Über die Moral der Geldproduktion in Zeiten des Golfkonflikts und der Kriegführung. Wer profitiert am Ende?
(iz).In Kriegszeiten bekommt Geld ein anderes Gewicht. Es ist nicht mehr nur das neutrale Schmiermittel der Märkte, sondern ein Hilfsmittel für die unsichtbare Logistik der Gewalt. Wenn am Golf Raketen starten, schnellen an den Bildschirmen nicht nur Ölpreise und Inflationsprognosen nach oben, sondern auch die Kurse von Verteidigungsaktien, Energieunternehmen und Finanzderivaten.
Und irgendwo, zwischen Washington, Brüssel und den Ölstaaten, wird darüber spekuliert, wie lange der Konflikt dauert, welche Sanktionen folgen – und welche Regierung welchen Kurs „spielen“ wird.
Seit Donald Trump wieder im Weißen Haus sitzt, hat sich die Aufmerksamkeit für den Zusammenhang von Geopolitik und Börse nochmals verschärft. Jede Ankündigung, jede Drohung gegenüber Iran wird nicht nur in den Außenministerien, sondern auch in Handelsräumen antizipiert.
Die Frage, ob eine Regierung ihre eigene Außenpolitik über Märkte mitinszeniert – bewusst oder unbewusst –, wird damit Teil jener „Ethik der Geldproduktion“, die Guido Hülsmann beschreibt: Wer über Geld und Kredit verfügt, verfügt auch über Hebel, aus denen andere Spekulationschancen oder Risiken machen.
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Wer darf Geld machen – und zu wessen Vorteil?
Hülsmann, ein deutschsprachiger Ökonom in der Tradition der Österreichischen Schule, verlegt den Streit um Geld weg von der Zinsfrage hin zum Rechtsrahmen. Ihn interessiert weniger, ob der Leitzins 3 oder 4 Prozent betragen sollte, als wer überhaupt das Privileg erhält, Geld zu schaffen, und welche rechtlichen Asymmetrien dieses Privileg absichern.
In seiner Lesart ist das heutige Zentralbanksystem keine neutrale Infrastruktur, sondern ein Geflecht von Sonderrechten: Monopol- oder QuasiMonopolpositionen, privilegierte Schnittstellen zum Staat, Rettungsfunktionen für Banken in einer Ordnung, deren Risikostruktur dadurch tiefgreifend verändert wird.
Der moralische Kern seiner Diagnose lautet: Inflation – insbesondere in fiat-basierten Systemen – ist eine institutionalisierte Umverteilung. Früh-Empfänger neu geschaffenen Geldes – Staat, Banken, große Finanzakteure – profitieren, weil sie zusätzliche Kaufkraft nutzen, bevor sich das allgemeine Preisniveau angepasst hat.
Spät-Empfänger, Lohnabhängige und Sparer tragen die Last, indem ihre nominalen Ansprüche real entwertet werden. Hinter der scheinbar technokratischen Kurve der Geldmenge verbirgt sich so eine unbequeme Frage: Wer gewinnt, wer verliert – und wer hat diese Ordnung legitimiert?
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Der Golfkonflikt als Labor für Kriegsfinanzierung und Spekulation
Seit Anfang 2026 berichten Agenturen von der offenen Eskalation zwischen Iran und Israel, von Angriffen auf Ziele in und um Teheran, von Störungen von Transportwegen und den Risiken neuer Energiepreisschocks. Kriege sind, so nüchtern es klingt, Finanzierungsschocks. Sie erzwingen gewaltige zusätzliche Staatsausgaben und erzeugen gleichzeitig Preisrisiken an den Energie und Finanzmärkten.
Im Hintergrund verlaufen zwei Prozesse, die sich heute enger verschränken als früher: die klassische Kriegsfinanzierung – über Steuern, Schulden und monetäre Akkommodation – und die Finanzialisierung der Außenpolitik. Wenn eine US-Regierung über Sanktionen, Flottenbewegungen oder Waffenlieferungen entscheidet, verschiebt sie zugleich Erwartungen an den Märkten.
Öl-Terminkontrakte, Rüstungswerte und Währungen werden zum Ausdruck von Spekulation. In dem Maß, in dem die Trump-Administration Konflikte rhetorisch zuspitzt oder beruhigt, entstehen kurzfristige Kursbewegungen, aus denen sich Gewinne und Verluste ziehen lassen – legal, halblegal oder jenseits der Grenze.
Hülsmanns Blick auf Geldproduktion als moralisches Institutionenproblem erlaubt, diese Konstellation nicht nur als „Informationsasymmetrie“ zu lesen, sondern als Test für die Integrität der Ordnung.
