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30 Jahre Islamic Relief: „Das Spendenverhalten hat sich stark verändert“

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30 Jahre Islamic Relief: Hintergrundgespräch mit Michael Pfaff, Geschäftsführer der Hilfsorganisation über Aus- und Einblicke der humanitären Arbeit.

(iz). Islamic Relief Deutschland wird in diesem Jahr 30 und Geschäftsführer Michael Pfaff erklärt im Interview, wie aus islamisch motivierter Solidarität eine professionelle, zertifizierte Hilfsorganisation wurde, die weltweit und zunehmend auch in Deutschland Menschen in akuter Not unterstützt.

Er spricht über die Gründung vor dem Hintergrund des Bosnienkriegs, den Kernauftrag, Zakat- und Sadaqa-Spenden transparent einzusetzen, aktuelle Schwerpunkte in Gaza, Sudan und „vergessenen Krisen“ sowie den Wandel des Spendenverhaltens durch Digitalisierung.

Zudem erläutert Pfaff, wie Islamic Relief mit Inlandsprogrammen, kultursensiblen Projekten und der Förderung muslimischer Zivilgesellschaft Verantwortung in Deutschland übernimmt und Selbstwirksamkeit als zentrale Botschaft an junge Menschen vermittelt.

Srebrenica

Foto: Jeroen Akkermans, via flickr | Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

„Wir wollten nicht tatenlos bleiben“

Islamische Zeitung: Islamic Relief Deutschland wird in diesem Jahr 30 Jahre alt: Was war damals der konkrete Anlass für die Gründung – und welche Lücke wollten Sie im Hilfssektor schließen?

Michael Pfaff: Der konkrete Anlass für die Gründung Islamic Relief Deutschlands war die Betroffenheit der muslimischen Gemeinde in Deutschland über die katastrophalen humanitären Auswirkungen des Bosnienkriegs und die Hungersnot auf dem afrikanischen Kontinent.

Wir wollten nicht tatenlos bleiben und unserer Verantwortung gerecht werden. So wurde Islamic Relief Deutschland im Jahre 1996 gegründet. 

Es gab vor 30 Jahren noch keine Hilfsorganisation in muslimischer Trägerschaft, die in der Lage war, nach den internationalen Standards der humanitären Hilfe tätig zu sein und zugleich den Anforderungen für religiöse Zwecke, wie z.B. Zakat zu genügen.

Wir fanden mit Islamic Relief Worldwide einen Partner, der bereits 12 Jahre zuvor begonnen hatte und bereits ein Globales Netzwerk aufgebaut hatte.

Wir wollten den Musliminnen und Muslimen, die ihre religiösen Spenden, wie Zakat und Sadaqa, eine transparente, verlässliche und professionelle Plattform bieten, und die Spenden an internationale Hilfsstrukturen anbinden.

Es ging nicht darum, einen parallelen Hilfssektor zu schaffen, sondern eine bis dahin unterrepräsentierte gesellschaftliche Gruppe als Spenderinnen, Spender und aktive Akteure in die professionelle humanitäre Hilfe einbeziehen.

„Jeder Mensch besitzt die gleiche Würde“

Islamische Zeitung: Wie würden Sie den ursprünglichen Auftrag von Islamic Relief Deutschland beschreiben, und welche Grundprinzipien sind seit 30 Jahren unverändert geblieben?

Michael Pfaff: Auftrag war und ist, Menschen in akuter Not schnell und wirksam zu helfen und zugleich islamisch motivierte Solidarität in professionelle humanitäre Arbeit zu übersetzen. Menschen in Deutschland sollten eine verlässliche Möglichkeit erhalten, Verantwortung zu übernehmen und mit ihren Spenden sowohl Nothilfe als auch langfristige Unterstützung zu ermöglichen.

Unverändert geblieben ist unser Verständnis von Menschlichkeit und unsere religiöse Motivation. Jeder Mensch besitzt die gleiche Würde. Deshalb helfen wir nach dem Maß der Not – unabhängig von Religion, Herkunft, Geschlecht oder kulturellem Hintergrund. 

Der islamische Glaube ist für uns eine Quelle von Barmherzigkeit, sozialer Gerechtigkeit und Verantwortung, aber kein Kriterium dafür, wer Unterstützung erhält. Ebenso wichtig geblieben ist ein verantwortungsvoller Umgang mit Spenden, Transparenz und eine partnerschaftliche, würdige Zusammenarbeit mit den betroffenen Menschen. 

Weiterentwickelt haben sich vor allem unsere Reichweite, unsere fachlichen Strukturen und die Qualitätssicherung. Heute arbeiten wir in mehr Ländern, orientieren uns stärker an internationalen Standards und sind in deutschen, europäischen und internationalen Netzwerken und Verbänden verankert.

Auch Nachhaltigkeit und der enge Zusammenhang zwischen Umweltkatastrophen, Klimafolgen und humanitären Krisen spielen inzwischen eine deutlich größere Rolle in unserer Arbeit.

Der Kernauftrag ist jedoch derselbe geblieben: Leid zu lindern, Menschen zu stärken und Solidarität in verlässliche Hilfe zu verwandeln.

