Ein heilsamer Schock

Ausgabe 303

Foto: Dzmitry, Adobe Stock

(iz). Ein Gutes hat die Pandemie: Gott ist wieder im Gespräch. Selbst die, die ihn schon lange abgeschrieben habe, fragen wieder nicht ­selten mit hämischem Unterton: Wo ist er denn nun geblieben, euer lieber Gott? Meine christlichen Freunde fragen mich, fragen sich: Wo ist Gott? Wie kann er solches Elend zulassen? Wo bleibt seine Barmherzigkeit? Für gläubige Christen ist die Theodizeefrage derzeit äußerst bedrängend. Für sie ist Gott der Barmherzige schlechthin, und wenn man die Barmherzigkeit zum absoluten Maßstab macht, dann ist seine vermeintliche Untätigkeit schwer zu begreifen.

Für mich als Muslim wiegt diese Glaubensnot weniger schwer. Gott ist auch für mich nicht weniger barmherzig. Die beiden Namen für seine hervorragendste Eigenschaft, „der  Erbarmer, der Barmherzige“, stehen am Beginn seiner 99 Namen. Aber die nachfolgenden Namen besagen, dass Gott auch anders kann. Er ist der „Unterwerfer“, der „Herabsetzende“, der „Richter“, der „Abrechnende“, der „Erzeuger der Not“ oder auch der „Verursacher des Todes“. So gesehen, ist Gott ganz und gar nicht untätig. Er ruft uns ins Gedächtnis: Memento mori! ­Bedenkt, dass ihr sterben müsst! Wir müssen alle sterben, ob wir wollen oder nicht, ob wir glauben oder nicht! Unser Leben ist in Gottes Hand, nicht in unserer Hand, nicht in der Hand der Virologen, nicht in der Hand der Staatsmacht, sondern in der Hand einer höheren Macht. Was lehrt uns das? Bescheidener zu werden in unseren Ansprüchen und Zielen. Wir werden in Zukunft weniger hoch und weniger weit fliegen. Wir werden öfter am Boden bleiben. Wir kehren zurück zur Natur.

So beteiligt sich Gott, ehe wir uns endgültig zu Tode amüsieren, auf seine leise Weise an der Erziehung des Menschengeschlechts. So Gott will, ist die Corona-Pandemie ein ­heilsamer Schock für uns alle. Sie deckt die verdeckten Wunden unseres Systems offen, etwa die barbarischen, für Mensch und Tier unerträglichen Zustände in der Fleisch­industrie. Sie zeigt uns, wie verwundbar wir sind. Vielleicht leitet sie eine kulturrevolutionäre Wende ein. Wir sind auf Gedeih und Verderb zur Zusammenarbeit gezwungen. Die Weltgewichte verschieben sich, alte Mächte weichen, neue steigen auf. Gott hat alles im Blick.

Als älteres Semester und lebenslanger ­Gottsucher erlaube ich mir auch ohne theologisches Examen, mir meine eigenen Gedanken zu machen. Von meinen christlichen Dialogpartnern höre ich oft den Verdacht, Corona sei eine Strafe Gottes. Ich widerspreche: wir strafen uns selber. Aber, höre ich vom Pastor der evangelischen Kirche neben­an: Er lässt es zu! Nein, sage ich, wir lassen es zu. Wir haben es so weit kommen lassen. Wir haben uns an der Natur versündigt. Darum müssen wir büßen für das, was wir an Unheil angerichtet haben. Gott lässt es geschehen, aber das heißt noch lange nicht: er lässt es zu! Er zeigt uns unsere Grenzen auf.  Ich frage meinen christlichen Mitbruder: Wollen Sie das Virus Gott in die Schuhe schieben? Soll Gott wirklich in „mitleidender Kooperation“ – wie Jörg Hermann von der evangelischen Akademie Hamburg meint –zusammen mit uns die Sache ausbaden? Die Pandemie ist Menschenwerk. Wir sind selber schuld. Nicht Gott ist schuld. Wir müssen die Suppe auslöffeln, die wir uns selber ­eingebrockt haben.

Gott hat die Verantwortung für das Weltgeschehen in Adams Hände, in unsere menschlichen Hände gelegt. Er hat uns die Aufgabe anvertraut, die Erde zu einem Hort des Friedens umzugestalten. Hier auf Erden bedient er sich unserer Hände. Aber als Söhne Kains haben wir auf Erden furchtbare Verbrechen begangen, Auschwitz, die Sklaverei, die Vernichtungskriege: alles geht auf unser Konto. Und wir müssen die Folgen tragen. Gott kann uns die Schuld nicht abnehmen. Dafür müssen wir selber einstehen. Gott ist kein St. Kilian – „Verschon mein Haus, zünd andre an!“, kein Allheilmittel und kein deus ex machina, der wie in Brechts „Gutem Menschen von Sezuan“ vom Himmel auf die Erde herabschwebt, um reinen Tisch zu machen.

Und doch wirkt Gott unter uns Menschenkindern. Kein Unglück geschieht ohne sein Wissen und seine Teilnahme. Er achtet unser, er gibt uns Zeichen, er rüttelt uns auf. Er zwingt uns zum Nachdenken, und mitunter, wie kürzlich im Fall Floyd geschehen, zwingt er uns sogar in die Knie. Er beruft wohl möglich neue Heilige, Märtyrer, Glaubenszeugen und Leitbilder wie Malala und Greta, Heilige neuen Typs, Schwestern der Heiligen Johan­na von Orleans. Aber Gott ist kein bloßes Maß-Gott-chen der Ökofundis. Er ist und bleibt allmächtig. Er greift nach seinem Belieben ein in das Weltgeschehen, er schreibt Menschheitsgeschichte, heute nicht anders als zur Zeit der Propheten. Wir sollten uns dafür hüten, sein Wirken klein zu reden.

Beten tut not, beten tut gut. Jedem einzelnen, der sich vertrauensvoll an Gott wendet, hilft er in und aus seiner Not. Gott ist allgegenwärtig, er ist jedem einzelnen von uns näher als dessen Halsschlagader. Er schützt und stützt uns. Wenn ich als alter Mann die Treppe hinuntersteigen will, dann mach ich vor dem ersten Schritt ein Du’a, damit ich sicher gehen und stehen kann. Wenn ich ein Problem lösen möchte, nehme ich meine Gebetskette zur Hilfe. Aber beten allein genügt nicht. Wir müssen lernen, unseren Reichtum mit der Armut der Hungernden zu teilen. Wir müssen unseren Wohlstand, unsere weißen westlichen Privilegien in Frage stellen. Gottes Weckruf richtet sich nicht nur an seine Gemeinde im engeren Sinn, an Juden, Christen und Muslime. Sie richtet sich an alle Menschen guten Willens, auch an Atheisten und Agnostiker. Auch sie gehören in den Heilsplan Gottes. Fangen wir an, wie es gerade der Dalai Lama vorgeschlagen hat, uns mit allen Gliedern der Menschheitsfamilie auf ein „ethisches Minimal­programm“ zum Segen der ganzen Kreatur zu einigen!

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