Westjordanland: Wie Palästinenser durch Siedlergewalt ihre Dörfer verlieren

Westjordanland: Berichte von UN‑Stellen und Hilfsorganisationen zeichnen ein Bild systematischer Vertreibung – angetrieben durch Siedlergewalt, Bewegungsbeschränkungen und Abrisse.

29.07.2026 .Redaktion 3 Min. Lesezeit
Westjordanland siedlergewalt

Israelische Siedler haben Jinba, eine Ortschaft in Masafer Yatta im südlichen Westjor­danland, wiederholt angegriffen. (Foto: Allegra Pacheco/NRC)

(iz). Seit 2023 haben israelische Siedlerangriffe Tausende Palästinenser aus ihren Gemeinden in Gebiet C des Westjordanlands vertrieben. Internationale Organisationen dokumentieren, wie Gewalt, Sexualdelikte, Abrisse und Straßensperren ein Umfeld schaffen, in dem Verbleiben zur lebensgefährlichen Option wird und Rückkehr zur Ausnahme wird.

Mitten in den Hügeln von Gebiet C, der größtenteils ländlichen Zone des Westjordanlands, die vollständig unter israelischer Kontrolle steht, leben viele palästinensische Familien heute in Zelten und provisorischen Unterkünften, fern von ihren Feldern und Brunnen.

Was zunächst als Flucht vor Angriffen begann, entwickelt sich für sie zu einer Vertreibung ohne absehbares Ende. Eine neue Untersuchung des West Bank Protection Consortium (WBPC), das vom Norwegian Refugee Council koordiniert wird, zeigt, dass Siedlergewalt die zentrale Triebkraft ist und das Leben nach der Flucht für die meisten Haushalte härter und unsicherer ist als zuvor.

Ende 2025 hat das Konsortium zweihundertdreiunddreißig Haushalte befragt, die aus Gemeinden in Gebiet C vertrieben wurden. Dieses Gebiet umfasst rund zwei Drittel des Westjordanlands. 88 Prozent der Familien gaben an, dass sich ihre Lebensbedingungen nach der Vertreibung verschlechtert haben.

palästinensisch gebiet

Foto: dom zara/shutterstock

Viele von ihnen wohnen in Not- oder Übergangsunterkünften, die weder baulich sicher noch rechtlich abgesichert sind. Drei Viertel der Haushalte können ihren Grundbedarf an Nahrung, Wasser und anderen lebensnotwendigen Dingen nicht mehr aus eigener Kraft decken, da ihnen der Zugang zu Land, Weiden und Vieh genommen wurde.

Dabei erweist sich Vertreibung nicht als einmalige Katastrophe, sondern als Abfolge von Schüben. Fast die Hälfte der befragten Familien fürchtet, innerhalb der nächsten sechs Monate erneut umziehen zu müssen.

Sie verweisen dabei sowohl auf informelle Drohungen durch Siedler und Behörden als auch auf formale Räumungs- und Abrissanordnungen, die jederzeit vollstreckt werden können.

Seit Anfang 2023 haben Siedlerangriffe und Zugangsbeschränkungen laut UN-Angaben Tausende Menschen im Westjordanland zur Flucht gezwungen. Allein im Jahr 2026 sind bereits mehr Menschen vertrieben worden als im gesamten Vorjahr.

Die dokumentierte Gewalt folgt dabei erkennbaren Mustern. Hilfsorganisationen und UN-Stellen berichten derzeit im Durchschnitt von sechs Attacken pro Tag, die zu Verletzten oder Sachschäden führen. Im Jahr 2025 wurden insgesamt 1.835 solcher Vorfälle registriert – die höchste Zahl seit Beginn der systematischen Erfassung und ein Anstieg um mehr als ein Viertel im Vergleich zu 2024. 

Die Angriffe treffen über zweihundert palästinensische Gemeinden und reichen von Steinwürfen und Überfällen auf Hirten bis zu Brandanschlägen auf Häuser und Moscheen.

Foto: Saeschie Wagner, Shutterstock

Parallel dazu verschärft ein dichtes Netz aus Straßensperren und Checkpoints den Druck auf die betroffenen Gemeinden. Ende 2025 waren im Westjordanland fast tausend dauerhafte oder zeitweise Bewegungshindernisse registriert – deutlich mehr als im Durchschnitt der vergangenen zwei Jahrzehnte.

Für viele Familien bedeutet dies, dass der Weg zu Schulen, Kliniken oder Märkten kaum noch passierbar ist, während Siedler leichteren Zugang zu denselben Gebieten erhalten. Der Alltag wird dadurch in seiner Grundlogik umgekehrt: Was einst ein kurzer Weg zum Acker war, wird zu einer riskanten Unternehmung.

Angesichts dieser Befunde sprechen internationale Hilfswerke von einer langsamen Zwangsvertreibung. Damit ist ein schrittweiser, aber auf Dauer angelegter Prozess gemeint, bei dem ein Verbleiben in den Herkunftsgemeinden unter den gegebenen Bedingungen faktisch unzumutbar wird.

Zwar erhalten viele Haushalte nach der Vertreibung punktuelle Hilfe in Form von Zelten, Lebensmitteln oder Rechtsberatung, zugleich berichten sie jedoch, dass diese Unterstützung ihren vollen Bedarf selten deckt und die langfristigen Verluste von Land, Einkommen und sozialen Strukturen kaum auffängt.

Die Hilfswerke appellieren an die Drittstaaten, die dokumentierten Muster von Vertreibung, Bewegungsbeschränkungen und Abrissen nicht lediglich als Nebenfolge des Konflikts zu betrachten, sondern als politisch gestaltete Rahmenbedingungen, die das künftige Gesicht großer Teile des Westjordanlands bestimmen werden.