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Dialog der Taten, statt der Worte

Ausgabe 305

Foto: Roman Yanushevsky, Shutterstock

„Das Tragen eines Kreuzes diskriminiert niemanden, das Tragen eines Kopftuchs schon. (…) Wenn jemand das Kreuz anzieht, ist er trotzdem ein Teil der Gemeinschaft.“ (Susanne Schröter)

(iz). Es ist sicherlich keine Übertreibung zu schreiben, dass in den vergangenen 30 Jahren der Dialog als Allheilmittel zur Beilegung gesellschaftlicher Konflikte in religionspluralen Gesellschaften angepriesen wurde. Doch nach Jahrzehnten unzähliger Dialoginitiativen und -projekten, sowie der Erzeugung einer Dialogindustrie um des Dialogwillens wachen wir in einer Welt auf, in der eben nicht die Dialogbefürworter und Dialogwortführer, die Konfliktvermeider und Konsensfürsprecher die Macher und Gestalter dieser Welt sind, sondern jene, die provozieren, die die Auseinandersetzung suchen, tatkräftig entscheiden und sich mit einer Ellbogenmentalität durchsetzen. Gerade Muslime reiben sich verwundert die Augen, da sie trotz all ihrer Dialogbemühungen die ­Erfahrung von Muslimfeindlichkeit machen, sowohl individuell als auch strukturell. Woran liegt das? Braucht es noch mehr Dialog?

Die Brücke wurde zur Metapher des Dialogs zwischen den Religionen. Übersehen wurde jedoch, dass ein solcher ­Brückenschlag am Ende etwas erfordert, dass keine Seite zu vollbringen vermag: ein Übersetzen auf die andere Seite. Die zweipolige Metapher lässt allenfalls eine Begegnung in der Mitte über dem ­Abgrund des Misstrauens und des Missverstehens zu, doch am Ende kehrt jeder zu seinem Ursprung zurück. Und was geschieht mit der Welt?

Im Laufe der Zeit entstehen an ­Brücken Mängel und Schäden, sodass sie saniert werden müssen. Das verschlingt auf beiden Seiten Kapazitäten und die wertvolle Ressource Zeit bis schließlich jener Tag kommt, an dem jegliche Sanierungsarbeiten mehr Aufwand als Nutzen bedeuten. Die Folge: die Brücke wird eingerissen.

Brücken bieten langfristig nicht genug Standfestigkeit für die dynamischen und turbulenten Prozesse, denen sie ausgesetzt werden. Daher ein Alternativvorschlag: Hinabsteigen in den Abgrund mit offenem Ausgang. Dort unten im Chaos von Idealen und pervertierten Idealen, von humanen und inhumanen Normen, von Vertrautheit und Fremdheit, Deckungsgleichheit und unüberbrückbaren Differenzen, Vielsprachigkeit und Spannungsfeldern, Verstehen und Nicht-Verstehen, Ungleichzeitigkeit und Transfer, Identität und Universalität, Selbstbild und Widersprüchlichkeit, Aushandlung und Macht können gemeinsame Kontaktzonen ausgelotet werden, die einen Weg ebnen in ein unentdecktes Land: die gemeinsame Zukunft. Doch was bedeutet dies nun genau? Wie sollte ein fruchtbarer Dialog der Theorie nach sich gestalten?

Dialog in der Theorie
Kein Mensch ist eine Insel. Wir sind eingebettet in unseren Familien, Freundeskreisen und oftmals auch in einer Religionsgemeinschaft. Bei Letzterer handelt es sich um einen Zusammenschluss von Menschen, die in ihrer Weltanschauung, ihren Werten und Normen einen hohen Grad an Übereinstimmung besitzen, wodurch ein ganz besonderes und intimes Gefühl von Nähe und Verbundenheit zwischen ihnen besteht.

Im modernen Nationalstaat sind oftmals die Gemeinschaften, neben anderen, zu Teilsegmenten geworden. Gemeinsam ergeben sie die Gesellschaft. Die plurale Gesellschaft ist ein Zweckbündnis, um ein sicheres Zusammenleben in einem größeren Verbund zu ermöglichen, sie kann jedoch aufgrund dieser Pluralität keine ausreichende sinnstiftende Weltanschauung anbieten, die zugleich eine tiefreichende Solidarität schafft. Von vornherein gibt es zwischen den Individuen eine größere Distanz. Staatsbürgerliche Feste wie Nationalfeiertage, eine nationale Erzählung, Nationalflagge und -hymne, nationale Helden sowie die Sprache stiften ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl. Aber für die meisten Bürger eines Landes dürfte es doch der Genuss an Freiheiten und Rechten sowie wirtschaftliche Aufstiegschancen sein, also das gute Leben, die Menschen einen Ort als Heimat empfinden lassen. Der Einzelne ist bedeutsamer als er es in der Gemeinschaft ist.

