Eine kleine Pilgerfahrt vor dem Krieg: Reisebericht unseres Autos vor dem Beginn eines sinnlosen Konflikts.
(iz). Ich unternahm die kleine Pilgerfahrt (arab. Umra) im allerletzten Moment, bevor der Nahe Osten in Unruhen versank und Reisen auf die Arabische Halbinsel erschwert, wenn nicht gar unmöglich wurden.
Sie ist eine freiwillige „kleine“ oder „geringere“ Fahrt zur Moschee in Mekka (Saudi-Arabien), die von Muslimen zu jeder Zeit des Jahres unternommen werden kann.
Es umfasst vier zentrale Rituale: Ihram (Zustand der rituellen Reinheit), Tawaf (siebenmaliges Umrunden der Kaaba gegen den Uhrzeigersinn), Sa’i (der Weg zwischen Safa und Marwa, der Hajar – der Frau des Propheten Abraham – und ihrer Suche nach Wasser für ihren Sohn Ismail symbolisiert) und Tahallul (Rasieren/Schneiden der Haare), um die Seele zu reinigen und den Glauben zu stärken.
Mein Freund Salman war vor einem Jahr mit seinem Sohn auf einer solchen Reise gewesen und wollte das gerne wiederholen. Der Plan war, dass wir das im Februar 2026 gemeinsam machen würden. Meine Frau war dagegen.
Ich solle mich lieber einer Gruppe anschließen, schlug sie vor, und mir einen dauerhaften „Umra-Freund“ suchen. Sie sagte mir, ich müsste bei einem Reisebüro in Berlin-Kreuzberg vorbeischauen, das Mevlana Reisen heißt und gegenüber der Mevlana Camii, Kreuzbergs berühmtester türkischer Moschee, in der Skalitzer Straße am Kottbusser Tor liegt.
Das Reisebüro vermittelte mir den Kontakt zu „Ideal Gate“, einem Reiseveranstalter, der sich auf Hajj – und Umra-Reisen spezialisiert hat. Ich meldete mich für eine Gruppe vom 11. bis zum 22. Februar an – zwölf Tage in Mekka und Medina; eine Pauschalreise für 1.680 Euro, inklusive Flug, Hotels und Verpflegung.

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Vor der Abreise kaufte ich meine Kleidung, die Männer auf der Hajj und Umra tragen sollen, in einem kleinen arabischen Laden namens Orient Style in der Karl-Marx-Straße in Neukölln. Der Ihram besteht aus zwei einfachen, ungenähten weißen Tüchern gleicher Länge, meist aus Baumwolle, die Reinheit, Demut und Gleichheit symbolisieren.
Der Izar wird um die Taille gewickelt, um den Unterkörper zu umhüllen, während die Rida über die Schultern drapiert wird, um den Oberkörper zu bedecken. Im Ihram ist das Tragen von Kopfbedeckungen, Unterwäsche oder Parfüm verboten.
Durch sein Anlegen befinden sich die Reisenden somit in einem Zustand, in dem sämtliche sozialen, wirtschaftlichen und nationalen Unterschiede aufgehoben werden, wodurch sichergestellt wird, dass alle Pilger vor Gott gleich sind.
Ich sollte etwas zu dem zwiespältigen seelischen Zustand sagen, in dem ich mich vor der Abreise zur Umra befand. Denn diese Reise sollte mein Leben grundlegend verändern. Es lässt sich in zwei Abschnitte unterteilen: in das, wie ich vor der Abreise in die heiligen Stätten des Islam war, und in das, wie ich während und nach der Reise wurde.
Im Jahr 2012, nachdem ich viele Jahre lang über den Islam nachgedacht hatte – teilweise als Ergebnis von Reisen auf den Balkan, die 2003 begannen und in einem Jahr endeten, das ich als Lehrer in Istanbul verbrachte –, nahm ich den Islam an. Und sprach meine Schahada in einer Sufi-Dergah in Berlin-Wedding – auf Anregung eines pakistanischen Bruders und Arztes aus Leipzig, den ich ein paar Mal treffen sollte und dann nie wieder.
Mein Leben hat sich in manchen wesentlichen Punkten verändert. Ich gab bestimmte unzulässige Gewohnheiten wie Trinken und Rauchen auf, begann, den Qur’an zu lesen, und besuchte regelmäßig Pflichtgebete in einigen der rund 80 Moscheen in Berlin.
Dennoch fiel es mir schwer, die fünf täglichen Gebete einzuhalten; normalerweise schaffte ich nur ein oder zwei pro Tag. Ich hielt den Glauben vor meinen deutschen Arbeitgebern geheim. Anstatt die Religion zu offenbaren, verbarg ich sie.