Takaaya Sudan

Menschen im Sudan kochen in jahrhundertealter Tradition solidarisch für ihre Mitmenschen, in sogenannten Takaaya, Gemeinschaftsküchen. (Foto: Islamic Relief Deutschland)

„Ein besonderer Schwerpunkt liegt derzeit auf der Unterstützung der vom Krieg im Sudan und im Gazastreifen betroffenen Bevölkerung“

Islamische Zeitung: In welchen Regionen und Themenfeldern liegen aktuell die Schwerpunkte Ihrer Projekte, und welche Entwicklungen beobachten Sie dabei besonders aufmerksam (z.B. Konflikte, Klima, Armut)?

Michael Pfaff: Unsere Projekte konzentrieren sich derzeit vor allem auf den Nahen Osten, den Sahel, Ostafrika und Südasien. In diesen Regionen leisten wir schwerpunktmäßig humanitäre Hilfe für Menschen, die von Konflikten, Vertreibung, Hunger und akuten Krisen betroffen sind.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt derzeit auf der Unterstützung der vom Krieg im Sudan und im Gazastreifen betroffenen Bevölkerung. Gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen unterstützen wir unter anderem die Versorgung mit Nahrungsmitteln, sauberem Wasser, medizinischer Hilfe sowie Maßnahmen zum Schutz besonders vulnerabler Bevölkerungsgruppen.

Mit großer Aufmerksamkeit beobachten wir die zunehmende Verflechtung verschiedener Krisen. Anhaltende und neue bewaffnete Konflikte verschärfen humanitäre Notlagen und führen zu weiteren Flucht- und Vertreibungsbewegungen. 

Gleichzeitig verstärken die Folgen des Klimawandels – etwa Dürren, Überschwemmungen und unregelmäßige Niederschläge – den Druck auf die Lebensgrundlagen vieler Menschen, insbesondere in Ostafrika.

Hinzu kommen steigende Armut, wirtschaftliche Instabilität und hohe Lebensmittelpreise, die den Zugang zu grundlegender Versorgung erschweren. Die betroffenen Gemeinschaften haben immer weniger Möglichkeiten, sich von einer Krise zu erholen.

Diese Entwicklungen machen deutlich, dass humanitäre Hilfe und langfristige Entwicklungszusammenarbeit eng zusammengedacht werden müssen. Unser Ziel ist es daher, nicht nur akute Not zu lindern, sondern Menschen auch dabei zu unterstützen, ihre Resilienz gegenüber zukünftigen Krisen zu stärken.

Wir verfolgen ebenso mit großer Sorge, dass sich die internationalen Rahmenbedingungen für humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit zunehmend verschärfen. Bewaffnete Konflikte nehmen zu, die Folgen des Klimawandels verschärfen bestehende Krisen, und Finanzierungslücken im humanitären System erschweren es, den wachsenden Bedarf zu decken. 

Gleichzeitig geraten zivilgesellschaftliche Organisationen in vielen Ländern zunehmend unter Druck. Diese Entwicklungen zeigen, wie wichtig eine verlässliche internationale Zusammenarbeit ist – sowohl, um akute Not zu lindern, als auch, um Menschen langfristig dabei zu unterstützen, Krisen besser zu bewältigen und ihre Widerstandsfähigkeit zu stärken.

Die Aufmerksamkeitsökonomie bestimmt auch das Verhalten von SpenderInnen

Islamische Zeitung: Bei den zweckgebundenen Spenden sind Hilfsorganisationen an die Entscheidungen der Spender und Spenderinnen gebunden. Gibt es Fälle, wo sich die Aktiven von IRD ein größeres Interesse in eher unterbelichtete Gebiete wünschen würde?

Michael Pfaff: Ein Grundproblem Humanitärer Hilfe ist, dass Spenden sehr oft davon abhängig sind, welche Aufmerksamkeit bestimmte Themen in der Öffentlichkeit erhalten, also ob die Politik bestimmte Themen aufgreift, Medien über Krisen berichten oder sich einzelne Menschen für eine Region einsetzen.

Zahlreiche Krisen dauern jedoch an und geraten aus dem Blickfeld. Daher ist es eine wichtige Aufgabe von Islamic Relief auf sogenannte „vergessene Krisen“ aufmerksam zu machen und Sprecher derjenigen zu sein, die in Deutschland keine Stimme haben, keine „Lobby“ die sich für sie einsetzt.

Das weltweit größte Flüchtlingslager ist in Bangladesch und die dorthin geflohenen Rohingya bedürfen nach wie vor der Unterstützung. Der Krieg im Yemen dauert an, vom Kongo hört man fast nichts mehr in den Medien.

Wir wenden daher einen Teil unserer Spenden (ca.1,5%) dafür auf, Anwalt der betroffenen Menschen zu sein und auf Konflikte aufmerksam zu machen.

Foto: Shutterstock/Monkey Business Images

„Digitalisierung hat die Kanäle revolutioniert“

Islamische Zeitung: Wie haben sich Spendenverhalten und -kanäle in den letzten Jahren verändert – etwa durch Digitalisierung, Kampagnen oder Krisen wie die Inflation?

Michael Pfaff: Das Spendenverhalten hat sich in den letzten Jahren sehr stark verändert, was vor allem an folgenden Faktoren liegt:

1. Die Digitalisierung hat die Kanäle revolutioniert. Statt klassischen Überweisungen spenden Menschen heute mobil und intuitiv – per Smartphone oder mit zwei Klicks über Webseite und Spendenplattformen.