Diese gesellschaftliche Pluralität, die mit dem Voranschreiten der Zeit nicht kleiner, sondern aufgrund von Ausdifferenziertheit größer wird, macht den ­Dialog notwendig. Dialog, das ist ein ­Gespräch zwischen zwei oder mehreren Personen, bestehend aus Rede und Zuhören, sowie Gegenrede und Zuhören. Aber worin besteht das angestrebte Ziel der Dialogparteien? Was soll am Ende erreicht werden und woran erkennt man dies? Was sollen die Dialogpartner im Anschluss wissen und tun?

Ist Dialog ein Überzeugungsgespräch, bei dem das Gegenüber von der eigenen Weltanschauung überzeugt werden soll? In diesem Fall spricht sich von vornherein eine Seite eine höherwertige Position zu. Handelt es sich beim Dialog um ein Streitgespräch, wo es im Grunde darum geht, das Publikum zu umwerben? Unter diesen Umständen ist der Dialog eine Wettbewerbsveranstaltung, um Anhängerschaft und Unterstützung. Oder ist Dialog ein Lösungsgespräch, bei dem sich unterschiedliche Parteien auf Augenhöhe begegnen, einander kennenlernen, um gemeinsam durch These und Antithese eine Lösung für ein Problem zu finden? Die meisten Gespräche sind unfruchtbar, da zuvor die Zielsetzung nicht erörtert wurden, sowie die Kontrolle fehlt, ob man weiterhin dieses Ziel verfolgt.

Dialog macht man nicht einfach. Ein fruchtbares Gespräch will erlernt sein. Es braucht ein Verständnis von der Institution Dialog. Die Institution Dialog muss ein machtneutralisierter und herrschaftsemanzipierter Raum sein, in dem es in Diskussionen allein auf die Autorität des Argumentes ankommt. Die Macht des Staates, die Interessen der Wirtschaft und das Popularitätsversprechen der Massen und Medien müssen hier suspendiert sein. Der Dialog wird somit zu einem Forum, in dem in Freiheit diskutiert wird. Jedes Gesellschaftsmitglied kann am ­Dialog partizipieren, es muss aber anerkennen, dass seine Wahrheit in jenem Moment, indem es sie in die Öffentlichkeit der Gesellschaft trägt, zu einer ­Meinung unter Meinungen wird, die evaluiert werden muss. Das heißt, wir äußern unsere Meinung in einem Gespräch, die auch als Diskursmeinung anerkannt werden muss. Wir formulieren Gegenargumente, die auch ernstgenommen werden müssen. Es ist eine Auseinandersetzung unter Gleichen. Die Gesellschaft selber ist ein Raum der Meinungsvielfalt, der diesen Rahmen voraussetzt.

Die selbstevidente Macht des besseren Argumentes nimmt dann innerhalb der Gesellschaft die Funktion ein, auf der ­einen Seite Kontinuität zu gewährleisten, aber auf der anderen Seite auch Veränderungen zu bewirken, sofern ihre ­Mitglieder offen für Veränderungen durch Kommunikation sind.

Das begründete Argument erzeugt in der Gesellschaft legitime Macht, die auf die Gesellschaft einwirkt. Neue Entwicklungen werden dann nicht via Befehl, sondern durch Dialog und Überzeugung von den Gesellschaftsmitgliedern angenommen. Sie gelten auch nicht als absolute Wahrheiten, sondern als das, was diese Gesellschaft nach einem wahrhaftigen Reflexionsprozess als augenblicklich richtig versteht.

Die kommunikative Macht kann somit die Gesellschaft in eine bestimmte ­Richtung lenken, sofern die Gesellschaftsmitglieder das Argument annehmen. Auf diese Weise finden sie zu einem neuen Konsens und es bildet sich eine neue Mitte.

Hierüber darf aber nicht vergessen werden, Dialoge verlaufen nicht nach dem Prinzip „Entweder – oder“, sondern oftmals können mehrere Argumente und Beschlüsse nebeneinander bestehen bleiben und sei es nur in Form einer legitimen Mehrheits- und einer legitimen Minderheitenmeinung. Der Versuch einem Gespräch das Prinzip „Entweder so wie ich es sehe oder gar nicht“ überzuwerfen, macht jede Form von Dialog sinnlos. Ein solcher Diskutant geht davon aus, dass nur seine Anschauung und sein Wille zählen. Damit erhebt er sich über die anderen Diskutanten und ein ­Gespräch unter Gleichen ist nicht mehr möglich. Die Verabsolutierung der eigenen Position macht es einem Diskutanten nicht nur unmöglich zu differenzieren und zu unterscheiden, sondern mit seiner Haltung spaltet er die Gesellschaft.

