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Eine islamische Kritik der Self-Care-Industrie

Foto: Sondem, Adobe Stock

(Fiqh of Social Media). Verbissenheit interessiert mich eigentlich nicht. Durchhalte- und Durchsetzungsvermögen bei Schwierigkeiten zum Erreichen eines höheren Ziels sind beeindruckend. Glückwunsch. Wir alle sollten sie entwickeln. Niemand widerspricht, dass das eine wesentliche Eigenschaft ist.

Irgendwie hat sich dieses einfache Konzept zu einer Art Selbsthilfe-Heimindustrie entwickelt. Es gibt hierzu TED-Talks mit Dutzenden Millionen Zuschauern, Podcasts, Leitreferaten, einen Bestseller auf der Rangliste der „New York Times“ sowie Versuche, es in Schulen und am Arbeitsplatz zu lehren.

Mich interessiert vielmehr, kritisch zu analysieren, ob das alles ist, worauf es ankommt (Spoiler: Ich glaube nicht), warum die Selbsthilfeindustrie das aggressiv fördert und wie wir das Thema aus islamischer Sicht verstehen. Für mich geht es um viel mehr als nur um Schneid. Es geht darum, die Charakterentwicklung der (zumeist amerikanisierten) säkularen Perspektive mit der islamischen abzuwägen.

Die Attraktivität von Durchsetzungsvermögen in der Selbsthilfe liegt darin, dass es scheinbar eine magische Lösung ist, die intuitiv als korrekt empfunden wird. Es bietet Optimismus. Wenn ich diese eine Sache meistern kann, steht mir alles offen, das ich zum Erfolg brauche. Scheitere ich an einem Hindernis, kann ich meiner Ratio die Schuld geben: dem Mangel daran.

Zu dem Konzept gehören mehrere inspirierende Klischees: Zufriedenheit mit fehlender Befriedigung, die Suche genauso zu lieben wie das Finden usw. Es ist zu glauben, dass es jeder schaffen könne, wenn er nur hart und lange genug arbeitet. Kurz gesagt, das ist die Verkörperung des Ideals vom amerikanischen Traum.

Selbsthilfeliteratur hat das Leitmotiv der Kontrolle dessen, was man kontrollieren kann, und dem Ablassen vom Rest. In islamischer Sicht würden wir dem allgemein zustimmen. Wir fokussieren uns auf das, wofür wir individuell verantwortlich sind und vertrauen Allah auf den Ausgang und auf das, was wir nicht beeinflussen können.

Das Problem mit diesem Motiv – insbesondere mit Durchsetzungsvermögen – ist, dass man glaubt, die umgebenden Umstände könnten nicht verändert werden. Daher müsse man die Dinge so akzeptieren, wie sie seien. Menschen zu lehren, dass sie jede Situation überwinden können, indem sie nur hart genug arbeiten, ist nicht nur unrealistisch, sondern ebenso völlig ohne Mitgefühl.

„Die Vorstellung, ein mittelloses Kind könne Hunger, Mangel an Gesundheitsvorsorge, Obdachlosigkeit und Trauma überwinden, indem es sich am Riemen reißt und durchhält, war immer dumm und herzlos. Genau das, was man von (…) den Koch-Brüdern (konservative US-Milliardäre) oder Betsy DeVos (schwerreiche Bildungsministerin unter Trump) erwarten würde“, schreibt Diane Ravitch.

Die Verengung auf individuelle Eigenschaften von Willen und Durchhaltungsvermögen verlegt die Aufmerksamkeit weg von sozialen oder systemischen Fragen, welche die Fähigkeiten zum Erfolg beeinträchtigen können. Das Persönliche soll geändert werden, während strukturelle Ungleichheiten als „unveränderlich“ gelten. Es ist intellektuell unehrlich, etwas als Schlüssel zum Erfolg zu beschwören und dabei die Strukturen, die für Erfolg erforderlich sind, völlig zu ignorieren. Das ist nicht das Einzige, was die Theorie ignoriert.

Diese Erzählung verherrlicht den individualisierten Typus des Superhelden, der alle Barrieren durchbricht – egal wie sehr die Trümpfe gegen ihn verteilt sind. Anstatt Verluste zu begrenzen und ein Scheitern als solches zu erkennen, lässt diese Mentalität eine Person, stur ein Ziel verfolgen. Das erinnert mich an jene Sänger, die tragikomisch in der ersten Runde von „American Idol“ scheitern. Die Richter machen sich zurecht über sie lustig. Und dann lassen sie emotional die Welt wissen, dass sie es nach oben schaffen werden (was sie niemals tun).

