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Den Clans auf der Spur: Eine Suche zwischen Neukölln und der Südosttürkei

Ausgabe 329

Foto: Tim Eckert, Shutterstock

(iz). In aller Frühe machte ich mich von meinem Hotel im mittelgroßen kurdisch-türkischen Midyat auf die Suche nach dem Busbahnhof, von wo aus ich einen Dolmuş nach Yenilmez, dem „Dorf der Clans“, nehmen wollte. Kühe wurden entlang einer Straße in der Morgendämmerung getrieben, die zum staubigen Otogar führte, wo mir gesagt wurde, dass es keinen Bus gebe. Es war ein ungünstiger Anfang. Vielleicht hatte Hammed Khamis recht, als er mir dringend riet, nicht zu fahren. Sie würden dich nicht verstehen. Aber es war zu spät. Ich war bereits 1.500 Kilometer von Istanbul in den kurdischen Südosten der Türkei gereist und hoffte auf eine vage Erkenntnis.

In Deutschland kennt jeder die „Clans“ (fälschlicherweise als „arabische Großfamilien“ bezeichnet). Sie bestehen aus hunderten Personen, die auf die eine oder andere Weise verwandt sind. Für die deutschen Medien sind sie an allen möglichen kriminellen Aktivitäten – von Schutzgeld und Drogen bis Prostitution – hauptsächlich in Berlin und Nordrhein-Westfalen beteiligt. Einige waren spektakulär dreist wie der Diebstahl einer 100 Kilo schweren, teuren Goldmünze („Big Maple Leaf“) 2017 aus dem Berliner Bode-Museum. Die Tat wurde Mitgliedern des Remno-Clans zugeschrieben.

Häufig vergeht keine Woche in Berlin, in der die „BZ“ keine reißerische Schlagzeile über die Remnos, Abu Chakers und andere produziert. Unrechtmäßige Gewinne, goldene Kreditkarten, Breitlings und Limousinen dürfen dabei nicht fehlen. Man wundert sich, ob deutsche Journalisten die Clans irgendwie beneiden? Sie wurden schon als „Gefahr für die deutsche Zivilgesellschaft“ bezeichnet. Sie sollen ganze Straßenzüge in Berlin kontrollieren und binnen weniger Minuten hunderte Kämpfer mobilisieren können. Schon ihre Namen würden reichen, Rivalen Angst einzujagen. Bereits von präpubertierenden Junior-Clan-Mitgliedern wurde berichtet, dass sie Mitschüler auf Grundschulen in die Unterwerfung mobben. Die Clans stehen über dem Gesetz, heißt es. Sie würden eine „Parallelgesellschaft“ darstellen, entkämen den staatlichen Institutionen und würden diese weitestgehend ignorieren. In der übertriebenen Sprache des Berliner Boulevardjournalismus gäbe es hier „Viertel jenseits der Hoffnung im soziopolitischen Sinne einer aufgeklärten Mehrheitsgesellschaft“. Für NRW-Innenminister Herbert Reul sind ihre Aktivitäten ein „Frontalangriff auf die Rechtsstaatlichkeit in Deutschland“.

„Sie akzeptieren keine deutschen Normen und Werte“, heißt es in „Die Macht der Clans“, einem SPIEGEL-Bestseller, der verspricht, alles über die kriminellen, arabischen Netzwerke in Berlin zu erzählen. Stattdessen greifen seine Autoren auf trockene Polizei- und Gerichtsberichte zurück und kommen den Mitgliedern nicht nahe. Sie gewinnen auch nicht deren Vertrauen, um Interviews zu bekommen. So liefern sie die üblichen Stereotype ab. Die Beschreibung der Clan-Angehörigen bleibt zweidimensional – sie sind ausgestanzte Schreckensbilder ohne Einzelheiten.

Es ist nicht wie bei der italienischen Mafia in Amerika. Weder Glamour, noch Mythos oder Geheimnis. Hier spielen Robert de Niro oder Al Pacino keine führenden Rollen. Klar, es gab einige Fernsehserien wie „4 Blocks“ oder „Dogs of Berlin“, die versuchten, das Leben ihrer Mitglieder zu dramatisieren. Aber diese Serien sind so voller ethnischer Klischees und banaler Darstellung, dass sie, in den Worten von Kubilay Sarikaya (Co-Regisseur des Spandauer Krimis „Familiye“), so wirken, als hätte ein weißbrot-deutscher Drehbuchautor mit privilegierter Kindheit sich in einem hippen Friedrichshainer Café mit einem Stift in der Hand hingesetzt und versucht, sich eine Welt vorzustellen, von der er nichts weiß.

