Die Angst ist lauter geworden. Über die Geburt von Verschwörungserzählungen

Ausgabe 307

Foto: Adobe Stock, lven

(iz). Die Menschen“, schrieb der spätantike Philosoph Epik­tet, „bewegen nicht die Tatsachen, sondern ihre Meinungen über die Tatsachen.“ Doch wie hat jemand gelernt, sich seine Meinung zu bilden?

Das Corona- und Trump-Abwahljahr 2020 hat noch einmal neuen Schwung in die Diskussion von Verschwörung­serzählungen gebracht. Ja, es ist wahr: Eine erschreckend große Zahl von Menschen hängt unwahren Erzählungen an. Der politische Einfluss verschwörungs­­my­thischer extremistischer Bewegungen wie QAnon ist inzwischen erschreckend groß. Verschwörungserzählungen machen Politik. Das gilt für die USA, aber auch für (West- und Ost-) Europa, und ebenso für die orientalische und muslimische Welt.

Verschwörungserzählungen sind immer auch eine Frage des Sozialen. Und zwar nicht im Sinne von Sozialpolitik, sondern im Sinne von „sozialer Stand“, von Bildung und Habitus.

Was ein Mensch denkt und glaubt, ist immer auch Ausdruck seiner persön­li­chen soziologischen Disposition. Bildung und Erziehung beeinflussen Meinun­gen und Haltungen. Diese Meinungen und Haltungen wiederum gewinnen umso mehr öffentliche Relevanz, je offener der öffentliche Raum ist. Und die digitale Revolution hat den öffentlichen Raum in den vergangenen dreißig Jahren einem tiefgreifenden Strukturwandel unterworfen. Es ist dieser Strukturwandel der Öffentlichkeit, der bisher ungehörten Stimmen einen solchen Resonanzraum geschaffen und der das so genannte „postfaktische Zeitalter“ überhaupt möglich gemacht hat. Gegeben hat es diese Stimmen schon immer.

Es ist heutzutage verpönt, von „sozialer Schicht“ oder, noch schlimmer, von „soz­ialem Stand“ oder gar „Klasse“ zu sprechen. Wir leben im Zeitalter des Egalitarismus, und dieser Egalitarismus ist nicht allein das Verdienst der westlichen liberalen Demokratie. Im Gegenteil: richtig eingelöst wurde das Gleichheitsverspechen eigentlich erst durch zwei Ereignisse: nämlich das Ende des Kalten Krieges und die Verschmelzung der postkommunistischen mit den westlichen Gesellschaften in Europa. Und die Öffnung der europäischen Staaten hin zur multikulturellen Gesellschaft nach 1990. Erst die Wandlung zur „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ nach dem Zweiten Weltkrieg während der so genannten „trente glorieuses“ 1950 bis 1980 brach endgültig mit der Klassengesellschaft in Westeuropa und reduzierte die Unterschicht auf eine Randgruppe. In Osteuropa wurde die Klassengesellschaft durch den Kommunismus gebrochen. Ab den Neunzigerjahren war de facto jeder ­Mittelschicht. In dieses gesellschaftsgeschichtliche Klima stieß dann die Massenmigration der zweiten Generation. Diese Migranten waren auf einmal nicht mehr „Gastarbeiter“, sondern Anwärter auf oder nicht selten schon Inhaber von Mittelschichtbiographien.

Im selben Zeitraum entwickelten sich das World Wide Web (Neunzigerjahre), die sozialen Medien (Nullerjahre) und schließlich die Digitalisierung der Massenmedien (Zehnerjahre) zu Megatrends. Die Amerikaner, Europäer und Asiaten von heute leben heute, 2021, wahrhaft in einer medial vernetzten und ethnisch durchmischten Welt.

Die wirtschaftlichen Folgen der globalen Vernetzung werden seit zwanzig Jahren intensiv diskutiert. Was darüber unterzugehen droht, ist indessen die sozialpsychologische Dimension der ­Globalisierung.

