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Kommentar: Bekleidungserlass offenbart erhebliche Defizite bei den Taliban

Foto: Jono Photography, Shutterstock

(iz). Das Islamische Emirat von Afghanistan kündigte neue Regeln in Bezug auf die Kleiderordnung von Frauen in der Öffentlichkeit an. In Afghanistan spricht man vom „Hijab“. Der Plan wurde von Mawlawi Hibatullah Akhundzada, dem Obersten Führer des Islamischen Emirats, bestätigt.

Er sagte: „Wenn sich eine Frau nicht an die „Hijab“ -Verordnung hält, wird zuerst ihr Haus lokalisiert und ihr [männlicher] Vormund informiert und gewarnt. Wenn als nächstes der Hijab nicht in Betracht gezogen wird, wird ihr Vormund vorgeladen. Im Wiederholungsfall wird ihr Vormund (Vater, Bruder oder Ehemann) für drei Tage inhaftiert. Im Wiederholungsfall wird ihr Vormund zur weiteren Bestrafung vor Gericht gestellt.“

Dies bestätigte auch ein Sprecher des „Ministeriums für Laster und Tugend“. In einer Erklärung des Vize- und Tugendministeriums des Islamischen Emirats heißt es, dass Hijab eine Pflicht im Islam ist und dass jede Kleidung, die den Körper bedeckt, als Hijab betrachtet werden kann, da sie nicht „dünn und eng“ ist. In Bezug auf die Art der Bedeckung oder des Hijab, die Frauen in der Öffentlichkeit tragen müssen, heißt es in der Erklärung, dass die „Burka“ die beste Art von Bedeckung sei, „da sie Teil der afghanischen Kultur ist und seit Ewigkeiten verwendet wird“.

Die Erklärung, die als „der beschreibende und durchführbare Plan für den legitimen Hijab“ bezeichnet wird, weist Frauen auch an, das Haus nicht zu verlassen, es sei denn, es ist notwendig, und nennt dies eine der besten Möglichkeiten, den Hijab einzuhalten. Das kündigte das Ministerium für Laster und Tugend bei einer Pressekonferenz in Kabul an. Die Regeln wurden in einer zweiseitigen Erklärung veröffentlicht und von einem siebenköpfigen Team genehmigt. Dass nun seit wenigen Tagen auch Moderatorinnen im afghanischen Fernsehen eine das Gesicht verhüllende Maske tragen müssen, ist ein weiterer Beleg dafür, dass sich immer mehr die extremistischen Kräfte bei den Taliban durchsetzen.     

Die Erklärung besagt, dass die Vorteile des Tragens von Hijab den Menschen durch Medien und Moscheen vorgestellt werden müssen. In der Zwischenzeit heißt es, dass Botschaften über Hijab auf Transparenten auf Märkten und anderen öffentlichen Orten propagiert werden sollten, um die Menschen zu ermutigen. In der Erklärung heißt es auch, dass weibliche Angestellte im öffentlichen Dienst entlassen werden, wenn sie keinen Hijab tragen.

Der Sprecher des Islamischen Emirats, Zabiullah Mujahid, sagte, sie hätten in den letzten zwei Jahrzehnten Opfer gebracht, um das Scharia-Gesetz umzusetzen. „Die gegenwärtige Welt oder die westliche Welt will sich einmischen, damit wir die Scharia nicht einführen, obwohl unsere Nation muslimisch ist“, sagte er.

Was die islamische Scharia vorschreibt, obliegt der Auslegung durch muslimische Rechtsgelehrte, und hier spielen umfassende Kenntnisse der Islamischen Lehre, Weltgewandtheit und die Lebenserfahrung der Islamischen Rechtsgelehrte eine große Rolle. Und hier scheint es bei den aktuellen ideologischen Wortführern der Taliban in Afghanistan erhebliche Defizite zu geben. Sonst wäre ihnen sicherlich aufgefallen, dass zum Beispiel bei der alljährlichen Wallfahrt von Muslimen nach Mekka, der Hadsch, Millionen Frauen ihre Gesichter NICHT verschleiern. Die Scharia erlaubt dies ohne Wenn und Aber. Dies ignorieren die neuen Wortführer der Taliban in Afghanistan bewusst. Zum Nachteil der Frauen in Afghanistan, zum Nachteil der Entwicklung des Landes. Ich bin kein Rechtsgelehrter des Islam, und habe diesen Anspruch noch nie erhoben. Aber meine zahlreichen Gespräche mit ausgewiesenen Rechtsgelehrten in der muslimischen Welt haben mich gelehrt, dass das Verständnis der Taliban-Ideologen, die momentan das Sagen in Afghanistan haben, nur sehr wenig mit einem Islamverständnis zu tun hat, das im Einklang mit der prophetischen Lehre des Propheten Mohammads (as) steht.

