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Wie funktioniert die Grüne Moschee?

Ausgabe 303

Foto: Cambridge Mosque Trust

(iz). Die Moschee ist mehr als ein Ort des Gebets, auch wenn dies ihre wichtigste Bestimmung ist. Da die islamische Lebensweise durch das Festhalten an der Lebensweise des Propheten Muhammad und der frühen muslimischen Gemeinschaft charakterisiert ist, die sich exemplarisch in Medina manifestierte, ist eben dieses zeitlose Vorbild, aber auch die spätere islamische Tradition im Leben und Denken eines Muslims auf eine Art und Weise gegenwärtig, die die physische zeitliche Entfernung von hunderten von Jahren gewissermaßen aufhebt.

Die zentrale Bedeutung des Gebetes für die Glaubenspraxis eines Muslims wird durch folgenden Ausspruch des Propheten verdeutlicht: „Zwischen einem Menschen und Kufr (dem Bedecken der Wahrheit) steht das Unterlassen der ­Gebete.“ Die fünf täglichen Gebetszeiten richten sich nach dem Sonnenstand. Das wöchentliche Freitagsgebet muss in ­Gemeinschaft verrichtet werden.

Entsprechend einer Überlieferung ist für den Muslim im Prinzip die ganze Erde eine Moschee; das heißt, ein Ort der ­Anbetung Gottes. Der Gebetsplatz sollte sauber von unreinen Substanzen sein, und die Ausrichtung zur heiligen ­Moschee in Mekka muss eingehalten ­werden, soweit diese bestimmbar ist. Eine besondere Rolle kommt der Moschee aber dadurch zu, dass das Gemeinschaftsgebiet als verdienstvoller gilt.

Es ist wichtig, zu wissen, dass eine Moschee, anders als etwa eine christliche Kirche, kein geweihter oder „geheiligter“ Ort ist, sondern ein Gebäude, das der Verrichtung des gemeinschaftlichen Gebets dient. Dazu gehört allerdings, dass der Boden sauber gehalten wird (in der Regel wird er mit Teppichen oder Matten ausgelegt), und es bestimmte Verhaltensregeln (Adab) für die Moschee gibt.

Zählen wir die Elemente der ersten Moschee auf, dann erkennen wir die transformative Funktion ihres Programms. Jene Praxis, oder auch der ‘Amal, reflektiert Wissen, das als ganzheitliche Lebensweise in Handlung übersetzt wird. Ästhetische Betrachtungen der Architektursprache – Geometrie, Proportion und Material – sind unwichtig, solange ihre Rolle nicht verstanden wird. Architektonische Schönheit entfaltet sich aus ihrem Zweck.

Auch die Moscheen und Gebetsräume in Deutschland werden überwiegend in Eigenarbeit von Muslimen errichtet bzw. hergerichtet. In einem Hadith heißt es: „Wer um Allahs Willen eine Moschee baut, dem wird Allah ein Haus im Paradies bauen lassen.“ Die Moschee, die zum Vorbild für unzählige spätere wurde, ­entstand in Medina, der Stadt, in die der Prophet Muhammad mit den frühen Muslimen aus Mekka ausgewandert war und in der das erste muslimische ­Gemeinwesen entstand.

Es finden sich Lektionen über den Städtebau in der räumlichen Organisation kleiner Moscheekomplexe in den Nachbarschaften. Diese kennt man heute als Külliye – aus dem arabischen „kull“ (das Ganze, alles). Sie passen genau in das städtische Gewebe, die oft nicht von den Straßen einzusehen sind. Ein städtischer Mikrokosmos, der nicht nur Raum für das Gebet gibt, sondern zusätzlich Platz für Bildung, Handel und wohltätige Aktivitäten.

