Klimafreundliche Moscheen – wie kann das eigentlich gelingen?

Wenn eine große muslimische Organisation einen Leitfaden für klimafreundliche Moscheen vorlegt, ist das mehr als ein Handbuch für Heizungen und […]

03.07.2026 Sulaiman Wilms 7 Min. Lesezeit
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Mitglieder des Vereins NourEnergy e.V. inmitten einer PV-Anlage auf einem Moschee-Dach. (Foto: NourEnergy e.V.)

Wenn eine große muslimische Organisation einen Leitfaden für klimafreundliche Moscheen vorlegt, ist das mehr als ein Handbuch für Heizungen und Stromkreise.

(iz). Es ist ein Signal dafür, dass sich etwas verschiebt – nicht nur administrativ, sondern im Selbstverständnis. Ein Beispiel ist die IGMG-Leitfaden „Klimafreundliche Handreichung. Ein Ratgeber zur Bewahrung der Amâna und des Mizân“ (als PDF im Download). Der eigentliche Punkt reicht weit über eine einzelne Organisation hinaus: Wie reagieren muslimische Gemeinden auf eine Krise, die längst nicht mehr abstrakt ist?

Wenn die Klimakrise im Nebentrakt ankommt

Die Klimakrise wirkt für viele weiterhin wie ein Thema von Konferenzen und Gipfeltreffen. In Wahrheit ist sie in den Straßen angekommen, in denen Moscheegebäude stehen, in den Häusern ihrer Besucher – und in den Jahresabrechnungen jener Vereine, die ihre Gebäude mit Spenden und Ehrenamt über Wasser halten.

Wer heute eine Moschee in Deutschland trägt, ringt nicht nur mit den politischen Themen der Zeit, sondern ebenso konkret mit Heizkosten, Strompreisen, Sanierungsbedarf und der Frage, wie lange sich ein schlecht gedämmter Altbau noch finanzieren lässt.

Foto: Neuköllner Begegnungsstätte e.V. – Dar Assalam

Zwischen Gebetsraum und Heizkörper

Man muss sich nur einen gewöhnlichen Wintertag vorstellen. Im Gebetsraum ist es angenehm warm, im Eingangsbereich zieht es, im Treppenhaus brennt das Licht, obwohl niemand dort steht. Im Waschraum rauscht das Wasser, in einem Nebenraum läuft die Heizung, ohne dass jemand ihn nutzt.

Später sitzt der Vorstand über der neuen Abrechnung, sucht nach Einsparmöglichkeiten, die das Gemeindeleben nicht abwürgen. An dieser Schnittstelle berühren sich zwei Ebenen, die gerne getrennt behandelt werden: die globale ökologische Krise und die ökonomische Wirklichkeit muslimischer Gemeinden vor Ort.

Wer darüber nachdenkt, stößt auf einen scheinbaren Widerspruch. Auf der einen Seite gilt die Moschee als Ort der Besinnung, der Lehre und des Gebets. Auf der anderen ist sie ein konkretes Gebäude mit Wasserleitungen, Heizkörpern, Dächern, Fenstern und Stromkreisen. Spiritualität spielt sie nicht jenseits der materiellen Welt ab, sondern im Umgang mit ihr. Der Alltag, der oft als „Nebensache“ abgelegt wird, ist Prüfstein für das, was eine Gemeinde über sich selbst sagt.

Amana und Mizan statt „grünem Islam“

Vor diesem Hintergrund sind Leitfäden wie der erwähnte für klimafreundliche Moscheen dort interessant, wo sie tiefer ansetzen. Die Frage beginnt nicht bei Solarpaneelen oder Dämmstoffen, sondern bei Grundbegriffen islamischer Theologie: die Schöpfung als anvertrautes Gut, die Erde als Amana, der Mensch als Verantwortlicher, das Mizan, das Maß und Gleichgewicht, das nicht verletzt werden soll.

So wird die ökologische Frage aus der Ecke des Modischen oder Moralischen herausgelöst. Es geht nicht um einen dekorativen „grünen Islam“, sondern um etwas, das in den Quellen selbst angelegt ist.

