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Amnesty International: Wo der Staat 2025 töten ließ

Ausgabe 372

Amnesty International staat todesstraf
Foto: zef art/Shutterstock

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International veröffentlichte gerade ihren aktuellen Bericht über die Todesstrafe weltweit im Jahre 2025.

(Iz/KNA). Ein Jahr, in dem Staaten so viele Menschen hinrichten wie seit über vier Jahrzehnten nicht – und zugleich mehr Länder als je zuvor die Todesstrafe aus ihren Gesetzen streichen. Zwischen iranischen Massenexekutionen, geheim gehaltenen Tötungen in China und einem geretteten Häftling in Alabama zeigt der neue Amnesty-Bericht, wie eng Hoffnung und Horror in der globalen Bilanz des staatlich verordneten Todes beieinanderliegen.

Die Menschenrechtsorganisation verzeichnet für 2025 einen Einschnitt: Mindestens 2.707 dokumentierte Hinrichtungen in 17 Staaten – so viele wie seit 1981 nicht mehr. Das war ein Anstieg um 78 % gegenüber 2024. Hinter dieser Zahl stehen nicht nur autoritäre Regime, sondern ebenso Demokratien, die an der Todesstrafe festhalten – und eine Menschenrechtsbewegung, die trotz Rückschlägen von einem historischen Trend zur Abschaffung spricht.

Ausgangspunkt des aktuellen Reports ist eine quantitative Zäsur. Weltweit stieg die Zahl der registrierten Fälle von 1.518 im Jahr 2024 auf 2.707 in 2025, der höchste von Amnesty erfasste Wert seit 1981. Offiziell tauchen in der Statistik 17 Staaten auf, die 2025 Todesurteile vollstreckt haben. Faktisch ist die Anzahl der Länder mit dieser Bestrafung höher, doch viele exekutieren nicht oder melden keinerlei Zahlen.

Die Menschenrechtsorganisation weist zudem darauf hin, dass ihre Bilanz unvollständig bleibt, weil aus China, Nordkorea und Vietnam keine verlässlichen Daten zugänglich sind und Hinrichtungen als Staatsgeheimnis behandelt werden.

Foto: Jean-Luc, Adobe

Die Aufzählung der Exekutionsstaaten kennt seit Jahren einen festen Spitzenreiter, der in der Statistik dennoch nur als Leerfeld erscheint. China führt die Liste nach Einschätzung von Amnesty mit vermutlich Tausenden Exekutionen an, wird aber mangels offizieller Zahlen nicht mit einer exakten Fallzahl ausgewiesen. Hinter der Mauer der Geheimhaltung bleibt unklar, wie viele Todesurteile jährlich vollstreckt werden und nach welchen Deliktskategorien.

Das zweifelsfrei erfasste Spitzenfeld beginnt deshalb mit dem Iran, der 2025 mindestens 2.159 Menschen hinrichten ließ und damit mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Amnesty spricht von einer systematischen Nutzung der Todesstrafe, um Proteste zu ersticken, Minderheiten zu marginalisieren und „Angst zu verbreiten“, wie die deutsche Generalsekretärin Julia Duchrow formuliert.

Auf Platz drei folgt Saudi-Arabien mit mindestens 356 Exekutionen, viele davon wegen Drogendelikten und häufig im Anschluss an Verfahren, deren Fairness von internationalen Beobachtern bezweifelt wird. Der Jemen, inmitten eines Bürgerkriegs, verzeichnet nach Amnesty mindestens 51 Hinrichtungen. Auch hier bleiben genaue Einordnungen oft unmöglich, weil bewaffnete Konflikte und fragile Institutionen rechtsstaatliche Kontrolle aushebeln.

Unter den westlichen Demokratien fallen die USA auf, die 2025 47 Menschen exekutierten. Das ist ein Zuwachs gegenüber 35 Tötungen im Vorjahr und Ausdruck einer fortdauernden Spaltung zwischen Bundesstaaten, die an ihnen festhalten bzw. sie abgeschafft haben.

Daneben tauchen Staaten wie Ägypten, Singapur, Kuwait, Afghanistan, Japan, Somalia, der Südsudan, die VAE, Taiwan, Vietnam und Nordkorea in der Bilanz auf – mit teils steigenden Fallzahlen oder fehlenden Informationen im Hintergrund.

Die nackten Zahlen verschleiern, dass hinter den Statistiken konkrete Biografien stehen. Eine der Geschichten, die Amnesty in diesem Jahr besonders hervorhob, ist die von Rocky Myers aus dem US-Bundesstaat Alabama.

Der heute 63-Jährige, ein Schwarzer Mann mit geistiger Behinderung, saß drei Jahrzehnte im Todestrakt, verurteilt 1994 wegen Mordes – trotz Zweifeln an der Beweislage, Verfahrensfehlern und fehlenden direkten Beweisen, die ihn mit der Tat in Verbindung brachten. 

Ende Februar 2025 wandelte Gouverneurin Ivey seine Strafe in lebenslange Haft um, nachdem die Behörden bereits das Verfahren zur Festsetzung eines Hinrichtungstermins eingeleitet hatten. Amnesty, das Myers über Jahre in Kampagnen und der Aktion „Write for Rights“ unterstützt hatte, wertet die Entscheidung als Beleg dafür, dass hartnäckiges Engagement, internationale Solidarität und öffentlicher Druck konkrete Leben retten können.

Foto: The White House/flickr | Lizenz: gemeinfrei

Gleichzeitig macht der Report deutlich, wie breit die Palette der Delikte und Methoden ist, für die und mit denen Staaten Menschen töten. 2025 dokumentiert die Organisationen Hinrichtungen u.a. wegen Drogenvergehen, Mord, „Staatsverrat“, Terrorismusvorwürfen oder religiös und moralisch begründeten Tatbeständen. 1.257 der registrierten Exekutionen (ca. 46 %) entfielen auf Drogendelikte, die Amnesty als rechtswidrige Anwendung der Todesstrafe einstuft.

Als Vollstreckungsmethoden listet sie Enthauptung, Erhängen, Erschießen, tödliche Injektion und in einem Fall Stickstoffgas-Erstickung. Die letzte Methode ist ein in den USA eingeführtes Verfahren, das von Experten als grausam und experimentell kritisiert wird. Mindestens 17 der Hinrichtungen wurden öffentlich vollzogen, darunter sechs in Afghanistan und elf im Iran, was nach Auffassung von Menschenrechtlern gezielt auf Einschüchterung und Machtdemonstration zielt.

Trotz der dramatischen Zuwächse bei den Hinrichtungen betont Amnesty einen gegenläufigen Trend, der sich über Jahrzehnte verfestigt hat. Als die Organisation 1977 ihre Kampagne gegen die Todesstrafe startete, hatten lediglich 16 Staaten die Strafe vollständig abgeschafft.

Heute sind es 113 Länder, die sie für alle Delikte aus ihren Rechtsordnungen gestrichen haben; insgesamt 145 Staaten verzichten nach Angaben von Amnesty entweder per Gesetz oder jedenfalls in der Praxis auf Hinrichtungen.

* Unter Verwendung von KNA-Material.

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