Doch auch der Westen trägt eine große Mitschuld an der zunehmenden Radikalisierung der Taliban-Bewegung in Afghanistan. Schließlich hat er Afghanistan mit einem 20-jährigen Krieg mit unzähligen Opfern auf afghanischer Seite überzogen, aus dem er sich im Sommer des vergangenen Jahres unter der Führung der verantwortungslosen USA in einer Nacht und Nebel Aktion wie ein Dieb davongestohlen hat. Darüber hinaus haben die USA den Afghanen Anfang dieses Jahres am helllichten Tag fast 10 Milliarden US-Dollar geraubt, und sie damit in Haftung für die Anschläge des 11. September 2001 genommen, wohl wissend, dass kein einziger Afghane etwas mit den damaligen Terrorangriffen auf die USA zu tun gehabt hat. Die USA hassen die Taliban, weil es ihnen in 20 Jahren ihres brutalen Besatzungskrieges nicht gelang, sie zu vernichten. Sie rächen sich nun an den Taliban, indem sie es mit Sanktionen überziehen und die geraubten afghanischen Staatsgelder zur Hälfte den Hinterbliebenen der amerikanischen Opfer von 9/11 zugutekommen lassen. Und Deutschland wie auch andere Kriegsbeteiligte schweigen bis heute dazu. Erbärmliche und jämmerliche Verlierer!

Dabei hätte die Geschichte Afghanistan nach dem 15. August 2021 auch anders weitergeschrieben werden können, wenn man auf die Taliban zugegangen wäre, sie beim Wort genommen hätte. Die Taliban waren bereit dazu.

Im September 2021 sagte der Sprecher der Taliban Suhail Shaheen in einem Interview mit dem ZDF: „In dieser Phase, in der die Besatzung beendet ist, wollen wir eine positive und gute Beziehung zu Deutschland haben. Wir begrüßen ihren Beitrag zu Afghanistan, weil wir ihn brauchen. Wir befinden uns in einer entscheidenden Phase. Wir brauchen den Wiederaufbau des Landes, wir müssen Frieden im Land schaffen. Unser Volk braucht Beschäftigung und Arbeitsplätze. Wir wollen, dass Deutschland und andere Länder mit uns zusammenarbeiten.“

Dass die USA in Sachen internationale Kooperation bei den Afghanen dabei nicht Priorität genießen, ist mehr als nur verständlich. Aber Deutschland hätte als führende europäische Nation und auf der Basis seiner über 100-jährigen Freundschaft die Beziehung zu Afghanistan nicht abbrechen dürfen. Doch die deutsche Außenpolitik ist eine Politik, die sich von den Interessen der USA leiten lässt, nicht von deutschen oder europäischen Interessen. Und die nachfolgende Frage, die der Sprecher Taliban Shaheen im September 2021 Deutschland stellte, ist bis heute unbeantwortet geblieben: „Die Frage ist, warum Sie [Deutschland] in einer so entscheidenden Zeit, in der die Menschen in Afghanistan in großer Not sind, die Hilfsgelder eingefroren haben. Ich denke, es entspricht nicht den humanitären Werten und Grundsätzen, wenn die Menschen unter der Armutsgrenze leben und jemand kommt und das Geld einfriert.“

Das Angebot der Taliban mit „Deutschland und anderen Länder zusammenzuarbeiten.“ ist nicht ernst genommen worden. Deutschland spielt seit dem Fall Kabuls im August 2021, genau wie die USA, die sprichwörtliche beleidigte Leberwurst. Mit fatalen Folgen für die Menschen in Afghanistan, von denen 23 Millionen Menschen laut Angaben der Vereinten Nationen unter „akutem Hunger“ leiden. Das ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung.

Seit dem Fall Kabuls am 15. August 2021 wiederholt sich Geschichte in Afghanistan. Bereits bei der ersten Machtübernahme der Taliban im Jahr 1996 war kein europäisches Land bereit, die neuen politischen Machtstrukturen in Afghanistan anzuerkennen. Damals glaubte Europa, einschließlich Deutschland, dass man, wie 1996 geschehen, AFG und den Taliban den Rücken kehren müsse.

Man glaubte, dass lebensferne Aktionen wie seinerzeit von Emma Bonino mit ihrer „Rose von Kabul“ – sie war von 1995 bis 1999 Europäische Kommissarin für Verbraucherschutz –, ernsthafte Ersatzhandlungen für kluge Diplomatie sein können. Mit derartigen Aktionen kann man in Afghanistan allerdings keinen Blumentopf für die Erhaltung der Menschenrechte, insbesondere der Rechte der Frauen, gewinnen. Das Einzige, was man mit der Politik der „Beleidigten Leberwurst“ erreicht, ist die Stärkung extremistischer Kräfte in Afghanistan, die, wie der aktuelle Hijab-Erlass zeigt, nun wieder die ideologische Oberhand in Afghanistan zu gewinnen scheinen. Die Folgen dieser Politik wird auch Europa ertragen müssen. Deswegen sei hier am Schluss die nachfolgende Frage an die deutsche Außenministerin Frau Baerbock gestellt: „Wann fangen Sie in Europa – und insbesondere in Deutschland – damit an, eine eigenständige, von den USA unabhängige Afghanistanpolitik zu definieren? Deutschland muss mit den Taliban weitersprechen, Kanäle offenhalten, wenn Deutschland Afghanistans Menschen nicht den Extremisten unter den Taliban ausliefern will und den moderaten Taliban, die es immer noch in Afghanistan gibt, den Rücken stärken will. Nur dann kann Deutschland diplomatische Anerkennung und Hilfen für Afghanistan an die Einhaltung konkreter internationaler Normen knüpfen! Frau Baerbock, sind Sie dazu in der Lage?“