Auch wenn ich mich von offen untersagten Praktiken wie dem Trinken distanzierte, blieb ich dennoch in einem gewissen Sinne den Dingen der Dunya (der materiellen oder diesseitigen Welt) verhaftet.
Neben der Tätigkeit als Englischlehrer arbeitete ich auch als Journalist, und einen Großteil meiner Zeit verbrachte ich damit, über Musik zu schreiben und sie zu hören. Diese Leidenschaft führte am Ende dazu, dass ich gemeinsam mit einem in Berlin lebenden DJ bosnischer Herkunft an einem Buch mitwirkte, einer mündlichen Geschichte vorwiegend europäischer Musiktrends mit dem Titel „Balkan Beats“.
Ich vertiefte mich so sehr in das Schreiben und Recherchieren für dieses Buch – das sich zum Teil um viele verpönte Praktiken drehte –, dass ich nicht bemerkte, wie es zu einer Art Obsession wurde. Sie lenkte mich von einigen wirklich wichtigen Aspekten des Lebens an – vor allem von meiner Beziehung zu Allah und dem Leben und den Lehren des Propheten Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben.
Diese Reise nach Mekka und Medina sollte all dies ändern. Ich war 56 Jahre alt – nicht mehr jung, aber auch noch nicht wirklich alt – und stand kurz vor der größten Reise meines Lebens.
Meine Gruppe bestand aus siebzig Personen, hauptsächlich Türken – Männer und Frauen (sowie drei kleine Kinder), die in Deutschland lebten (Schwaben, Frankfurt, Nordrhein-Westfalen und Berlin), einige Araber und ich – ein Amerikaner. Am Berliner Flughafen traf ich meinen zukünftigen Zimmergenossen und baldigen Umra-Bruder Mohamad Hamade, einen Libanesen, der nur wenig älter war als ich.
Er arbeitete als Wachmann im Bode-Museum auf der Museumsinsel in der Hauptstadt. Ich sollte ihn die ganze Zeit in Mekka und Medina begleiten. In den großen Menschenmassen dort folgte ich ihm pflichtbewusst, meine Hand auf seiner Schulter.
Wir trafen uns alle am Gate des Flughafens von Amman in Jordanien, wo wir vor unserem Weiterflug nach Medina einen Zwischenstopp einlegten. Schon dort sah ich viele Pilger, gekleidet in den charakteristischen weißen Ihram, die auf dem Weg ins Hijaz waren. Das Personal vor Ort war freundlich und begrüßte die Reisenden mit dem traditionellen islamischen Gruß „Selam alaikum“.

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Dort am Flugsteig trafen wir Selcuk, einen jungen Türken aus Süddeutschland, der der vertrauenswürdige Reiseführer sein würde. Er reichte die Ausweise, die wir um den Hals tragen sollten, sowie die gelben Ideal-Gate-Rucksäcke, die wir auf dem Rücken mitführten. Sie würden sich als äußerst praktisch erweisen, um uns inmitten der tausenden Menschen, die die heiligen Stätten besuchten, erkennbar zu machen.
Unser Hotel in Medina lag direkt an dem weitläufigen, offenen Platz vor der Moschee des Propheten. Sie wurde im ersten Jahr nach der prophetischen Auswanderung (622 n. Chr.) vom Gesandten Allahs selbst erbaut. Sie ist die zweitgrößte und heiligste Stätte des Islam, da sie sein Grab beherbergt (einigen Gelehrten zufolge ist sie sogar die wichtigste).
Ursprünglich aus Lehmziegeln und Palmblättern erbaut, wurde sie, die über 400.000 Quadratmeter groß ist, im Laufe ihrer 1.400-jährigen Geschichte mehrfach erweitert, um der wachsenden Zahl von Gläubigen gerecht zu werden. Ihr markantestes Merkmal ist die „Grüne Kuppel“, unter der sich die Grabkammer des Propheten Muhammed, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sowie der ersten beiden Kalifen, Abu Bakr und ‘Umar, befinden.
Es heißt, dass unter seiner Überdachung und auf dem Dach 500.000 Personen beten können. Zusammen mit den umliegenden Gebetsplätzen im Freien bedeutet dies, dass zwischen 1 und 1,5 Mio. Gläubige Platz finden.
Die Wirkung, mit mehr als einer Million Muslimen aus der ganzen Welt zu beten, lässt sich kaum in Worte fassen. Man sieht sie aus allen Ecken der Erde, von Asien über den Nahen Osten bis hin zu Afrika und Europa, die meisten in nationaler religiöser Kleidung – Brüder aus der Sahelzone in saharischen Daraa-Gewändern und Stoffschleiern, die als Turbane dienen.
