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Afghanistan: „Man ist zerrissen, deprimiert und fühlt mit“

Ausgabe 315

Foto: Der Südstern, via flickr | Lizenz: gemeinfrei

Aqida Az ist 1985 zur Welt gekommen und kam im Alter von 6 Jahren aus Afghanistan nach Deutschland. Nach ihrem Abitur studierte sie Geografie mit dem Schwerpunkt Umwelt- und Klimaschutz. Heute arbeitet Az bei einer Jugendorganisation.

Islamische Zeitung: Hier leben mehrere Generationen von Exil- und Deutschafghanen. Einige kamen vor Jahrzehnten. Andere sind in den letzten 42 Jahren im Rahmen verschiedener Krisen geflohen. Wie reagieren die afghanische Community und Dein näheres Umfeld auf die Entwicklungen der letzten Tage und Wochen?

Aqida Azizi: Im weitesten Sinne schon mit Schock, Enttäuschung und Trauer. Das sind die dominierenden Zustände. Vereinzelt begrüßen einige die jetzige Ruhe und sagen, man müsse abwarten, wie sich die Lage entwickelt.

Islamische Zeitung: Lässt sich eine Kommunikation mit Angehörigen  praktisch aufrechterhalten?

Aqida Azizi: Technisch schon. In den ersten Tagen war die Internetverbindung schwierig. Da gab es einige Unterbrechungen. Das kommt auch immer auf die Region an. Ich stehe mit einigen Großstädtern in Kontakt und da gibt es technisch keine Probleme. Ich weiß allerdings nicht, wie es inhaltlich aussieht, ob nicht jetzt einige Leute Angst haben, bestimmte Aussagen zu treffen.

Islamische Zeitung: Die Reaktionen im ganzen Westen – Politik oder Medien – waren angesichts der Plötzlichkeit des Vormarsches sehr überrascht. Kam es für die Exil- oder Deutschafghanen auch so unerwartet oder hattet ihr schon vorab Informationen, die eine solche Entwicklung andeuteten?

Aqida Azizi: Insgesamt waren wir auch überrascht. Es gibt viele Afghanen, die hier leben, einige seit mehreren Jahrzehnten. Sie kamen mehrheitlich aus den großen Städten und stehen mehrheitlich mit Großstädtern in Kontakt. Die Menschen in den großen Städten haben eine solche Entwicklung ebenfalls nicht erwartet. Die größte Befürchtung war eher, dass die Taliban größere Teile des Landes einnehmen würden und sich der Kampf weiter hinzieht. Es wurde aber auch gehofft, dass es für die Ghani-Regierung noch eine Chance gäbe, den Kampf zu gewinnen. Diese Hoffnung bestand noch wenige Tage, bevor Kabul eingenommen wurde.

Islamische Zeitung: Gibt es für Exil- und Deutschafghanen Vereine oder Strukturen, die bei Behördenanfragen helfen oder Hilfe leisten, Leute noch aus dem Land herauszubekommen?

Aqida Azizi: Einen Verein, der sich speziell auf Fluchtwillige konzentriert, kenne ich nicht. Bisher war es so, dass die meisten ihre Flucht selbst organisiert haben. Natürlich gibt es aktuell viele Initiativen, die meistens über private Kontakte laufen. Mich selbst haben Verwandte angefragt, ob das Außenministerium eine Homepage betreibt, auf der man sich registrieren lassen könne.

Islamische Zeitung: Man lebt 7-8.000 Kilometer entfernt vom Wohnort der Angehörigen. Wie erfährt man solch eine Situation, wenn man nicht weiß, wie die Dinge sind?

Aqida Azizi: Man ist innerlich zerrissen, deprimiert und fühlt mit den Menschen mit. Nach dem Sieg über die Regierung von Ashraf Ghani und dem Einzug der Taliban war mein erster Gedanke: Meine zweite Heimat ist jetzt weg. Man hatte sich mühevoll eine Verbindung aufgebaut, sodass man alle paar Jahre nach Afghanistan kommen konnte und sich auch beheimatet fühlte. Mein erster Eindruck war, dass nichts mehr so sein wird, wie es war. Menschen, die man zuvor besuchte, werden weg sein. Es bricht alles auseinander. Mittlerweile haben sich beide Seiten beruhigt, sowohl die Afghanen in ihrer Heimat, die erst einmal eine abwartende Haltung einnehmen; auch hier ist der größte Schock vorbei. Die Taliban haben andere Töne angeschlagen, wollen angeblich eine inklusivere Regierung. Ob man sie glauben mag oder nicht, die Aussagen stehen im Raum. Dadurch kommt ein wenig Hoffnung auf.