Guru Necipoglu, führender Sinan-­Experte unserer Tage, erläuterte, dass „Külliye“ eigentlich modern sei. Er ­benutzt lieber den Begriff „Imaret“, wie dies Sinan und der damalige osmanische Hof taten. Dessen Bedeutung ist erhellend: Das Wort stammt vom arabischen „‘Imara“ und steht semantisch für eine Verbesserung durch Kultivierung, Bauen, Bewohnen und Zivilisieren.

Fragen zu ökologischer Nachhaltigkeit, erneuerbare Energien sowie Vermeidung von Ressourcenverschwendung und Verschmutzung haben längst auch die Theorie und Praxis von Moscheen in aller Welt erreicht. Ein Beispiel dafür ist die Abu Ghuweilah Moschee in der jordanischen Hauptstadt Amman. Die Nachbarschaftsmoschee wurde erst jüngst erweitert, sodass 650 Betende in ihr Platz finden. Sie ist ein Eckstein des Viertels. Bis noch vor wenigen Jahren musste die Gemeinde bis zu 1.400 US-Dollars monatlich für Strom bezahlen. Das hat sich nun geändert. Dank einer Solaranlage auf ihrem Dach liegt der Kostenfaktor bei null.

Diese Modernisierung ist Teil einer jordanischen Regierungsinitiative zur Ausstattung von Moscheen im ganzen Land mit einer Photovoltaikanlage (zur Umwandlung von Sonnenlicht in elektrische Energie). Betrieben wird sie vom Jordanischen Fonds für Erneuerbare Energien und Energieeffizienz (JREEEF). Dieser wurde 2020 gegründet als eine Abteilung des Ministeriums für Energie und Bergbau.

Es funktioniert mit Hilfe direkter Mittelvergaben durch die Regierung. Jede teilnehmende Moschee reicht einen Vorschlag für eine Anlage ein – auf Grundlage des durchschnittlichen Stromverbrauchs der letzten 12 Monate. Durchführende Bauunternehmen, die alle jordanisch sein müssen, beziehen die nötigen Komponenten auf dem freien Markt.

Ein Viertel der Kosten trägt JREEEF und ein Viertel das Ministerium für Auqaf, das die Fördermittel ausbezahlt. Der Rest muss von der Moscheegemeinschaft selbst übernommen werden – üblicherweise durch Spenden ihrer Mitglieder. „Die Leute geben ständig“, berichtet Youssef al-Shayeb von der Abu Ghuweilah Moschee. „Bereits vorher haben die Leute erhebliche Summen für Renovierung und Erweiterung gespendet. Dann haben wir der Solaranlage wegen der ­hohen monatlichen Rechnungen den Vorzug gegeben. Die Leute haben sofort etwas gegeben.“

Solche Initiativen beschränken sich nicht auf Jordanien. In der arabischen Welt gilt das Königreich Marokko als Vorreiter bei den erneuerbaren Energien. „Marokko verfügt bereits über den rechtlichen und institutionellen Rahmen sowie Handlungspläne. Es hat viele große ­Projekte verwirklicht“, berichtet Lina al-Mobaideen vom JREEEF.

2016 begann das marokkanische ­­Ministerium für Auqaf und islamische Angelegenheiten ein Projekt zum Einbau von Solarzellen, LED-Beleuchtung und der solaren Wassererhitzung in jenen 15.000 Moscheen, die von der Regierung gefördert werden. Technische Hilfe erhalten die Marokkaner dabei von der bundesdeutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Regierungsmittel decken bis zu 70 Prozent der Anschaffungskosten.

Teil des Programms ist die Ausbildung von Imamen und anderen Gelehrten in Fragen rund um erneuerbare Energien und nachhaltige Technologien, damit sie die Botschaft an ihre Gemeinden und Nachbarschaften weitergeben können. „Wir wollen die Leute informieren“, sagte Said Mouline bereits 2016. Er ist Direktor der marokkanischen Agentur für Entwicklung und Energieeffizienz.