Man sieht Araber in langärmeliger, knöchellanger Bekleidung und mit der Keffiyeh, indonesische und malaysische Brüder, die Batik-Sarongs tragen. Während in der Zeit des Ramadan und der Hajj mehr Pilger kommen, ist sie jeden Tag des Jahres rund um die Uhr gefüllt. Was eine erstaunliche Vorstellung ist.
Während meines gesamten Aufenthalts in Mekka und Medina hatte ich keinerlei Kontakt zu den Medien und Nachrichtenagenturen; zuvor war ich ein begeisterter Leser von „Al Jazeera“ gewesen. Früher hatte ich angesichts der Ungerechtigkeiten im Nahen Osten und auf der ganzen Welt verzweifelt die Hände gerungen. Doch nun war ich völlig losgelöst von den Geschehnissen auf der Welt, da ich ganz und gar vom Gebet und der spirituellen Besinnung eingenommen war.
Manche sagen, dass sie nach dem Besuch dieser Orte Medina bevorzugen, wegen der Ruhe der Prophetenmoschee, die in krassem Gegensatz zum hektischen Treiben des anderen Haram und der umliegenden Stadt Mekka steht. Ich verstehe ihren Standpunkt, doch nichts ist vergleichbar mit dem Beten in Mekka, wo man sagt, dass ein Gebet dort 100.000 Mal mehr Wert hat als ein Gebet in jeder weiteren Moschee.
Ich hatte diese Tatsache schon nüchtern gehört, aber nur wenn man hier mit äußerster Aufrichtigkeit betet, kann man ihre Wahrhaftigkeit spürbar erleben. Sehr oft war ich von meinen Gebeten dort unbeschreiblich bewegt. Einmal, während des nächtlichen Tarawwihs, wurde ich Zeuge, wie der Imam beim Rezitieren des Qur‘an in Tränen ausbrach, was mich unbeschreiblich bewegte.
Darüber hinaus bewegte mich die Schar der Menschen, die als Wächter und Pfleger des heiligen Schreins von Mekka beschäftigt sind. Zum Beispiel die vielen saudischen Soldaten verschiedener Nationalitäten, deren Job es ist, die Kaaba zu schützen. Gibt es eine ehrenvollere Beschäftigung als diese?
Selbst die Schar der einfachen Straßenkehrer aus Bangladesch und anderen armen Winkeln der muslimischen Welt hatte in Mekka eine würdige Aufgabe zu erfüllen; Selcuk drängte uns, ihnen Sadaqa zu geben, um ihre mageren Löhne aufzubessern. Zum ersten Mal in meinem Leben gab ich sie aus tiefstem Herzen. Die Wirkung war heilsam.

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Es gibt noch viel mehr zu berichten. Ich möchte euch von unserem nächtlichen Besuch auf dem Berg Hira erzählen, wo der Engel Gabriel dem Propheten Muhammed die ersten Qur’anverse offenbarte. Oder vom Abstecher auf den ältesten und heiligsten Friedhof in Medina, dem Jannat al-Baqi („Garten des Himmels“), der an die südöstliche Mauer der Prophetenmoschee angrenzt.
Er ist ein weitläufiges Feld aus schlichten, grob behauenen Steinmonumenten, die Ruhestätte der Familie des Propheten Muhammed und seiner Gefährten. Das war ein weiteres zutiefst bewegendes Erlebnis. Aus Platzgründen kann ich hier nicht näher darauf eingehen.
Und selbstverständlich das Umrunden der heiligen Kaaba, der unantastbaren Stätte der Verehrung für Muslime weltweit. Auch das war ein Höhepunkt und ein emotionaler Moment.
Zusammenfassend muss ich sagen: Nichts im Leben hätte mich auf diesen Besuch nach Mekka und Medina vorbereiten können. Hätte mir vor dreißig Jahren jemand gesagt, dass ich das machen würde, hätte ich ihm nicht geglaubt.
Natürlich besteht der Zweck der Umra nicht nur darin, sich an diesen heiligen Stätten des Islam dem Gebet hinzugeben, sondern sich vorzunehmen, nach der Rückkehr in den Alltag ein besserer Mensch zu sein. Zurück in Berlin kann ich sagen: Die eigentliche Arbeit beginnt erst jetzt – die Vorsätze, die ich dort gefasst habe, in die Tat umzusetzen.
Nun, eine Woche nach meiner Rückkehr in die Hauptstadt, haben Amerika und Israel begonnen, den Iran anzugreifen, und der Nahe Osten ist erneut in Chaos gestürzt. Der Flugverkehr nach Saudi-Arabien wurde weitgehend eingestellt.
Ich war, so scheint es, im allerletzten Moment nach Mekka und Medina gereist. Ein oder zwei Wochen später wäre es nicht mehr möglich gewesen.