Wenn Regierungen – sei es in Washington oder Teheran – fiskalische Löcher über Zentralbanknähe finanzieren und zugleich durch ihre Politik Märkte in Bewegung setzen, verschränken sich Staatsfinanzierung, Geldordnung und Spekulation. Die Frage lautet dann nicht nur: Wer zahlt den Krieg? Sondern auch: Wer verdient an seinen Ankündigungen?

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Spekulation auf Krieg: Zwischen Insiderwissen und strukturellem Vorteil
Die Diskussion um Insiderhandel in Zentralbanken hat bereits gezeigt, wie eng geldpolitische Entscheidungen und Finanzmärkte verknüpft sind: Wer vorab weiß, wie ein Zinsentscheid ausfällt oder welche Formulierung in einem Statement steht, kann auf Anleihe, Aktien oder Devisenmärkten profitieren.
Übertragen auf den Golfkonflikt stellt sich eine parallele Frage: Was bedeutet es für die Moral der Geldordnung, wenn außen und sicherheitspolitische Entscheidungen vorhersehbare Kursmuster erzeugen – und Teile der politischen oder ökonomischen Elite darüber besser informiert sind als der Rest?
Hier geht es weniger um spektakuläre Verschwörungstheorien – „die Regierung führt Krieg, um Börsenfreunden Gewinne zu verschaffen“ – als um eine strukturelle Asymmetrie: In einem System, in dem wenige Akteure zugleich Zugang zu Informationen, Einfluss auf Politik und Nähe zur Geldproduktion haben, vervielfachen sich die Chancen, geopolitische Spannungen in Finanzgewinne zu übersetzen.
Ob einzelne Mitglieder der Trump-Administration, verbündete Fonds oder staatsnahe Akteure in anderen Ländern solche Chancen nutzen, ist empirisch schwer zu zeigen. Moralisch relevant bleibt die Frage dennoch: Wie viele Grauzonen lässt eine Ordnung zu, in der Kriegssignale und Kursbewegungen so dicht beieinanderliegen?
Hülsmanns Diagnose, wonach Zentralbanken Träger und Verteiler rechtlicher Sonderrechte sind, lässt sich hier erweitern: Auch Regierungen, die über Sanktionen, Militäreinsätze und Narrative entscheiden, sitzen an Hebeln, die Marktpreise bewegen – und damit Verteilungseffekte erzeugen.
Die Ethik der Geldproduktion verschmilzt mit der Ethik der Außenpolitik: Beide entscheiden darüber, wer Gewinne und Verluste aus den Spannungen am Golf zieht.
Die Formel „viel Geld – viel Krieg“ hat einen gewissen Reiz. Sie verspricht ein klares Rezept: Drehen wir den Geldhahn zu, und die Kanonen schweigen. Doch gerade hier droht durch eine simple Gleichung eine moralische Verkürzung. Über die Faktenlage streiten die Wissenschaftler seit Jahrzehnten.
Historisch lassen sich Kriege nicht auf Geldmengen zurückführen; sie sind Entscheidungen politischer Akteure, die ihre Finanzierung dann über ein Bündel von Instrumenten organisieren – Steuern, Schulden und monetäre Akkommodation.
Was sich belastbarer sagen lässt, ist nüchterner: Große Kriege erzeugen Finanzierungsdruck, und Staaten reagieren typischerweise mit einem Mix aus Steuern, Verschuldung und monetärer Maßnahmen. Die Gleichung lautet daher weniger „viel Geld = viel Krieg“ als „Krieg = Druck auf die Geldordnung“ – und die Moralfrage lautet: Wer trägt diesen Druck und wer profitiert davon?
Goldstandard: Rückkehr zur Tugend?
Vor diesem Hintergrund wirkt der Ruf nach dem Goldstandard wie eine moralische Gegenofferte: Zurück zur Härte, zurück zur Disziplin, zurück zu einer Ordnung, in der Politik sich ihre Kriege nicht mehr so leicht über die Notenpresse leisten kann. Es erscheint als metaphysischer Anker einer aus den Fugen geratenen Geldwelt – als externer Richter, der „Nein“ sagt, wo Regierungen „Mehr“ rufen.
Doch die Geschichte verweigert auch hier die einfache Erlösungserzählung. Ein Goldstandard ist nicht per se deflationär, aber er erhöht die Wahrscheinlichkeit deflationärer Phasen, wenn reale Produktion schneller wächst als die Goldbasis und Kredit oder Umlaufgeschwindigkeit dies nicht kompensieren. Vor dem Ersten Weltkrieg fielen Preisniveaus in vielen Ländern ebenso oft, wie sie stiegen, ohne dass dies zwangsläufig Depression bedeutete.