Für meinen Teil wollte ich immer eines dieser berüchtigten Mitglieder interviewen. Nicht aus Bewunderung, sondern, weil ich fühlte, dass sie verzerrt dargestellt werden. Wie zu erwarten ist man sehr vorsichtig gegenüber Medien, die ihnen niemals fair begegnet sind. Sie bleiben verborgen, flüchtig und sind nur angesichts lächerlich hoher Summen zum Reden bereit.

So war das bis zum Tag, als ich (dank eines Bekannten in einer Moschee) einen sehr interessanten Charakter kennenlernte: ein so genanntes Clan-Mitglied aus der gleichen ethnischen Gruppe (Mhallami) wie die Remnos und Abou-Chakers namens Hammed Khamis. Er war jedoch ein bisschen ein einsamer Wolf. Nach seiner Ankunft als Jugendlicher in Deutschland hat er sich früh einem Verbrecherleben verschrieben und hatte erhebliche „Erfolge“ als Einbrecher, der Gegenstände in sechsstelliger Höhe mitnahm. Er wurde niemals gefasst und entschied sich dann für ein ehrliches Leben, wurde ein Journalist und Buchautor sowie regelmäßiger Gast in Talkshows. Er hält motivierende Vorträge in Gefängnissen und Jugendstrafanstalten, wo er heute versucht, Straftäter auf den richtigen Weg zu bringen – und er nimmt normalerweise Geld für Interviews. Für mich – aus welchem Grund auch immer – machte er aber eine Ausnahme.

Eines Tages rief ich ihn an und wollte ihn in der Folgewoche interviewen. Das war nicht seine übliche Vorgehensweise. Er machte seine Pläne aus dem Stegreif. Na gut. Wochen wurden zu Monaten. Mein Interesse an den Clans schwand und ich vergaß ihn. Bis ich eine Stelle als Rechercheur für TV-Dokumentationen bei einem kleinen Medienunternehmen antrat, das für RTL und andere Fernsehsender arbeitete. Das Format heißt „Ohne Filter“. Es wird Montag morgens bei RTL ausgestrahlt und behandelt im Wesentlichen einen städtischen Mikrokosmos irgendwo in Deutschland. Dabei folgt man dem Leben dreier Protagonisten in ihrem Privatleben, bis sie zum Schluss in einer gemeinsamen Erfahrung zusammenkommen.

Mein Vorgesetzter war interessiert, ein Stück zur Sonnenallee zu machen. Sofort musste ich an Hammed denken. Vielleicht konnte er mich in Kontakt mit einigen lokalen Charakteren bringen und arrangierte ein Treffen am Weddinger Leopoldplatz. Dort sollte ich ihn geheimnisvollerweise erneut anrufen, um Einzelheiten zum Treffpunkt zu bekommen. Schließlich einigten wir uns auf eine Bar in der Groningerstraße, doch kaum war ich in der typischen, biergetränkten Berliner Eckkneipe aufgetaucht, nahm mich der lässig gekleidete Hammed am Arm und führte mich nach draußen. „Lass uns an einen ruhigeren Ort gehen“, schlug er vor, und führte mich die Straße hinunter in einen Wettladen; die Art zwielichtiger Ort, an dem Spielautomaten in der Ecke stehen, und in dem Berliner „Ausländer“ ihr hart verdientes Geld verzocken. Hammed bestellte einen türkischen Tee. Ich tat es ihm gleich und wir setzten uns nach hinten an einen Tisch unter einige große Bildschirme, auf denen Live-Fußball lief.

Hammed erklärte mir die Hintergründe der Clans. Zunächst waren sie gar keine Araber, sondern eine Art kurdische Araber. Und sie gehörten einer Volksgruppe namens Mhallami an, die zusammen mit anderen, die einer Konstellation von Dörfern zwischen Mardin und Midyat im Südosten der Türkei entstammten, in den 1980er Jahren vor dem Libanonkrieg massenhaft nach Beirut auswanderten, als es das „Paris des Ostens“ war und das Geschäft florierte. Dann brach der Bürgerkrieg aus und diese kurdischen Araber machten sich erneut auf und davon; dieses Mal nach Deutschland, insbesondere nach Berlin, wo sie Asyl erhielten.