Spendenaktionen sind dank Crowdfunding-Plattformen und Social-Media-Kampagnen demokratischer geworden. Jeder kann heute im Grunde per Knopfdruck eine eigene Spendenkampagne starten und im Bekanntenkreis teilen.

2. Der Trend geht zu Transparenz und Spontaneität. Spender wollen heute ganz genau wissen, wo ihr Geld ankommt. Das klassische, langfristige Abo-Modell verliert an Attraktivität.

Stattdessen spenden Menschen lieber anlassbezogen, projektbasiert und emotional getrieben – oft direkt ausgelöst durch Krisen oder Naturkatastrophen, die sie live auf Social Media mitverfolgen.

3. Auswirkungen wirtschaftlicher Effekte. Steigende Energiepreise und sinkendes Wirtschaftswachstum machen sich selbstverständlich auch bei der Spendenbereitschaft bemerkbar.

Im generellen Spendenmarkt wird derzeit eine sinkende Anzahl von Spendenden noch dadurch kompensiert, dass einzelne Spender mehr spenden.

„Die Muslimische Community hat sich in den letzten 30 Jahren sehr positiv entwickelt“

Islamische Zeitung: Welche Erfahrungen machen Sie mit Spendenbereitschaft, zivilgesellschaftlichem Engagement und Professionalität bei Muslimen? 

Michael Pfaff: Die Muslimische Community hat sich in den letzten 30 Jahren sehr positiv entwickelt. Sie ist jünger, besser ausgebildet und wirtschaftlich stärker als bei Gründung von Islamic Relief. Immer mehr Musliminnen und Muslime haben keinen sogenannten Migrationshintergrund und noch viel mehr sind in Deutschland geboren und bestens integriert.

Islamic Relief gehört inzwischen zu den Hilfsorganisationen in Deutschland mit den höchsten privaten Spendeneinnahmen. Der Erfolg von Islamic Relief ist ein Beleg für den Erfolg der muslimischen Community.

Für Muslime ist Spenden nicht nur freiwillige Wohltätigkeit, sondern auch religiöse Pflicht. Die Spendenbereitschaft und die Bereitschaft sich ehrenamtlich zu engagieren ist unter religiösen Muslimen daher größer als im „deutschen“ Durchschnitt.

„Engagement in Deutschland ist nicht neu“

Islamische Zeitung: Lieber Herr Pfaff, Islamic Relief hat sich entschieden, zukünftig auch in Deutschland aktiv zu werden. Welche Projekte sind bei Ihnen geplant und wie suchen Sie diese aus?

Michael Pfaff: Unser Engagement in Deutschland ist nicht neu. Seit 2016 haben wir uns in der Flüchtlingshilfe und nach der Flutkatastrophe vor fünf Jahren im Ahrtal eingesetzt, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Jetzt wollen wir unseren Einsatz in Deutschland systematischer ausbauen, denn die wirtschaftliche und soziale Situation in unserem Land bringt uns dazu, genauer hinzuschauen, welche Notlagen es bei uns gibt. Wir wollen der Gesellschaft, aus der unsere Spenderinnen und Spender kommen, mehr zurückgeben.

Um uns noch stärker für unsere eigene Gesellschaft zu engagieren, haben wir unser Engagement für Projekte in Deutschland daher deutlich ausgebaut. 

In der Vergangenheit gingen meist unter 0,5% unserer Spenden an Projekte in Deutschland. Dieses Jahr werden es ca. 2,5% sein, im kommenden Jahr sind rund 5% geplant.

Wir haben uns entschlossen, im ersten Schritt ein Förderprogramm aufzulegen, in dem wir uns mit existenziellen Themen beschäftigen.

Zu unserem 30-jährigen Jubiläum fördern wir daher 30 Projekte mit einer Summe von bis zu 30.000 Euro pro Projekt.

Wir fördern hierbei gemeinnützige Vereine kultursensible, soziale Ehrenamtsprojekte in den Bereichen Seniorenhilfe, Obdachlosenhilfe und Hospizarbeit aufzubauen. Wir wollen dort unterstützen, wo staatliche Hilfen fehlen und daher mehr ehrenamtliches Engagement gefragt ist. Dabei geht es uns insbesondere um den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Solidarität vor Ort und in der Nachbarschaft.

„‘Selbstwirksamkeit’ ist eine wichtige Botschaft“

Islamische Zeitung: Welche Rolle kann eine Organisation wie Islamic Relief Deutschland in der Stärkung muslimischer Zivilgesellschaft spielen?

Michael Pfaff: Islamic Relief ist in den 30 Jahren seiner Geschichte beeindruckend gewachsen. Wir bieten inzwischen rund 90 Mitarbeitenden Beschäftigung auf allen Ebenen. Mitarbeitende, Ehrenamtliche und Spender repräsentieren die ganze Vielfalt der muslimischen Community.

Wir sind eine der wenigen Hilfsorganisationen in muslimischer Trägerschaft, die international nach dem CHS (Core Humanitarian Standard) der UN arbeitet und zertifiziert ist. Auch in Deutschland erfüllen wir höchste Anforderungen an Transparenz und Wirtschaftlichkeit.

Wir sind eine deutsche Hilfsorganisation, die fest etabliert ist, selbst Verantwortung übernimmt und eine Plattform für zivilgesellschaftliches Engagement bietet.