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Deflation konnte Ausdruck von Produktivitätsfortschritt sein. In der Zwischenkriegszeit hingegen wurde Deflation unter den Zwängen des Goldstandards zum Brandbeschleuniger von Bankenpaniken und realwirtschaftlichen Einbrüchen.
Hinzu kommt: Der Goldstandard war historisch eine „kontingente Regel“. In klar verstandenen Notlagen – und dazu zählen Kriege – wurde die Bindung an Gold suspendiert: Die britische Suspendierung von 1797 bis 1821 zur Finanzierung der Napoleonischen Kriege oder der Bruch der Goldeinlösung 1914 im Deutschen Reich illustrieren, dass gerade im Ernstfall die Fesseln gelöst wurden. Die Hoffnung, Gold als endgültigen Friedensanker zu installieren, kollidiert damit mit einer politischen Realität, in der Ausnahmezustände zur Regel werden.
Drei Formen derselben Frage
Goldstandard, Fiatgeld und Quantitative Easing erscheinen als Gegenspieler, erzählen aber dieselbe Geschichte: Wie bindet eine Gesellschaft ihre Geldordnung moralisch ein? Gold setzt auf externe Bindung – mit dem Preis höherer Deflations- und Krisenrisiken.
Das moderne Zentralbanksystem setzt auf interne Regeln und Vertragsrechte – etwa Preisstabilität als Primärziel und das Verbot monetärer Staatsfinanzierung in den europäischen Verträgen – und verlagert die moralische Debatte in juristische und technokratische Gremien. QE schließlich macht Verteilungseffekte sichtbarer: Asset-Käufe stützen Vermögenspreise, begünstigen damit Asset-Halter und sollen zugleich Beschäftigung und Einkommen stabilisieren.
In allen drei Varianten taucht dieselbe Dreifachfrage auf: Wer zahlt? Wie sichtbar zahlt er? Wichtig ist auch zu verstehen, dass alle Staaten – ob sie sich religiös verklären oder nicht – heute der gleichen ökonomischen Dynamik unterliegen. Die Frage ist überall dieselbe: wer verantwortet diese Lastverteilung?
Der Internationale Währungsfonds spricht von einer „financial repression tax“, einer weniger sichtbaren Form der Abgabenlast durch regulierte Zinsen und Inflation. Die Bank of England betont die Gegenfaktizität („ohne Assetkäufe wäre es vielen schlechter ergangen“), während die Deutsche Bundesbank zur Vorsicht in der Bewertung dauerhafter Verteilungseffekte mahnt.
Eine Einladung statt eines Urteils
Vielleicht liegt die eigentliche Pointe von Hülsmanns „Ethik der Geldproduktion“ darin, dass sie uns keine einfache Reformformel anbietet – kein „Zurück zu Gold“ und kein „Mehr QE“, sondern eine Verschiebung des Blicks. Geldproduktion wird als moralisches Institutionenproblem sichtbar: als Frage nach Regeln und Ausnahmen, nach Transparenz und Verteilung, nach demokratischer Kontrolle und technokratischer Macht.
Die Formel „viel Geld – viel Krieg“ kann als Titel provozieren, doch ihr Wert liegt darin, Leserinnen und Leser in eine offene Reflexion zu ziehen. Sind wir bereit, Kriege zu führen, wenn ihre Kosten vollständig über sichtbare Steuern ausgewiesen werden? Oder brauchen wir die Verschleierung über Inflation und negative Realzinsen, um politischen Konsens zu halten? Wie viel Disziplin wollen wir der Politik zumuten, wie viel Flexibilität der Geldpolitik zugestehen?
Wer die nächste Pressekonferenz einer Zentralbank verfolgt, könnte sie mit diesen Fragen im Hinterkopf hören – nicht nur als Zahlenspiele, sondern als moralisches Dokument einer Gesellschaft, die darüber entscheidet, wie sie Krieg, Krise und Zukunft über ihr Geld verteilt.
Die Debatte beginnt nicht mit der nächsten Zinssitzung, sondern mit der Bereitschaft, Geld nicht länger nur als technisches, sondern als moralisches Problem zu denken. Nur wer hier eine starke Argumentation abliefert, wird sich in den abzeichnenden Verteilungskämpfe der Bundesrepublik sinnvoll positionieren können.