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Die Mut-Mach-Kolumne #2

Ausgabe 326

Foto: Kübra Böler

„Nichts ist beständiger als die Veränderung selbst, Kübra.“ Diese Aussage begleitet mich bis heute. Sie gibt mir einen wichtigen Hinweis darauf, wie ich zu mir selbst stehen sollte und wie ich sein darf. 

(iz). Keiner von uns ist so auf die Welt gekommen, wie wir heute sind. Wir alle sind neun Monate im Bauch unserer Mutter herangewachsen. Wir alle kamen zur Welt und wurden durch jeden Tag, den wir erlebten, der Mensch, der wir heute sind. 

Jede Erfahrung formte uns. Was all diese Begegnungen und vor allem Erfahrungen gemeinsam haben: Sie sind ein Teil unserer Vergangenheit. Sie sind vergangen. 

Sie kamen, sahen, berührten uns und verließen die durch die Berührung neue Version unseres Selbst. Erfahrungen machen uns zum Menschen, der wir sind. Jede Freude, jede Trauer, jede Enttäuschung, Hoffnung, Trennung formt uns. Das führt dazu, dass wir stets in der Veränderung sind und zeitgleich vergänglich sind und bleiben. Jede Erfahrung erneuert uns, sodass wir danach nicht mehr dieselbe Person sind. 

Für all’ jene die jetzt entrüstet „Quatsch, Kübra! Was redest Du da?!“ sagen – wir verändern uns, ob wir wollen oder nicht. Bewusst oder unbewusst. Unsere Haut, das größte Organ unseres Körpers, erneuert sich alle vier Wochen komplett neu. Ich gehe mit dem Argument mit, dass Veränderungen im Bereich Emotionen, Gefühle und Verhalten nicht so automatisiert ablaufen wie der tägliche Verlust von 14 Gramm Hautschuppen. Emotionen, Gefühle und Verhalten regulieren und verändern, erfordert viel mehr Kraft und vor allem Mut.

Wer von uns verlässt denn gerne die vertraute Haut? Vertrauen ist gut. Veränderung beständig. Vergänglichkeit unumgänglich. Zur letzteren kommt ein weiterer wichtiger Fakt hinzu: Der Tod. Er ist da, ob wir ihn fürchten oder nicht. Wir werden sterben. Uns alle, jede einzelne Person in unserem Umfeld wird es eines Tages nicht mehr geben. So tief der Schlag in die Magengrube auch sitzt, so befreiend kann er sein.

Wenn wir uns rein biologisch stets verändern, unser Leben immer wieder durch größere oder kleinere Umstände andere Formen annimmt, wieso halten wir uns dann immer noch an so viel Trauer, Gram, Groll, Enttäuschung und an das, was andere Menschen über uns denken und eventuell sogar sagen, fest? Die Wahrscheinlichkeit, dass es Dich und mich in 100 Jahren nicht mehr geben wird, ist recht hoch.

Als Musliminnen und Muslime gehört Iman an den Jüngsten Tag zu den Grundpfeilern unserer Überzeugung. Wir sind überzeugt davon, dass ein Tag kommen wird, an dem wir sterben, wiederbelebt und zur Rechenschaft über unser Tun und Lassen gezogen werden. Wir sind überzeugt davon, dass unser (Nicht-)Handeln Konsequenzen hat. Gerade diese Überzeugung sollte uns unterstützen, eine Haltung der Selbstvergebung einzunehmen. Wir sind Menschen. Wir machen Fehler. 

Unsere größte Gabe ist, Einsicht und Reue zu zeigen, zu lernen und uns auch aktiv zu verändern. Wir selbst sind halt auch wieder diejenigen, die uns im Weg stehen. Manchmal tun oder lassen wir Dinge, die sich im Nachhinein als ungünstig für alle Beteiligten herausstellen. Keinen dieser Momente können wir rückgängig machen. Sie liegen in der Vergangenheit. Sie sind vergangen. Wir können und sollten unsere Lehren daraus ziehen und es dem Leben gleichtun: Weitergehen. Als erfahrenere Person. Als vergebender und sich selbst achtender Mensch. Denn auch wir werden eines Tages Teil der Vergangenheit sein. Auch wir werden vergehen, wie jeder Schmerz, jede Träne und jede Freude in unserem Leben. Genau deshalb ist es so wichtig, uns selbst den Raum zur Veränderung zuzugestehen. Du bist mal so und so gewesen und hast das und das gesagt/getan/gefühlt? Perfekt, im wahrsten Sinne des Wortes. Lasse es im Perfekt, der Vergangenheit. Du darfst anders sein, andere Dinge sagen, tun, denken und fühlen. 

Viele Versionen von Dir, an denen Du (un)bewusst festhältst, gibt es so nicht mehr. Hier und da haben sie ihre Spuren hinterlassen. Dennoch gibt es nur Dich im Hier und Jetzt. Deshalb nimm Deine eigene Vergänglichkeit ernst und lasse die Veränderung zu. Vergib Dir. Stelle Dich mutig dem Schmerz, den Du schon lange deckelst. Das Leben ist viel zu kurz und unsere Bestimmung viel zu wichtig für uns, als dass wir an unseren alten Versionen festhalten.  

Zugegeben: Der Weg zum gelassenen Umgang mit der eigenen Vergänglichkeit ist kein Spaziergang. Er ist jedoch auch kein unendliches Schlachtfeld, dem wir ausgeliefert sind.