Das Problem sei zweifacher Art: Zunächst einmal erhielten die kurdischen Araber aus der Türkei via Beirut nur den Status der „Duldung“. Der rechtliche Begriff bedeutete, dass sie zwar in Deutschland geduldet waren, aber nicht arbeiten durften. Das stellte ein großes Problem für eine Menschengruppe dar, die den Großteil ihres Lebens geschäftig war und Geld verdienen wollte – zuerst in der Türkei, dann in Beirut. Das Ergebnis davon war, dass sie sich unrechtmäßigen Verdienstmöglichkeiten zuwandten. Eine Tatsache, die sie in der deutschen Öffentlichkeit, die zuvor schon Arabern oder Türken teilweise nicht wohlgesonnen war, nicht beliebt machte.

Das andere Problem war, dass sie an archaischen Strukturen festhielten. Blutfehden dauerten Generationen an. Die Familienehre musste um jeden Preis verteidigt werden. Dies und ihre Geschicklichkeit im Umgang mit dem Schwarzmarkt führten dazu, dass sie in Berlin und Nordrhein-Westfalen quasi mafiöse Netzwerke aufbauten, ähnlich wie die sizilianische Mafia in New York.

Der Unterschied bestünde darin, dass die Amerikaner dazu tendierten, ihre italienischen Gangster durch Filme, Bücher und Fernsehserien zu romantisieren, während die kurdischen Araber in deutschen Medien vollkommen rassistisch dargestellt würden. Diese hätten sich niemals die Mühe gemacht, die Wurzeln des Problems zu untersuchen, oder zu beleuchten, wer diese Menschen seien. Die Medien legen einen auffälligen Mangel an Neugier an den Tag.

Wir schlürften unseren Tee und Hammed erzählte mir von den „Razzien“ – den Polizeiaufgeboten in der Sonnenallee. „Es ist Rassismus“, sagte er. „Reine Belästigung. Glauben die wirklich, Gangster würden in Neukölln leben? Die Polizei weiß alles. Sie tun das nur, damit sie der Öffentlichkeit sagen können: ‘Schaut, wir tun etwas.’ Das ist alles Mist.“

Er berichtete von einem Mädchen, dass aus einer Familie stammte, die immer in den Medien erwähnt würden, wie den Abou-Chakers oder den Remnos. Eines Tages ging sie in eine Bank und wollte ein Konto eröffnen. Der Angestellte warf einen Blick auf ihren Namen und wies sie augenblicklich zurück.

„Was soll das?“, rief Hammed aus. „Du wirst nur wegen dieses Namens stigmatisiert. Das ist reiner Rassismus. 300 Beamte führen eines Tages eine Durchsuchung in einem Café auf der Sonnenallee durch und sie finden 50 Kilo Shisha-Tabak, die nicht gebucht werden können. Wissen Sie, was solche Einsätze kosten?“

Ich hatte Hammeds Geschichte und seine Sicht auf die Clan-Hysterie, die in Berlin und anderen Teilen Deutschlands herrschte. Das war genug, um etwas zu schreiben. Aber das Sahnehäubchen auf der Torte wäre ein Besuch in dem türkisch-kurdischen Dorf, aus dem er und andere stammten, um ein vollständiges Bild zu bekommen – das Bild, das die deutschen Medien wohl nicht vermitteln konnten.

Im letzten August fand ich mich erneut in der Südosttürkei wieder und fuhr durch Adana, Gaziantep und Urfa. Während ich in der Gegend war, machte ich einen Abstecher nach Mardin und sein Umland, wo ich Hammeds Dorf einen Besuch abstattete.

Ich kontaktierte ihn per Messenger und fragte nach dem Namen des Dorfes. Zuerst wollte er ihn mir nicht mitteilen. Warum, wunderte ich mich. „99 Prozent des Zeugs, dass über meine Leute geschrieben wird, ist rassistischer Mist.“ Aber, so betonte ich, darum ginge es mir ja gar nicht, wie er es eigentlich wissen sollte. Immerhin schrieb ich keine Storys im Stil der „BZ“. Schließlich gab er doch ein bisschen nach und nannte mir den Namen. Es heißt Yenilmez und liegt rund 45 Minuten entfernt von Midyat. In den Sommermonaten gingen viele Berliner Türken hierhin zurück. Es war Ende August. Die meisten „Berliner“ waren schon weg.

Es war eine dieser unbedeutenden Ortschaften ohne irgendeinen Laden in der Nähe. Die Einwohner bauten ihr eigenes Gemüse an und hielten Vieh. Die meisten Häuser bestanden aus Lehmziegeln; einige waren hunderte Jahre alt. Inmitten der Armut standen manche Protzbauten, die „Alemancis“ („Deutsche“) bauten. So nannte man die Leute, die zum Arbeiten und Leben nach Deutschland gingen, und sich hier marmorverkleidete Häuser bauten. Das Dorf war tot und alle „Berliner“ wieder weg. So viel zu meinem Plan, in ein Teehaus zu gehen und mit einigen Einheimischen zu sprechen. Ich hatte den Fehler gemacht, hierher zu kommen, als mein Taxifahrer mich an einem örtlichen Militärkontrollpunkt zur Befragung absetzte.

