30 Jahre Islamic Relief: „Das Spendenverhalten hat sich stark verändert“

30 Jahre Islamic Relief: Hintergrundgespräch mit Michael Pfaff, Geschäftsführer der Hilfsorganisation über Aus- und Einblicke der humanitären Arbeit.

07.08.2026 Sulaiman Wilms 10 Min. Lesezeit
islamic relief

Foto: Islamic Relief Deutschland

(iz). Islamic Relief Deutschland wird in diesem Jahr 30 und Geschäftsführer Michael Pfaff erklärt im Interview, wie aus islamisch motivierter Solidarität eine professionelle, zertifizierte Hilfsorganisation wurde, die weltweit und zunehmend auch in Deutschland Menschen in akuter Not unterstützt.

Er spricht über die Gründung vor dem Hintergrund des Bosnienkriegs, den Kernauftrag, Zakat- und Sadaqa-Spenden transparent einzusetzen, aktuelle Schwerpunkte in Gaza, Sudan und „vergessenen Krisen“ sowie den Wandel des Spendenverhaltens durch Digitalisierung.

Zudem erläutert Pfaff, wie Islamic Relief mit Inlandsprogrammen, kultursensiblen Projekten und der Förderung muslimischer Zivilgesellschaft Verantwortung in Deutschland übernimmt und Selbstwirksamkeit als zentrale Botschaft an junge Menschen vermittelt.

Srebrenica

Foto: Jeroen Akkermans, via flickr | Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

„Wir wollten nicht tatenlos bleiben“

Islamische Zeitung: Islamic Relief Deutschland wird in diesem Jahr 30 Jahre alt: Was war damals der konkrete Anlass für die Gründung – und welche Lücke wollten Sie im Hilfssektor schließen?

Michael Pfaff: Der konkrete Anlass für die Gründung Islamic Relief Deutschlands war die Betroffenheit der muslimischen Gemeinde in Deutschland über die katastrophalen humanitären Auswirkungen des Bosnienkriegs und die Hungersnot auf dem afrikanischen Kontinent.

Wir wollten nicht tatenlos bleiben und unserer Verantwortung gerecht werden. So wurde Islamic Relief Deutschland im Jahre 1996 gegründet. 

Es gab vor 30 Jahren noch keine Hilfsorganisation in muslimischer Trägerschaft, die in der Lage war, nach den internationalen Standards der humanitären Hilfe tätig zu sein und zugleich den Anforderungen für religiöse Zwecke, wie z.B. Zakat zu genügen.

Wir fanden mit Islamic Relief Worldwide einen Partner, der bereits 12 Jahre zuvor begonnen hatte und bereits ein Globales Netzwerk aufgebaut hatte.

Wir wollten den Musliminnen und Muslimen, die ihre religiösen Spenden, wie Zakat und Sadaqa, eine transparente, verlässliche und professionelle Plattform bieten, und die Spenden an internationale Hilfsstrukturen anbinden.

Es ging nicht darum, einen parallelen Hilfssektor zu schaffen, sondern eine bis dahin unterrepräsentierte gesellschaftliche Gruppe als Spenderinnen, Spender und aktive Akteure in die professionelle humanitäre Hilfe einbeziehen.

„Jeder Mensch besitzt die gleiche Würde“

Islamische Zeitung: Wie würden Sie den ursprünglichen Auftrag von Islamic Relief Deutschland beschreiben, und welche Grundprinzipien sind seit 30 Jahren unverändert geblieben?

Michael Pfaff: Auftrag war und ist, Menschen in akuter Not schnell und wirksam zu helfen und zugleich islamisch motivierte Solidarität in professionelle humanitäre Arbeit zu übersetzen. Menschen in Deutschland sollten eine verlässliche Möglichkeit erhalten, Verantwortung zu übernehmen und mit ihren Spenden sowohl Nothilfe als auch langfristige Unterstützung zu ermöglichen.

Unverändert geblieben ist unser Verständnis von Menschlichkeit und unsere religiöse Motivation. Jeder Mensch besitzt die gleiche Würde. Deshalb helfen wir nach dem Maß der Not – unabhängig von Religion, Herkunft, Geschlecht oder kulturellem Hintergrund. 