Islamische Zeitung: Es gibt unterschiedliche Migrationsbiografien. Einige von ihnen sind ja hier in der zweiten oder dritten Generation geboren. Andere sind in verschiedenen Zeitabständen nach Deutschland gekommen. Kann man sagen, dass Afghanistan für diese Menschen eine einheitliche Bedeutung für sie hat?

Aqida Azizi: Gute Frage. In der aktuellen Situation fühlen alle gleich; egal wann und von wo sie gekommen sind. Alle sind besorgt, geschockt und traurig. Die Allerersten, die früh kamen, stammten aus der Mittel- oder Oberschicht. Das waren viele Intellektuelle und nur wenige, die aktiv im Widerstand waren. Sie haben ein anderes Ideal von Afghanistan im Blick als Menschen, die später nach Deutschland kamen. Da gibt es untereinander schon große Meinungsverschiedenheiten, wie das ideale Afghanistan aussehen würde. Dass wir uns alle als Afghanen fühlen und mit der jahrzehntelangen Situation unzufrieden sind, vereint uns am Ende doch.

Islamische Zeitung: Viele Medien zeichnen oft holzschnittartige Bilder von den Afghanen – von der hippen, befreiten Frau über die gesichtslosen Opfer bis zum düsteren Talib. Findet ihr euch da überhaupt wieder?

Aqida Azizi: Natürlich sind diejenigen, die sich für eine demokratische Ordnung in Afghanistan eingesetzt haben, wesentlich präsenter in den Medien. Ich kann mich nicht erinnern, dass je Witwen oder Waisen, also Opfer des amerikanischen Krieges, interviewt worden wären. In der breiten Masse kam ihre Wahrnehmung als Mensch und als Opfer zu kurz. Das gilt natürlich auch für uns im Exil, da wir die andere Seite nicht als Menschen mit natürlichen Bedürfnissen präsentiert bekommen. Wir kennen nur die bärtigen Männer, die aus dem Nichts auftauchen, um sich schießen oder sich in die Luft jagen. Etwas anderes haben wir bisher nicht mitbekommen.

Islamische Zeitung: Selbst in unserem Gespräch reden wir nur von „Afghanen“, aber Afghanistan scheint doch eine heterogene Gesellschaft zu sein mit Menschen, die sich auch auf ethnische Eigenarten beziehen. Spielen diese Differenzen bei Exil- und Deutschafghanen eine Rolle?

Aqida Azizi: Weniger ist das die Ethnie. Früher sind viele Großstädter gekommen, die auch aus unterschiedlichen Ethnien stammen. Weil aber sie oder ihre Vorfahren schon länger in Städten lebten, hat sich das doch vereinheitlicht. Diese Orte waren ja, insbesondere Kabul, ein Schmelztiegel des Landes. Wenn diese Menschen nach Deutschland gekommen sind, blieben diese Aspekte sekundär. Was sie vereinte, waren Bildung und Einkommen. Hier gibt es große Differenzen.

Wer früher nach Deutschland kam, stammte aus der Bildungs- und Mittelschicht oder gehörte sogar den Wohlhabenden an. In den letzten sechs bis sieben Jahren sind viele aus der sehr armen Bevölkerung gekommen, die eine lange Zeit nach Deutschland reisten und sich unterwegs durchschlagen mussten. In Afghanistan bestanden zu ihnen keine großen Kontakte und auch jetzt sind noch keine richtigen Bindungen entstanden. Bei Denken und Biografie ist man doch weit auseinander, sodass es schwerfällt, eine Verbundenheit aufzubauen.

Islamische Zeitung: Liebe Aqida Azizi, wir bedanken uns für die Zeit, die Du Dir genommen hast.

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