Bei uns kann man erfahren, wie sehr jeder Einzelne durch Spenden, ehrenamtliches Engagement oder eine berufliche Tätigkeit bei uns, einen Unterschied machen kann.

„Selbstwirksamkeit“ ist eine wichtige Botschaft, die wir vor allem jungen Menschen vermitteln wollen. Zu wissen, dass das eigene Handeln etwas bewirken kann, ist eines der Fundamente unserer demokratischen Gesellschaft.

Wir wollen vermitteln, dass jeder einzelne wichtig ist und jeder einen Unterschied machen kann. Und wir zeigen täglich, dass auch der muslimische Teil unserer Zivilgesellschaft hierbei seinen eigenen Beitrag leistet.

Islamische Zeitung: Lieber Michael Pfaff, wir bedanken uns für das Gespräch.

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Ein Rückblick auf den Ramadan in Zeiten der Krise

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Der vergangene Ramadan war nicht nur ein spirituelles Ereignis, vielmehr stand er unter dem Schatten des Feuers, das in den vergangenen Monaten am Golf aufflammte, als Raketen und Drohnen zentrale Öl- und Gasanlagen trafen und in Brand setzten.

(iz). Zwischen Explosionen von Energieinfrastruktur, zeitweiligen Produktionsstopps und der lähmenden Dauerpräsenz von Kriegsbildern erlebten viele Gläubige einen Monat des Fastens, der zugleich Rückzug und Besinnung bedeutete. Denn gerade im Moment, in dem das Äußere unruhig wird, verdichtet sich die innere Erfahrung zu etwas Einfachem und Wesentlichem: dem Loslassen des eigenen Willens.

Wer fastet, erfährt das Fließende der Identität: Hunger und Durst lösen jene starre Vorstellung des Selbst auf, die sonst das Zentrum unserer Wahrnehmung bildet. Mit dem Verzicht entsteht kein Mangel, sondern eine andere Form von Gegenwart – das, was der Soziologe Hartmut Rosa die „Unverfügbarkeit des Weltbezugs“ nennt. Man kann die Erfahrung nicht erzwingen, sie bleibt Gabe.

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Foto: PlanetZ/Adobe Stock

Dieses Nichtwollen, das sich im Verzicht formt, schafft Raum für Hoffnung: auf ein gutes Schicksal für uns selbst und andere. Und darin öffnet sich die Nähe zum Wort der Offenbarung, das den Menschen nicht als Herren, sondern als Hörenden begreift. So zeigt sich, dass der Islam keine Ideologie, keine Weltanschauung im säkularen Sinn ist, sondern eine fortwährende Übung im Hören und Erkennen – eine spirituelle Anthropologie.

Ramadan ist keine Flucht aus der Welt. Das Fasten, das Gebet und der nächtliche Dialog mit dem eigenen Gewissen sind keine asketischen Praktiken zur Abschottung, sondern Formen der Resonanz.

Im Zustand des Gebetes entstehen Mitgefühl und Bewusstsein für das Elend anderer; insbesondere für diejenigen, die in den brennenden Zonen rund um die angegriffenen Städte und Energieanlagen leben und deren Lebensgrundlagen – Arbeit, Wasser, Luft – in Mitleidenschaft gezogen werden.

Viele Muslime erinnerten in diesem Monat an die Namen der Kriegsopfer. Sie taten es nicht, um zu politisieren, sondern um ein Zeichen zu setzen. Innen und außen geraten in Balance: das Innerliche dient als sensorische Verfeinerung des Blicks in die Welt.

Aus diesem Ramadan ergibt sich eine doppelte Lehre. Zum einen müssen wir unsere Erkenntnisverfahren überdenken – in einer Zeit, in der Bilder dominieren und Worte schwinden. Zum anderen verlangt das Politische eine neue Form des Denkens, die Identität nicht als Abgrenzung, sondern Identität als Durchlässigkeit vorstellt.

Und schließlich zwingen uns die zivilen Opfer, die Angriffe auf Energieinfrastruktur, die massiven Brände und die ökologischen Folgeschäden zu einer unbequemen Frage: Wie lässt sich politisch handeln, ohne in eine Logik abzurutschen, in welcher „der Zweck alle Mittel heiligt“?

Es war in diesem Monat leichter, auf Essen und Trinken zu verzichten, als das Handy aus der Hand zu legen. Jeden Abend fluteten neue Bilder aus der Golfregion durch die Feeds: Angriffe auf Israel, Feuerbälle über Öl- Terminals, zerstörte Anlagen in Saudi-Arabien, den Emiraten, Katar; die Medien versorgten uns mit Karten, Pfeildiagrammen und Expertenpanels. Die Wucht dieser Bilder lähmt mehr, als sie aufrüttelt.

Susan Sontag schrieb in „Über Fotografie“, dass Bilder zwar das Gewissen anstacheln, aber selten ethische Erkenntnis hervorrufen. „Fotos, die von sich aus nichts erklären können,“ schreibt sie, „fordern unwiderstehlich zu Deduktion, Spekulation und Phantastereien auf“. Der entscheidende Punkt: Ohne ein politisches Bewusstsein führen Bilder ins moralische Nichts. Heute, da jede Ideologie ihre eigene Bildwelt erschafft, gilt dies mehr denn je.

