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Bosniens zwischen Armut und Hoffnung

Ausgabe 373

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Foto: virtualexploring/Shutterstock

Arbeitslosigkeit und politische Blockaden prägen Bosnien-Herzegowina. Doch zwischen Moscheen und Kirchen lebt die Hoffnung auf Versöhnung und den Weg in die EU.

(KNA/IZ). Wo mag die alte Frau im zerschlissenen Kleid und den ausgetretenen Schuhen wohl die Nacht verbracht haben? Verfilzte graue Haarsträhnen lugen unter ihrem Kopftuch hervor, das sie unter dem Kinn gebunden hat. Müde braune Augen blicken aus dem zerfurchten Gesicht. Von Marion Krüger-Hundrup

Es ist frühmorgens in Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina mit rund 300.000 Einwohnern. In der Straße Safvet bega Basagica unweit des osmanisch geprägten Viertels Bascarsija stehen Müllcontainer, in denen die Anwohner ihre Abfälle entsorgen. Ungerührt von neugierigen Blicken wühlt die Seniorin im Unrat, reißt prall gefüllte Plastiktüten auf. Und fischt Brot- und Gemüsereste heraus: ihr Frühstück oder sogar die ganze Tagesration.

So wie ihr geht es auch denen, die in der Ferhadija am Straßenrand kauern und die Hand aufhalten. Hier in der beliebtesten Einkaufs- und Bummelmeile Sarajevos mit ihren Boutiquen, Parfümerien, Schuhläden und Cafés erhoffen sich alt gewordene Männer und Frauen von bessergestellten Einheimischen und Touristen ein Erbarmen. Ein kleines oder größeres Geldstück, um den Hunger nach Essbarem stillen zu können.

So bitterarm sind Srecka Cemalovic und ihr Sohn Adi noch nicht, dass sie betteln müssten. Doch auf Rosen gebettet ist die 66-jährige Witwe nicht: Obwohl sie über 40 Jahre lang als medizinisch-technische Angestellte an der Universität Sarajevo gearbeitet hat, bekommt sie lediglich eine kleine Rente: „Zu wenig zum Leben“, sagt Srecka und erzählt, dass sie trotz Ruhestand in einer pathologischen Praxis weiterarbeitet.

Auch, um ihren 39-jährigen Sohn zu unterstützen, der nach längerer Arbeitslosigkeit zu ihr in die Zweizimmerwohnung im Stadtteil Grbavica gezogen ist. „Ich bewerbe mich überall, bekomme aber nur Absagen oder gar keine Antwort“, klagt Adi. Die einzigen Angebote sind einmonatige Jobs in Supermärkten: „Regale einräumen ist keine Perspektive für die Zukunft“, meint der in einem technischen Beruf ausgebildete Mann.

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Foto: SorinVides, Shutterstock

Den Jüngeren in Bosnien-Herzegowina geht es oft nicht besser. In der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen sind mehr als ein Viertel arbeitslos. Der Anteil der registrierten Erwerbslosen an allen potenziellen Arbeitnehmern liegt 2026 bei 12,6 Prozent.

Der Weg nach Brüssel ist für das Balkanland auch drei Jahrzehnte nach dem verheerenden Bürgerkrieg von 1992 bis 1995 noch weit. 2016 hat es offiziell einen Antrag auf EU-Mitgliedschaft gestellt und erhielt 2022 den Kandidatenstatus. 2024 beschlossen die Mitgliedstaaten, den Weg für Beitrittsverhandlungen grundsätzlich freizumachen. Sie knüpften dies jedoch an die Umsetzung von Reformauflagen.

Vor allem auch an die zivile Umsetzung des Dayton-Friedensabkommens von 1995. „Dazu zählen der Schutz der Institutionen, die Unterstützung demokratischer Prozesse und die Verteidigung der Rechtsstaatlichkeit, die zu meinen Aufgaben gehören“, erklärt Christian Schmidt im Gespräch mit der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA).

Der Deutsche ist Hoher Repräsentant für Bosnien-Herzegowina, einer internationalen Sondereinrichtung, die 1995 durch das Dayton-Abkommen geschaffen wurde und die zivile Umsetzung des Friedensvertrages überwacht.

Nach fünf Jahren auf dem Posten hat der 68-Jährige im Mai 2026 seinen Rücktritt angekündigt. Er bleibt kommissarisch im Amt, bis eine Nachfolge bestimmt ist. In seiner Bilanz hebt er hervor, seine Reformen und die Einführung neuer Wahltechnologien hätten das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in Wahlen gestärkt.