Allah lenkt in Seinem Qur’an den Blick immer wieder auf Himmel und Erde, auf Tiere, Pflanzen, Regen, den Wechsel von Tag und Nacht. Diese Welt ist nicht bloße Kulisse menschlichen Handelns, sondern Raum der Zeichen. Wer sie nur nach Nutzenkalkül behandelt, verfehlt ihren Rang.

In dieser Perspektive ist Verschwendung mehr als schlechte Gewohnheit; sie ist ein Symptom gestörter Beziehung zur Gabe. Eine Gemeinschaft, die sich gegenüber der Schöpfung gleichgültig verhält, riskiert, dass ihre religiöse Sprache durch ihren Alltag dementiert wird.

Hier knüpfen neuere muslimische Umweltinitiativen an. Ob unter der Überschrift „Green Deen“ oder in Projekten wie dem „Green Iftar Guide“ von NourEnergy: Immer geht es darum, klassische Begriffe wie Verantwortung, Maßhalten und Treuhänderschaft in die Gegenwart zu übersetzen.

Das betrifft den Ramadan ebenso wie die schlichte Frage, was in einer Moschee gekocht, gekauft, weggeworfen, verbraucht oder unnötig in Betrieb gehalten wird. Es schärft den Blick für die Spannung zwischen Halal und Tayyib: Formal Erlaubtes ist nicht automatisch gut, wenn Produktion, Transport und soziale Kosten aus dem Blick geraten.

Foto: Morley von Sternberg

Öko-Rhetorik trifft Ehrenamt und Altbau

Nüchtern betrachtet ist die Moschee dafür ein sensibler Ort. Sie ist kein „sakraler“ Raum außerhalb gesellschaftlicher Widersprüche, sondern Teil einer migrantisch geprägten Infrastruktur, oft unterfinanziert, häufig in umgenutzten Bestandsgebäuden untergebracht, getragen von Ehrenamtlichen, die sich zwischen Baugenehmigungen, Seelsorge, Bildungsarbeit und interner Konfliktmoderation aufreiben. 

Gerade deshalb ist Vorsicht geboten gegenüber jeder ökologischen Rhetorik, die mit dem moralischen Zeigefinger daherkommt. Nicht sämtliche Moscheegemeinschaften können morgen Photovoltaik installieren, eine umfassende energetische Sanierung stemmen oder ihr Gebäude nach neuesten Standards umbauen. Wer so tut, als sei all dies nur eine Frage des guten Willens, ignoriert die sozialen Realitäten.

Ebenso problematisch wäre es, aus dieser Lage eine Entschuldigung für Untätigkeit zu machen. Denn vieles beginnt nicht in der Domaine großer Investitionen, sondern bei Gewohnheiten und Prioritäten.

Der erwähnte Leitfaden listet zahlreiche Schritte auf, die sich sofort umsetzen lassen: Umstieg auf LED-Beleuchtung, Bewegungsmelder in wenig genutzten Bereichen, konsequentes Ausschalten ungenutzter Heizkörper, kurzes Stoßlüften statt dauerhaft gekippter Fenster, wassersparende Armaturen, das Trennen von Geräten vom Stromnetz, regelmäßige Wartung der Heizungsanlage, Recyclingstationen und der Verzicht auf Einwegprodukte, wo immer es geht.

Solche Maßnahmen sind unspektakulär, gerade dadurch aber alltagstauglich. Sie sparen Energie, entlasten die Gemeindekasse und fördern eine Kultur der Achtsamkeit.

Darüber hinaus berühren die Informationen eine Erfahrung, die viele Gemeinden teilen: Professionalität ist kein Gegensatz zum Ehrenamt, sondern seine notwendige Ergänzung. Bau- und Sanierungsmaßnahmen werden aus Kostengründen oft mit eigenen Händen durchgeführt.