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Foto: cendhika/Adobe Stock

Fotos, einst Ersatz für Lesen, sind vielfach zum Ersatz für Denken geworden. Jede Bewegung, jede Nation bastelt aus Millionen von Motiven ihr eigenes Puzzle der Wahrheit. Das Resultat: eine überreizte Wahrnehmung, die innerlich abstumpft.

Der Ausweg führt nicht über visuelle Askese, sondern über Sprache – über Worte, die Bedeutung freilegen, statt bloß zu beeindrucken. Unser Anspruch muss sein, inhaltlich Beiträge zu schaffen, die nicht nur schockieren wollen, sondern Bedeutung vermitteln und uns verstehen lehren.

Als Gläubige wissen wir: Rituale verändern uns. Doch in einer Zeit, in der Religion als politisches Symbol missbraucht wird, droht diese Kraft sich zu verkehren. Identitätspolitik definiert, „wer wir sind“, über Abgrenzung und Konflikt, nicht über Glauben.

Dagegen lässt sich der Ramadan als transversale Praxis verstehen – nicht als Manifestation einer Gruppe, sondern als Übung, das Eigene zu relativieren und den anderen einzubeziehen. Der Verzicht öffnet den Blick, um im Nächsten nicht die Differenz, sondern das Gemeinsame zu erkennen.

Byung-Chul Han hat in seinem neuen Buch „Ohne Respekt. Eine soziale Krise“ (2026) eine scharfe Diagnose gestellt: Meinung darf nicht Identität werden; Respekt setzt Distanz voraus. „Wer sich zu einer Meinung als Identität bekennt“, lautet sein programmatischer Gedanke, „verliert die diskursive Freiheit, die Distanz zur eigenen Meinung voraussetzt“.

Diese Einsicht trifft das Herz unserer gegenwärtigen Krise. Wenn politische Ansichten zu Selbstausdrücken werden, verschwindet die Bereitschaft zum Dialog. Die religiöse Praxis – vom Gebet bis zur Fastenzeit – erlangt hier eine ungeahnte, andere politische Bedeutung: Sie lehrt uns, Distanz zu uns selbst zu wahren. Han fasst die Argumentation wie folgt zusammen: „Das Politische beginnt nicht mit der Feinderklärung, sondern mit dem Respekt als Aufmerksamkeit für den anderen. Fehlender Respekt führt zum Verfall des Politischen.“

Nikolaus von Kues sprach einst von der „Einheit in der Vielfalt“; der Fähigkeit, Differenzen zu denken, ohne sie zu verabsolutieren. In diesem Sinn bewahrt Religion ihre kritische Kraft gerade dann, wenn sie Macht, Nation und Ideologie gegenüber skeptisch bleibt. Für Muslime heißt das: Politik darf nicht zum festen Bestandteil des eigenen Ichs werden, sonst verliert man die Freiheit zur Prüfung, eine Fähigkeit, die jede Dogmatik übersteigt. 

Gerade die aktuelle Golfkrise stellt uns vor eine doppelte Herausforderung. Einerseits sehen wir, wie Konfliktparteien Energieanlagen, Häfen, Exportterminals zu strategischen Zielen machen und damit nicht nur militärische, sondern zivile Lebensadern treffen – mit langfristigen Folgen für Versorgung, Umwelt und globale Stabilität.

Andererseits wissen wir, dass kein Krieg – weder der Angriffskrieg noch der Verteidigungskrieg – sich auf einen moralischen Blankoscheck berufen darf, in dem der Zweck alle Mittel heiligt. Weder Religion noch Recht können der Maxime zustimmen, dass jedes Mittel erlaubt sei, wenn das Ziel nur hoch genug erscheint.

Aus islamischer, christlicher und säkular-rechtlicher Perspektive gilt: Es gibt Tabus, die nicht überschritten werden dürfen – die bewusste Tötung von Zivilisten, der Angriff auf elementare Lebensgrundlagen, die mutwillige Zerstörung der Umwelt, der Einsatz von Waffen, deren Wirkung sich nicht auf Kombattanten begrenzen lässt.

Das humanitäre Völkerrecht ist, bei all seinen Defiziten, der Versuch, diese Einsicht in Normen zu fassen; es verbietet etwa unterschiedslose Angriffe und verpflichtet zur Schonung von Zivilpersonen und kritischer Infrastruktur, soweit militärisch verantwortbar. Ohne diese Bindung verlieren wir die Fähigkeit Krieg und Frieden zu unterscheiden.

Gleichzeitig wäre es weltfremd, die Frage zu verdrängen, wie man auf Regime reagiert, die offen nach Langstreckenwaffen und Atomwaffen streben und ihre Nachbarschaft bedrohen. Wer nur auf ein abstraktes Ideal der Reinheit verweist, ohne die Sicherheitsinteressen der bedrohten Gesellschaften ernst zu nehmen, riskiert eine Hypermoral, die im Ernstfall handlungsunfähig macht.

Die schwierige Aufgabe politischer Ethik besteht darin, zwei Sätze gleichzeitig wahr sein zu lassen: Erstens, dass es absolute Grenzen der Mittel gibt, die auch im Namen der Selbstverteidigung nicht überschritten werden dürfen; zweitens, dass Untätigkeit gegenüber einem Regime, das nach Vernichtungswaffen strebt, selbst moralisch fragwürdig sein kann. 

