleitet. Sie fokussieren sich auf die Wahrnehmung des Körpers, der Gefühle, Gedanken, der Stimmung und des Atems.
Das vollzieht sich in Ruhe – sitzend oder liegend. Kann aber ebenso in Bewegung bei Yoga bzw. einer Übung wie der Geh-Meditation gemacht werden. Wie gesagt, das Spektrum ist groß – vom Sitzen, über der anhaltenden Beobachtung des Atems bis zum sogenannten Bodyscan – mit und ohne Anleitung.
Islamische Zeitung: Sind die Übungen anlassbezogen oder finden sie im Rahmen einer regelmäßigen Routine statt?
Hansjakob Richter: Achtsamkeit ist etwas, was jeder machen kann. Schon Babys schauen achtsam in die Welt, hören und fühlen in ihr. Durch Erziehung, Sozialisierung und unser Erleben geht das in Folge ein bisschen verloren – im Zuge von Bildung, Schule usw.
Wenn ich das Thema neu entdecke bzw. Achtsamkeit in mir wiederbeleben möchte, ist es sinnvoll, einen Kursleiter zu haben – am Stück oder über mehrere Wochen verteilt. Und dort unter Anleitung möglichst täglich zu üben.
Es ist ebenso sinnhaft, feste Tageszeiten dafür zu finden, sodass eine Routine entsteht. Einerseits habe ich das formale Üben, wenn ich auf einem Kissen sitze oder mich hinlege. Andererseits gibt es den Alltag. Nach einigen Wochen bzw. Monaten oder vielleicht Jahren merkt man, dass sich beide annähern.
Dann steht man an der Kasse, wartet auf den Bus oder sitzt in einer Besprechung und kommt für einen Augenblick zu einer bewussten Wahrnehmung. Dabei stellen sich Fragen wie „Wo bin ich gerade?“, „Wie geht es mir jetzt?“, „Wie ist meine Atmung?“ etc.
Beide gehen ineinander über und man kann Achtsamkeit für sich nutzen. Solche Momente stehen dann für die Möglichkeit der Wahrnehmung im Moment, im Augenblick. Man steigt bspw. eine Treppe herab, fühlt die Bewegungen oder das Anfassen des Handlaufs.
Islamische Zeitung: In einem kurzen Video erklärte eine US-amerikanische Neurologin, dass eine kurze Kette von Bewegungen mit der Gesichtsmuskulatur helfen können, akute Zustände von Stress und Angst zu beheben, weil diese zu einem „Reset“ im Gehirn führen. Haben Achtsamkeitsübungen ebenfalls solche physiologischen Komponenten?
Hansjakob Richter: Ich bin kein Neurologe, ich habe knapp vier Jahre in der Psychiatrie gearbeitet. Ich kann die Studienergebnisse der Neurologin also nur bedingt einordnen oder gar beurteilen.
Der Unterschied bei den Achtsamkeitsübungen ist, dass ich hier nichts aktiv anspanne. Ich nehme zwar eine aufrechte Haltung ein – mit einer gewissen Muskelspannung –, aber das Gesicht ist eher entspannt. Hier gibt es keine spezifischen Übungen oder Kontraktionen für Muskelgruppen.
Was durch Forschungen gut belegt ist, ist, dass sich Hirnareale, die mit Stress, Emotionen und mit Emotionsverarbeitung zu tun haben, durch eine mehrwöchige oder auch mehrjährige Achtsamkeitspraxis verändern.
Es gibt gute Studien mit MRT-Scans, die ausgesuchte Hirnbereiche untersuchen. Diese nehmen durch Achtsamkeitsübungen ab oder zu bzw. werden dichter. Das ist gut belegt.
Islamische Zeitung: Vielleicht auch eine Frage zu einem anderen Themenbereich, könnte aber zum Thema führen. Ein wichtiger Aspekt wie beschrieben ist die Wahrnehmung der eigenen Gefühle – auch der körperlichen Emotionen unterhalb unseres Bewusstseins. In mehreren Kulturen – nicht nur der westlichen – hadern Männer schon länger mit dem tradierten Umgang in Sachen Emotionen. Könnten sie von der Achtsamkeitspraxis profitieren?
Hansjakob Richter: Ich denke, es ist für beide Geschlechter gleichermaßen wichtig. Sie können hier Nutzen ziehen. Ich erlebe viele Frauen in meinen Kursen, die durch Stress sowie jahrelange Verhaltensmuster gar nicht so dicht an ihren Emotionen und Stimmungen sind, wie man meinen könnte.
Ich habe gute Erfahrungen gemacht mit reinen Männerkursen. Männern, wenn sie unter sich sind, fällt es leichter, an ihre Gefühle zu kommen und sie zu benennen – Sorgen, was sie denken oder als ihre Schwächen betrachten.