Die globalisierte Welt bettet jeden in eine gesellschaftliche Lebenswelt ein, die ihn in seiner vollen Individualität grundsätzlich würdigt und anerkennt. Das kann beglücken, aber auch einschüchtern. Und um die Funktionsweise von Verschwörungserzählungen zu verstehen, muss man auf diese Einschüchterung blicken. Sie ist kein politisches Phänomen, sondern ein privates. Missverständnisse im Sozialen haben meist damit zu tun, dass einer von zwei Beteiligten nicht in die Welt des Anderen eingeübt ist. Diese Einübung kann man sich nicht erkaufen, sie vollzieht sich anders, nämlich durch Habitualisierung. Egalität wird mangels objektiver Kriterien wirtschaftlich gemessen; aber sie wird nicht wirtschaftlich kodiert, sondern habituell: durch Bildung, Sprache und ein Set an spezifischen Ausdrucksweisen und Umgangsformen.

In der Welt der Politik und der Medien wird das Wirtschaftliche tunlichst ­beschwiegen. Meist ist es Gegenstand sachlicher Analysen, fast nie persönlicher Erzählungen. Politiker und Journalisten prahlen nicht. Sie leben mit eingezogenen Ellenbogen. Kein Chefredakteur gibt mit seinem sechsstelligen Gehalt an. Keine Verlagschefin brüstet sich mit ihrer Designergarderobe. Kein Bundestagsab­geordneter renommiert mit seinen Fernreisen. Und wie das Führungspersonal, so das Fußvolk. Ob freier Autor, Pressereferentin oder Büroleiter: man genießt (oder knapst, je nachdem) und schweigt. Das Wirtschaftliche scheint für sie quasi nicht zu existieren. Sie sind mit dem­ ­großen Ganzen verheiratet.

Genau das macht sie, macht Politiker und Medienleute dem Rest der Gesellschaft verdächtig. Wer in einer Welt, die sich über Geld, über den Überlebenskampf, über den „Dschungel“ namens Leben definiert („Schule des Lebens“), nicht über Geld spricht, macht sich verdächtig. Der Marxismus spricht vom Verblendungszusammenhang, in dem die gesellschaftlichen Eliten die arbeitende Bevölkerung gefangen hielten. Treffender ist der Begriff „Vertuschungszusammenhang“. Für den Teil der Gesellschaft, der sich nicht vor allem geistigen Aufgaben (und dazu gehört auch die Politik) widmet, leben wir Geistesmenschen in einem einzigen großen Vertuschungszusammenhang. Für die „arbeitende Bevölkerung“ sind wir unaufrichtig, weil sich unser sichtbares Reden und Tun eben nicht den ganzen Tag um Ficken, Geldverdienen und Dominanz anderer dreht. Und wenn wir nicht unaufrichtig sind; wenn wir also wissen, was wir tun: dann sind wir Lügner.

Für Anhänger von Verschwörungserzählungen ist man immer entweder „weltfremd“ oder verschlagen. Sie können uns nicht „greifen“ beziehungsweise „lesen“. Es sind primär nicht bestimmte intellektuelle oder kulturelle Inhalte, die sie einschüchtern oder überfordern, sondern der spezifische Habitus, der mit Intellektualität und Kultur verbunden ist. Verschwörungserzählungen funktionieren nach dem Modus, den der Yale-Professor Dan Kahan als Identity Protective Cognition beschrieben hat: Ich halte für wahr, was mein Welt- und Selbstbild bestätigt, und gerade wenn ich es besser wissen könnte (etwa aufgrund höherer Schul- oder Hochschulbildung), dann halte ich es umso mehr für wahr, denn meine intellektuellen Fähigkeiten stehen im Dienst meiner Befindlichkeit und nicht umgekehrt. Mein Geist dient nicht der Selbstkorrektur; mein Geist dient dem Schutz meiner Identität.