Eine verantwortliche politische Theologie wird daher fragen: Welche Formen der Abschreckung, der Diplomatie, der Sanktionen, der begrenzten militärischen Intervention sind mit diesen Tabus vereinbar – und wo beginnt die Grenzüberschreitung, in der wir das, was wir schützen wollen, selbst untergraben?

Sie wird weder den Präventivkrieg leichtfertig legitimieren noch sich in einem moralischen Rigorismus einrichten, der reale Gefahren ignoriert. Zwischen Zynismus („alles ist erlaubt“) und Hypermoral („handeln ist immer schuldhaft“) entsteht ein schmaler Korridor verantwortlicher Politik.

Europa ist der Raum, in dem wir frei reden, denken und zweifeln dürfen. Diese Freiheit ist kein Gegensatz zur Religiosität, sondern ihr Komplement: Nur, wer frei ist, kann auch wahrhaft glauben. Religion kann – und muss – ein Korrektiv politischer Meinung sein, indem sie auch die eigenen Handlungen kritisch befragt. Glaubwürdigkeit entsteht, wenn Prinzipien wie das Völkerrecht nicht selektiv angewendet, sondern universell gelten – auf „uns“ ebenso wie auf „die anderen“.

Papst

Screenshot: Vatican News

Der Papst erinnerte jüngst daran, wie dünn die Linie zwischen Information und Propaganda geworden ist. In einer Botschaft an Journalistinnen und Journalisten mahnte Leo XIV. am 16. März 2026, die Medien müssten in Kriegszeiten besonders wachsam gegenüber der Gefahr sein, zum „Megafon der Macht“ zu werden, und hätten die Pflicht, Leid sichtbar zu machen und den Krieg „durch die Augen der Opfer“ zu erzählen.

Diese Worte enthalten eine einfache Wahrheit: Je weniger ein Krieg sich moralisch rechtfertigen lässt, desto stärker der Drang, ihn religiös oder schicksalhaft zu überhöhen. Eine verantwortliche politische Theologie aber erkennt: Gott ist nicht verfügbar als Legitimationsquelle für sinnlose Gewalt.

Je weniger Krieg sich moralisch und rechtlich rechtfertigen lässt, desto größer die Versuchung, ihn in einen quasitranszendenten Rahmen zu heben, in dem das Unvertretbare als notwendig, schicksalhaft oder heilig erscheint. Eine Religion, die ihre eigene Botschaft ernst nimmt, wird hier widersprechen: Sie besteht auf der Begrenztheit jeder Macht und auf der Unverfügbarkeit Gottes für Kriegspropaganda.

Genau darin liegt auch ein europäischer Standortvorteil: In offenen Gesellschaften können religiöse Stimmen, rechtliche Argumente und philosophische Kritik zusammenwirken, um diese Verklärungen zu entlarven – auch dann, wenn sie aus dem eigenen Feld kommen.

Ramadan hat uns gelehrt, was Verzicht bedeutet – nicht nur auf alltägliche Speisen, sondern auf gewohnte Gewissheiten. Er hat gezeigt, dass Erkenntnis aus Unterbrechung erwächst, nicht aus dem Aufenthalt im Dauerrauschen der Medien. Inmitten der Bilderflut brauchen wir wieder Worte, die verbinden, statt zu spalten. Und im politischen Diskurs brauchen wir Formen der Distanz, die uns ermöglichen, zuzuhören, ohne uns selbst zu verlieren.

Die Golfkrise zwingt uns, die Frage nach legitimen Mitteln im Konflikt neu zu stellen: Weder religiös noch rechtlich dürfen wir eine Politik akzeptieren, die behauptet, „der Zweck heilige alle Mittel“, aber wir dürfen uns auch nicht in eine Moral flüchten, die jede verantwortliche Reaktion auf reale Bedrohungen blockiert.

Zwischen beiden Extremen könnte ein neues, vom Geist des Ramadan geprägtes Politisches entstehen: kritisch, selbstreflexiv – und dennoch bereit, Verantwortung zu übernehmen. Vielleicht beginnt genau hier die Wiedergewinnung des Politischen – jenseits von Meinungskult und Identitätskampf –, als eine Praxis des Hörens, des Maßhaltens und des Hoffens.

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Rückblick auf 2025: Doppelte Effekte wirkten auf die Mitte

Rückblick 2025 Muslime

Rückblick auf 2025: Ein Jahr zwischen Teilhabe, Stigmatisierung und dem Schweigen der Mitte.

(iz). Die Vereinten Nationen haben im Rahmen des vierten High-Level-Meetings der UN-Generalversammlung zur Prävention und Kontrolle nichtübertragbarer Krankheiten (NCDs) am 25. September 2025 erstmals die psychische Gesundheit zentral in den Fokus gerückt – und sie ausdrücklich schweren chronischen Krankheiten wie Krebs, Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen gleichgestellt. Einsamkeit, Depressionen und Burnout sind längst globale Probleme.

Wer auf das Jahr 2025 zurückblickt, versteht warum: Neben den großen Krisen treten politische Akteure auf, die einfache Lösungen propagieren. Die Abkehr von wissenschaftlichen Standards und die Rückkehr zum Nationalismus verspricht wenig Gutes.