Der islamische Glaube ist für uns eine Quelle von Barmherzigkeit, sozialer Gerechtigkeit und Verantwortung, aber kein Kriterium dafür, wer Unterstützung erhält. Ebenso wichtig geblieben ist ein verantwortungsvoller Umgang mit Spenden, Transparenz und eine partnerschaftliche, würdige Zusammenarbeit mit den betroffenen Menschen. 

Weiterentwickelt haben sich vor allem unsere Reichweite, unsere fachlichen Strukturen und die Qualitätssicherung. Heute arbeiten wir in mehr Ländern, orientieren uns stärker an internationalen Standards und sind in deutschen, europäischen und internationalen Netzwerken und Verbänden verankert.

Auch Nachhaltigkeit und der enge Zusammenhang zwischen Umweltkatastrophen, Klimafolgen und humanitären Krisen spielen inzwischen eine deutlich größere Rolle in unserer Arbeit.

Der Kernauftrag ist jedoch derselbe geblieben: Leid zu lindern, Menschen zu stärken und Solidarität in verlässliche Hilfe zu verwandeln.

Takaaya Sudan

Menschen im Sudan kochen in jahrhundertealter Tradition solidarisch für ihre Mitmenschen, in sogenannten Takaaya, Gemeinschaftsküchen. (Foto: Islamic Relief Deutschland)

„Ein besonderer Schwerpunkt liegt derzeit auf der Unterstützung der vom Krieg im Sudan und im Gazastreifen betroffenen Bevölkerung“

Islamische Zeitung: In welchen Regionen und Themenfeldern liegen aktuell die Schwerpunkte Ihrer Projekte, und welche Entwicklungen beobachten Sie dabei besonders aufmerksam (z.B. Konflikte, Klima, Armut)?

Michael Pfaff: Unsere Projekte konzentrieren sich derzeit vor allem auf den Nahen Osten, den Sahel, Ostafrika und Südasien. In diesen Regionen leisten wir schwerpunktmäßig humanitäre Hilfe für Menschen, die von Konflikten, Vertreibung, Hunger und akuten Krisen betroffen sind.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt derzeit auf der Unterstützung der vom Krieg im Sudan und im Gazastreifen betroffenen Bevölkerung. Gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen unterstützen wir unter anderem die Versorgung mit Nahrungsmitteln, sauberem Wasser, medizinischer Hilfe sowie Maßnahmen zum Schutz besonders vulnerabler Bevölkerungsgruppen.

Mit großer Aufmerksamkeit beobachten wir die zunehmende Verflechtung verschiedener Krisen. Anhaltende und neue bewaffnete Konflikte verschärfen humanitäre Notlagen und führen zu weiteren Flucht- und Vertreibungsbewegungen. 

Gleichzeitig verstärken die Folgen des Klimawandels – etwa Dürren, Überschwemmungen und unregelmäßige Niederschläge – den Druck auf die Lebensgrundlagen vieler Menschen, insbesondere in Ostafrika.

Hinzu kommen steigende Armut, wirtschaftliche Instabilität und hohe Lebensmittelpreise, die den Zugang zu grundlegender Versorgung erschweren. Die betroffenen Gemeinschaften haben immer weniger Möglichkeiten, sich von einer Krise zu erholen.

Diese Entwicklungen machen deutlich, dass humanitäre Hilfe und langfristige Entwicklungszusammenarbeit eng zusammengedacht werden müssen. Unser Ziel ist es daher, nicht nur akute Not zu lindern, sondern Menschen auch dabei zu unterstützen, ihre Resilienz gegenüber zukünftigen Krisen zu stärken.

Wir verfolgen ebenso mit großer Sorge, dass sich die internationalen Rahmenbedingungen für humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit zunehmend verschärfen. Bewaffnete Konflikte nehmen zu, die Folgen des Klimawandels verschärfen bestehende Krisen, und Finanzierungslücken im humanitären System erschweren es, den wachsenden Bedarf zu decken. 

Gleichzeitig geraten zivilgesellschaftliche Organisationen in vielen Ländern zunehmend unter Druck. Diese Entwicklungen zeigen, wie wichtig eine verlässliche internationale Zusammenarbeit ist – sowohl, um akute Not zu lindern, als auch, um Menschen langfristig dabei zu unterstützen, Krisen besser zu bewältigen und ihre Widerstandsfähigkeit zu stärken.

