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Deutschland ist ein tolles Land

Ausgabe 257

Foto: Felix König | Lizenz: CC BY-SA 3.0

(iz). Wir kennen die Missstände in Deutschland. Die Medien reiten ständig auf ihnen herum und man bekommt den Eindruck, als würde man in gänzlich katastrophalen Zuständen ­leben: Hartz IV, ungleiche Bezahlung von Frauen und Leiharbeiterinnen und Leiharbeitern bei gleicher Arbeit, ein ausuferndes Finanzsystem, ein reformbedürftiges Bildungssystem, eine wachsende Orientierung in Richtung Rechts, Ungereimtheiten im Sicherheitsapparat und der Politik in Sachen NSU und einigen anderen Baustellen. Dass es zahlreiche Menschen gibt, die diese Missstände nicht hinnehmen wollen und daran arbeiten, Verbesserungen zu erzielen, sind ein Grund zu Optimismus. Im Folgenden will ich ein wenig versuchen, aufzuzeigen, dass Deutschland ein tolles Land ist und daran gearbeitet wird, dass das so bleibt.

Ich bin stolz auf die Helfer, die in Zeiten großer Not die Menschen aus Syrien, dem Irak und von anderen Orten dieser Welt offen in Empfang genommen haben. Sie opferten Zeit und Geld, um ihren humanitären Beitrag zu leisten. Und auch nach mehreren Jahren der Flüchtlingsarbeit ist es für viele weiterhin eine Selbstverständlichkeit, zu helfen. Wohnraum, Tennishallen, Kleidung, Geld, Lebensmittel, Zeit, Mitgefühl und Geduld mit den Menschen in Not zu teilen, stärkt den Zusammenhalt und die Menschlichkeit untereinander.

Sie trotzen Pegida, der AfD, der NPD und der CSU, die im Kern Ausgrenzung fordern, Assimilation verlangen und Homogenität anstreben. Die gelebte Menschlichkeit der kulturerhaltenden Integration und der Pluralität macht mich stolz, das stimmt mich froh.

Bei aller Kritik gegenüber dem Bildungssystem. Noch immer kostet Bildung kein Geld. Noch immer haben theoretisch alle Menschen in Deutschland die Möglichkeit, kostenlos höhere Bildung zu genießen. Auch wenn es überwiegend so ist, dass die Herkunft der Eltern im besonderen Maße darüber entscheidet, welche Bildungschancen unsere Schülerinnen und Schüler haben, so kennen wir doch zahlreiche Beispiele positiver Natur.

Mit Instrumenten wie des Bildungs- und Teilhabepakets und der vom Bund kürzlich beschlossenen Milliarden Finanzspritze für die Sanierung und Erneuerung von Schulen und der Optimierung der digitalen Bildung, werden zumindest kleine Schritte getätigt. Dass der Wille zur Verbesserung des Bildungssystems da ist, sollte uns optimistisch stimmen. Der Weg zum guten Bildungssystem ist steinig und schwer. Aber immerhin wird er gegangen.

Dass Unternehmen ihren Umsatz steigern wollen und Gewinne erzielen möchten, ist kein Geheimnis. Auf dem Weg zur Gewinnmaximierung optimiert ein Unternehmen ganz unterschiedliche Bereiche. Viele haben längst verstanden, dass weitestgehend zufriedene Arbeitnehmer bessere Leistungen erbringen können als unzufriedene, und dies wiederum der Umsatzsteigerung zugutekommt.

So versuchen viele Arbeitgeber, den Arbeitnehmern eine gute Work-Life Balance zu ermöglichen. Neben den ausgehandelten Tarifen zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern, bieten viele Unternehmen noch immer Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld, Prämien und ein 13. Monatsgehalt an. In den USA ist das undenkbar. Noch immer können wir uns glücklich schätzen, Betriebsräte zu haben, die einstweilen da eingreifen können, wo ein Unternehmen unbegründet die Arbeitsbedingungen für Arbeitnehmer verschlechtert.

Auch die Gewerkschaften sind bemüht, gute Arbeit zu leisten und gute Arbeitsbedingungen in den Tarifverhandlungen durchzusetzen. Wir dürfen nicht vergessen, dass Gewerkschaften und Betriebsräte nicht grundlos entstanden sind. Man mag einige Beispiele anbringen, die eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen aufzeigen, jedoch können wir sagen, dass es uns, bei der Betrachtung Gesamtdeutschlands, gut geht. Auch das macht mich froh.

Ja, Hartz IV kann auf Dauer keine Lösung sein. 1-Euro-Jobs sind eine Erniedrigung. Dass Menschen, die 30 Jahre lang in die Arbeitslosenversicherung einzahlen und im elften Monat der Arbeitslosigkeit Hartz IV beziehen müssen, ist eine Katastrophe. Eine Reform der bisherigen Gesetze ist notwendig. Die Aufgabe Deutschlands muss es sein, als gutes Beispiel voranzugehen.

Gutes darin zu sehen, ist erst möglich, wenn man Vergleiche mit anderen Nationen tätigt. Während arbeitssuchende Bürger in diesem Land eine Krankenversicherung haben, ihnen Wohnraum bezahlt wird und sie andere Sozialleistungen erhalten, sind manche Nationen frei von dieser Wohlfahrt.

Ja, Deutschland ist ein tolles Land. Das sage ich trotz der dreistelligen Anzahl von Anschlägen auf Flüchtlingsheime in den letzten Jahren. Das sage ich trotz des NSU und all den Fragezeichen, die damit einhergehen. Das sage ich trotz des Holocausts, jedoch wegen des Kampfes gegen rechtes Gedankengut auf zahlreichen Ebenen. Das sage ich trotz der unsäglichen Leiharbeit und der Werkverträge. Das sage ich trotz der schleichenden Neoliberalisierung. Wir sollten viele Segnungen zu schätzen wissen. Wir sollten weiterhin daran arbeiten, unsere Missstände zu benennen, sie zu beseitigen, und unsere etablierten Errungenschaften klug verteidigen. Allem voran sollten wir unserer Verantwortung denen gegenüber gerecht werden, die der Hilfe bedürfen und versuchen, es erst gar nicht so weit kommen zu lassen, um die Würde des Menschen weiterhin unantastbar sein zu lassen. Ist Deutschland etwa kein tolles Land? Vielleicht ist diese Aussage von Sir Peter Ustinov ein guter Denkanstoß: „1933 wollten viele aus Deutschland raus. Heute wollen viele rein. Das muss doch etwas bedeuten.“

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