Die Stimmung, die den Niedergang demokratischer Gesellschaften heraufbeschwört, wirkt auf alle Bevölkerungsschichten – unabhängig von sozialem Hintergrund oder Konfession. Für Religionsgemeinschaften bedeutete das die Herausforderung, trotz wachsender seelischer Not Zuversicht zu vermitteln.

2025 war für viele europäische Muslime ein Jahr der Ambivalenz. Auf den ersten Blick wuchs ihre gesellschaftliche Teilhabe: Sie beteiligten sich sichtbarer an Wahlen, nahmen stärker an öffentlichen Debatten teil und gründeten neue zivilgesellschaftliche Initiativen.

Gleichzeitig verschärften sich alte Muster der Stigmatisierung – befeuert durch globale Konflikte, sicherheitspolitische Debatten und eine rechte Rhetorik, die den Islam kollektiv zur Bedrohung erklärt. Es war ein Jahr, das sich als „Doppelspul-Effekt“ beschreiben lässt: Fortschritt und Rückschritt liefen parallel, verwoben und ohne sich gegenseitig aufzuheben.

Nicht zu übersehen ist die große Zahl von Einbürgerungen, die belegen, dass sich ein Großteil der zugewanderten Muslime in Deutschland wohl fühlt. Eine Sonderauswertung des Vielfaltsbarometers 2025 der Robert Bosch Stiftung zeigt: Menschen mit Migrationshintergrund bewerten den Zustand der deutschen Gesellschaft insgesamt positiver als Menschen ohne Migrationshintergrund.

Sie schätzen die wirtschaftliche Lage günstiger ein und haben mehr Vertrauen in die Problemlösungsfähigkeit der Politik. Bedenklich bleibt jedoch, dass sich fast drei Viertel von ihnen diskriminiert fühlen – vor allem aufgrund ihres Aussehens, Akzents oder ihrer Kleidung.

Zugleich zeigen diskriminierte Menschen mit Migrationshintergrund höhere Akzeptanzwerte gegenüber anderen marginalisierten Gruppen als Personen ohne Migrationshintergrund.

politik muslime entfremdet

Grafik: IZ (Foto: Adobe Stock)

Rückblick 2025: Sichtbarkeit an der Wahlurne, Unsichtbarkeit im Regierungsvertrag

Politisch war 2025 ein Schlüsselmoment für die in Deutschland lebenden Muslime. Die Bundestagswahl machte erstmals klar, wie relevant muslimische Wählerinnen und Wähler geworden sind – insbesondere in Großstädten, wo ihr Stimmenanteil bis zu sieben Prozent erreichte. Viele entschieden sich für Parteien links der Mitte, geleitet von Werten wie Gerechtigkeit, sozialer Verantwortung und Antidiskriminierung.

Der politische Ertrag blieb dennoch gering: Im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD fanden muslimische Belange so gut wie keine Erwähnung. Für Organisationen wie den Zentralrat der Muslime bestätigte das ein verbreitetes Gefühl: politisch sichtbar, wenn Stimmen gebraucht werden – unsichtbar, wenn es um Mitgestaltung geht.

Europaweite Debatten über Radikalisierung und den „politischen Islam“ verschärften die Situation zusätzlich. Anschläge mit muslimischer Beteiligung lösten Sicherheitsmaßnahmen aus, begleitet von medialen Generalisierungen.

Der Extremfall verdrängte die Anerkennung alltäglicher Beiträge von Muslimen. Viele, die sich seit Jahren von radikalen Rändern abgrenzen, sprechen von einer „normativen Umkehrung“: Sie fühlen sich behandelt wie potenzielle Täter statt als Bürgerinnen und Bürger. Missverständliche Äußerungen von Bundeskanzler Merz zum „Stadtbild“ verstärkten den Eindruck.

Zugleich wirkten globale Konflikte wie Gaza tief in muslimische Diaspora-Communities hinein. Friedliche Demonstrationen und Solidaritätsbekundungen gegenüber den Palästinensern stießen oft auf ein Klima der Überwachung. Muslime kritisierten doppelte Standards und den Zerfall des internationalen Völkerrechts – ein Ausdruck ihres transnationalen Denkens: lokal verwurzelt und global betroffen.

Foto: KRM

Gesellschaft: Zwischen Basisarbeit, Panikmache und interreligiösen Brücken

2025 erlebte eine wachsende muslimische Zivilgesellschaft. Neue Moscheen, Jugendhilfevereine, Bildungsinitiativen und Demokratieförderungsprojekte entstanden in zahlreichen Städten. Podiumsdiskussionen zeigten, welche Verantwortung muslimische Akteure im Alltag übernehmen – im Sportverein ebenso wie im Sozialdienst.

Die Robert Bosch Stiftung verwies Anfang 2025 auf den wirtschaftlichen Erfolg muslimischer Unternehmerinnen und Unternehmer und die hohe demokratische Bildung von Muslimen. Solche positiven Meldungen gehen im öffentlichen Diskurs jedoch oft unter. Stattdessen dominieren alarmistische Erzählungen.

Islamfeindliche Übergriffe nahmen zu: Ein Imam wurde in London niedergestochen, eine Moschee in East Sussex brannte nach einem Anschlag, muslimische Mädchen wurden Opfer von Attacken.

In Deutschland und Frankreich stieg die Anzahl von Hassposts nach kursierenden Memes oder Kommentaren zur geopolitischen Lage. Parallel verbreiteten rechte Akteure demografische Panikszenarien einer vermeintlichen „Islamisierung Europas“, die als Begründung für Remigrationsforderungen und Zuwanderungsstopps dienten.