Übermäßiges Selbstbewusstsein, Eigensinn und naiver Optimismus sind das Ergebnis von Verbissenheit ohne Kontext oder Grenzen. Sie fördern Verleugnung und mangelndes Selbstbewusstsein. Die Konsequenzen sind spürbar, wenn grauenhafte Führer immer wieder an die Spitze aufsteigen, was teilweise auf ihre Entschlossenheit und Ausdauer zurückzuführen ist. Die ganze Idee der Psychologie der Leistung übersieht vollkommen jegliche Vorstellung von Moralität und Ethik. In einem Vakuum kann Durchsetzungsvermögen amoralisch sein. Aber so funktioniert die wirkliche Welt nicht. Das spricht für die Notwendigkeit, die Anwendung dieser Konzepte durch die Linse unseres Glaubens zu verstehen.

Der personalisierte Blick macht etwas wie Verbissenheit zum vorrangigen Kandidaten für ein beliebtes Selbsthilfe-Thema. Schule und Unternehmen gleichermaßen wollen sie fördern, denn das verengt den Blick auf das Individuum. Es gibt viel kognitive Dissonanz, wenn eine Firma ihre Mitarbeiter anweisen kann, sich auf die Entwicklung von Durchhaltevermögen zu konzentrieren, ohne auf toxische Beschäftigungspraktiken einzugehen, die den Umsatz steigern und die Mitarbeiter physisch und emotional zerstören.

Valerie Strauss schrieb in der „Washington Post“, dass der Diskurs um Verbissenheit von Eltern aus den Mittel- und Oberklassen vorangetrieben wird. Sie wollen, dass ihre Kinder die Tugenden des Kampfes gegen Hindernisse schätzen lernen. Dieser Fokus auf jene Schulung des Charakters bedeutet, dass ärmere Schüler darunter leiden. Denn es wird weniger Geld dafür ausgegeben, diese benachteiligten Kinder in den Fähigkeiten zu unterrichten, die sie für ihren Erfolg gebrauchen können. Sisyphus, merkte Strauss an, sei sehr verbissen gewesen. Das habe ihn aber nicht vorangebracht. Sie lädt uns dazu ein, uns vorzustellen, dass in der Nähe des Nobelviertels Beverly Hills eine Giftmüllkippe entdeckt wurde. Und unsere Antwort bestünde darin, Kindern beizubringen, wie man die Auswirkungen von Giftstoffen verringert, anstatt die Deponie zu entsorgen. Dieser Ansatz ist ein Weg, edel zu erscheinen, während der Status quo fortgeführt wird. Er gaukelt eine Erhöhung vor, während die eigentlichen Systeme, die das verhindern, gestärkt werden. Häufig sehen wir das am modernen Stil von Silicon Valley der Wohltätigkeit.

Als Muslime sind wir angehalten Wege zu finden, sowohl das Individuum als auch das Gemeinschaftliche anzusprechen. Eigenschaften wie Verbissenheit und Belohnungsaufschub sind nicht schlecht. Sie werden falsch eingesetzt, wenn das größere Bild nicht gesehen wird. Als Muslim sollte eine Person nicht betteln. Gleichzeitig sind wir ermutigt, denen zu geben, die aus Not fragen. Ein verschuldeter Mensch sollte seine Schulden schnellstmöglich zahlen. Gleichzeitig ist der Gläubige angehalten, freundlich zu sein und eine Schuld wenn möglich zu erlassen. Das bietet einen realistischeren Rahmen zur Anwendung solcher Konzepte. Eine Person mit Problemen sollte zur Resilienz ermutigt werden, damit sie Wege findet, sich davon freizumachen. Gleichzeitig braucht es helfende Strukturen, um ihr zu helfen.

Jenseits dessen gibt es eine größere Frage. Verbissenheit ist auf Erfolg ausgerichtet. Dieser wird ungefragt als eine persönliche Leistung wie akademischer Abschluss, Karriere, Wohlstand und Rang verstanden. Handelt es sich dabei um das Endziel, ist es viel leichter, nur das Individuum zu sehen.

Die islamische Definition von Erfolg ist breiter. Es gibt die offensichtliche Idee des Erfolgs im Jenseits, aber das ist von dieser Diskussion getrennt. Selbst im weltlichen Sinne kann ein erfolgreicher Mensch der sein, der den Besuch einer guten Schule oder sogar einen Traumberuf aufgibt, um mehr Zeit mit der Familie zu verbringen. Die Betonung des individuellen Erfolgs um jeden Preis hat zum Zusammenbruch entscheidender familiärer und sozialer Unterstützungssysteme beigetragen.