Die Aufmerksamkeitsökonomie bestimmt auch das Verhalten von SpenderInnen

Islamische Zeitung: Bei den zweckgebundenen Spenden sind Hilfsorganisationen an die Entscheidungen der Spender und Spenderinnen gebunden. Gibt es Fälle, wo sich die Aktiven von IRD ein größeres Interesse in eher unterbelichtete Gebiete wünschen würde?

Michael Pfaff: Ein Grundproblem Humanitärer Hilfe ist, dass Spenden sehr oft davon abhängig sind, welche Aufmerksamkeit bestimmte Themen in der Öffentlichkeit erhalten, also ob die Politik bestimmte Themen aufgreift, Medien über Krisen berichten oder sich einzelne Menschen für eine Region einsetzen.

Zahlreiche Krisen dauern jedoch an und geraten aus dem Blickfeld. Daher ist es eine wichtige Aufgabe von Islamic Relief auf sogenannte „vergessene Krisen“ aufmerksam zu machen und Sprecher derjenigen zu sein, die in Deutschland keine Stimme haben, keine „Lobby“ die sich für sie einsetzt.

Das weltweit größte Flüchtlingslager ist in Bangladesch und die dorthin geflohenen Rohingya bedürfen nach wie vor der Unterstützung. Der Krieg im Yemen dauert an, vom Kongo hört man fast nichts mehr in den Medien.

Wir wenden daher einen Teil unserer Spenden (ca.1,5%) dafür auf, Anwalt der betroffenen Menschen zu sein und auf Konflikte aufmerksam zu machen.

Foto: Shutterstock/Monkey Business Images

„Digitalisierung hat die Kanäle revolutioniert“

Islamische Zeitung: Wie haben sich Spendenverhalten und -kanäle in den letzten Jahren verändert – etwa durch Digitalisierung, Kampagnen oder Krisen wie die Inflation?

Michael Pfaff: Das Spendenverhalten hat sich in den letzten Jahren sehr stark verändert, was vor allem an folgenden Faktoren liegt:

1. Die Digitalisierung hat die Kanäle revolutioniert. Statt klassischen Überweisungen spenden Menschen heute mobil und intuitiv – per Smartphone oder mit zwei Klicks über Webseite und Spendenplattformen.

Spendenaktionen sind dank Crowdfunding-Plattformen und Social-Media-Kampagnen demokratischer geworden. Jeder kann heute im Grunde per Knopfdruck eine eigene Spendenkampagne starten und im Bekanntenkreis teilen.

2. Der Trend geht zu Transparenz und Spontaneität. Spender wollen heute ganz genau wissen, wo ihr Geld ankommt. Das klassische, langfristige Abo-Modell verliert an Attraktivität.

Stattdessen spenden Menschen lieber anlassbezogen, projektbasiert und emotional getrieben – oft direkt ausgelöst durch Krisen oder Naturkatastrophen, die sie live auf Social Media mitverfolgen.

3. Auswirkungen wirtschaftlicher Effekte. Steigende Energiepreise und sinkendes Wirtschaftswachstum machen sich selbstverständlich auch bei der Spendenbereitschaft bemerkbar.

Im generellen Spendenmarkt wird derzeit eine sinkende Anzahl von Spendenden noch dadurch kompensiert, dass einzelne Spender mehr spenden.

„Die Muslimische Community hat sich in den letzten 30 Jahren sehr positiv entwickelt“

Islamische Zeitung: Welche Erfahrungen machen Sie mit Spendenbereitschaft, zivilgesellschaftlichem Engagement und Professionalität bei Muslimen? 

Michael Pfaff: Die Muslimische Community hat sich in den letzten 30 Jahren sehr positiv entwickelt. Sie ist jünger, besser ausgebildet und wirtschaftlich stärker als bei Gründung von Islamic Relief. Immer mehr Musliminnen und Muslime haben keinen sogenannten Migrationshintergrund und noch viel mehr sind in Deutschland geboren und bestens integriert.

Islamic Relief gehört inzwischen zu den Hilfsorganisationen in Deutschland mit den höchsten privaten Spendeneinnahmen. Der Erfolg von Islamic Relief ist ein Beleg für den Erfolg der muslimischen Community.