Offensichtlich war ich in einem Krisenherd von PKK-Aktivitäten angekommen. Die Soldaten waren misstrauisch gegenüber Fremden. Für sie war ich ein Spion, der für die PKK arbeitete. In der Türkei wimmelt es von amerikanischen Agenten, sagten sie. Ich kam mit einem Teilzeitsoldaten namens Mehmet ins Gespräch, der aus Berlin-Tiergarten stammte; Tarnfarbe, -hosen und Stiefel trug, aber sein Hemd war nicht ordnungsgemäß. Ich wurde an den Tisch gesetzt und bekam eine Handvoll Pistazien. Sie waren frisch vom Baum und steckten noch in ihrer Fruchthülle. Wenn man sie aß, waren sie eher kaubar als brüchig.

Nachdem mir der Berliner gesagt hatte, dass ich unter keinen Umständen fotografieren dürfe, beschloss ich, mir ein Eis zu holen; komischerweise das einzige, was man im Dorf kaufen konnte. Als ich zurückkam, warteten weitere Soldaten auf mich, zusammen mit dem örtlichen Kommandanten, einem Mann in weißem Polohemd und blauer Hose, der sich zu mir setzte und begann, mich unerbittlich zu befragen.

Die Armeeangehörigen wurden nicht schlau aus mir: ein Amerikaner aus Deutschland, der alleine einen „Brennpunkt“ der PKK-Operationen bereist und nicht viel Türkisch sprach. Der Kommandant wollte mein Notizbuch sehen. Ich warnte ihn vor der Unleserlichkeit meiner Notizen, die ich selbst kaum entziffern konnte, die zumeist auf holprigen Busfahrten schrieb. Der stöberte durch die Seiten, bis etwas sein Interesse weckte.

„Äh, was ist das? … Müslüm Gürsüs?“ Die Soldaten lachten. Müslüm Gürses war ein leicht aus der Mode gekommener Arabesken-Sänger (und Schauspieler). Die Vorstellung, ein Amerikaner würde Müslüm Baba mögen, machte die Situation umso unangebrachter. Also zeigte ich ihnen einige meiner Exberliner-Geschichten und erwähnte Hammeds Namen. Es stellte sich heraus, dass die Familie bekannt war. Aber das Verhör ging weiter bis in den Abend, als ob ein „Alemanci“, der lange im Ausland gewesen war, wieder heimgekommen sei.

Schließlich konnte ich die Sache mit den „Clans“ erklären und belegen, dass ich für eine Zeitschrift eine Story über sie und ihre Herkunft schreiben wollte. Der Berliner wiederum gab die ganze Geschichte an den Kommandant weiter und erklärte, dass ich versuchte, etwas zu schreiben, die die Menschen vor Ort in ein gutes Licht rückte. Anrufe wurden zu Hammed und meiner Frau durchgestellt. Am Ende stand fest, dass ich es nicht böse meinte. Der Kommandant ließ mir zu Ehren ein großes Essen mit Lamm und Bulgur bringen. Er fragte, ob ich ein paar Fotos von mir zusammen mit den Soldaten machen lassen wolle, auf denen ich mit Splitterschutzweste und Kalaschnikow posiere, so bewaffnet auf der Straße, die ins Dorf führt. Später machte ich den Fehler, die Bilder auf Facebook zu veröffentlichen, was einige Freunde und Familienangehörige zu Hause schockierte, die dachten, ich hätte mich mit zwielichtigen Terroristen eingelassen. „Mach dir keine Sorgen, Ma“, wollte ich sagen, es sind nur ich und die türkische Jandarma!

Am Ende wurde es nicht der große Knüller. Ich reiste an den äußersten Rand der Türkei, wo in diesem Ein-Minarett-Ort nichts enorm Berichtenswertes zu entdecken war. Aber ich fand ein Gefühl für das Land, das mich irgendwie den berüchtigten Clans näherbrachte. Was mich am stärksten beeindruckte, war der krasse Kontrast zwischen diesem kargen und sonnenverbrannten Land in der Mitte vom Nirgendwo und der Großstadt Berlin. Wenn man sah, woher die Clans kamen, wusste man, dass es kein Zurück mehr gab, egal was in Berlin passierte, wie miserabel die deutschen Behörden ihr Leben gestalten würden.