Was geschieht, wenn wir scheitern? Was passiert, wenn wir einsam und unerfüllt sind? Wenn uns die Bindungen des familiären Zusammenhalts fehlen und Geld uns nicht erfüllt? Dann stürzt alles auf uns ein. Es ist genau dieses Gefühl der Bedrängung, vor der uns Allah im Qur’an warnt. „Wer sich aber von Meiner Ermahnung abwendet, der wird ein beengtes Leben führen, und Wir werden ihn am Tag der Auferstehung blind (mit den anderen) versammeln.“ (Taha, Sure 20, 124)

Fallen wir, steht die Selbsthilfeindustrie bereit, um uns wiederaufzurichten. Sie geben uns einen weiteren TED-Vortrag, einen neuen Podcast, eine weitere Pose oder den letzten Kurs für Achtsamkeit. Diese werden unausweichlich ins Leere laufen, denn sie kümmern sich ausschließlich um die Heilung des Individuums, statt sich mit seiner weiteren Realität zu beschäftigen.

Ungeachtet des Gesagten sind Verbissenheit und Resilienz lobenswerte Eigenschaften. Wir sollten sie in uns fördern, da wir beide unausweichlich brauchen werden. „Und Wir werden euch ganz gewiß mit ein wenig Furcht und Hunger und Mangel an Besitz, Seelen und Früchten prüfen. Doch verkünde frohe Botschaft den Standhaften, die, wenn sie ein Unglück trifft, sagen: ‘Wir gehören Allah, und zu Ihm kehren wir zurück.’“ (Al-Baqara, Sure 2, 155-6)

Widerstandsfähigkeit ist ein Reflex. Steht eine Person vor einem Beschwernis, wird sie auf bestehende Gewohnheiten und Werte zurückgreifen. Das erinnert an die Aussage des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, dass Geduld im ersten Zuschlagen (des Schicksals) liegt. Er lehrte uns die Einstellung, mit Eintreten der Schwierigkeit verbissen zu sein. Der Prophet zeigte uns auch die Gewohnheiten, die in uns gewährleisten, dass wir die nötigen Reflexe haben, wenn sie gebraucht werden. „Wer sich darüber freuen will, dass Allah ihm in Zeiten der Not und Schwierigkeit antwortet, der möge Ihn in Zeiten der Leichtigkeit oft anflehen.“

Die Institution der Moschee als Zentrum für Gemeinschaft stellt hier eine enorme Gelegenheit dar, um eine Struktur zur Hilfe von Menschen zu bilden. Wie Michael Ungar meint, ist Widerstandsfähigkeit keine Sache für Heimwerker. Gemeinden brauchen Wege, Mittel zu finden, die eine Person zum Überstehen braucht. „Welche Art von Ressourcen? Die Art, die Sie durch die unvermeidlichen Krisen bringt, die uns das Leben bereitet. Tage, die man sich bei Krankheit freinehmen kann. Ersparnisse oder eine Großfamilie, die Sie aufnehmen können. Nachbarn oder eine Gemeinde, die bereit ist, Essen vorbeizubringen, Ihre Auffahrt zu schaufeln oder für Ihre Kinder zu sorgen, während Sie alles tun, um den Moment zu überstehen.“

Ungar fasst die richtige Anwendung von Durchsetzungsvermögen zusammen: „Die Wissenschaft der Resilienz ist klar: Unsere soziale, politische und natürliche Umgebung ist für unsere Gesundheit, Leistungsfähigkeit, Finanzen und Zeitmanagement weitaus wichtiger als unsere individuellen Gedanken, Gefühle oder Verhaltensweisen. Wenn es darum geht, Wohlbefinden zu erhalten und Erfolg zu haben, sind Umfelder wichtig. Tatsächlich können sie genauso wichtig und wahrscheinlich wichtiger sein als individuelle Gedanken, Gefühle oder Verhaltensweisen.“

Das fehlende Element ist Tawakkul (Vertrauen auf Allah). Es gab Momente im prophetischen Leben, in denen diese Eigenschaften verkörpert wurden. Bei einer Begebenheit sagten seine Gefährten: „Allah ist genug für uns. Er ist der beste Beschützer.“ Darauf offenbarte Allah in Seinem Qur’an: „Diejenigen, zu denen die Menschen sagten: ‘Die Menschen haben (sich) bereits gegen euch versammelt; darum fürchtet sie!’ Doch da mehrte das (nur) ihren Glauben, und sie sagten: ‘Allah ist genug für uns. Er ist der beste Beschützer.’“ (Al-i-‘Imran, Sure 3, 173)

Das ist der gleiche Satz, den Ibrahim, Friede sei auf ihm, sagte, während er das Höchstmaß an Widerstandsfähigkeit an den Tag legte: Als er in das Feuer geworfen wurde, und Allah es kalt machte. Hier ist ein Kernpunkt des islamischen Glaubens über den Ausgleich zwischen Furcht und Hoffnung. Die Gelehrten raten einer Person, die verzweifelt ist, sich an diese Überlieferung zu erinnern, welche die Hoffnung auf Allahs Vergebung bestärkt.

Unsere Fähigkeit zum Durchhalten, widerstehen zu können und verbissen zu sein, steht in direktem Zusammenhang zu unserer Beziehung mit Allah beziehungsweise zum Maß unseres Vertrauens auf Ihn.

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