Das erklärt auch, warum Verschwörungserzählungen eben nicht nur bei den Unterprivilegierten und Abgehängten Anklang finden, wie es eine beliebte soziologische Mär will, die den Grund für den Erfolg Trumps im Niedergang des Rust Belt sucht. Verschwörungserzählungen finden ihre Anhänger in all jenen Teilen der Gesellschaft, die mehr aufs Geldverdienen aus sind und weniger darauf, die Welt zu verstehen. Wenn es etwa um die Wählerschaft der AfD geht, wird in den deutschen Medien gern auf ein ominöses „Bildungsbürgertum“ verwiesen. Doch das ist falsch. Das bourgeoise Wählerreservoir der AfD besteht aus Wirtschaftsbürgern, nicht Bildungsbürgern. Ein Hochschulabschluss allein macht einen noch nicht zum Bildungsbürger. Das klassische Bildungsbürgertum ist heute vielmehr in der so genannten kreativen Klasse aufgegangen, also Journalisten, Marketingleute, Hochschullehrerinnen. Nicht Bildungsbürger sind Verschwörungstheoretiker, sondern Wirtschaftsbürger. Das können solche mit ­einem Dr. iur. oder Dr. med. vor dem Namen sein; und solche, die niemals ein Gymnasium von innen gesehen haben. Ihnen gemein ist: die Auffassung vom Leben als Dschungel; und eine tiefe ­Distanz zur Intellektualität, die sich wahlweise als Eingeschüchterheit oder als ­Verachtung äußert. Und diese Haltung teilen diese Wirtschaftsbürger mit vielen aus der unteren Mittel- und der Unterschicht.

Doch warum sind Verschwörungserzählungen gerade heute so mächtig? Nun, ein populärer soziologischer Mythos ist der, wonach es mit dem weltweiten Wohlstand nach dem Ende der „trente glorieuses“, durch Thatcherismus, Sozialabbau und Entfesselung der Kapitalmärkte, seit 1990 bergab gegangen sei. Die Wahrheit ist aber: noch nie seit der landwirtschaftlichen Revolution wurden so viele Menschen weltweit von der Unter- in die Mittelschicht, von der Untertänigkeit in die Bürgerlichkeit erhoben wie in den letzten dreißig Jahren. Durch den Fall des Eisernen Vorhangs. Durch Massenmigration. Durch Infrastrukturmaßnahmen und sozietale Transformation in der so genannten Dritten Welt. Durch die Technologiedividende (jeder hat ein Smartphone, jeder kann billig ­reisen). Nur macht Geld eben noch nicht Leute.

Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht. Wovor die Menschen heute Angst haben, ist nicht „die Globalisierung“. Die Menschen haben schlicht davor Angst, wovor sie schon immer Angst hatten: vor der Welt und ihren schier undurchschaubaren Strukturen, die zu verstehen vor allem eines verlangt: die ständige Bereitschaft zur Selbstkorrektur, zur Selbst­zurücknahme, ja Selbstverleugnung. ­Tugenden, die einer Erziehung zum „Überlebenskampf im Dschungel“ schlechterdings diametral entgegengesetzt sind. Tugenden, die gestern wie heute nur von einer kleinen Minderheit von Gebildeten geübt werden, die es sich ­habituell leisten kann.

Diese Angst ist heute vernehmbarer geworden, weil das Internet jedermann eine Stimme gibt und alle Stimmen im Internet gleich viel wert sind. Jeder im Internet hat potenziell den gleichen ­Resonanzraum: die ganze Welt. Dieser gigantische Resonanzraum wird gefüllt von der Angst: der Angst, vor den „weltfremden“ oder „verlogenen“ Intellektuellen hinters Licht geführt zu werden. Von „Geheimbünden“. Von Think Tanks“. Von „den Eliten“. Diese Verschwörungserzählung ist so alt wie Methusalem. Wirklich überwunden sein wird sie erst dann, wenn sich Millionen von Menschen, arme und wohlhabende, aus ihrem tiefsitzenden intellektuellen Minderwertigkeitskomplex erlöst haben werden.

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