Afghanistan: 5 Jahre nach dem Abzug

Der Machtwechsel in Afghanistan wurde zum Symbol für das Scheitern eines fast 20-jährigen Einsatzes. Fünf Jahre später ist das Land weiterhin auf internationale Hilfe angewiesen.

29.08.2026 Christoph Schmidt 4 Min. Lesezeit
Afghanistan abzug seelsorge Kurzmeldungen

Foto: Bundeswehr/Torsten Kraatz, via flickr

(KNA/IZ). Fünf Jahre ist es her, dass der Westen Afghanistan in einem chaotischen Rückzug verlassen musste. Als die USA und ihre Verbündeten am 15. August 2021 nach beinahe zwei Jahrzehnten den Abzug abschlossen, spielten sich am Flughafen von Kabul dramatische Szenen ab.

Menschen klammerten sich an startende Flugzeuge und stürzten in die Tiefe; Tausende drängten auf die Rollbahn, um den blitzartig vorrückenden Taliban zu entkommen. Die extremistischen Kämpfer trafen kaum auf Widerstand der afghanischen Armee, dafür aber auf große Mengen zurückgelassenen Kriegsmaterials.

Was in einer der schwersten Blamagen des Westens endete, hatte nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 mit ehrgeizigen Zielen begonnen. Die USA wollten nicht nur die Taliban stürzen, die Osama bin Laden und dem Terrornetzwerk Al-Qaida Unterschlupf gewährten.

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Foto: John Smith, Shutterstock | Lizenz: Shutterstock, erworben

Im Sinne des „Nation Building“ sollte unter dem Schutz der ISAF-Mission und mit westlichen Milliarden ein stabiler demokratischer Staat entstehen. Menschen- und Frauenrechte, Pressefreiheit, funktionierende Institutionen, moderne Bildung und wirtschaftlicher Aufschwung standen auf der Agenda.

Auch die Bundeswehr stellte für ISAF zeitweise mehr als 5.000 Soldaten – das drittgrößte Kontingent nach den USA und Großbritannien. Zwar entstanden neue staatliche Strukturen; Millionen Kinder gingen erstmals zur Schule, darunter viele Mädchen. Universitäten wurden ausgebaut, Medien gegründet und Infrastrukturprojekte verwirklicht.

Gleichzeitig herrschten Korruption und politische Machtkämpfe aber weiter. Die Taliban zogen sich keineswegs zurück. Terroranschläge gehörten in den Städten zum Alltag, während die Extremisten in ländlichen Gebieten einen langjährigen Aufstand gegen Regierung und internationale Streitkräfte entfesselten.

Insgesamt fielen mehr als 3.600 Angehörige der westlichen Koalition, darunter 59 Bundeswehrsoldaten. Die Zahl der zivilen Todesopfer lag um ein Vielfaches höher. Dies verstärkte bei vielen die Wahrnehmung der fremden Truppen als „ungläubige Besatzer“.

Foto: Bundeswehr/Rolf Klatt

Das Land am Hindukusch wurde so zum Sinnbild eines westlichen Wunschdenkens, das die Formen einer vielfach archaisch-islamischen Gesellschaft nicht erfasste. In dem bitterarmen, ethnisch und religiös zersplitterten Land galt die Loyalität vieler Menschen eher Familie, Sippe oder Clan als dem Staat.

Zugleich gelang es in 20 Jahren nicht, die wirtschaftliche Basis des Landes nachhaltig zu stärken. Den Fortschritten im Bildungswesen standen zu wenige Arbeitsplätze gegenüber, weil der industrielle Aufbau fehlte.

Korrupt, ineffizient und in weiten Teilen der Bevölkerung verhasst, gelang es der afghanischen Regierung nicht einmal, die mit Milliarden US-Dollar aufgerüstete Armee zu einer schlagkräftigen Truppe zu formen. Geld für Sold, Verpflegung und Munition versickerte ebenso wie die Moral der Soldaten. Als die Regierung von US-Präsident Donald Trump 2020 direkt mit den Taliban über den Abzug verhandelte und sein Nachfolger Joe Biden daran festhielt, schwand auch in den Städten das letzte Vertrauen in den westlichen Kurs.

So konnten die Taliban im August 2021 fast kampflos bis nach Kabul vorrücken. Nach ihrem Sieg hofften Beobachter zunächst, die Gruppe würde sich im Vergleich zu ihrer ersten Herrschaft vor 2001 mäßigen, um internationale Isolation zu vermeiden und weiter Hilfsgelder zu erhalten.

Stattdessen errichteten die Taliban erneut ein rigides System im Namen der „Scharia“. Mädchen dürfen nur noch die Grundschule besuchen; weiterführende Schulen und Universitäten bleiben ihnen ebenso verschlossen wie die meisten Berufe außerhalb des Gesundheitswesens. Frauen sind aus weiten Teilen des öffentlichen Lebens verdrängt. Menschenrechtsorganisationen sprechen von einer systematischen Entrechtung.

Auch ethnische und religiöse Minderheiten wie die schiitischen Hazara, Tadschiken und Usbeken leiden unter Diskriminierung durch die überwiegend aus Paschtunen bestehenden Taliban. Hinzu kommt eine schwere Wirtschafts- und Versorgungskrise.

Ein Großteil der Bevölkerung lebt in Armut und Arbeitslosigkeit; Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die Taliban erschweren internationalen Hilfsorganisationen die Arbeit zusätzlich, etwa durch ein weitgehendes Beschäftigungsverbot für Frauen. Internationale Sanktionen verschärfen die Lage.

Winterhilfe

Ein Mädchen im afghanischen Torkham. (Foto: Islamic Relief Deutschland)

Auch fünf Jahre nach der Machtübernahme bleibt das „Islamische Emirat Afghanistan“, wie die Taliban das Land nennen, eines der größten Problemfelder der internationalen Politik. Die Staatengemeinschaft steht vor dem Dilemma, humanitäre Hilfe für die Bevölkerung zu ermöglichen, ohne das Regime politisch aufzuwerten.

Zweimal haben Aufständische hier bereits eine Supermacht besiegt: die USA sowie von 1979 bis 1989 die Sowjetunion. Doch die jahrzehntelange Katastrophe ihres Landes haben sie damit nur verlängert.

Für Deutschland blieb Afghanistan zudem innenpolitisch ein sensibles Thema. Dabei geht es einerseits um die Aufnahme ehemaliger Ortskräfte und weiterer gefährdeter Afghanen. 

Oppositionspolitiker warfen der damaligen Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) vor, die Visavergabe unzureichend kontrolliert und Aufnahmezusagen auf Grundlage fehlerhafter oder unvollständig geprüfter Unterlagen ermöglicht zu haben.

Deutschland erkennt die Taliban-Regierung zwar nicht an, spricht aber mit ihr über Rückführungen ausreisepflichtiger Personen und humanitäre Hilfe.

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