Darüber habe seine Behörde institutionelle und finanzielle Stabilität ermöglicht, wenn die einheimischen politischen Akteure keine Einigung erzielen konnten.

„Ich bin stolz darauf, dass sich Bosnien-Herzegowina in dieser Zeit der Europäischen Union angenähert hat“, sagt der CSU-Politiker und ehemalige Bundesminister Schmidt. Gleichwohl hätte er sich schnellere Fortschritte bei Reformen und eine stärkere Bereitschaft der politischen Führung gewünscht, um Spaltungen zwischen den bosnischen, serbischen und kroatischen Bevölkerungsteilen zu überwinden.

Und er bedauere, so Schmidt, „dass viele junge Menschen weiterhin unsicher in die Zukunft blicken und das Land verlassen“.

Dabei verfüge Bosnien-Herzegowina über enormes Potenzial: „Das wird aber erst voll zum Tragen kommen, wenn die politische Elite ihrer Verantwortung für die Stabilität und die Entwicklung des Landes gerecht wird“, erklärt der Hohe Repräsentant.

Das Land sehe sich weiterhin mit Versuchen lokaler politischer Kreise konfrontiert, die gesamtstaatlichen Institutionen zu schwächen und Reformen, die ihr korruptes Geschäftsmodell bedrohen, auszubremsen.

Gleichzeitig bestehe eine echte Chance auf Fortschritt, „wenn sich die politischen Führungspersönlichkeiten auf Zusammenarbeit statt auf Spaltung konzentrieren“, prognostiziert Schmidt.

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Foto: Mete H., Shutterstock

Er wehrt sich dagegen, die besonders durch den bosnischen Serben Milorad Dodik angespannte Lage, der einen konfrontativen nationalistischen Kurs fährt, einen „vergessenen Konflikt“ zu nennen: „Bosnien-Herzegowina bleibt wichtig für die europäische Stabilität und Sicherheit“, sagt der Hohe Repräsentant.

Die internationale Gemeinschaft verfolge die Entwicklungen im Land weiterhin aufmerksam, auch wenn globale Krisen zeitweise die Aufmerksamkeit ablenken. Deshalb sei es wichtig, Frieden und Stabilität nicht als selbstverständlich anzusehen. So wünsche er sich von der internationalen Staatengemeinschaft fortgesetztes Engagement, Geschlossenheit und strategische Geduld.

Am 5. Juni fand im montenegrinischen Tivat der EU-Westbalkan-Gipfel statt, zu dem auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) reisen wird. Schmidt gibt zu bedenken, Bosnien-Herzegowina sollte nicht nur durch die Brille des Krisenmanagements betrachtet werden, sondern als ein Land mit einer europäischen Identität, dessen Transformation und schließlich Integration die EU stärken würde: „Nicht zuletzt auch, weil wir in keiner anderen Region der Welt über so viel Einfluss verfügen“, so Christian Schmidt.

Eine stabilisierende Rolle spielen die Religionen für die 3,2 Millionen Landesbewohner. Der institutionalisierte interreligiöse Dialog zwischen muslimischen Bosniaken (50 %), orthodoxen Serben (31 %) und katholischen Kroaten (15 %) ist ein positives Beispiel dafür, wie unterschiedliche Glaubensrichtungen und Traditionen zusammenleben.

Viele Beobachter betonen, es gebe keinen „Kampf der Kulturen“. Was nicht heißt, dass nicht auch in Bosnien-Herzegowina Intoleranz und religiös begründete Feindseligkeit existieren. Wer über das eigene Minarett, den eigenen Kirchturm hinausschaut, tut sich wesentlich leichter mit der Versöhnung.

Solche Friedensbotschafter sind die Bosniaken Srecka und Adi Cemalovic, die selbst in ihrer in Sarajevo alteingesessenen Familie alle drei Religionen vertreten haben. Für die Witwe und ihren Sohn ist es selbstverständlich, dass sie sich um die alt gewordenen Verwandten kümmern.

Sarajevo, auch das „Jerusalem Europas“ genannt, trägt die Last der Geschichte, besitzt aber auch einen außergewöhnlichen Geist der Widerstandskraft und Offenheit. Inmitten architektonischer Vielfalt klingen hier der Muezzinruf und das Angelus-Läuten der Kirchen nebeneinander.

Selbst nach schwierigen Phasen ihrer Geschichte hat sich die Stadt eine einzigartige Energie und Würde bewahrt, ihr multikulturelles Gepräge zu bewahren und alte Konflikte zu überwinden.

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