Gleichzeitig bot das Jahr seltene Momente des Dialogs. Durch die zeitliche Überlappung von Ramadan und christlicher Fastenzeit entstanden interreligiöse Initiativen, die zeigten, dass Europa mehr verbindet als trennt.

Konferenzen wie „Digital Islam across Europe“ oder „Europe’s Muslim Question“ erinnerten an die Beiträge des Islams zur europäischen Renaissance – und zeichneten das Bild einer Religion, die integraler Bestandteil des Kontinents ist.

Künftig wird es entscheidend sein, dass Religionsgemeinschaften gemeinsam ihre Positionen zu technologischer Innovation – von künstlicher Intelligenz bis Biotechnologie – klar formulieren.

Auch in diesem Jahr gelang es der muslimischen Community selten, Debatten jenseits politischer Fragen anzustoßen. Die Vielfalt einer ganzheitlichen Lebenspraxis stärker in die Öffentlichkeit zu tragen, bleibt daher eine zentrale Aufgabe.

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Foto: Deutscher Bundestag / Thomas Köhler / photothek

Speerspitzenlogik der Rechten: Wie Extremisten zu Stellvertretern gemacht werden

2025 zeigte erneut, wie stark rechte Narrative davon leben, Muslime zu homogenisieren. Die „Speerspitzenlogik“ – radikale Minderheiten als Vorhut eines angeblichen Gesamtislam zu inszenieren – funktionierte wirkungsvoll. Die Logik ist so einfach wie wirkungsvoll: Straftaten einzelner Muslime werden der Religion an sich zugerechnet.

Rechte Influencer und AfD-nahe Stimmen erklärten Extrembeispiele zum Normalfall, verknüpften kulturelle Bedrohungsbehauptungen mit verzerrten demografischen Prognosen und schufen so ein Klima der Angst, das weit über ihre eigenen Milieus hinauswirkte.

Dabei ignorierten sie bewusst die empirische Realität: Die überwältigende Mehrheit der Muslime in Europa lehnt Gewalt ab, lebt demokratische Werte und ist gesellschaftlich eingebunden.

Auch Muslime stimmen der Haltung, Straftätern, die das Gastrecht in Deutschland ausnutzen auszuweisen, zu. Immerhin, in der AfD gab es im Jahr 2025 vereinzelte Stimmen, die langsam zu einer Differenzierung bereit sind. Wer am gesellschaftlichen Frieden interessiert ist, wird zustimmen, dass auf Dauer die Ausgrenzung einer bedeutenden Minderheit kaum möglich sein wird.

Das Kernproblem 2025: Die Verstummung der muslimischen Mitte

Das bedeutendste Phänomen spielte sich jedoch innerhalb der muslimischen Community ab: die stille Erosion der politischen und religiösen Mitte. Populismus ist kein Phänomen, das nur in der Mehrheitsgesellschaft zu finden ist. Die radikalen Ränder – salafistische Prediger, Hizb-ut-Tahrir-Aktivisten oder pro-Hamas-Stimmen – erzielen in sozialen Medien enorme Reichweiten, moderate Stimmen blieben dagegen nahezu unsichtbar.

Medien griffen bevorzugt extreme Beispiele auf, während alltägliche Predigten gegen Gewalt und Polarisierung kaum Beachtung fanden. Muslimische Verbände gerieten von zwei Seiten unter Druck: Rechtsradikale warfen ihnen „Taqiyya“ vor, während radikalisierte Jugendliche sie als „inkonsequent“ kritisierten. Viele Imame und Gemeindevertreter zogen sich daher bei kontroversen Themen zurück – aus Angst vor Angriffen von beiden Seiten.

Das Ergebnis ist ein gefährlicher Teufelskreis: Je leiser die Mitte, desto lauter erscheinen die Extreme. Und je dominanter Extremisten wahrgenommen werden, desto stärker frustriert oder entfremdet sich die moderate Mehrheit.

Besonders die junge Generation, geprägt von Influencern im Netz und enttäuscht von traditionellen Verbänden, sucht neue Identitäten – oft zwischen Polarisierung und Rückzug.

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Foto: DITIB.org

Ausblick: Die Wahl zwischen Polarisierung und Partnerschaft

2025 machte deutlich, dass die Zukunft europäischer Muslime nicht allein von Islamfeindlichkeit oder internen Konflikten abhängt, sondern von der Fähigkeit, die moderate Mitte zu stärken. Dafür braucht es neue Plattformen für nüchterne Stimmen, faire politische Debattenregeln und unabhängige Förderung innovativer Bildungs- und Jugendprojekte.

Europa steht vor einer Entscheidung: Bleiben die Muslime Projektionsfläche für Ängste und Identitätskämpfe – oder werden sie, als das anerkannt, was sie längst sind: ein vielfältiger, dynamischer und demokratischer Teil Europas?

Muslime haben 2025 gezeigt, dass sie diese Zugehörigkeit leben wollen. Was fehlt, ist ein gesellschaftlicher Raum, der ihnen zuhört. Denn die wichtigste Stimme des Jahres war nicht die der Lauten – sondern die derjenigen, die kaum noch Gehör finden: die muslimische Mitte.