Im Jahr 2016 wurde Marrakeschs Jami’a al-Kutubiyah aus dem 12. Jahrhundert als eine der ersten Moscheen in Marokko mit einer Solaranlage aus­gestattet. Die Moschee ist Wahrzeichen der Stadt. Die Sonnenkollektoren sind versteckt auf dem Dach sichtbar, während eine Digitalanzeige auf der Straße die ­Passanten daran erinnert, wie viel Energie erzeugt wurde und wie viele CO2-Emissionen eingespart wurden.

Indonesien, das Land mit der größten muslimischen Mehrheitsbevölkerung, ist auch mit an Bord. 2011 startete die MUI, der Islamische Rat der Gelehrten, das landesgrößte Gremium seiner Art, die Initiative ecoMasjid. Dadurch sollen die 800.000 indonesischen Moschen ins Zentrum öffentlicher Anstrengungen für die Umwelt gerückt werden.

„Am Anfang stand die Erkenntnis, dass ökologische Verschlechterung keine technische oder technologische Frage ist, sondern eine moralische“, meint Hayu Prabowo, der die MUI-Umweltabteilung in der Hauptstadt Jakarta leitet. „Die Regierung wandte sich an uns, damit wir ihren Ansatz gegenüber der Öffentlichkeit ergänzen. Wir sind den Leuten näher, denn wir kommen täglich in Moscheen zusammen – und Islam hat eine reichhaltige Lehre zu Umweltfragen.“

Hayu, der das Programm entwickelte und betreut, zählt die Kriterien auf, ­anhand derer die MUI jede Moschee ­einstuft. Themen sind unter anderem: die Angemessenheit des Ortes, Energieeffizienz, Bildung, Recycling und effektives Management. Für ihn sind Moscheen nichts Geringeres als Triebkräfte für Handlungsfähigkeit. „Empowerment dreht sich nicht nur um Ökonomie“, sagt Prabawo. „Es geht um den Schutz von Gesundheit und Lebensunterhalt der Leute. Das ist ein komplexes Thema. Wir können das nicht alleine machen, die Regierung auch nicht. Es geht hierbei um die Übersetzung der Sprache eines ökologischen Aktivismus in praktischere Aspekte des Alltagslebens.“

Eines der größten Beispiele für einen eigens dafür angelegten Zweckbau eröffnete 2019 im englischen Cambridge. Hier wurde die erste, als solche konzipierte Ökomoschee Europas gebaut. Mehrheitlich errichtet aus nachhaltig angebauter, skandinavischer Fichte. Es ist eines der wenigen Gebäude in der Welt, die Brettsperrholz in einer Größenordnung benutzen, die sonst nur mit Stahl zu erreichen ist. Ein Wald aus 16 überspannenden, baumartigen Säulen schafft eine verbundene Kuppel über dem Gebetsraum, der für 1.000 Betende ausgelegt ist. Sie erinnert an gotische Entwürfe der mittelalterlichen Kirchenarchitektur Englands.

Sie tragen ein Dach, das mit einem blühenden Immergrün bedeckt ist. Das fördert Biovielfalt und verbessert die ­Isolation. Die Photovoltaikanlage der Ökomoschee deckt ein Drittel ihres Energiebedarfes ab. Speichertanks sammeln Regenwasser für die Waschungen. Das anfallende Grauwasser wird in den Toiletten und Gärten benutzt. Darüber ­hinaus nutzt eine Wärmepumpe die Unterschiede zwischen Innen- und Außenluft, um das Gebäude bequem zu heizen.

„Wir zeigen, dass Religion Teil der Lösung für die großen Probleme der Welt ist“, sagte Schaikh Abdal Hakim Murad, der leidenschaftliche Doyen der Cambridger Ökomoschee. Die Moschee mache einen wichtigen Punkt, wonach Religion sich gegen Verschwendung wendet und gleichzeitig unseren Dank für die Segnungen der Schöpfung ausdrückt.