Kurzfristig scheint das zu entlasten, langfristig können die Folgekosten höher sein, wenn Dämmungen falsch angebracht, Feuchtigkeit nicht bedacht oder Förderkriterien verpasst werden.

Vor allem im Bereich der Energieeffizienz braucht es in der Regel Fachwissen, Planung und die Bereitschaft, Geld an Stellen einzusetzen, die man nicht beim Betreten des Gebetsraums sieht.

Eine kluge Gemeinde erkennt, dass sauber ausgeführte Arbeiten im Heizungskeller oder unter dem Dach tragender sind als die nächste repräsentative Anschaffung im Sichtbereich. Aus diesem Grund hat NourEnergy bspw. Energieberatungen für einige Moscheegemeinden angeboten.

Die ökologische Frage ist damit immer auch eine der inneren Ordnung. Welche Ausgaben gelten als notwendig? Was für Probleme werden zuerst angegangen? Wie wird entschieden, wenn zwischen Symbolik und Substanz gewählt werden muss?

Eine Moschee, die im Ramadan große Worte über Barmherzigkeit und Verantwortung macht, zugleich aber jedes Jahr unnötig Energie verschwendet, sendet ein widersprüchliches Signal. Umgekehrt kann eine Gemeinde, die ihre Heizkosten senkt, Wasser spart, Müll reduziert und ihre Besucher für einen anderen Umgang mit Ressourcen sensibilisiert, weit mehr bewirken als durch manch wohlformulierten Appell.

Plastikmüll

Foto: Freepik.com

Hinzu kommt, dass Moscheen nicht nur Verwaltungs- und Kultorte sind, vielmehr ebenso Lernorte. Kinder und Jugendliche, die hier ihre ersten Schritte in der Glaubenspraxis tun, lernen nicht allein Inhalte, sondern Haltungen.

Wenn in ihnen selbstverständlich Müll getrennt wird, sparsam mit Wasser umgegangen, Grünflächen gepflegt, Insekten geschützt und Lebensmittel nicht achtlos entsorgt werden, entsteht eine Praxis, die weit über das Gebäude hinaus strahlt.

Was hier eingeübt wird, setzt sich am Familientisch, beim Einkauf, im Verhältnis zur Nachbarschaft fort. Die Moschee ist dann kein moralisches Tribunal, sondern ein Labor des Umlernens.

Gerade darin liegt eine Chance, die über den Binnenraum der Gemeinden hinausweist. In einer Gesellschaft, in der ökologische Fragen häufig zwischen staatlicher Regulierung, individueller Konsumethik und politischer Polarisierung zerrieben werden, können religiöse Gemeinschaften einen anderen Ton einbringen.

Nicht den Ton der Selbstgerechtigkeit, sondern den der Verantwortlichkeit. Nicht den Appell an modische Tugend, vielmehr den an Maß, Dankbarkeit und Treue zum Anvertrauten. Wenn muslimische Gemeinden diesen Ton glaubwürdig entwickeln, tragen sie nicht nur zur öffentlichen Debatte bei, sondern verändern ihre eigene Praxis.

Der vorliegende Ratgeber „Klimafreundliche Moscheen“ der IGMG ist in diesem Sinn weder Masterplan noch Werbeschrift. Aber er bündelt theologische Motive, praktische Hinweise und konkrete Beispiele so, dass das Thema aus der Randlage geholt wird.

Darin liegt sein Wert: als Anstoß für eine Diskussion, die in muslimischen Gemeinschaften hierzulande längst überfällig war.

Am Ende geht es um mehr als um Dämmplatten, Wasserhähne und Stromrechnungen. Es geht um die Glaubwürdigkeit religiöser Praxis unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts. Wer von Schöpfung redet, sollte auch von ihrem Schutz sprechen.

Wer von Verantwortung spricht, muss sie im Alltag sichtbar machen. Und wer die Moschee als Ort der Orientierung versteht, darf nicht übersehen, dass sie heute auch bedeutet, einen vernünftigen, gerechten und wachen Umgang mit Energie, Wasser, Nahrung und gebautem Raum zu lernen.