Das verändert sich schlagartig, sobald eine Frau den Raum betritt. Dann spielen spezifische Rollenerwartungen über das Mannsein eine Rolle, ohne dass es bewusst wahrgenommen wird.
Von daher kann ich Männern raten, die das Bedürfnis haben, diesen Aspekt zu entwickeln, reine Männerkurse zu besuchen. Dabei geht es nicht um die Ausgrenzung von Frauen, sondern um die Schaffung geschützter Räume. Später mit mehr Erfahrung lässt sich auch in gemischten Zirkeln von Gefühlen sprechen. Man kann das leicht mit der Fahrschule vergleichen, wo man erst im Theorieunterricht und am Simulator Sicherheit gewinnt, bevor es auf die Straße geht.
Islamische Zeitung: Sehen Sie Muslime als Zielgruppe für Achtsamkeitsübungen?
Hansjakob Richter: Ich kann wiedergeben, was mir erfahrene Imame erzählten. Sie berichten davon, wie viele Muslime ihre Glaubenspraxis als Routine „durchziehen“ und beim Gebet eher an den Hausbau oder das Kochen denken.
Hier bestünde, ihnen zufolge, Verbesserungsbedarf. Es gibt im Qur’an und in den Hadithen sehr gute Hinweise, was Qualität der Anwesenheit in der Anbetung betrifft. Beispielsweise, wenn es um ein Fasten oder ein Gottesgedenken im Zustand der geistigen Präsenz geht.
In einer Sitzung lernen wir, im Moment präsent und da zu sein, ihn zu erleben und wahrzunehmen. Das bringt mehr Nutzen auch im Ganzen. Die Kombination aus der Handlung plus das nötige Bewusstsein für sie bringt die Änderung.
Es gibt den Dhikr und das Nachdenken über die Schöpfung im Islam. Dazu zählt die Betrachtung des eigenen Selbst. Und dass man für sich in einem spezifischen Zeitabstand – eine Stunde, einen Tag – Bilanz zieht.
Was habe ich heute getan, was waren meine Handlungen, meine Gedanken und meine Worte? Das empfinde ich wohltuend für mich, andere und die Umwelt. Auch die Praxis von Dankbarkeit findet sich in der Achtsamkeitspraxis – im Islam wie in weiteren Weltreligionen.
Meine Kurse sind säkular in dem Sinne, dass sie weltanschauungsneutral stattfinden. Die Gründungsväter dieser Bewegung haben Wurzeln im Buddhismus. Aber dieses Angebot ist „befreit“ von religiösen Einflüssen.
Man findet an vielen Stellen Parallelen zu den Praktiken und Theorien im Islam, aber auch im Juden- bzw. dem Christentum. Ich habe einiges auf meiner Website achtsamkeitsrichter.de zusammengestellt. Das eine ist das theoretische Wissen, das andere die tatsächliche Anwendung.
Foto: Aleksandr Ledogorov/Unsplash
Islamische Zeitung: In der Recherche bin ich auf drei Aspekte gestoßen, in denen es seriöse Kritik an der Achtsamkeitsbewegung gibt. Zum einen soll es Patientengruppen geben, bei denen Übungen bestimmte Effekte verstärken oder auslösen können. Zweitens sehen diese Stimmen in der Bewegung die Gefahr, dass Menschen unter Selbstoptimierungsdruck gesetzt werden. Und drittens steht der Vorwurf im Raum, dass sämtliche sozialen bzw. sozioökonomischen Ursachen von fehlender Achtsamkeit ausgeblendet werden. Können Sie etwas mit dieser Kritik anfangen oder ist diese haltlos?
Hansjakob Richter: Ja, das sind relevante Kritikpunkte. Sie werden von außerhalb und innerhalb der Achtsamkeitscommunity diskutiert sowie bei Konferenzen angesprochen. Ebenso wurde dazu publiziert. Es kann bei diesen Kursen zu Risiken und Nebenwirkungen kommen. Daher halte ich 1:1-Vorgespräche für wichtig, ob es überhaupt das Richtige für jemanden ist.
Die Teilnahme an einem Achtsamkeitskurs macht keinen Sinn für jemanden in einer akuten Psychose oder Drogenabhängigkeit – stoffgebunden oder nicht-stoffgebunden. Das betrifft ebenfalls Menschen mit einer floriden Trauma-Folgestörung oder Personen, die in akuter Trauer sind, oder wenn Trauer unzureichend verarbeitet wurde.
Manchmal kann das funktionieren, man muss aber genau hinschauen. In solchen Fällen können Achtsamkeitsübungen negative Effekte bewirken bzw. auslösen sowie eine Person destabilisieren. Es besteht auch die Gefahr, dass Menschen dissoziieren und den Kontakt zur Wirklichkeit verlieren.
Was den Punkt der Selbstoptimierung betrifft, gibt es im Islam das Wissen, dass jede Handlung nach ihrer Absicht beurteilt wird, weil diese entscheidend ist. Hier es genauso. Achtsamkeit an sich ist absichtslos. D.h., sie hat kein Ziel. Ich mache die Übung nicht, um etwas zu erreichen bzw. besser zu werden.