Um nicht in eine solche Situation zu geraten muss für alle in der Gesellschaft gelten: Mäßigung der eigenen Ansprüche, ohne sie durchzustreichen. Konkret bedeutet dies zu akzeptieren, dass man selber im Unrecht und der andere im Recht sein kann oder dass man selber im Recht, aber es weitere Positionen gibt, die ebenso im Recht sind. Nur so bleibt man offen für andere Sichtweisen und für die eigene Offenheit.

Dialog ist nur dann ein Mittel, um Spannungen und Fremdheit ab- und ­Kooperation und Vertrauen aufzubauen, Sprachlosigkeit zu überwinden und Kommunikation zu fördern, wenn es eine Gesprächskultur gibt. Damit der interreligiöse Dialog gelingen kann, sollten – in Anlehnung an Leonard Swidler – folgende Punkte berücksichtigt werden:

1. Wenn die Gesprächspartner nicht ein Mindestmaß an Wirklichkeitsverständnis und Mitmenschlichkeit mit­einander teilen, erübrigt sich jegliches Gespräch. Mit menschenverachtenden Extremisten politischer oder religiöser Couleur, Rassisten und Verschwörungstheoretikern ist kein sinnvolles Gespräch möglich.

2. Das Gespräch darf nicht mit westlicher Zivilisierungsmission, christlicher Mission oder islamischer Da’wa (Einladung zum Islam) verwechselt werden. Ziel ist es nicht, den anderen zu bekehren oder zu bevormunden, sondern zu einer gemeinsamen Kooperationsgrundlage zu gelangen.

3. Jeder Gesprächspartner kann zwar von der eigenen religiösen Einzigartigkeit überzeugt sein, dies kann aber nicht mit einem Universalitätsanspruch gegenüber dem anderen einhergehen. Jede Seite muss die Stärke aufbringen, den Einzigartigkeitsanspruch des anderen auszuhalten und zu respektieren, auch wenn man diese Ansicht nicht teilt.

4. Unabdingbar für das Gespräch ist die Bereitschaft hinzuhören, denn wo der übergriffige Anspruch erhoben wird, dass man den anderen besser versteht als er sich selber, werden Monologe, aber keine Dialoge geführt. Im Gespräch geht es um das Verstehen, wie mein Gegenüber auf die Fraglichkeit der Welt reagierte und auf welchen Überzeugungen seine ­Anschauung der Welt beruht. So kann nur ein Christ das Christsein oder sein Verständnis der Dreifaltigkeitslehre aus der Innenperspektive erläutern. Andersgläubige können lediglich beschreiben, welchen Eindruck Aspekte der christ­lichen Religion bei ihnen von einer Außenperspektive betrachtet hinterlässt.

5. Um die Glaubenswelt und -praxis des anderen verstehen zu können, ist ­Empathie nötig, sowie die Bereitschaft, geistig einige Kilometer in den Mokassins des anderen zu gehen.

6. Ein Gespräch gründet auf Vertrauen, das heißt, die Selbstverständlichkeit der Wahrhaftigkeit: Beide Seiten müssen sich ehrlich und aufrichtig begegnen und diese Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit beim anderen voraussetzen. Der taqīya-Vorwurf, dem Muslime in der westlichen Hemisphäre des Öfteren ausgesetzt sind, verunmöglicht den Dialog.

7. Da ein Gespräch auf Vertrauen basieren soll, sich ein solches aber erst aufbauen muss, sollten in der Anfangszeit Themen behandelt werden, die auf die Gemeinsamkeiten hinweisen und Perspektive für eine Zusammenarbeit bieten.

8. Erst durch Vertrauen verdient sich jede Seite das Recht im Namen des ­Vertrauens und des Respekts alle Fragen stellen zu dürfen, auch jene, die wehtun.

9. Im Gespräch müssen beide Seiten zwischen der Religion und dem religiösen Wissen unterscheiden, denn Religion unterliegt menschlichen Interpretationen, die stets begrenzt, endlich, wandelbar und auch fehlerhaft sein können. Daher sollte man davon Abstand nehmen, zu verallgemeinern. Weder gibt es „das“ ­Judentum, noch „das“ Christentum und auch nicht „den“ Islam. Religionen sind keine Monolithe. Sie integrieren sich in unterschiedliche Kulturen, wodurch sie in sekundären und tertiären Dingen, ­deren Ausdrucksformen annehmen.