Für Muslime ist Spenden nicht nur freiwillige Wohltätigkeit, sondern auch religiöse Pflicht. Die Spendenbereitschaft und die Bereitschaft sich ehrenamtlich zu engagieren ist unter religiösen Muslimen daher größer als im „deutschen“ Durchschnitt.

„Engagement in Deutschland ist nicht neu“

Islamische Zeitung: Lieber Herr Pfaff, Islamic Relief hat sich entschieden, zukünftig auch in Deutschland aktiv zu werden. Welche Projekte sind bei Ihnen geplant und wie suchen Sie diese aus?

Michael Pfaff: Unser Engagement in Deutschland ist nicht neu. Seit 2016 haben wir uns in der Flüchtlingshilfe und nach der Flutkatastrophe vor fünf Jahren im Ahrtal eingesetzt, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Jetzt wollen wir unseren Einsatz in Deutschland systematischer ausbauen, denn die wirtschaftliche und soziale Situation in unserem Land bringt uns dazu, genauer hinzuschauen, welche Notlagen es bei uns gibt. Wir wollen der Gesellschaft, aus der unsere Spenderinnen und Spender kommen, mehr zurückgeben.

Um uns noch stärker für unsere eigene Gesellschaft zu engagieren, haben wir unser Engagement für Projekte in Deutschland daher deutlich ausgebaut. 

In der Vergangenheit gingen meist unter 0,5% unserer Spenden an Projekte in Deutschland. Dieses Jahr werden es ca. 2,5% sein, im kommenden Jahr sind rund 5% geplant.

Wir haben uns entschlossen, im ersten Schritt ein Förderprogramm aufzulegen, in dem wir uns mit existenziellen Themen beschäftigen.

Zu unserem 30-jährigen Jubiläum fördern wir daher 30 Projekte mit einer Summe von bis zu 30.000 Euro pro Projekt.

Wir fördern hierbei gemeinnützige Vereine kultursensible, soziale Ehrenamtsprojekte in den Bereichen Seniorenhilfe, Obdachlosenhilfe und Hospizarbeit aufzubauen. Wir wollen dort unterstützen, wo staatliche Hilfen fehlen und daher mehr ehrenamtliches Engagement gefragt ist. Dabei geht es uns insbesondere um den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Solidarität vor Ort und in der Nachbarschaft.

„‘Selbstwirksamkeit’ ist eine wichtige Botschaft“

Islamische Zeitung: Welche Rolle kann eine Organisation wie Islamic Relief Deutschland in der Stärkung muslimischer Zivilgesellschaft spielen?

Michael Pfaff: Islamic Relief ist in den 30 Jahren seiner Geschichte beeindruckend gewachsen. Wir bieten inzwischen rund 90 Mitarbeitenden Beschäftigung auf allen Ebenen. Mitarbeitende, Ehrenamtliche und Spender repräsentieren die ganze Vielfalt der muslimischen Community.

Wir sind eine der wenigen Hilfsorganisationen in muslimischer Trägerschaft, die international nach dem CHS (Core Humanitarian Standard) der UN arbeitet und zertifiziert ist. Auch in Deutschland erfüllen wir höchste Anforderungen an Transparenz und Wirtschaftlichkeit.

Wir sind eine deutsche Hilfsorganisation, die fest etabliert ist, selbst Verantwortung übernimmt und eine Plattform für zivilgesellschaftliches Engagement bietet.

Bei uns kann man erfahren, wie sehr jeder Einzelne durch Spenden, ehrenamtliches Engagement oder eine berufliche Tätigkeit bei uns, einen Unterschied machen kann.

„Selbstwirksamkeit“ ist eine wichtige Botschaft, die wir vor allem jungen Menschen vermitteln wollen. Zu wissen, dass das eigene Handeln etwas bewirken kann, ist eines der Fundamente unserer demokratischen Gesellschaft.

Wir wollen vermitteln, dass jeder einzelne wichtig ist und jeder einen Unterschied machen kann. Und wir zeigen täglich, dass auch der muslimische Teil unserer Zivilgesellschaft hierbei seinen eigenen Beitrag leistet.

Islamische Zeitung: Lieber Michael Pfaff, wir bedanken uns für das Gespräch.

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