Sollte ich das so sehen, habe ich das Konzept nicht verstanden. Mag sein, dass das im Beruf weiterhilft, aber gestärkt wird Achtsamkeit so nicht. Unabhängig davon, ob säkular oder religiös, passt das nicht zusammen. Zumal dazu ethische Vorstellungen gehören. Das sind bspw. Selbstfürsorge sowie anderen keinen Schaden zufügen zu wollen.
Wenn ich die Idee habe, etwas zu erreichen, dann gehe ich am Konzept vorbei. Man muss aufpassen: Es gibt Bestrebungen, auch in Wirtschaft und Firmen, Achtsamkeitslehrer zu engagieren und Kurse anzubieten, damit die eigenen Leute leistungsfähiger werden, weniger erkranken, sich mehr entspannen etc.
Diese Tendenzen gibt es durchaus. Ähnlich Angebote bestehen bei einigen Armeen, damit bspw. Scharfschützen noch besser töten können. Das ist natürlich ein schwieriger Punkt.
Allerdings kann es im Laufe eines unternehmerischen Achtsamkeitskurses passieren, dass er das unternehmerische Ziel der Arbeitgebenden verfehlt. Und die Leute merken, was der Schichtbetrieb mit ihnen macht oder wie grausig das Kommunikationsklima ist.
Das kann aus Sicht der Auftraggeber nach hinten losgehen, wenn das Personal erkennt, wie diese Art zu wirtschaften, menschlich gesehen nicht akzeptabel. Gegebenenfalls entscheiden Mitarbeiter, dass sie sich ihren Job nicht mehr antun möchten.
Was den dritten Kritikpunkt betrifft, so kann Achtsamkeitspraxis dazu führen, dass ich nicht bei dem mitgehen will, was in der Gesellschaft passiert und propagiert wird. Dass das nichts mit dem gemein hat, wie ich mir Leben und Miteinander vorstelle.
Islamische Zeitung: Im Titel Ihres Instagram-Accounts steht „zufrieden und freier leben trotz Depression“. Die Erkrankung ist durch nicht selten. Und viele Betroffene haben oft die Erfahrung mit Mitmenschen gemacht, die meinen, ihnen sagen zu müssen, sie müssten mal an die frische Luft oder auch intensiver beten. Wie verstehen Sie Ihre Aussage?
Hansjakob Richter: Solche Sätze (wie im genannten Account) haben die Funktion, eine gewisse Aufmerksamkeit zu erzielen. Es gibt zu Achtsamkeit und Depression gute Forschungen und Studienergebnisse sowie Metaanalysen, die insgesamt schon mehrere Jahre alt sind. Natürlich ist hier noch nicht das Ende erreicht und die Wissenschaft muss weitergehen.
Sie konnten gut belegen, dass sogenannte MBCT-Kurse (mindfulness-based cognitive therapy) gut wirken als Rückfall-Prophylaxe. Sie sind für Menschen, die bereits mehrere depressive Phasen erlebt haben. Ich kann durch diesen Kurs mit einer gewissen und steigenden Wahrscheinlichkeit verhindern, wieder in eine solche Episode hineinzugleiten.
Man erkennt, an welcher Stelle es wieder losgeht mit einer Abwärtsspirale bzw. man erneut gefühlt in den Treibsand aus Emotionen, Verhalten und Bewertungen gerät. Der Treibsand ist für viele Betroffene ein passendes Bild, denn in solchen einem Fall führt hektisches Handeln dazu, dass man noch tiefer abrutscht.
Es geht also nicht darum, das Vorhandene zu bekämpfen, sondern um einen anderen Umgang. D.h., ein Zulassen, ohne sich dabei überwältigen zu lassen. Diese Kurse können – das ist natürlich kein Heilsversprechen – genauso gut wirken wie eine Standardmedikation. Auch lassen sich beide Therapieformen gut miteinander kombinieren.
Eine regelmäßige Achtsamkeitspraxis kann – über einen anfänglichen Intensivkurs hinaus – wirklich neuronale Veränderungen bewirken. Es ist natürlich ein bisschen so wie bei der Medikation. Wenn ich das Medikament weglasse, geht der Blutdruck wieder hoch oder die Stoffwechsellage verschlechtert sich.
Das ist bei den Übungen genauso. Deswegen auch die Empfehlung nach dem Kurs, sich eine Gruppe zu suchen, in der man regelmäßig im Kreis mit Gleichgesinnten formale Achtsamkeitsübungen praktiziert und so für die bewusste oder unbewusste Anwendung im Alltag lebendig und verfügbar hält.
Islamische Zeitung: Lieber Jakob Richter, wir bedanken uns.
Website: achtsamkeitsrichter.de