Religionen sind Mosaike. Diese Mosaike haben in Form von Konfessionen, Lehrschulen, Gelehrtenstand und Strömungen auch jeweils eigene Interessen und buhlen um Partizipation in ihren Gesellschaften. So ist es unredlich, wenn West-Europäer ihre augenblickliche Realisierung des Christentums als universell postulieren unter Ausblendung anderer, repressiverer Formen von Christentum wie zum Beispiel auf dem afrikanischen Kontinent, während muslimische Europäer sich für Ausdrucksformen des Islam in Afghanistan oder Saudi-Arabien rechtfertigen sollen. Aufgrund der Ungleichzeitigkeit in der Welt kann nur lokales mit lokalem verglichen werden. Wenn Muslime hierzulande Stellung nehmen sollen zu Terrororganisationen wie Boko Haram, dann sollte auch das christliche Pendant Lord’s Resistance Army in Blick genommen werden. Gerade der Vergleich und die Feststellung, dass beide Ter­rororganisationen sich ähnlicher Mittel bedienen, kann erkenntnisgewinnender sein als eine kulturell ganz anders beheimatete Religionsgemeinschaft an den Pranger zu stellen.    

Daher sollten die eigenen Ideale (wie Friedensbotschaft) nicht mit der Praxis (wie Gewaltpotenzial) des anderen verglichen werden, sondern die eigenen Ideale mit den Idealen des anderen und die eigene Praxis mit der Praxis des ­anderen.

Hinsichtlich der geschichtlichen Verwirklichung der Religion muss jeder ­Teilnehmer im Gespräch die Fähigkeit der Selbstkritik und die Fähigkeit Kritik auszuhalten besitzen.

10. Ein Gespräch sollte frei von Ihr-Vorwürfen, Ärger, Forderungen und ­destruktiver Kritik sein, denn all dies löst im Gegenüber ebenso Ärger, das Einnehmen einer Verteidigungsposition und das Aufstellen eigener Forderungen aus.

11. Statt Ihr-Anklagen zu äußern, bleibt jeder Gesprächspartner bei Kritik bei sich, indem man berichtet, wie dieses oder jenes auf einen wirkt.

12. Im Gespräch müssen unterschiedliche Diskursebenen und ihre jeweiligen Rahmen eingehalten werden. Auf der politischen Diskursebene gehört es sich nicht, dass Gläubigen durch Politiker ihr Religionsverständnis abgestritten wird oder sie sich mit Bezug auf ihre Glaubensquelle rechtfertigen müssen. In der politischen Auseinandersetzung im ­säkularen Staat ist die Glaubensquelle ­anders als im interreligiösen Dialog keine Quelle für den Bürgerdiskurs, sondern die Verfassung. Gläubige brauchen auf der Bürgerebene daher ihre Praxis nicht religiös zu erklären, sondern sollten als Bürger auftreten, indem sie auf die Freiheiten, die ihnen die Verfassung gewährt, verweisen.

13. Wo der Gesprächspartner sich ­wiederholend nicht an diese Spielregeln des Dialogs hält, sollte der Mut aufgebracht werden, Gespräche freundlich und souverän zu beenden.

14. Die Ergebnisse des Gesprächs müssen in die eigene Religionsgemeinschaft transportiert werden, damit sich bei den eigenen Glaubensgeschwistern ein Erkenntnisgewinn einstellt. Auf diese Weise lernt eine ganze Gemeinschaft.

So entstehen unter der Brücke lokal Kontaktzonen, Spannungsfelder und Lerngemeinschaften zwischen den ­Gemeinschaften einer Gesellschaft und global zwischen den Gesellschaften der Weltgesellschaft, die mehrpolig und reziprok sind. Unter der Brücke lernen wir uns tatsächlich kennen, mit all unseren Ecken und Kanten, und verhandeln von unseren unterschiedlichen Standpunkten unsere ethische Schnittmenge aus. Auf diese Weise können wir unser gemeinsames Handeln in dieser fragil gewordenen Welt abstimmen, um den unvermeid­baren Herausforderungen, die auf uns warten, zu begegnen. Doch gestaltet sich der Dialog in der Praxis so, wie die ­Theorie verspricht?

Muhammad Sameer Murtaza ist Islam- und Politikwissenschaftler, islamischer Philosoph und Buchautor bei der Stiftung Weltethos. Zuletzt erschien von ihm: „Worte für ein inklusives Wir: Klartext zur „Muslimfrage“.

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